Philippe Ariès, Georges Duby (Hg.): Geschichte des privaten Lebens

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BAND I: Vom Römischen Imperium zum Byzantinischen Reich
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Augsburg 1999 (Weltbild Verlag GmbH)

(...) die Mittelschicht, die einfachen Notabeln, zog es aus Gründen der Familienehre vor, ihre Bemühungen und Geldmittel auf eine kleine Zahl von Nachkommen zu konzentrieren. (24)

Die Stimme des Blutes hatte in Rom wenig Gewicht, gewichtiger und vernehmlicher war die Stimme des Familiennamens. (...) von ihren Vätern vergessen, haben die unehelichen Kinder in der römischen Aristokratie so gut wie keine gesellschaftliche oder politische Rolle gespielt. (...)
Abtreibung und Empfängnisverhütung waren gängige Praktiken. (25)

Der Gebrauch all dieser Methoden liegt in der Verantwortung der Frau; Anspielungen auf den Coitus interruptus finden sich nirgendwo. (...)
die Texte wiederum sprechen mit besonderer Häufigkeit von Familien mit drei Kindern, (...). (26)

Doch die Nährmutter gibt nicht nur dem Säugling die Brust. Bis zur Pubertät obliegt ihr, zusammen mit einem Pädagogen, (...), die Unterrichtung und Unterweisung des Knaben. (...) Die Kinder leben mit den Lehrern und essen mit ihnen; einzig das Abendessen, das zeremonielle Züge hat, nehmen sie gemeinsam mit den Eltern und deren Gästen ein. (27)

Daher galt als das ziel der Erziehung, den Charakter zu festigen, solange dazu noch Zeit war, damit sich der Erwachsene resistent erweise gegen den Bazillus des Luxus und der Liederlichkeit, der in den Poren der Gesellschaft lauerte. (29)

Die Häufigkeit der Adoptionen ist ein stichhaltiges Beispiel für die geringe Bedeutung der Blutsbande in der römischen Familie. (...) Die nämlichen Privilegien, die man durch Heirat erlangte, erschloß auch die Adoption. (30)

Sprechen gelernt hat das Kind von seiner Amme; in den guten Häusern war die Amme eine Griechin, weil das Kind von klein auf in der Sprache der Kultur eingeübt werden sollte. (31)

In Rom lernte man nicht das, was bildend oder nützlich, sondern was prestigeträchtig war, vor allem die Rhetorik. (...)
hingegen war die griechische Schule ein Bestandteil des öffentlichen Lebens. Ihren Rahmen bezeichneten die Palästra und das Gymnasium , denn das Gymnasium war ein zweiter öffentlicher Platz, wohin jedermann kommen konnte und wo man nicht nur Leibesübung trieb. Der wesentliche Unterschied zwischen der griechischen und römischen Erziehung besteht wohl darin, dass in jener der Sport im Mittelpunkt stand; (33)

Staatsbürgerliche und berufliche Kenntnisse erwirbt man vor Ort. Die Schule unterrichtete über die Kultur (...). (34)

Seelisch ist die Situation eines erwachsenen Mannes, dessen Vater noch lebt, unerträglich. Ohne Einwilligung seines Vaters kann er nichts unternehmen - keinen Vertrag schließen, keinen Sklaven freilassen, kein Testament machen. (40)

Starb der Vater, so bedeutete das für die Kinder in der Regel Erbschaft, auf jeden Fall aber das Ende einer Art der Sklaverei. (41)

So wird man sich nicht darüber wundern, dass der Vatermord zur Zwangsvorstellung wurde und relativ häufig vorkam; (...)
Die einzigen Römer, die im vollen Sinne des Wortes Männer sind, sind also jene freien Bürger, die, elternlos oder für mündig erklärt, den Status des pater familias haben - verheiratet oder nicht - und über ein Erbe verfügen. (42)

Im römischen Italien leben hundert Jahre vor und nach der Zeitenwende fünf bis sechs Millionen Männer und Frauen als Freie und Bürger. (...) Außerdem gibt es ein bis zwei Millionen Sklaven, die entweder Domestiken oder landwirtschaftliche Hilfskräfte sind. (45)

