David Abulafia: DAS MITTELMEER

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Frankfurt 2013 (S. Fischer Verlag GmbH)

Beeindruckendes Buch von Abulafia, der auf über 800 Seiten die Geschichte des Mittelmeers von den ersten Kulturen auf Kreta bis heute erzählt.

Teil I: Das Erste Mediterrane Zeitalter (22000 bis 1000 v. Chr.)

"Um 10 000 v. Chr. kultivierten die Bewohner von Eynan (Ayn Mallaha) im heutigen Nordisrael Pflanzen, mahlten Mehr und besaßen sowohl die Muße als auch die Neigung, schematische, aber doch elegante menschliche Porträts in Stein zu schneiden. (...) Weniger eindrucksvoll war die erste neolithische Siedlung auf Kreta, in Knossos, die aus der Zeit um 7000 v. Chr. Stammt." (38)

"Während sich in Malta über viele Jahrhunderte kaum etwas veränderte, waren die Verhältnisse in Sizilien weniger beständig, (...) Aber sie alle hatten Anteil an den großen ökonomischen und kulturellen Veränderungen, die in die Übernahme der Landwirtschaft, die Domestizierung von Tieren und die Herstellung von Töpferwaren mündeten." (43)

"An den Küsten Nordafrikas gab es keine Monumentalbauten und keine Blüte, die mit der auf Malta vergleichbar gewesen wäre. Die meisten Küstenbewohner des Mittelmeerraums wagten sich allenfalls bis zu den Fischgründen hinaus, die in Sichtweite der Küste lagen." (45)

"Die Kykladen wurden zu Beginn der Bronzezeit (etwas ab 3000 v. Chr.) zur Heimat einer reichen, lebendigen Kultur. Die Hauptinseln waren inzwischen sämtlich besiedelt. Dörfer wie Phylakopi auf Melos erlebten eine Blütezeit. Auf mehreren Inseln entwickelten sich aus einem ursprünglichen Kern weniger kleiner Gehöfte Dörfer." (47)

"Die Bemühungen, die Zutaten für die Bronze herbeizuschaffen und ein Tauschsystem aufzubauen, führten dazu, dass die quer über die Ägäis verlaufenden Verbindungen sich mit der Zeit zu Handelsrouten entwickelten: zu regelmäßigen in den geeigneten Jahrezeiten genutzten, dem Tausch von Gütern dienenden Verbindungen, deren Mittelsmänner sich per Schiff fortbewegten, auch wenn es zu weit ginge, wenn man sie als Kaufleute bezeichnete, die ganz von ihren Handelsgewinnen gelebt hätten. Im Gefolge dieser Entwicklung wrude das Mittelmeer lebendig und in alle Richtungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft überquert, die sich bemühten, Güter ebenso unterschiedlicher Herkunft zu beschaffen oder abzusetzen." (49)

"Einerseits diente Troja vom Beginn der Bronzezeit an als Bindeglied von der Agäis nach Anatolien und zum Schwarzen Meer. Andererseits bildete die Geschichte von Troja den Kern des geschichtlichen Bewusstseins nicht nur der Griechen, die den Anspruch erhoben, die Stadt zerstört zu haben, sondern auch der Römer, die von sich behaupteten, von trojanischen Flüchtlingen abzustammen. (...) Seine Geschichte Begann, als die Bronze sich erstmals im östlichen Mittelmeerraum ausbreitete. (...) Troja besaß keine bekannten neolithischen Vorgänger. Es wurde mit Menschen besiedelt, die sich mit Kupfer auskannten und wahrscheinlich mit Zinn handelten. Das erste Troja, Troja I (um 3000 bis um 2500 v. Chr.), war eine kleine Siedlung mit einem Durchmesser von etwas 100 Metern, die jedoch zu einer eindrucksvollen Festung mit steinernen Wachtürmen und drei Befestigungslinien anwuchs." (50-51)

"Die minoische Kultur auf Kreta war die erste große mediterrane Kultur, die erste wohlhabende, städtische und mit einer Schrift sowie einer reichen künstlerischen Kultur ausgestatteten Zivilisation im Mittelmeerraum." (55)

"Ab etwas 1900 v. Chr. sich Siegel mit einer piktographischen Schrift, so dass die Entwicklung der Schrift recht genau mit der ersten Phase des Palastbaus zusammenzufallen scheint." (59)

"Die mykenischen Kaufleute, die auf auf dem Handelsnetz der Minoer aufbauten, hielten an den Handelsbeziehungen zu Zypern fest, das reich an Kupfer war (...) und sie waren durch Handeslniederlassungen auch auf Rhodos, in Milet an der anatolischen Küste und an der Küste Syriens präsent." (69)
"In mykenischer Zeit vergrößerte sich also das Mittelmeer ganz beträchtlich in den Augen derer, die es mit dem Schiff befuhren." (71)
"Weitaus wichtiger als der wenig entwickelte Westen, waren für die mykenischen Kaufleute die Küsten des heutigen Syriens und Libanons. (...) Dort entstand ein florierendes levantinisches Handelsnetz mit wohlhabenden Städten, in denen ägäische Kaufleute sich mit Kaaanitern, Zyprioten, Hethitern, Ägyptern und anderen Bewohner und Besuchern mischten." (72)

"Für die alten Ägypter war das Gewässer mit der größten Bedeutung nicht das Mittelmeer oder das Rote Meer, sondern der Nil. Das Mittelmeer bildete den Horizont, und obwohl sie die Rohstoffe des östlichen Mittelmeerraums nutzten, kann das Ägypten der Pharaonen weder im Politischen noch im ökonomischen Sinn als mediterrane Macht gelten. Erst mit der Gründung Alexandrias im 4. Jahrhundert v. Chr.  entstand an der Küste des Mittelmeres eine größere Stadt mit Blick auf die griechische Welt." (75)

