Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 19. Auflage, Hamburg 2015
Die Kernfrage ist, wie lange sich die Versuchsperson den Anordnungen der Versuchsleiters fügt, bevor sie sich weigert, die von ihm geforderten Handlungen auszuführen. (...)
Im Mittelpunkt des Experiments steht die Versuchsperson als Lehrer. Nachdem sie zugesehen hat, wie der Schüler festgeschnallt wird, bringt man sie in den Hauptexperimentierraum und läßt sie vor einem eindrucksvollen Schockgenerator Platz nehmen. Dessen Hauptcharackteristikum ist eine horizontale Anordnung von dreißig Schaltern, die bei einer Steigerung von jeweils 15 Volt mit jeweils 15 Volt bis 450 Volt bezeichnet sind. (...)
Der Lehrer ist eine echte, uninformierte Versuchsperson; sie kommt ins Labor, um an einem Experiment teilzunehmen. Der Schüler (oder das Opfer) spielt nur seine Rolle und erhält selbstverständlich keinerlei Schock. Ziel des Experiments ist es, herauszufinden, wieweit ein Mensch in einer konkreten, meßbaren Situation geht, in der ihm befohlen wird, einem protestierenden Opfer zunehmende Qualen zuzufügen. An welchem Punkt wird sich die Versuchsperson weigern, dem Versuchsleiter weiter zu gehorchen.(...)
Für die Versuchsperson ist die gegebene Situation kein Spiel; ihr Konflikt ist heftig und deutlich erkennbar. Einerseits drängt die offenkundige Qual des Schülers sie dazu, die Sache aufzugeben. Andererseits befiehlt ihr der Versuchsleiter - also eine legitimiert Autorität, der sie sich in gewisser Weise verpflichtet fühlt -, das Experiment fortzusetzen. (...)
Es war die Absicht meiner Untersuchung, herauszufinden, wann und auf welche Weise Menschen sich unter dem Eindruck eines deutlichen moralischen Imperativs gegen die Autorität auflehnen würden. (19/20)
Aber überraschend ist, wie lange sich durchschnittliche Menschen den Anordnungen des Versuchsleiters fügen. Die Ergebnisse des Experiments sind so überraschend wie bestürzend. Trotz der Tatsache, dass viele Versuchspersonen Streßerfahrungen durchmachen, trotz der Tatsache, dass viele von ihnen gegenüber dem Versuchsleiter protestieren, macht doch ein bemerkenswerter Prozentsatz bis zum höchsten Schock auf dem Generator weiter. (...)
Diese Bereitschaft bei Erwachsenen, auf den Befehl einer Autoritätsperson nahezu alles zu tun (...) ist eine Tatsache, die dringend der Erklärung bedarf. (21)
Nachdem ich in unseren Experimenten gesehen habe, dass sich Hunderte ganz normaler Durchschnittsmenschen der Autorität unterordneten, gelange ich zwangsläufig zu dem Schluss, dass Hannah Arendts Konzept von der Banalität des Bösen der Wahrheit näher kommt, als man sich vorzustellen wagen würde. (...)
Ganz gewöhnliche Menschen, die nur schlicht ihre Aufgabe erfüllen und keinerlei persönliche Feindseligkeit empfinden, können zu Handlungen in einem grausigen Vernichtungsprozess veranlasst werden. (22)
Einer dieser Mechanismen ist die Tendenz, so stark in den engen technischen Aspekten der Aufgabe aufzugehen, das man den Überblick über die umfassenderen Konsequenzen verliert. (...)
Die weitestverbreitete gedankliche Anpassung bei einer gehorsamen Versuchsperson besteht darin, dass sich sich als nichtverantwortlich für ihre eigenen Handlungen betrachtet. (24)
Willkürherrschaft wird von unsicheren Menschen aufrechterhalten, die nicht genügend Mut besitzen, ihre Überzeugungen in Aktion umzusetzen. (27)
Dies beleuchtet in etwa eine gefährliche typische Situation in der komplexen Gesellschaft: dass es nämlich psychologisch leicht ist, Verantwortung nicht wahrzunehmen, wenn man nur ein Zwischenglied in einer Kette übler Aktionen ist, sich aber von ihren letzten Konsequenzen weit entfernt befindet. (28)
Der Versuchsperson wurde aufgetragen, dem Schüler bei jeder falschen Antwort einen Schock zu verabreichen. Dabei - und dies war der Schlüsselbefehl - sollten sie jedesmal, wenn der Schüler eine falsche Antwort gibt, auf den Schockgenerator eine Stufe höher gehen. (37)
In Voruntersuchungen wurde zunächst keine akustische Rückkopplung des Opfers verwendet. (...) Da vom Schüler kein Protest kam, machte in der Voruntersuchung beinahe jede Versuchsperson fröhlich bis zum Ende der Voltskala weiter, sobald man es ihr befohlen hatte, (...).