Rechtlich gesehen ist eine Scheidung, für den Gatten wie für die Gattin, genauso leicht und formlos wie die Heirat. Es genügt, dass der Mann oder die Frau aus der gemeinsamen Wohnung auszieht, in der Absicht, sich vom Partner zu trennen. (...)
Was die Ehefrau betrifft, so verlässt sie (...) die eheliche Wohnung und nimmt ihre Mitgift mit, (...). Dagegen scheinen die Kinder stets beim Vater geblieben zu sein. Scheidung und Wiedervermählung waren ziemlich häufig, und in fast allen Familien lebten Kinder von verschiedenen Müttern und Adoptivkinder unter einem Dach zusammen. (46)

Warum heiratete man? Um sich einer Mitgift zu versichern (...) und um im rechtmäßiger Ehe Nachkommen zu zeugen, die als legitime Kinder das Erbe antraten und die für den Fortbestand des Staates sorgten, indem sie die Reihen der Staatsbürger füllten. (47)

Alles, was wir berichten, gilt nur für ein Zwanzigstel oder Zehntel der freien Bevölkerung, für die Schicht der Wohlhabenden, die sich zugleich für die Kultivierten hielten; (48)

Um das Jahr 100 v. Chr. sagte ein Zensor vor einer Versammlung von Bürgern: Die Ehe ist, wie wir alle wissen, eine Quelle des Verdrusses; dennoch muss man heiraten, und zwar aus Bürgersinn. (49)

Die Ehefrau ist ein großen Kind, mit dem man schonend umgehen muss, der Mitgift wegen und mit Rücksicht auf die vornehme Herkunft des Vaters. (50)

Da ein betrogener Gatte eher verletzt als blamiert ist und deine geschiedene Frau ihre Mitgift mitnimmt, sind Scheidungen in der Oberschicht sehr häufig (...) (51)

Nicht war den Römern fremder als die biblische Vorstellung, dass Mann und Frau ein Fleisch sein und bleiben sollten; sie fanden nichts dabei, eine geschieden Frau zu heiraten oder, wie Kaiser Domitian, zum zweiten Mal eine Frau zu ehelichen, eine eine Zeitlang die Gemahlin eines anderen Mannes gewesen war. (52)

Die Sklaven

Kinder auszusetzen war üblich, nicht lediglich bei den Armen; Sklavenhändler sammelten Säuglinge ein, die in den Heiligtümern oder auf öffentlichen Plätzen ausgesetzt worden waren. Not bewog die Mittellosen, ihre Neugeborenen an Schieber zu veräußern (...). Erwachsene verkauften sich in die Sklaverei, um nicht zu verhungern, auch einige Ehrgeizige taten es, in der Hoffnung, es vielleicht zum Gutsverwalter bei einem Adligen oder zum kaiserlichen Schatzmeister zu bringen. (62)

Die meisten Arbeitskräfte in den Handwerksbetrieben schienen Sklaven gewesen zu sein. (...) Grob geschätzt, stellten die Sklaven ein Viertel der ländlichen Arbeitskräfte in Italien. (...) ein Römer der Oberschicht hat Dutzende von Dienern in seinem Hause, ein Römer der Mittelschicht (der noch immer so reich ist, dass er nicht zu arbeiten braucht) hat ein, zwei oder drei Sklaven. (65)

Welchen Nachfolger hat in der Regel ein römischer Arzt? Seinen Sklaven, den er in der Heilkunst unterwiesen und dann freigelassen hat (Medizinschulen gab es nicht). Die Lohnarbeit fasst man nicht als neutrales, reglementiertes Verhältnis auf; sie gilt als geringwertig, weil sie keine Beziehung zwischen Personen ist. (67)

Hausgemeinschaft und Freigelassene

Die römische Hausgemeinschaft besteht aus Haussklaven, ehemaligen Sklaven - den Freigelassenen - dem pater familias, seiner rechtmäßigen Ehefrau und zwei oder drei Kindern. Hinzu kommen noch einige Dutzend Freie, die Klienten des Hausvaters, die jeden Morgen im Vorzimmer ihres Gönners oder Patrones kurz ihre Aufwartung machen. (79)