"Die Keramik Trojas ist nicht einfach trojanisch. Sie gehört zu einer umfassenderen Kultur, die sich über Teile Anatoliens erstreckte. (...) Troja war kein Vorposten der mykenischen, sondern der hethitischen Welt. Global gesehen, spielte die Stadt keine herausragende Rolle, doch auf regionaler Ebene besaß sie eine beherrschende Stellung an den Handelsrouten der nördlichen Ägäis, und aus diesem Grund wurde sie zu einer begehrenswerten Beute. (81)

"Insgesamt gewinnt man den Eindruck, der östliche Mittelmeerraum sei um 1200 v.Chr. von einer fließenden und instabilen Allianz aus Seeräubern und Söldnern heimgesucht worden, die sich gelegentlich zu Kriegsflotten und Armeen zusammenschlossen, (...)" (93)

"Im 11. Jahrhundert v. Chr. schickte Athen,  das nun die wichtigste Produktionsstätte für Keramik im linearen protogeometrischen Stil war, seine Erzeugnisse in die gesamte Ägaäis, und man hat diese stilistisch und technisch teils hochentwickelte Keramik sowohl im inzwischen zurückeroberten Milet als auch in der Neugründung Alt-Smyrna gefunden. Diese Funde sprechen dafür, dass die Griechen begannen, ein Handelsnetz wiederaufzubauen, das Keinasien über das Meer hinweg mit dem griechischen Festland verband und aus dem im 8. Jahrhundert die dynamische Zivilisation Griechisch-Ioniens hervorging." (96)

"Man hat das Ende der Bronzezeit im östlichen Mittelmeerraum als einen der fürchterlichsten Wendepunkte in der Geschichte bezeichnet, verheerender noch als der Untergang des Römischen Reiches und wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe in der Geschichte des Altertums.  Das Mittelmeer der Ersten Mediterranen Zeitalters, das sich von Sizilien bis nach Kanaan und vom Nildelta bis nach Troja erstreckte, war in kurzer Zeit zerfallen, und sein Umbau in ein Handelsmeer, der von der Straße von Gibraltar bis zum Libanon reichte, benötigte mehrere Jahrhunderte." (102)

Teil II: Das Zweite Mediterrane Zeitalter (1000 v.Chr. bis 600 n.Chr.)

"Von den Katastrophen des 12. Jahrhunderts erholte die Region sich nur langsam. Es ist unklar, wie tief die Rezession in der Ägäis reichte, aber vieles ging verloren. Die Kunst des Schreibens ging verloren, außer bei den griechischen Flüchtlingen auf Zypern; die eigenwilligen lebhaften Stile der minoischen und mykenisichen Keramik verschwanden, wiederum außer auf Zypern; die Paläste verfielen." (105)

"Der Name der Phönizier verweist auf den aus der Purpurschnecke gewonnen Farbstoff, der das teuerst Erzeugnis der kanaanitischen Küste bildete. Die Griechen sahen in den Phöniziern jedoch auch die Erfinder des Alphabets, das zur Grundlage ihrer neuen Schrift wurde. Außerdem lieferten die Phönizier die künstlerischen Vorbilder, die in einer Zeit großer schöpferischer Gärung die Kunst des archaischen Griechenland und Italien verwandelte. (...) Dennoch hat es sich bei den Archäologen eingebürgert, die Bewohner der levantinischen Küstenregion bis zum Jahr 1000 v.Chr. als Kannaniter und danach als Phönizier zu bezeichnen." (106/107)

"Ende des 9. Jahrhunderts kam der Seehandel der Phönizier richtig in Schwung.  Man kann durchaus darüber streiten, ob die Phönizier darin den griechischen Kaufleuten und anderen geheimnisumwitterten Gruppen wie den Tyreneren vorangingen, die damals die Ägaäis und im Tyrrhenischen Meer erwähnt wurden. Wer auch immer Italien als Erster erreichte, die Phönizier können den Verdienst beanspruchen, die langen Seewege geöffnet zu haben, die an der gesamten nordafrikanischen Küste entlangführten." (114)

"Doch die Phönizier versuchten nicht, ihre Nachbarn zu erobern. Ihre Siedlungen waren Handels- und Produktionszentren. Sie machten sich nicht daran, die politische Herrschaft über Westsizilien zu erlangen." (122)

"Tatsächlich lag der wichtigste phönizische Stützpunkt dieser Region jenseits der Straße von Gibraltar im Gadir oder Cádiz, doch da die dort erzielten Profite in die mittelmeerischen Handelsnetze der Phönizier flossen, gehörte das frühe Cádiz gleichfalls zur Geschichte des Mittelmeerés." (125)

"Hier verwandelte der Kontakt mit dem Osten eine traditionelle Gesellschaft im Westen, wie es in noch größeren Maßstab in Etrurien geschah. Die Phönizier agierten nicht nur mit großer geographischer Reichweite. Ihre Aktivitäten vermochten auch das politische und wirtschaftliche Leben weit entfernter Länder auf ein neues Niveau zu heben. Sie begannen, das gesamte Mittelmeer zu verändern." (125)

"Entscheidend ist nicht, ob die Phönizier das Alphabet völlig neu erfanden  (möglicherweise übernahmen sie einige Buchstaben von einer älteren Schrift aus dem Sinai), sonder dass sie dieses Alphabet im ganzen Mittelmeerraum verbreiteten (...)" (126)

"Die Ausbreitung der phönizischen Kultur im gesamten Mittemeeerraum und bis ins südliche Spanien hinein (...) ist nicht nur deshalb bedeutsam, weil sie östliche Stile weit nach Westen brachten. Es war auch das erste Mal, dass Seeleute aus dem Osten so gewaltige Strecken auf dem Meer zurücklegten, weit größere als die mykenischen Navigatoren, die sich von Griechenland aus nach Italien und Sizilien vorgetastet hatten." (127)

"So mag es denn den künstlerischen Hervorbringungen der Phönizier - und insbesondere der Karthager - an Originalität gefehlt haben, doch es waren Mensch mit einem überwältigendem Identitätsgefühl." (128)

