ISW REPORT NR. 120
Man nennt das negative Sanierung. Abgehängte Regionen erhöhen ihre statistischen Werte durch Abwanderung, also dadurch, dass sie ausbluten. Diesen faktischen und nur statistisch verschleierten Niedergang von Regionen dann allerdings als Angleichun und als wirtschaftspolitischen Erfolg zu verkaufen, ist unredlich. Hier wird die deutlichste Auswirkung des Problems zur Lösung des Problems erklärt. (...)
Nimmt man das fiktive BIP bei gleichbleibender Bevölkerung als Maßstab, sieht man beispielsweise schnell, dass viele Regionen im Osten keineswegs aufgeholt haben. Sie haben lediglich massiv an Bevölkerung verloren. (7)
Insgesamt schrumpften die Regionen der ehemaligen DDR seit 1990 nach unterschiedlichen Angaben um 1,8 bis 2 Millionen Menschen. (8)
Insgesamt stellen wir fest, dass in Deutschland seit 2000 ein reales ökonomisches Aufholen schwächerer Groß-Regionen in der Regel nicht zustande kam, dass die Spaltung in Boomregionen einerseits und Abwanderungsregionen andererseits erhalten blieb und in diesem Rahmen die Stadt-Land-Gegensätze in vielen Teilen Deutschlands fühlbar zunahmen. (...) Im Ruhrgebiet und Teilen des Saarlands fallen einzelne Städte immer weiter zurück. Gelsenkirchen nimmt nun den letzten Platz ein. (9)
Die Migration junger, meist qualifizierter Menschen aus den Euro-Verlierer-Ländern in andere Euro-Länder ist demnach signifikant. Alleine zwischen 2008 und 2016 sind beispielsweise rund 1,5 Millionen Italiener ausgewandert. Nach Angaben des italienischen Statistikamtes verfügten 52% dieses Auswanderer entweder über ein Berufsdiplom, Abitur oder Abitur plus Hochschulabschluss. Die Verluste an Bildungsinvestitionen, die diese Auswanderung beinhaltet, liegen bei geschätzten 23 Milliarden Euro. (...)
Nach Schätzungen des spanischen Statistikamtes haben seit 2008 rund eine Million Spanier das Land verlassen. Auch bei diesen spanischen Auswanderern handelt es sich in der Regel um qualifizierte jüngere Menschen. (...) (16)
Zudem ist das Metropolenwachstum Teil des zunehmenden Stadt-Land-Gefälles in Europa. Die wachsenden Zentren saugen ländliche Gebiete auf und aus. (17)
Vom EU-Förderprogramm PF7 für Forschung und Entwicklung gingen die höchsten Zahlungen pro Kopf und Region an entwickelte Regionen wie beispielsweise Oberbayern, Stuttgart und Flämisch-Brabant. Man könnte das auch als Beihilfe zum beschleunigten Auseinanderdriften der EWU betrachten. (29)
Die Schaffung einer gemeinsamen Währung begünstigt also das Auseinanderdriften der Volkswirtschaften. (24)
(...) stark gestiegenen Umfang von Firmenübernahmen und Fusionen nach Einführung des Euro bis hin zur Eurokrise. (...) Durch den entstandenen Euro-Kapitalmarkt konnten sich wachstums- und renditenstarke Unternehmen außerdem risikofreier als vorher Kapital für ihre Expansion beschaffen. (25)
Pro Jahr ziehen bis zu 25.00 Menschen zusätzlich nach München. (...)
Alle Rufe nach mehr Bauen und nach billigerem Bauen sind ein politischer Holzweg und ignorieren die Grenzen des Bauens. Solange die Zuwanderung in die Boomzentren nicht deutlich abnimmt, wird sich an der Wohnungsnot in diesen Metropolregionen wenig ändern. Staat kontraproduktive Bauoffensiven sind vielmehr effektive Wachstumsbremsen für überhitzte Metropolregionen und eine aktive Regionalpolitik notwendig. (27)
(...), dass die Investitionen und Betriebsansiedlungen der Bevölkerungswanderung und dem Pendeln vorausgehen und sie nach sich ziehen. (...)
BMW etwa baut in München ein neues Forschungszentrum, das in den nächsten Jahren auf 15.000 qualifizierte Arbeitsplätze ausgebaut werden soll. (...)
Eine neue Studie des Bundesinstituts für Raumforschung spricht davon, dass inzwischen 60% der Berufstätigen in Deutschland Pendler sind. (...)
Im Raum München hat die Zahl der Pendler in den letzten zehn Jahren um mehr als 20% auf 393.000 zugenommen. mehr als 40% von ihnen kommen aus weite entfernten Landkreisen mit Anfahrten von oft mehr als 100 km. (28)
(...) Mittlere Ring in München die stauintensivste Straße Deutschlands. (...) Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs dagegen stagniert. So bleibt der Anteil des ÖPNV an gesamten Mobilitätsmarkt bei unveränderten 11%. (...)
Die ökologischen Wirkungen sind demnach eindeutig. Bei den untersuchten Faktoren schneidet das Szenario Mittelstädte am besten ab. Das Szenarion Ländliche Regionen am zweitbesten und die Metropolregionen Europas wird als die verkehrsökologisch schlechteste Variante identifiziert. (29)
Um die Nachfrage in den schwächeren Regionen zu erhöhen und den Wegzug zu stoppen, sind umfangreiche Investitutionen in die kommunale Daseinsvorsorge und die Rücknahmen von Privatisierungen der Daseinsvorsorge notwendig. (42)