Oft hat die Frau ein Vermögen, von dem der Ehemann nichts bekommt. (...) sie besitzt ihre Mitgift. Manche Frauen, die vornehmer und reicher als ihr Mann waren, widersetzen sich seiner Autorität; andere haben eine große Rolle in der Politik gespielt, (...). (81)

Überall finden sich Hinweise auf das, was die Freigelassenen am meisten quälte: die Ungewissheit über ihren Platz in der Gesellschaft. (90)

(...) die Oberschicht Roms rekrutierte sich überwiegend aus den Söhnen reicher Freigelassener und den Söhnen kaiserlicher Freigelassener; (91)

Den vornehmen Römern waren ihre Freigelassenen lieber als die armen Bürger, weil sie ihnen treu ergeben blieben, (...). (92)

Gewisse Freigelassene verblieben also in der Hausgemeinschaft und in den Dienststellen ihre einstigen Herrn, während andere sich auf eigene Faust irgendwo niederlassen und völlig selbständig sind. Doch in dem einen wie in dem anderen Fall verbindet ein symbolisches Band die Freigelassenen mit der Hausgemeinschaft ihres Herrn, der nun ihr Patron ist. (93)

Freigelassene waren ursprünglich verpflichtet, zweimal täglich im Hause vorzusprechen und dem pater familias ihre Aufwartung zu machen. (95)

Die morgendliche Begrüßung ist ein Ritual; ihr fernzubleiben würde die Aufkündigung der Klientschaft bedeuten. Im festlichen Gewand (der Toga) steht man Schlange. Jeder Besucher erhält eine symbolisches Trinkgeld (...), davon können die Ärmsten einen Tag lang zehren. (97)

In der römischen Welt setzen sich der Senat und die Stadtverwaltung tatsächlich aus den Vornehmen und Notabeln zusammen, (...). (98)

Das Private im Öffentlichen

Die Größe Roms war kollektiver Besitz der herrschenden Klasse und der leitenden Senatorengruppe; ebenso waren die vielen autonomen Städte, aus denen das Reicht bestand, die Pfründe der örtlichen Notabeln. (...)
Der Senat war ein Club, und die Clubmitglieder befanden darüber, ob jemand das geeignete Profil besaß, um in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden und zum kollektiven Prestige des Clubs beizutragen. (102)

In Rom plündert jeder Höhergestellte seine Untergebenen aus, genauso wie dies im chinesischen und im türkischen Reich der Fall war, die nach dem Bakschisch-Prinzip funktionierten und dennoch jahrhundertelang ihre Herrschaftsfähigkeit bewiesen. (...) Die Soldaten zahlten seit jeher den Offizieren Schmiergelder, um von Dienst verschont zu bleiben. (...) Jedes öffentliche Amt war ein Schauplatz von Schiebergeschäften, bei denen die Vorgesetzten ihre Untergebenen ausbeuten und alle gemeinsam die Bürger. So war es in der Blütezeit Roms, und so war es zur Zeit seines Niedergangs. (103)

Und da es keine Ernennung ohne die Empfehlung eines bei Hofe wohlgelittenen Patrons gab, wurden auch die Fürsprachen (...) verkauft oder jedenfalls bezahlt. (...) Schließlich wurde die Höhe der Schmiergelder offiziell festgesetzt, und in den Amtstuben hing eine Art Gebührentafel für die Amtshandlungen aus. (104)

Sich in seinem Amt zu bereichern, galt noch bis zum 19. Jahrhundert als nicht ehrenrührig. (...) Nachdem Cicero ein Jahr lang Statthalter einer Provinz gewesen war, hatte er nur umgerechnet drei Millionen DM verdient und konnte sich darauf etwas zugute halten, denn das war recht wenig. (...) Jahrtausendelang haben sich die Souveräne zur Erpressung von Abgaben und zur Einschüchterung der Menschen einer Mafia namens Verwaltung bedient, (...). (105)

Man diente nicht dem Staat, sondern man bediente sich durch ihn und an ihm. (106)

In der Praxis standen die öffentlichen Aufgaben in der Stattverwaltung, und erst recht die im Senat, nur den reichen Familien offen. (111)