"Erst als sich im 6. Jahrhundert v. Chr. aus dem Osten eine massive persische Bedrohung abzuzeichnen schien, begannen die verschiedenen griechischsprachigen Gruppen auf dem Peloponnes, in Attika und der Ägäis größeren Nachdruck auf ihre Gemeinsamkeiten zu legen." (129)

"Gemeinsam oder im Wettstreit miteinander begannen Griechen und Phönizier, nicht nur eine Renaissance ihrer jeweiligen eignen Heimat einzuleiten, sondern auch fern der Heimat dynamische städtische Gesellschaften aufzubauen." (136)

"An den Küsten des westlichen Mittelmeeres entwickelten sich hochkomplexe städtische Gesellschaften. Dort entfaltete man eine dauerhafte Nachfrage nach den Erzeugnissen Phöniziens und der Ägäis, und es entstanden neue künstlerische Stile, die einheimische Traditionen mit solchen aus dem Osten verschmolzen."  (151)

"Die Küsten und Inseln des Mittelmeeres förderten keine Einheitlichkeit. Damals und noch für Jahrtausende gab es auf den Inseln und an den Küsten des Mittelmeeres verstreute Nischen, in denen ganz unterschiedliche Völkerschaften lebten. Die strenge Einteilung der Völker des Mittelmeerraums durch griechische Autoren war eine Verzerrung der Wirklichkeit." (159)

"Die eigentliche Grundlage für den Wohlstand der Etrusker bildete der Handel mit Rohmetallen. Vor allem dank der reichen einheimischen Vorkommen an Kupfer, Eisen und anderen Metallen konnten die Etrusker die Waren bezahlen, die sie in immer größeren Mengen aus Griechenland und der Levante einführten, denn an Fertigprodukten hatten sie nicht viel zu bieten (...)" (161)

"Ein Import aus dem Osten sollte das Gesicht Italiens verändern. Das Alphabet kam zu den Etruskern von den Griechen, auch wenn nicht klar ist, ob die Quelle in Griechenland selbst lag oder in den ersten griechischen Siedlungen Pithekussai und Kyme."  (...) Aus dem Vorbild wurde das etruskische Standardalphabet entwickelt,  das in der Regel (wie das phönizische und griechische Alphabet) von rechts nach links geschrieben wurde. Und daraus wurde wiederum das Alphabet vieler benachbarten Völker abgeleitet, vor allem das der Römer." (163)

"Die Etrusker machten nicht den Versuch, Barrieren gegen fremde Kaufleute und Siedler oder gegen deren Götter zu errichten. Sie hießen sie vielmehr willkommen und versuchten, von ihnen zu lernen." (164)

"Spätestens ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. kam es zu Seeschlachten zwischen den Völkern Mittelitaliens und den Griechen." (167)

"Zusammen mit Griechen und Phönizier modelten die Etrusker den Mittelmeerraum um und trugen zur Schaffung von Verbindungen bei, die das gesamte Mittelmeer überspannten." (172)

"Dennoch spricht einiges dafür, dass Griechen und Etrusker eine intensive Nutzung der Weinberge förderten und fortschrittliche Technologien des Pressens von Olivenöl und der Weinerzeugung einführten." (180)

"Griechen und Karthager unterhielten enge Beziehungen zu den iberischen Völkern. In der Folge entstand eine Zivilisation, die in den Künsten ein hohes Niveau erreichte, recht große Städte baute und die Schrift übernahm. Die iberische Zivilisation hat außerhalb Spaniens nur wenig Aufmerksamkeit gefunden, doch die Iberer erreichten einen Entwicklungsstand, den unter den einheimischen Völkern des westlichen Mittelmeerraumes nur die Etrusker übertrafen. Sie liefern ein zweites Beispiel dafür, wie die griechische und phönizische Kultur über lage Handels- und Wanderungswege in den Westen eindrang und wie diese kulturellen Einflüsse dort mit den einheimischen Fähigkeiten der Bildhauerei und der Metallverarbeitung verschmolzen. (...) Der Ausdruck Iberer ist daher ein Verallgemeinerung und bezieht sich auf diverse Völker, die zwischen dem 6. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. in einem politisch instabilen Raum lebten, in den Karthager, Griechen und schließlich Römer als Händler und Eroberer eindrangen. "(184)

"Zwei grundlegende Merkmale des modernen Spaniens entstanden aufgrund griechischer Einflüsse auf die Iberer: Sowohl Wein als auch Oliven wurden immer beliebter." (185)

"Die Iberer teilten nicht die Vorliebe der Griechen und Etrusker für die Darstellung des nackten Körpers. Eine einzige iberische Vase zeigt einen nackten Mann, und diese Vase wurde in dem griechisch dominierten Emporion gefunden." (186)

"Doch kein Versuch, die Herrschaft im östlichen Mittelmeer an sich zu bringen, reichte an die persischen Eroberungen in Anatolien und der Levante während des 6. Jahrhunderts v. Chr. und an den persischen Versuch einer Invasion Griechenlands heran, und die Niederlage der Perser sollte als größter griechischer Sieg seit der Zerstörung Troijas gefeiert werden." (188)

"(...) doch in der Regel war es persische Politik, jene Städte weitgehend in Ruhe zu lassen, die klaglos einen einfachen Tribut aus Erde und Wasser entrichteten." (189)

"Als Xerxes 486 v. Chr. den Thron bestieg, wechselte die persische Politik von selbstbewusster Kompromissbereitschaft gegenüber Abweichlern hin zu entschlossener Unterdrückung der Feinde Persiens."

