Deutscher Taschenbuchverlag München 2012 (4. Auflage) - Spanische Originalausgabe, Anagramma, Bareclona 1998: Los detectivos salvajes
Eine Gruppe junger Dichter (die Realviszeralisten) in Mexiko! Ihre Geschichte wird aus den Blickwinkeln verschiedener Personen erzählt.
Teil I: Mexikaner, verloren in Mexiko
"Zu meiner Überraschung setzte sie sich daraufhin auf meine Knie. Und obwohl das Ganze äußerst unbequem war, merkte ich zu meinem Entsetzen, wie die von meinem Intellekt, meiner Seele, ja von meinen schlimmsten Wunschvorstellungen abgetrennte Natur auf der Stelle dafür sorgte, dass mein Glied auf eine Weise steif wurde, die zu verbergen unmöglich war." (25)
Teil II: Die wilden Detektive (1976-1996)
"Dieser alte Hurenbock, der an den Hämorriden seiner verfickten Mama herumlutscht, ich hab gleich gesehen, was für ein falscher Hund das war, Augen wein blasser, gelangweilter Affe, und ich sagte mir gleich, dieser alte Sack wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mich anzupinkeln, widerlicher Sohn einer durchgefickten alten Sau." (220)
"Ich fühlte mich wie losgelassen, als habe die Nacht innegehalten, ihr Auge auf mich geworfen, durch die Fenster hindurch und zu mir gesprochen: Senõr Salvatierra, Amadeo, Sie haben meinen Segen, treten Sie hinaus in die Arena und deklamieren Sie, bis Sie heiser sind, anders gesagt, es war, als hätte ich im Schlaf innegehalten, als habe der eben genossene Tequila irgendwo in meinen Eingeweiden, in meiner unverwüstlichen Leber den Agavenschnaps, Marke Selbstmörder, getroffen und ihm seine Referenz erweisen, so wie sich's gehört, es gibt schließlich noch Umgangsformen." (340)
"Als ich sie wieder aufmachte, hatte sich der Kreis der durch die Innenhöfe streunenden Irren um mich geschlossen. Ein andere hätte vor Schreck angefangen zu schreien, mit kreischender Stimme zu beten, hätte sich die Kleider vom Leib gerissen, Reißaus genommen wie ein durchgedrehter amerikanischer Footballspieler und wäre vor Angst vergangen vor all den vielen Augen, die mich umtorkelten wie aus ihrer Umlaufbahn geworfene Planeten. Aber ich nicht. Die Irren schlichen um mich herum, während ich still sitzen blieb, wie Rodins Denker, und sie betrachtet (...)" (467)
"Da erkannte ich, voller Demut, perplex und in einem Anfall absoluten Mexikanertums, dass der Zufall über uns regiert und wir in diesem brausenden Unwetter alle untergehen müssen, und mir dämmerte, dass es nur den Schlauesten, und vielleicht nicht einmal denen, noch für eine Weile gelingen konnte, sich über Wasser zu halten." (485)
"Da sah Norman mich an, und in seinem Gesicht, ich schwöre es, in seinem Gesicht erblickte ich das Antlitz von Norman aus der Zeit, als er sechzehn oder fünfzehn war, als wir uns im College kennengelernt hatten, viel schmaler, ein Vogelgesicht, mit fiel längeren Haaren und viel strahlenderen Augen und einem Lächeln, das ihn sofort sympathisch machte, ein Lächeln, das dir sagte, hier stehen wir, und hier stehen wir auch wieder nicht. Und es geschah in genau diesen Moment, dass uns der Lastwagen entgegenkam, Norman riss dass Steuer herum, um ihm auszuweichen, wir flogen davon, Norman, ich, das splitternde Glas. Uns so hielten wir unseren Einzug, dort, wo es uns das Schicksal bestimmt hatte.
Als ich erwachte, befand ich mich im Krankenhaus von Puebla, und meine Eltern, oder vielmehr die Schatten meiner Eltern, huschten die Wände entlang. Dann kam Claudia, gab mir einen Kuss auf die Stirn und verbrachte, wie man mir später erzählte, viel Stunden an meinem Bett. Ein paar Tage sagten sie mir, dass Norman tot sei." (580)
"Währende dieser lichten Sekunde hatte ich die Gewissheit, dass wir alle wahnsinnig geworden waren. Aber an die Stelle dieser lichten Sekunde trat sofort eine superlichte Supersekunde (ich bitte, den Ausdruck zu verzeihen) und mit ihr der Gedanke, dass diese Szene das logische Ergebnis unserer absurden Biographien sei. Kein Strafgericht, eher eine Falte, die sich auftat und den Blick freigab auf unser ganz gewöhnliches Menschentum. Nicht die Einsicht in unsere müßiggängerische Schuldhaftigkeit, sondern das Erkennungszeichen unser wundervollen, nutzlosen Unschuld." (613)
"Über einen gewissen Zeitraum hinweg begleitet die Kritik das Werk, ehe sie entschwindet und die Leser seine Begleiter werden. Die Reise kann von sehr langer oder sehr kurzer Dauer sein. Danach sterben die Leser einer nach dem anderen, und das Werk setzt seinen einsamen Weg fort, obwohl sich immer wieder neue Kritikern, neue Leser seiner Reise anschließen. Dann stirbt die Kritik ein weiteres Mal, es sterben die Leser, und auf dieser nach und nach mit von Gebeinen bedeckten Straße setzt das Werk seine Reise in die Einsamkeit fort. Sich ihm zu nähern, in seinem Kielwasser zu schwimmen bedeutet den sicheren Tod, und dennoch nähern sich ihm unermüdlich andere Kritiker, andere Leser, die allesamt von Zeit und Geschwindigkeit verschlungen werden. Am Ende reist das Werk in absoluter Einsamkeit durch die unendlichen Weiten. Und eines Tages stirbt es, so wie alle Dinge sterben, so wie die Sonne vergeht, die Erde, das Sonnensystem und die Galaxien und noch die verborgensten Teile des menschlichen Gedächtnisses. Was als Komödie begann, endet als Tragödie." (615)
Teil III: Die Wüste von Sonora (1976)
"18. Januar
In Santa Teresa konnten wir im Spiegel hinter dem Tresen einer Bar feststellen, wie sehr wir uns verändert hatten. Belano hatte sich seit Tagen nicht rasiert. Lima ist kaum behaart, aber ich würde sagen, er hast sich ungefähr so lange die Haare nicht gekämmt, wie Belano sich nicht rasiert hat. Ich bestehe nur noch aus Haut und Knochen (pro Nacht ficke ich im Durchschnitt dreimal). Nur Lupe sieht gut aus, das heißt viel besser, als bevor wir die Hauptstadt verließen." (745)
"Aber Cesárea faselte weiter von kommenden Zeiten, bis die Lehrerin, um das Thema zu wechseln, fragte, was das denn für Zeiten seien und wann das sei. Cesária nannte ein Datum: Irgendwann um 2600 herum. Zweitausendsechshundert und ein paar Zerquetschte, und als die Lehrerin über eine so willkürliche Zahl lachen musste, ein ersticktes Lachen, kaum zu hören, da fing auch Cesária wieder an zu lachen (...). (758)