(...) wurden die meisten der öffentlichen Gebäude, die heute von den Archäologen untersucht und von den Touristen bestaunt werden, von den örtlichen Notablen aus eigener Tasche bezahlt. (...) Denn jeder, der ein munizipale Würde erlangte, musste zahlen. Er vermachte den Stadtsäckel eine feste Summe, kam während seines Amtsjahres für die Schauspiel auf oder ließ ein Bauwerk errichten. (...) Die große Mehrzahl der Amphitheater (...) wurden von Mäzenen gestiftet, die damit der Stadt ihren Stempel aufdrückten. (..) Jedes Jahr und in jeder Stadt spielten sich kleine Komödien ab - es galt, neue Kühe zu finden, die man melken konnte. Jedes Ratsmitglied klagte laut, das es ärmer sei als die anderen, (...). (112-113)

Die Klasse der Notabeln hatte daher die zweifelhafte Genugtuung, sich als Besitzer der Stadt empfinden zu können, da sie für sie zahlte. Zum Ausgleich konnte sie nach Gutdünken die kaiserlichen Steuern umverteilen und deren Hauptlast auf die armen Bauern abwälzen. (114)

Schon unter der römischen Republik suchten die Angehörigen des Senatorenstandes sich beliebt zu machen, indem sie öffentliche Schauspiele und Bankette arrangierten, nicht um die Wähler zu bestechen, sondern um der Plebs zu gefallen. (118)

Arbeit und Muße

Die Städte sind im wesentlichen der Ort, an dem die Notablen, so wie der städtische Adel der italienischen Renaissance, die Erträge aus der Landwirtschaft ausgeben. Hier besteht also ein großer Unterschied zum Mittelalter, als der Adel im Lande verstreut auf seinen befestigten Schlössern lebte. - Umringt waren die städtischen Notabeln von Handwerkern und Kaufleuten, die als Zulieferer der Reichen fungierten. (...) Der Müßiggang ist das Kernstück ihres Privaten Lebens. Die Antike erblickte im Müßiggang eine Tugend. Der städtische Adel empfand nichts als Verachtung für das flache Land und betrachtete mit Argwohn eine Stadt, in der es auch Arbeiter gab. (121)

Die Verachtung des Wertes der Arbeit war gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Verachtung der Arbeiter. (122)

Ein wohleingerichtete Stadt ist Platon zufolge jene, in der die Bürger sich von der Feldarbeit ihrer Sklaven ernähren und die Ausübung von Berufen den kleinen Leuten überlassen. (...) Die Notabeln der griechisch-römischen Welt wähnten sich nicht der Hälfte der Menschheit überlegen, wie die Adligen im vorrevolutionären Frankreich; sie verstanden sich als die Menschheit schlechthin. Die Armen waren moralisch makelhaft; sie lebten nicht so, wie man leben musste. Reichtum war Tugend. (123)

Warum ist bis zur Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert der handel fast überall beargwöhnt worden? Die Antwort lautet: weil der Reichtum aus Handel der Reichtum der Neureichen war, während der alte Reichtum sich dem Boden verdankte. (126)

Die Abwertung des nicht auf Grundbesitz beruhenden Reichtums ist eine Ablehnung des Parvenüs. (127)

Die Archäologen haben Hunderte von Grabasteinen gefunden auf denen der Verstorbene sich in seinem Kaufmannsladen oder seiner Handwerksstube abbilden ließ. Wie fast alle kulturellen Phänomen in Rom sind auch solche Grabsteine griechisch inspiriert - schon in Athen des 5. Jahrhunderts besaßen die Handwerker ein eigentümliches Klassenbewusstsein. (134)

So gab es in Pompeji schöne Häuser, geschmückt mit Malereien und Marmorstatuen, deren Besitzer Bäcker, Walker oder Töpfer waren, die sich offen zu ihren Beruf bekannten. (...)Richtig verstanden drücken diese Bildnisse das Gegenteil plebejischer Unterwürfigkeit aus. Sie bezeugen den Reichtum einer Mittelschicht, die Wert darauf legt, sich von der Plebs zu unterscheiden. (...) Zwar zählen diese Bäcker, Metzger, Wein-, Tuch-, und Schuhhändler (noch) nicht zu den städtischen Notabeln, aber sie sind erheblich reicher als die Plebs und ebenso reich wie viele Notabeln. (135)