"Spartaner und Athener hielten die Ägäis und hatten verhindert, dass sie zu einem persischen Meer wurde. Der Sieg in der Landschlacht bei Plataiai im folgenden Jahr bestätigte die Unbezwingbarkeit des griechischen Bündnisses." (194)

"Das prachtvoll wiederaufgebaute Athen wurde nun zu einem glühenden Verteidiger der Demokratie (die sich allerdings auf freie männliche Bürger beschränkte und die vielen Metöken oder Fremden ausschloss)." (195)

"Es gibt unterschiedliche Auffassungen in der Frage, wie groß Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. war. Eine gute Schätzung für das späte 5. Jarhhundert spricht von 337.000 Einwohnern in Athen und den abhängigen Territorien in Attika." (197)

"So verwandelte der Peloponnesische Krieg die Ägäis von einem athenischen in ein spartanisches Meer." (207)

"Dennoch neigte sich im späten 4. Jahrhundert das Zeitalter der Stadtstaaten seinem Ende zu. (...) Zwei Städte an der afrikanischen Küste, Karthago und Alexandria, sollten die Kulturgeschichte des Mittelmeeres für die nächsten Jahrhunderte bestimmen." (208)

"Die Vorstellung, dass Alexandria eher eine mediterrane Stadt als eine ägyptische Stadt war, sollte länger als 2000 Jahre halten, bis zur Vertreibung der Ausländergemeinden im 20. Jahrhundert. Für lange war Alexandria die größte Stadt des Mittelmeerraums." (210)

"Das Besondere an der hellenischen Kultur war die Tatsache, dass sie nicht auf die Griechen beschränkt blieb. (...) Alexandria spielte bei der Verbreitung dieser neuen, offenen Abwandlung griechischer Kultur im Mittelmeerraum  eine grundlegende Rolle. Die Stadt wurde zum Leuchtturm der Mittelmeerkultur." (213)

"Der Bau des Leuchtturms und überhaupt der Stadt Alexandria war nur deshalb möglich, weil die Ptolemäer die Herrschaft über gewaltige Ressourcen erlangten hatten. Ihre Leistung lag nicht allein in der Nutzung dieser Ressourcen, sonder mehr noch in deren Vergrößerung durch den Ausbau der Stadt als Handelszentrum." (216)

"Die Bedeutung und sogar Vormachtstellung, die Rom um 300 v. Chr. auf der italienischen Halbinsel erlangt hatte, war das Ergebnis von Kriegen, die an Land geführt worden waren. Rom hegte keine Ambitionen, eine Seemacht zu werden (...)." (241)

"Der Erste Punische Krieg wurde auf Sizilien und in Afrika ausgefochten, und er erweiterte den römischen Einfluss erstmals in überseeische Gebiete hinein. Der (von Landfeldzügen beherrschte) Zweite Punische Krieg führte die Römer nach Spanien, auch wenn der Hauptkriegsschauplatz in Italien lag, nachdem Hannibal die Alpen überschritten hatte und dort eingefallen war. Der kurze Dritte Punische Krieg verwickelte Rom noch tiefer in afrikanische Angelegenheiten und gipfelte 146. v. Chr. in der Zerstörung Karthagos. Erstaunlich daran ist die Tatsache, dass zumindest in der Anfangszeit bei den Römern keine klaren Ziele zu erkennen waren. Die Römer hatten nicht die Absicht, Karthago zu vernichten." (244)

"Sardinien mit seinen vielen tausend, um unabhängige Kriegsherren im Umkreis der nuraghi versammelten Gemeinschaften, war nicht zu erobern." (253)

"Im Jahr 187 v. Chr. reichte der Machtbereich der Römer von den ehemaligen Besitzungen der Barkiden in Spanien über das gesamte Mittelmeer hinweg bis zur Levante. Es gab immer noch potentielle Rivalen, etwa die Ptolemäer in Ägypten mit ihren gewaltigen Flotten, doch zum ersten Mal stand das gesamte Mittelmeer unter dem mächtigen politischen Einfluss eines einzelnen Staates, der römischen Republik." (258)

"So nahm der Anteil zugewanderter Griechen, Syrer, Afrikaner und Spanier in Rom ständig zu, und es kann kaum überraschen, dass in vielen Stadtvierteln das Griechische, das übliche Verständigungsmittel im östlichen Mittelmeerraum, die Alltagssprache bildete." (264)

"Die Umwandlung des Mittelmeers in ein römisches Meer war abgeschlossen. Der ganze Vorgang hatte 116 Jahre gedauert. Die erste Phase erstreckte sich vom Untergang Karthagos und Korinths bis zum kiklischen Feldzug im Jahr 66 v. Chr. Die zweite, weitaus kürzere Phase gipfelte in Oktavians Aneignung Ägyptens. (...) Das Mittelmeer war mare nostrum, unser Meer, geworden, doch das unser verwies auf eine weit umfassendere Vorstellung von Rom als die Formel Senatus Populusque Romanus: Senat und Volk Roms. Römische Bürger, Freigelassene, Sklaven und Verbündete schwärmten aus und verbreiteten sich im ganzen Mittelmeergebiet. (...) Im Zentrum des Netzwerks lag Rom, eine qurilige, kosmopolitanische Stadt, deren eine Million Einwohner ernährt werden mussten. Der Erwerb Ägyptens sicherte die Getreideversorgung und damit auch die Popularität der kaiserlichen Hauptstadt." (271)

"Ein Händler des 2. Jahrhunderts n. Chr. mochte sich fragen, ob die Einheit des Mittelmeers überhaupt erschüttert werden konnte. Es war eine politische Einheit unter Rom. Es war eine ökonomische Einheit, die es Kaufleuten ermöglichte, ohne Störungen kreuz und quer über das Mittelmeer zu fahren. Es war eine kulturelle Einheit, die ihren Ausdruck entweder in griechischer oder in lateinischer Sprache fand. Es war ein mancherlei Hinsicht sogar auch eine religiöse Einheit oder eine Einheit in Vielfalt, da die Menschen des Mittelmeerraums ihre Götter miteinander teilten, sofern sie keine Juden oder Christen waren. Die einheitliche Herrschaft über mare nostrum sicherte Bewegungsfreiheiten und führte zu einer kulturellen Durchmischung des Mittelmeerraums, wie man sich in solchem  Ausmaß bis dahin noch nicht erlebt hatte." (286)