Wir mussten eine Kraft einführen, die den Widerstand der Versuchsperson gegen die Befehle de Versuchsleiters bestärken und individuelle Unterschiede in der Verteilung der Abbruchmomente aufdecken würde.
Diese Kraft bot sich in der Form von Protesten seitens des Opfers. (39)
(...) bei 150 Volt schrie das Opfer auf: "Versuchsleiter, holen Sie mich hier raus! Ich will bei diesen Experiment nicht länger mitmachen! Ich weigere mich, weiterzumachen!" (...) bei 180 Volt das Opfer schrie: "Ich kann den Schmerz nicht aushalten!" Bei 270 Volt war die Antwort eindeutig ein qualvolles Brüllen. (...) Bei 300 Volt brüllte es verzweifelt, das es keine Antworten auf den Gedächtnistest mehr geben werde. (...) Nach 330 Volt hörte man nichts mehr von ihm (...). (40)
Sie sagten vorher, dass praktisch alle Versuchspersonen dem Versuchsleiter den Gehorsam verweigern würden; nur von einer pathologischen Randgruppe, die nicht mehr als eine oder zwei Prozent betragen würde, erwartete man, dass sie bis ans Ende der Schockskala gehen würde. (...) Welche Annahmen liegen diesen Prognosen zugrunde? Zunächst die, dass die Menschen im großen und ganzen anständig sind und nicht so leicht unschuldigen wehtun. Zweitens, dass die Ursache des Verhaltens eines Menschen vornehmlich in ihm selbst liege, es sei denn, er werde durch physische Gewalt oder Drohung unter Druck gesetzt. (...)
Sie konzentrieren sich auf die Eigenschaften des Individuums als eines autonomen Wesens, nicht auf die Situation, in der es sich befindet. (47)
Die Ergebnisse (...) zeigen klar, dass die Gehorsamsbereitschaft sich deutlich vermindert, je unmittelbarer und näher der Kontakt des Opfers zur Versuchsperson war. (52)
Möglicherweise fällt es uns leichter, einen zu verletzen, der nicht fähig ist, unsere Handlungen zu beobachten, als einen, der sehen kann, was wir tun. (...)
Dass man dem Opfer eines Erschießungskommandos eine Augenbinde gestattet, hat offenbar die Funktion, ihm die Angelegenheit leichter zu machen, aber es ist durchaus möglich, dass noch eine zweite latente Funktion damit erfüllt wird, nämlich die, die Belastung der Henker zu verringern. (54)
In der Testsituation wird die Versuchsperson von vielen Kräften bestimmt, die jenseits ihrer Wahrnehmungsmöglichkeiten liegen, von inneren Strukturen, die ihr Verhalten steuern, ohne dass ihr dies signalisiert würde. (61)
(...) eine kleine Änderung vornahmen. Der Schüler würde nicht nur mit Angstschreien reagieren, sonder Bemerkungen über einen Herzfehler fallen lassen. (73)
Weder das unelegantere Labor noch die Erwähnung eines Herzfehlers bewirkten mehr Gehorsamsverweigerung. 26 der 40 Probanden machten unter den vorliegenden Umständen bis zum Ende weiter, (...). (71)
Die Gehorsamsbereitschaft nahm drastisch ab, wenn der Versuchsleiter nicht im Laboratorium anwesend war. (...) Der Gehorsam gegen destruktive Befehle hing bis zu einem gewissen Grad von der Nähe zwischen Autorität und Versuchsperson ab, und jede Theorie über Gehorsam wird dieser Tatsache Rechnung tragen müssen. (80/81)
Doch das Gesamtergebnis zeigt, dass die Versuchspersonen in großer Mehrzahl dem Opfer nur die allerniedrigsten Schocks verabreichten wenn ihnen die Wahl freigestellt war.