Es gibt also, innerhalb der Plebs drei ökonomische Schichten zu differenzieren; 1. Die Mehrheit der Plebejer besitzen nichts und verdient sich das Brot von Tag zu Tag. (...) 2. Ein armer Krämer, Schuster oder Schankwirt hat so wenig Geld, dass er sich jeden Morgen die paar Waren besorgt, die er tagsüber verkaufen will. (...) 3. Der reiche Kaufmann ist jemand, der genügend Kapital besitzt, um mehrere Fässer Wein, mehrere Säcke mit Lebensmitteln oder ein ganzes Sortiment von Schuhen am Lager zu halten. (...) Der Krämer hat in seinem Laden zugleich seine Wohnung (...); der reiche Kaufmann hingegen besitzt sein eigenes Haus, eine domus samt Patio vorn vier- bis fünfhundert Quadratmetern, in das er seine Erträge investiert hat; (136)

Schließlich bleiben jene vier Fünftel der Gesellschaft, die sich auf dem Lande abrackern. (137)

Zensur und Utopie

Was jedoch unterschiedslos alle Inschriften bekunden, sins nicht die Trauer der Hinterbliebenen, sondern die soziale Rolle des Verstorbenen und seine Treue zu den Verwandten. (169)

Die herrschende Klasse kennt keine Verschwörung des Schweigens; ihre öffentlichen und privaten Fehler sind für die kleine Leute durchaus sichtbar. (172)

Jeder Aristokrat muss sich gravitätisch geben, denn er ist ein Mann von Gewicht (gravis). (173)

Der Fehler lag nicht in der Klassengesellschaft, sondern in einem Verhaltensmakel, den, quer durch die Klassen, praktisch alle Menschen teilten: in der Verweichlichung, aber auch in der Neigung zum Übermaß. (...) Ein halbes Jahrtausend haben Griechen und Römer geglaubt, dass ihre Gesellschaft im Verfall begriffen sei - das berühmte dekadente Rom. (176)

Vergnügen und Exzess

Der politische Stil in der Blütezeit des Römischen Reiches ist ein Stil der Geselligkeit. (182)

Dem liberalen Ideal zufolge sollten sowohl die zwischenmenschlichen Beziehungen als auch die innere Unabhängigkeit des Einzelnen vom Gefühl der Freundschaft, nicht dem der Leidenschaft bestimmt sein. Liebe ist Versklavung; Freundschaft jedoch ist Freiheit und Gleichheit, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass Freunschaft oft wenn gleich nicht immer Klientschaft bedeutete. (183)

Der Stil in den ersten zwei oder drei Jahrhunderten des Kaiserreiches war also urban, im doppelten Sinne des Wortes. Die Notabeln bildeten, (...), einen städtischen Adel, seine Güter auf dem Lande nur in den heißen Sommermonaten aufsuchte. (...) Ganz sie selbst konnten die Menschen nur in der Stadt sein. (...)
Das Gastmahl war für die Römer ebenso wichtig wie der Salon für die französische Aristokratie des 18. oder Versailles für den Adel des 17. Jahrhunderts. (184)

Ohne die Ruhelage war ein richtiges Fest undenkbar, nicht einmal bei den Armen. (185)

Zu Beginn des Mahls aß man, ohne zu trinken. Später trank man dann, ohne zu essen; (...) Das Gastmahl war mehr als nur ein Gastmahl. Man erwartete von den Gästen, das sie ihre allgemeine Denkungsart und ihre Auffassung von bestimmten Themen äußerten oder aus ihrem Leben erzählten. (...)
Das klassische Gastmahl war nicht allein ein Anlass zum Essen und Trinken, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis; so begründete es denn eine eigene literarische Gattung, das Symposion, bei dem Philosphen, Gelehrte (grammaticie) und gebildete Menschen hochgeistige Gespräche führten. (186)