Die beiden offenkundigen Transformationen des Mittelmeerraums in der spätrömischen Zeit waren die germanischen Invasionen und die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch die römischen Kaiser." (290)

"Die Grenze zwischen Heidentum und Christentum war nicht scharf gezogen, und heidnische Kulte blieben in lokalen Gemeinschaften entlang der Küsten des Mittelmeers eine wichtige Kraft. In Nordafrika und Spanien waren sie zur Zeite der islamischen Invasion um 700 fest verwurzelt." (298)

"Die christlichen Kaiser versuchten, die Beschneidung von Sklaven zu verhindern und den Juden die Ausübung ihrer Religion zu verbieten. Als einer verbrauchten Religion verbot die kaiserliche Gesetzgebung den Juden Anfang des 5. Jahrhunderts, neue Synagogen zu bauen, die bereits vorhandenen durften allerdings weiterhin benutzt werden. Das Judentum sollte buchstäblich absterben." (300)

Teil III: Das Dritte Mediterrane Zeitalter (600 bis 1350)

"Der Aufstieg Pisas und Genuas ist fach noch rätselhafter als der von Amalfi, und dieses Rätsel besteht in dem erstaunlichen Erfolg dieser beiden Städte bei der Säuberung des westlichen Mittelmeeres von Piraten und in der Schaffung von Handelsrouten samt Aufbau von Handels- und Siedlerkolonien bis ins Heilige Land, nach Ägypten und nach Byzanz." (360)

"Die Geschäftspraktiken wurden immer ausgeklügelter, und zwar zum Teil deshalb, weil die katholische Kirche offiziell alles verdammte, was nach Wucher rocht - (...) So muste man Verfahren entwickeln, mit denen man der kirchlichen Verdammung entging, (...) Man konnte etwas Kredite in einer Währung auszahlen und die Rückzahlung in einer anderen vereinbaren, so dass sich die Zinsen im Umrechnungskurs verstecken ließen." (368)

"Mit einer Predigt im mittelfranzösichen Clermont setzte Papst Urban II. 1095 eine Bewegung in Gang, die die politische, religiöse und ökonomische Landkarte des Mittelmeerraums und Europas verändern sollte." (379)

"Die Herrschaft über die Seewege im östlichen Mittelmeer lag nun in den Händen der Pisaner, Genueser und Venezianer. Die Beteiligung an den frühen Kreuzzügen hatte ihen nicht nur eigen Viertel in den Städten des Heiligen Landes, sondern auch die Herrschaft  über denSchiffsverkehr in weiten Teilen des Mittelmeeres eingebracht."  (387)

"Weil die Genueser immer größere Mengen italienischer und sogar flämischer Wollstoffe nach Sizilien brachten, um damit den Weizen, die Baumwolle und andere Güter zu bezahlen, wurde die Verbindung zwischen dem Norden und dem Süden immer enger, und es begann sich ein Komplementärverhätnis zwischen Nord- und Süditalien zu entwickeln., in de Sizilien Rohstoffe und Nahrungsmittel, Norditalien dagegen Endprodukte lieferte. " (423)

"Es war die erste große Konfrontation zwischen Genua und Venedig, die nun zu Rivalen auf der Handelsroute nach Akko wurden, wo sie, wie bereits angemerkt, zwischen 1256 und 1261 ständig in Streit miteinander lagen." (433)

"Die Rivalität Pisas mit Genua um die Vorherrschaft in den Gewässern um Korsika und Sardinien kulminierte in der Niederlage Pisas in der Seeschlacht bei Meloria un im Verlust der eisenreichen Insel Elba 1284." (436)

"Ein weiteres Gebiet, auf dem die Katalanen sich auskannten, war die Seefahrt. Ende des 13. Jahrhunderts genossen katalanische Schiffe hohes Ansehen wegen ihrer Sicherheit und Zuverlässigkeit. (...) Schiffseigner und Kaufleute aus Barcelona und Mallorca drängten an Orte, an denen der Handel bislang von den Italienern dominiert worden war." (449)

"Mit wachsender Größe bezogen die italienischen Städte ihr Getreide aus immer ferneren Regionen: aus Marokko, von den Küsten Bulgariens und Rumäniens, von der Krim und aus der Ukraine." (464)

"Die Grimaldis hielten sich, trieben weiterhin ihr Unwesen und sind bis heute die Herrscher Monacos, auch wenn sie etwas achtbarere Einnahmequellen als die Piraterie fanden." (469)

 Teil IV: Das vierte Mediterrane Zeitalter (1350 bis 1830)

"Venedig und Genua gingen einander 1350 bis 1355 an die Kehle und dann nochmals 1378 bis 1381 (...).  Den Anlass bildeten in beiden Fällen Streitigkeiten um den Zugang zum Schwarzen Meer aus der Ägäis." (487)

"Venedig blieb das Hauptzentrum des Levantehandels und schickte seine Galeeren nach Alexandria und Beirut, wo der Handel mit Gewürzen im Vordergrund stand. Genua legte größeres Gewicht auf Massengüter wie Alaun, Getreide und Trockenobst, die man in Rundschiffen aus Kleinasien, Griechenland und dem Schwarzenmeerraum holte." (489)

"Der Kulturtourismus zu den Städten der klassischen Antike stand kurz vor seinem Beginn. Mehr als 40 Abschriften des Reisebuchs von Petrarca sind erhalten geblieben und beweisen, wie beliebt das Buch war, vor allem im Neapel des 15. Jahrhunderts (...)." (491)

"Der katalanische Einfluss reichte weit über das Mittelmeer bis nach Alexandria und Rhodos, und Ende des Jahrhunderts spielte der König von Aragón sowohl auf der Iberischen Halbinsel als auch in der weiteren europäischen Politik eine dominierende Rolle." (493)

"Mitte des 15. Jahrhunderts war der größte Teil Italiens unter fünf Großmächten aufgeteilt: Mailand, Florenz, Venedig, dem Papst und dem König von Aragón. (495)