Wir müssen uns dieses Ergebnis beständig vor Augen halten, wenn wir die Bedeutung dieser Experimente ergründen wollen. Es genügt nicht zu sagen, das die Situation einen Rahmen lieferte, innerhalb dessen es einer Versuchsperson möglich wurde, einen anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. (...) Was immer dazu führt, dass dem Opfer Maximalschocks verabreicht werden, kann nicht mit einer autonom erzeugten Aggression erklärt werden, sonder muss durch die Umwandlung von Verhalten erklärt werden, die sich durch Gehorsam gegen Befehle ergibt. (90/91)
Es wird also deutlich, das Nichtübereinstimmung von Autoritätspersonen die Aktion völlig lähmte. (128)
Wenn ein gewöhnlicher Mensch den Befehl erteilte, einem Versuchsleiter Schocks zuzufügen, führte keine einzige Versuchsperson diesen Befehl durch, nachdem der Versuchsleiter zum erstenmal protestiert hatte.
Wenn zwei Versuchsleiter von gleichen Status (...) gegensätzliche Befehle erteilten, wurden überhaupt keine Schocks verabreicht.
Wen ein Versuchsleiter einer Versuchsperson befahl, seinen in der Rolle des Opfers befindlichen Kollegen Schocks zu geben, hatte der Protest des Kollegen ebenso wenig Erfolg wie der eines gewöhnlichen Menschen. (131)
Die Formen von Gehorsam in Nazi-Deutschland waren in weit größeren Maße abhängig von einer Verinnerlichung der Autorität und wahrscheinlich weniger an ständige Überwachung gebunden. Ich möchte vermuten, dass eine solche Verinnerlichung nur im Verlauf einer recht langdauernden Indoktrination auftreten kann, wie sie im Verlauf der einstündigen Laborexperimente nicht möglich ist. (204)
Die militärische Ausbildung zielt grundsätzlich darauf ab, den Soldaten auf eben diesen Zustand zu reduzieren, alle Spuren von Ichgefühl zu beseitigen und durch langanhaltende Beeinflussung sicherzustellen, dass sie militärische Autorität akzeptiert wird.
Bevor der Soldat in das Kriegsgebiet kommt, bemüht sich die Autorität, seine künftigen Handlungen ein einer Weise zu definieren, die eine Verbindung zu allgemein hochgeschätzten Idealen und zu den umfassenderen Zielen der Gesellschaft herstellt. (...) Die Situation wird so definiert, dass eine grausame und inhumane Aktion gerechtfertigt erscheint. (209)
Typisch ist nicht die heroische Gestalt, die mit ihrem Gewissen kämpft, oder der Mann mit pathologischen Aggressionen, der erbarmungslos eine Machtposition ausnutzt, typisch ist der Funktionär, dem man eine Aufgabe übertragen hat und der sich abmüht, den Eindruck zu erwecken, dass er in seiner Arbeit kompetent ist. (...)
Etwas weitaus gefährlicheres kommt ans Licht: die Fähigkeit des Menschen, seine Menschlichkeit abzustreifen, ja geradezu die Unvermeidlichkeit, dass er dies tut, wenn er seine individuelle Persönlichkeit mit übergeordneten institutionalen Strukturen verbindet.
Dies ist ein fataler Defekt, den die Natur uns Menschen eingebaut hat, und auf lange Sicht lässt er unserer Art nur eine bescheiden Überlebenschance.
Es ist bitter Ironie, dass die Tugenden der Loyalität, der Disziplin und der Selbstaufopferung, die wir am einzelnen so hoch schätzen, genau die Eigenschaften sind, die eine organisierte Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie schaffen und Menschen an bösartige Autoritätssysteme binden. (216)
Zu Beginn unserer Versuchsreihen hatten wir nicht damit gerechnet, das solch drastische Prozeduren nötig sein würden, um Gehorsamsverweigerung zu erzeugen, und so wurde jede weitere Stufe erst eingeführt, nachdem deutlich geworden war, dass die bisherigen Techniken versagt hatten. (...)
Die Ergebnisse, die wir im Laboratorium erlebten, sind für mich beunruhigend. Sie rufen das Gefühl hervor, dass die menschliche Natur (...) keine Garantie dafür bietet, den Menschen und Bürger gegen die Möglichkeit, auf Weisung einer böswilligen Autorität brutal und unmenschlich zu handeln, zu immunisieren. (...)
"Zivilisation heißt vor allem, das einer Nichtbereitschaft besteht, unnötige Schmerzen zuzufügen." (217)