Gewöhnliche Leute genossen die Freunden der Geselligkeit auf weniger erlesene Weise. Sie hatten ihre Schenken sowie ihre Kollegien oder Bruderschaften. (...)
Im Prinzip waren die Bruderschaften frei, private Vereinigungen, die sich aus Freien und Sklaven zusammensetzen, die demselben Gewerbe nachgingen oder denselben Gott verehrten. (...)
Jede Bruderschaft beschränkte sich auf das Territorium einer einzigen Stadt, ihre Mitglieder lebten dort und kannten sich untereinander. Sämtliche Mitglieder waren Männer. (187)

Ein Kult war nichts anderes als ein Fest, an dem die Götter ebensosehr Gefallen fanden wie die Männer und Frauen, die es begingen. (191)

Religiöse Feste gewährten eine doppelte Genugtuung - man vergnügte sich, und gleichzeitig erfüllte man man seine religiösen Pflichten. (...)
Jedem Opfer folgte ein Festessen, bei dem das Opfertier auf dem Altar gebraten und dann verzehrt wurde. (...) Die Teilnehmer verspeisten das geopferte Tier, der Rauch stieg zu den Göttern auf. (...)
Der religiöse Kalender, der übrigens von Stadt zu Stadt variierte, war ausgefüllt mit Fest- und Feiertagen, an denen die Arbeit ruhte. (...) (Nebenbei bemerkt, setzte sich die Woche als Zeiteinheit erst gegen Ende des Altertums allgemein durch; sie ist übrigens eher astrologischen als jüdisch-christlichen Ursprungs). An Festtagen lud man seine Freunde zum gemeinsamen Opfer in seine Wohnung ein (...), und bei derlei feierlichen Anlässen drang, wie Tertulian berichtet, aus vielen Häusern Weihrauchgeruch. (192)

Die Bäder

Neben den Freuden und Ekstasen des religiösen Kalenders gab es andere Vergnügungen weltlicher Art, die nur eine Stadt bieten konnte; sie rechneten zu den Bequemlichkeiten (commoda) der Urbanität und waren das Ergebnis öffentlicher Wohltätigkeit, des Euergetismus: öffentliche Thermen, Theater, Wagenrennen im Zirkus, Kämpfe zwischen Gladiatoren oder Jägern und wilden Tieren in der Arena des Amphitheaters (bzw. in den griechischen Gebieten: des Theaters). (...)
Zu den Thermen hatte jedermann Zutritt- Freie, Sklaven, Kinder, ja sogar Fremde. (...) Die Badehäuser dienten nicht der Reinlichkeit. sie boten vielfältige Vergnügungsmöglichkeiten, so wie heute die Badestrände. Christen und Philosophen versagten sich diese Vergnügungen; sie waren nicht auf äußere Reinlichkeit erpicht und badeten nur ein- oder zweimal im Monat. Der schmutzige Bart eines Philosophen galt als Beweis seiner unbeugsamen Askese, worauf der stolz war. (194)

r ein paar Pfennige konnten sich die Armen stundenlang in einer luxuriösen Umgebung aufhalten, die ihnen die Behörden, der Kaiser oder die städtischen Notabeln zur Verfügung gestellt hatten. Neben komplizierten Installationen, z.B. für warme und kalte Bäder, gab es Promenaden und Plätze für Sport und Spiel. (Das griechisch-römische Bad war zugleich ein Gymnasium uns wurde auch in griechischen Gegenden noch immer so genannt.) Die beiden Geschlechter badeten getrennt - jedenfalls in der Regel. (...)
Seit Beginn der hellenistischen Ära hatte das Bad nicht mehr die Aufgabe, die individuelle Reinlichkeit zu erleichtern; es geriet zunehmend zum Schauplatz des Amüsements. (...)
In einer Zeit, da in den Häusern selbst bei klirrender Kälte nur mit Kohlebecken geheizt werden konnte und die Menschen in der Wohnung wie auf der Straße im Mantel umhergingen, fungierten die Bäder als willkommene Wärmestube. (...)
Der funktionale Zweckbau von einst wurde zum Traumpalast. Skulpturen, Mosaiken, gemalter Dekor und verschwenderische Baukunst suggerierten die Pracht einer Kaisserresidenz für jedermann. (195)

Schauspiele

In Rom und anderen italienischen Städten waren solche Spektakel beim Publikum besonders beliebt, in griechischen Gegenden vornehmlich die sportlichen Wettbewerbe. (196)