"Das Mittelmeer war nun in zwei Hälften geteilt, einen osmanischen Osten und einen christlichen Westen. Es stellte sich die Frage, welche Seite den Sieg davontragen würde, aber auch die Frage, welche christliche Macht die Gewässer des westlichen Mittelmeers künftig beherrschen sollte." (501)

"Der Drang nach Westen war so stark, dass er sich auch durch die Straße von Gibraltar in den Atlantik hinein fortsetzte und in den 1420er Jahren Madeira, dann die Azoren, die Kanarischen Inseln, die Kapverden und Sao Tomé erreichte - in der Mehrzahl portugiesische Besitzungen, doch Kapital und Know-how stammten von den Genuesern, und die ersten Zuckerrohrpflanzen auf Madeira sollen aus Sizilien gekommen sein. (...) Es ist kaum zu ersehen, wie die Nasridensultane von Granada sich ohne die finanzielle Hilfe christlicher Kaufleute an der Macht hätten halten (oder gar die Paläste der Alhambra hätten bauen ) können. (507)

"Wie schon in früheren Jahrhunderten, war Mallorca ein Brennpunkt des katalanischen Handels mit Nordafrika (...) Für Valencia war das 15. Jarhhundert so etwas wie ein Goldenes Zeitalter. (518)

"Eine Besonderheit des iberischen Königreichs des 15. Jahrhunderts gegenüber anderen westeuropäischen Staaten lag in der Tatsache, das dort Christen, Juden und Muslime lebten." (521)

"Die Muslime wurden erste 1502 aus Granada und allen kastillischen Landen vertrieben (...) Nichts dergleichen geschah jedoch in den Ländern der aragonesischen Krone, deren muslimische Bevölkerung im Königreich Valencia und im südlichen Teil von Aragón konzentriert war. Im 15. Jahrhundert bestand vielleicht ein Drittel der Bevölkerung des Königreichs Valencias aus Muslimen, doch ihr Anteil schwand mit dem Vorrücken der christlichen Besiedlung und dem Übertritt muslimischer Familien zum vorherrschenden Glauben. (...) Ferdinand war ein umsichtiger Herrscher, der erkannte, dass eine Vertreibung der Muslime zu wirtschaftlichem Chaos und zur Entvölkerung des Königreichs führen müsste  (...). Erst 1525, neun Jahre nach seinem Tod, wurde der Versuch unternommen, alle spanischen Muslime zum Christentum zu bekehren, und erst ab 1609 wurde die Moriscos, wie man sie nun nannte,  rücksichtslos aus Spanien vertrieben. " (525)

Dubrovnik zog vollen Nutzen aus der Tatsache, dass es eine katholische Stadt und zugleich ein osmanischer Vasall war. (...) Dubrovnik wurde zu einer kosmopolitischen Stadt. Es war die Zeit kulturellen Aufblühens, in der das Studium lateinischer Schriften mit der Entstehung einer kroatischen Literatur einherging. (...) Die Hafenstädte der Adria (einschließlich Venedigs) waren Orte, an denen die Kulturen des Westens und des Ostens eine bunte Mischung hervorbrachten." (563)

"Im vierten Mediteranen Zeitalter wurde der Mittelmeerraum nicht nur durch den Konflikt zwischen Habsburgern und Osmanen gespalten, er wurde auch infolge des gewaltigen Wirtschaftswachstums im atlantischen Raum an den Rand gedrängt. (...) Tatsächlich wurde Genua zum Bankier des Spanischen Reiches und vergab dringend benötigte Kredite an die spanische Krone (...). (566)

"All dieses Zaudern gab den Türken die Möglichkeit, sich auf Zypern zu stürzen. Anfang Juli 1570  brachten sie auf einer Flotte aus 400 Schiffen, darunter 160 Galeeren, eine gewaltige, an die 100 000 Mann zählende Armee auf die Insel." (574)

"Das Mittelmeer war nun zwischen zwei Seemächten aufgeteilt, den Türken im Osten, die alle wichtigen Küstenstriche und Inseln außer dem venezianischen Kreta hielten und den Spanieren im Westen, die von den Flotten Maltas und Italiens unterstützt wurden." (579)

"Diese Entwicklung bestätigte einen umfassenden Trend im politischen und wirtschaftlichen Leben Venedigs, der sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zeigte:  den Rückzug aus dem Levantehandel  und die Einbindung der Stadt in das Leben Norditaliens." (587)

"Der Handel mit nordeuropäischen Getreide nahm zu, weil im Mittelmeerraum immer weniger Flächen für den Getreideanbau genutzt wurden und die Knappheit, die sich bereits 1587 abzuzeichnen begann, zu einer Reihe von Hungersnöten führte. Getrockneter Fisch - stoccafisso (Stockfisch) - wurde und blieb ein wichtiger Bestandteil der venezianischen Küche." (590)

"Der Aufstieg der holländischen Flotten begann mit der Entwicklung Antwerpens zur Drehscheibe des portugiesischen Gewürzhandels mit dem Orient, (...)" (593)

"Der große Erfolg Livornos war keine Ausnahme. Auch Genua versuchte im 17. Jahrhundert, einen Freihafen einzurichten." (599)

"Im späten 16. und 17. Jahrhundert litt das Mittelmeer unter einer gewissen Desorientierung. Trotz der Bemühungen Genuas und eine Wiederbelebung des Levantehandels verlor das Mittelmeer seine Vorrangstellung im westeuropäischen Handelsverkehr an die Kaufleute des atlantischen Raums, (...). " (600)

"Den ökonomischen Einwänden gegen die Vertreibung trug man teilweise Rechnung. Sechs von 100 Morisken durften bleiben, sofern sie Bauern waren und Sympathien für das Christentum zeigten. Man erwartete von ihnen, dass sie denen, die ihren Besitz übernehmen, unter anderem zeigen, wie man Zuckermühlen und Bewässerungsanlagen betreibt."  (...) Die Solidarität der Morsiken ist eindrucksvoll. Im Königreich Valencia musste der Herzog von Dénia verzweifelt zur Kenntnis nehmen, dass niemand bleiben wollte, um die Zuckerproduktion auf seinen Gütern aufrechtzuerhalten. Für ihn wie für die Morisken war das, was geschah, eine Katastrophe. (...) Nimmt man alle spanischen Königreiche zusammen, dürften an die 300 000 Morisken vertrieben worden sein." (607/608/609)

