Roberto Bolano: Die Nöte des wahren Polizisten

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Hanser Verlag, München 2013 - Spanische Orginalausgabe: Anagrama, Madrid 2011: "Los sinsabores del verdadeiro policia"

Unvollständiger Roman von Bolano in Fünf Teilen:

I) Der Fall der Berliner Mauer

Erzählt die Geschichte des Anfangs der Beziehung zwischen Amalfitano und Padilla. Wegen einer Affäre mit einem Studenten muss Amalfitano seine Lehrtätigkeit an der Universität von Barcelona aufgeben. Er geht nach Mexiko.

"Das Verhältnis zu seinem* Vater war gut, nur ein wenig distanziert und etwas traurig vielleicht. Die unvermittelten und rätselhaften Signale, die sich wie nebenbei aussandten, wurden von beiden regelmäßig missverstanden." (21) *) Padillas

"Wo ich ein so sanftes, phantasievolles und aufgewecktese Kind war, dachte Amalfitano, (...) der ich Edith Liebermann liebte und heiratete, die schönste und zärtlichste Frau der südlichen Hemisphäre, der ich nicht wusste, dass Edith Liebermann alles verdiente, die Sonne und den Mond und tausend Küsse und noch tausendmal mehr, (...) der ich sentimental war und im Grund nichts anders wollte, als mit Edith Liebermann durch hellerleuchtete Straßen zu lschlendern, auf und ab, ihre warme Hand in meiner spürend, erfüllt von unserer Liebe, während in unserem Rücken das Gewitter und der Orkan und die Erdbeben der Zukunft Anlauf nahmen, der ich Allendes Sturz vorausgesagt hatte und trotzdem nichts in dieser Hinsicht unternahm, der ich verhaftet und mit verbundenen Augen zum Verhör geführt wurde und die Folter ertrug, (...)" (33-34)

"Wer kam zum Flughafen? Die Carreras und, ein halbe Stunde vor Abflug, Padilla und der Dichter Pere Girau. Jordi und Rosa verabschiedeten sich stumm. Die Carreras und Amalfitano traditionell, Umarmung und viel Glück, schreib mal." (43)

"Kurz darauf begann Padilla sich überwacht zu fühlen. Schon früher in seinem Leben hatte er dieses Gefühl gehabt: das Gefühl der Beute im Wald, die den Jäger wittert. Aber das lag so lange zurück, dass der die in seiner Jugend erhaltenen Hinweise und Ratschläge vergessen hatte, und wie man sich in einer solche Situation verhalten sollte, fiel ihm nicht ein, dämmerte ihm nur vage." (56)

II) Amalfitano und Padilla

"Padilla sagte, erzähl mir, erzähl mir von den gefährlichen Dingen in deinem Leben, und Amalfitano dachte an einen Jugendlichen zu Pferd, er selbst, bildhübsch, und dann dachte er an eine schwarze Decke, an die Decke, in die er sich im Gefangenenlager gehüllt hatte, wenn der Morgen dämmerte, dachte erst an ihre Farbe, dann an den Geruch, den sie verströmte, und schließlich das Gewebe, an das angenehme Gefühl, sie sich übers Gesicht zu ziehen und seine Nase, seine Lippen, seine Stirn, und seine geschwollenen Wangen mit dem rauhen Stoff in Berührung kommen zu lassen. Es war eine Heizdecke, aber Steckdosen gab es dort keine. Und Padilla sagte, mein Geliebter, lass meine Lippen deine schwarze Decke sein, lass mich mit Küssen die Augen bedecken, die so viel gesehen haben. Und Amalfitano fühlte sich glücklich mit Padilla." (59)

"Als sie auf die Straßen traten, begann die Sonne hinter den antennengespickten Dächern zu versinken. Mit ihren Spitzen schienen sie sich in die Bäuche der niedrigen Wolken zu bohren." (94)

"Und was lernten Amalfitanos Studenten? (...) Sie begriffen, dass ein Buch ein Labyrinth und eine Wüste war. (...) Dass die wahre Poesie zwischen Abgrund und Unglück zu Hause ist, (...). Dass Lesen nicht bequemer war als Schreiben. Dass man durch Lesen zweifeln und erinnern lernt. Dass die Erinnerung die Liebe war." (118)

III) Rosa Amalfitano

"Dass ihr Vater mit Männern schlief, erfuhr Rosa Amalfitano einen Monat nach ihrer Ankunft in Santa Teresa, und die Entdeckung wirkte auf sie wie ein Aufputschmittel. Ist ja der Hammer!, sagte sie bei sich, (...). Dann fing sie wie Espenlaub zu zittern und Stunden später schließlich zu weinen an. Zuvor hatte Amalfitano einen Fernseher und ein Videogerät gekauft, für die sie sich nicht hate begeistern können. Wie verhext hörte sie von diesen Tag an auf, Bücher zu lesen, und verschlang zwei bis drei Filme täglich. (...) Einige Nächte hindurch hatte sie Albträume, in denen sie zu sterben glaubte. Sie aß nicht mehr und hatte ein paar Tage lang Fieber, fühlte sich verraten: von ihrem Vater und von der Welt im allgemeinen. Alles ekelte sie an. Danach träumte sie wieder von ihrer vor acht Jahren an Krebs gestorbenen Mutter. Träumte davon, dass Edith Liebermann durch die staubigen Straßen von Santa Teresa ging, (...)." (146-147)

IV J.M.G. Archimboldi

Auf gut 30 Seiten listet Bolano Werke von Archimboldi auf und berichtet über Lektüreerlebnisse seiner Werke... Auch seine Freundschaften und Neigungen werden in eigenen Kapiteln gewürdigt.

V Sonoras Mörder

"Um mich herum bewegten sich Kleidungsstücke, nicht Personen aus Fleisch und Blut. Alles war sonnenklar. Der Nachmittag barg keine Geheimnisse! Aber gleichzeitig war alles verdreht. Ich sah Röcke, Hosen, Schuhe, schwarzweiße Strümpfe, Socken, Taschentücher, Sakkos, Krawatten, alles, was in einem Modegeschäft zu finden ist, sah texanische Sombreros und Strohhüte, Baseballmützen und Haarbänder, und alle Kleider treiben über den Gehweg, trieben durch die Passage, vollkommen losgelöst von der Wirklichkeit der Passanten, als würde das Fleisch, an dem sie hingen, sie abstoßen. Glückliche Leute, hätte ich denken sollen. Hätte sie beneiden sollen. Sie sein wollen. Leute mit oder ohne Geld in den Taschen, aber fröhlich unterwegs ins Kino oder in Plattenläden oder zu einem Bier oder auf dem Rückweg von einem Spaziergang. Aber tatsächlich dachte ich: Wie viele Kleider. Wie viel saubere, neue, nutzlose Kleidung." (203)

"Er hatte sie auf die Rückseite einer Luftaufnahme von Barcelona geschrieben und sagte, sein Leben habe eine radikale Wende erfahren. Elisa lebt jetzt mit  mir zusammen, und meine Vater ist außer sich vor Freude. Natürlich ist unser Intimität wie die von Geschwistern. In manchen Nächten masturbieren wir nebeneinander. Aber das kommt eigentlich nur selten vor. Ich gehe einkaufen. Elisa kocht und verkauft weiterhin ihr Heroin im Viertel. Wir leben in einem ganz bezaubernden Wartezustand. Abends sehen wir fern, sitzen zu dritt auf dem Sofa, mein Vater, Ellisa und ich. Etwas wird in den nächsten Tagen passieren. Ich  halte dich auf dem Laufenden." (268)

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