Sportler, Schauspieler, Wagenlenker und Gladiatoren waren Stars. Das Theater bestimmte, was Mode war; das Volk sang die zündenden Lieder, die es zuerst von der Bühne vernommen hatte. (...)
Dem Ideal des Müßiggangs stand nicht das Ideal eines Lebens voller Anstrengungen und Arbeit gegenüber; Adel und Plebs nahmen die öffentlichen Spektakel gleichermaßen ernst. (...)
(Alle Gladiatoren waren Freiwillige; andernfalls hätten sie eine schlechte Figur in der Arena gemacht.) (...)
Die Gladiatoren versorgten Rom mit einem wohlinszenierten Sadismus, der den Menschen offenkundig Vergnügen bereitete: das Vergnügen am Anblick von Leichen und Sterbenden. Gladiatorenkämpfe waren kein Waffengang mit kalkuliertem Risiko. Sinn der Übung war es vielmehr, den Tod eines der Kämpfer zu erleben bzw. über Schonung oder Tötung eines besiegten Gladiators zu entscheiden, der ermattet und in Todesangst, bloß noch um Gnade betteln konnte. (197)

Wollust und Leidenschaft

Der Lüstling war ein Mann, der gegen drei Tabus verstieß: Er machte Liebe vor Einbruch der Dunkelheit (Geschlechtsverkehr bei Tageslicht war ein Vorrecht der Neuvermählten am Tag nach der Hochzeit); er machte Liebe im unverdunkelten Zimmer (...); er machte Liebe mit einer Frau, die er zuvor völlig entkleidet hatte (nur gefallene Frauen liebten, ohne wenigsten den Büstenhalter anzubehalten, und Malereien aus pompejanischen Bordellen zeigen, dass selbst Prostituierte sich dieser letzten Hülle nicht entledigten. (...) Wollte ein anständiger Mann die Geliebte nackt erblicken, so musste er warten, bis der Mond im richtigen Augenblick ins Zimmer schien. (198-199)

Daher gab es zwei schändliche sexuelle Praktiken: Einer Frau mit dem Mund Lust zu bereiten galt als knechtisch und feige; sich anal koitieren zu lassen galt für einen Freigeborenen als Höhepunkt der unzüchtigen sexuellen Passivität (...) und war ein Zeichen mangelnder Selbstachtung. Die Päderastie war ein lässliche Sünde, solange ein Freier sie mit einem Sklaven oder einem Verächtlichen praktizierte. (...) Jedermann mochte mit einem Geschlechtsgenossen sinnliche Freuden teilen, und die Päderastie war im toleranten Altertum gang und gäbe. Viele im Grunde heterosexuelle Männer gaben sich zu sexuellen Zwecken mit Knaben ab. Geschlechtsverkehr mit Knaben galt sprichwörtlich als ein nervenschonendes Vergnügen, das die Seele nicht aufwühlte, während die Leidenschaft für ein Weibe einen freien Mann in unerträglicher Sklaverei stürzte. (...)
Die Liebesleidenschaft war nach Überzeugung der Römer vor allem deshalb zu fürchten, weil sie einen freien Mann zum Sklaven einer Frau machen konnte (...). (200)

Das zärtliche Schwelgen in den Freuden der Sinne, aus denen Entzückungen der Seele werden, ist dem Altertum fremd. (201)

Besänftigungsmittel

Doch für die Alten bildeten moralische Vorschriften und spirituelle Tätigkeiten einen wesentlichen Bestandteil der Philosophie, nicht der Religion; (203)

Das Heidentum der Griechen und Römer war zwar eine Religion, die weder Erlösung noch ein Leben nach dem Tod kannte; (...) Jedermann hatte das Recht, seinen eigenen Tempel zu eröffnen und jeden Gott zu predigen, der ihm beliebte, so wie er das Recht hatte, eine Schenke zu eröffnen oder ein neues Produkt zu vertreiben. (...)
Da die Götter Lebewesen sind, gibt es bei ihnen Mann und Frau. Daraus folgt, dass auch die Götter anderer Völker echte Gottheiten sind. (...) Jupiter war in der ganzen Welt Jupiter, so wie ein Löwe überall ein Löwe ist; aber in Griechisch hieß er Zeus, in Gallisch Taranis, in Hebräisch Jahwe. (...)
In der antiken Welt beweisen Gläubige dieselbe Toleranz gegeneinander wie heutzutage hinduistische Sekten. Dass man sich für einen bestimmten Gott besonders interessierte, hieß nicht, dass man anderen Göttern die Existenzberechtigung absprach. (204)