"Am 6. September 1669 ließen die Venezianer die Stadt kapitulieren und erkannten die Oberhoheit der Osmanen über Kreta an. Außerdem nutzen sie in der für sie typischen Art die Chance, einen Friedensvertrag mit den Osmanen abzuschließen. Den Venezianern war klar, dass eine große Epoche in ihrer Geschichte zu Ende gegangen war, denn sie hatten Kreta seit dem frühen 13 Jahrhundert regiert. (...) Mit seiner Verbindung auf den Sinai wurde Kreta zum Zentrum einer Wiederbelebung der griechisch-orthodoxen Kirche im östlichen Mittelmeerraum." (620/612)

"Der letzte spanische Habsburger, Karl II. (der 1700 starb), hatte keine Erben und galt als geisteskrank. Die bei den Habsburgern in den letzten 200 Jahren betriebene Inzucht hatte ihre Spuren hinterlassen." (632)

"Anders als in Gibraltar hatten die Briten nie versprochen, Juden und Mauren aus Menorca fernzuhalten, und so gab es 1781 eine 500 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde mit einer eigenen Synagoge. Die ethnische und kulturelle Vielfalt der Insel vergrößerte sich noch durch den Zuzug mehrerer hundert Griechen, die allerdings nicht von weither kamen, sondern aus einer griechischen Flüchtlingsgemeinde auf Korsika." (639)

"Den Gedanken, dass der Zar der religiöse und sogar politische Erbe des byzantinischen Kaisers - und Moskau daher das Dritte Rom -  sei, hatte Peter nicht aufgegeben, als er an der Ostsee seine neu Hauptstadt St. Petersburg erbaute. (...) Gestärkt wurde das Verhältnis zwischen Großbritannien und Russland noch durch die intensiven Handelsbeziehungen, die während des gesamten 18. Jahrhunderts florierten, während der britische Levantehandel zurückging. (...) Denn im Bereich der Nord- und Ostsee wie auch des Atlantik war die Wirtschaft weiterhin gewachsen, während das Mittelmeer im Vergleich dazu fast zu einem Nebenmeer geworden war." (644/645)

"Als man 1792 den Vertrag mit den Türken unterzeichnete, begann der russische Mittelmeerhandel zu expandieren  - zum Teil wegen der günstigen Lage Odessas, (...). Schon im Jahre der offiziellen Gründung - 1796 - besuchten 49 türkische, 34 russische und drei österreichische Schiffe den Hafen, und die Stadt zog Siedler n aus Griechenland, Albanien, und den südslawischen Gebieten an. Aus Korfu, Neapel, Genua und Tripolis kamen Kaufleute." (652)

"Am Ende der Napoleonischen Kriege hatte Großbritannien bekommen, was es wollte: Malta, Korfu uns Sizilien. Sizilen war in den letzten Phasen der Napleonischen Krige, von 1806 bis 1815, faktisch zu einem britischen Protektorat geworden. (...) Die 1797 von Napoleon verfügte Auslöschung der venezianischen Republik wurde im übrigen Europa nicht sonderlich bedauert, (...) Die alten Handelsmächte des Mittelmeeres verschwanden von der Landkarte." (670)

"Über die Jahrhunderte waren viele Griechen zu Muslimen geworden und viele Türken hatten sich hellenisiert. Die Massaker und ethnischen Säuberungen des Griechisch-Türkischen Krieges, der anderthalb Jahrhunderte währte, basierte auf einer tragischen Verleugnung des gemeinsamen Erbes der Griechen und Türken im östlichen Mittelmeerraum." (684)

"Die zweite Veränderung,  zu der es Mitte des 19. Jahrhunderts im Mittelmeer kam, war die Ankunft der Dampfschiffe, gefolgt von Schiffen mit eisenbeschlagenen Rumpf. (...) Die Schifffahrt war nicht mehr auf die traditionellen Routen beschränkt, die den vorherrschenden Winden und Strömungen folgten."

"Das große Meer war nun ein Durchgangsweg zum Indischen Ozean, und wer diesen Weg nahm, machte ganz andere Erfahrungen als die Menschen in früheren Jahrhunderten. Mit dem Ausbau des Postnetzes wurden immer mehr Nachrichten in alle Richtungen geschickt. Es gab ein höheres Maß an Frieden und Sicherheit als jemals seit der Blütezeit des Römischen Reiches. Doch weder die Österreicher noch die Türken oder die Franzosen beherrschten das Mittelmeer, sondern das imperiale Britannien." (710)

"Um 1900 waren gut 30 Prozent der Kreter Muslime, meist griechischer Sprache und Abstammung. Zu den Muslimen gehörten auch die Großgrundbesitzer und ein großer Teil  der Kaufleute. Die muslimische Bevölkerung war in den Städten konzentriert, während die Christen traditionell verstreut auf dem Lande lebten.  Als die Griechen auf dem Festland ihre Unabhängigkeit  errangen, kam bei den christlichen Kretern die Hoffnung auf, sich dem neuen Königreich anschließen zu können.  Ihr Ziel war Enôsis, Vereinigung, und nach einem Aufstand gegen die Osmanen 1821, der fast neun Jahre dauerte, köchelte die Unruhen auf Kreta während des ganzen Jahrhunderts weiter."  (716)

"Das britische Interesse an Zypern war nach dem Erwerb eines großen britischen Anteils am Suezkanal rein strategischer Natur, und die Insel wurde noch wertvoller, als Großbritannien 1882  die Herrschaft über Ägypten übernahm. Mit der Kontrolle über Zypern verfügte Großbritannien über eine Kette von Stützpunkten, die von Gibraltar über Malta bis zur Levante reichte." (720)

"Die sinkende Produktivität der Böden im Umkreis des Mittelmeeres und die Aufnahme eins umfangreichen Handels mit Getreide aus Kanada  und mit Tabak aus den Vereinigten Staaten (...) verringerten das Interesse der Geschäftsleute am Mittelmeerraum. Selbst der wiederbelebte Handel mit ägyptischer Baumwolle hatte sich der Konkurrenz aus Indien und dem Süden der Vereinigten Staaten zu stellen. Dampfschifflinien führten von Genua durch das westliche Mittelmeer über den Atlantik und brachten Hunderttausend von  Auswanderern in die Neue Welt, die sich in den Jahren um 1900 in New York, Chicago, Buenos Aires, São Paulo und anderen boomenden Städten  Nord- und Südamerikas niederließen. Die italienischen Auswanderer kamen vor allem aus dem Süden des Landes, denn die Bewohner der dortigen Dörfer bemerkten nichts von dem steigenden Lebensstandard, der Mailand und andere Städte im Norden zu verändern begann." (725)

"Aus der Sicht des Mittelmeeres war der Erste Weltkrieg nur Teil einer Serie von Krisen, die den Todeskampf des Osmanischen Reiches markierten: der Verlust Zyperns, Ägyptens, Libyens (...) All diese Veränderungen hatten teilweise dramatische Folgen für die Küstenstädte, in denen verschiedene ethnische und religiöse Gruppen über Jahrhunderte zusammengelebt hatten, vor allem für Saloniki, Smyrna, Alexandria und Jaffa. Nach Kriegsende wurden die osmanischen Kernlande unter den Siegermächten aufgeteilt, und selbst in Konstantinopel  wimmelte es von britischen Soldaten." (738)

"Die Flucht der Griechen ermöglichte es den türkischen Armeen, kaskadenförmig auf Smyrna vorzurücken, das sie am 9. September 1922 erreichten, doch zuvor waren etwa 50 000 geschlagene griechische Soldatgen und 150 000 Griechen aus dem Landesinneren dorthin geströmt. Das war der Beginn einer Katastrophe, die sich ins kollektive Gedächtnis der Griechen einbrennen sollte." (742)

"Schließlich kam es nach Maßgabe des Lausanner Vertrags von 1923 zu einem massiven Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei - 30 000 Muslime verließen allein Kreta." (745)

"Die griechischen, jüdischen, italienischen, koptischen und türkischen Einwohner der Stadt waren äußerst stolz auf Alexandria. In Ihren Augen bedeutete der klassische Ausdruck Alexandria ad Aegyptum, dass es eine europäische Stadt war, die nicht in, sonder bei Ägypten lag." (746)

"Die Libanesen hatten schon 1943 (...) angefangen, für die Unabhängigkeit  von Frankreich zu agitieren, doch 1946 wurde eine merkwürdige Verfassung verabschiedet, die sowohl die Rechte der Christen als auch die der Muslime garantierte. Mit der Unabhängigkeit stellte sich ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, und das stark westlich geprägte Beirut wurde zum wichtigsten Hafen und Bankenzentrum in der arabischen Levante." (781)

"In den 1950er Jahren wandte Frankreich sich zunehmend vom Mittelmeer ab. Das hatte seinen Grund zum Teil in der Tatsache, dass nun das Gravitationszentrum Europas eindeutiger als je zuvor in Nordeuropa lag." (786)

"Doch jeder Gedanke des britischen Außenministeriums, dem spanischen Wunsch nachzugeben, wurde durch die Weigerung nahezu aller Einwohner Gibraltars, die Bande zu Großbritannien zu lösen, im Keim erstickt. Mit seiner gemischten Bevölkerung aus Briten, Spaniern, Genuesern, Malteseren, Juden, Hindus und neuerdings auch Muslimen kann Gibraltar als einer der letzten Überlebenden einer einstmals weitverbreiteten Erscheinung gelten: der mediterranen Hafenstadt. (793)

"In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand das Mittelmeer, das nun keine bedeutende Rolle mehr für den Handel oder auf militärischem Gebiet spielte, zu einer neuen Berufung: dem Massentourismus. (...) Die zeitweilige Migration von Millionen Europäern, Amerikanern und Japanern auf der Suche nach Sonne oder Kultur oder beidem wird ergänzt durch die dauerhafte Immigration deutscher, britischer und skandinavischer Pensionäre, die ihre letzten Tage in Apartments und Villen an der spanischen Küste oder auf Mallorca, Malta oder Zypern verbringen möchten (....)." (798)

"Statt nach Einheit sollten wir nach Vielfalt suche. Die bei den Menschen anzutreffende ethnische, sprachliche, religiöse und politische Vielfalt war unablässig äußeren Einflüssen aus Übersee ausgesetzt und befand sich daher ständig im Fluss. (811)

"Der außergewöhnlichste Fall einer imperialen Expansion im Mittelmeerraum ist das Beispiel Großbritanniens, das fern vom Mittelmeer liegt und dank seiner Besitzungen, die sich von Gibraltar bis nach Suez erstreckten, ein Maß an Kontrolle auszuüben vermochte, das den Zorn und Neid von direkten Anrainern wie Frankreich erregte.  (...) Die Herrschaft über das Mittelmeer muss als Herrschaft über die wichtigsten Seewege verstanden werden. Dazu war es erforderlich, Stützpunkte einzurichten, an denen man Schiffe mit frischen Lebensmitteln und Trinkwasser versorgen und von denen aus man Patrouillen gegen Piraten und andere Störenfriede aussenden konnte. (813)

"So wurde der Mittelmeerraum zu der Region, in der es zu den weltweit wohl intensivsten Wechselwirkung zwischen verschiedenen Gesellschaften kam. Und in der Geschichte der menschlichen Zivilisation spielte das Mittelmeer eine größere Rolle als jedes andere Meer. "(820)

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