Die Römer rissen Witze über die zahllosen Liebesabenteuer der großen Jupiter, so wie die Untertanen Heinrichs IV. über die königlichen Amouren spotteten, ohne ihren Herrscher deswegen weniger zu fürchten und zu respektieren. (205)

Beziehungen zu den Göttern

Wenn Gott ein Vater ist, dann vermag man kaum etwas anderes als zu ihm zu beten. Doch wenn die Götter Patrone sind, dann kann man auf der Basis von Gaben und Gegengaben verkehren, im Zeichen einer Freundschaft zwischen ungleichen Partnern, die jeder ihr eigenes Leben leben und nur zum gegenseitigen Nutzen in Kontakt miteinander treten. (207)

Die Sekten der Epikureer und Stoiker lieferten ihren Anhängern eine Formel, die philosophisch auf der Natur des Kosmos gründete (...). Erklärtes Vorhaben beider Sekten war es, die Menschen so gelassen zu machen, wie es die Götter waren. (218)

Beide Sekten meinten, dass ein Mensch, der infolge von Krankheit oder Verfolgung sich nicht mehr imstande sah, ein würdiges Leben in seinem Körper oder seiner Heimatstadt zu führen, vernünftigerweise Zuflucht zum Selbstmord nehmen könnte; der Selbstmord war sogar der ausdrücklich empfohlene Ausweg aus solchen Situationen. (219)

Sie gelobten Hingabe an die Philosophie und gingen in ärmlichen Gewändern umher - geradezu die Tracht der Philosophen. (...) Kein römischer Schriftsteller, Dichter oder Gelehrte spielte die Rolle des öffentlichen Gewissens, die allein den Philosophen vorbehalten war (...). Philosophen war es gestattet, öffentliche Tadel und Rat zu erteilen; eine ihrer Aufgaben bestand darin, der Stadt, die sie gerade besuchten, moralische Orientierung zu geben. (220)

Wie Pierre Hadot gezeigt hat, wurden antike Philosophien nicht entworfen, um die Wahrheit zu erhellen, sondern um das Verhalten zu ändern und mittels geistiger Exerzitien (die dem Christentum als Vorbild dienten) das Leben des Gläubigen zu beeinflussen. Diese Übungen mussten täglich staatfinden. (221)

Der Stoizismus wurde zur Ideologie der rechtschaffenen Menschen und allgemein geachtet. (222)

Ohne die Kenntnis einer Sekte und ihres Dogmas konnte niemand den Anspruch erheben, gebildet zu sein. (223)

Ein kranter und altersschwacher Mensch starb lieber einen würdigen Tod von eigener Hand als jenen qualvollen, der ihn vielleicht erwartete, wenn er den Dingen ihren Lauf ließ. Der Selbstmord wurde akzeptiert, ja, bewundert. (224)

Die vornehmen Wenigen

Die Pädagogik überantwortet das Kind nicht der Schule, sondern der Stadt. Das begann damit, dass der paedagogous den siebenjährigen Knaben bei der Hand nahm und aus dem Elternhaus auf das Forum führte, wo seine Lehrer, nur notdürftig von diesem Zentrum städtischer Betriebsamkeit abgeschirmt, in ihren Klassenzimmern saßen. (234)

Zwischen homosexueller und heterosexueller Liebe wurde keine Unterschied gemacht. Was die beiden miteinander verband, war das Faktum der körperlichen Lust. (236)

Die grausamen Gladiatorenkämpfe waren in jeder großen Stadt des Mittelmeerraums ein Bestandteil der offiziellen Feier zu Ehren des Kaisers. (...)
So kam es im 2. Jahrhundert n. Chr. zu einem tiefgreifenden Wandle in der Einstellung zum Ehepaar. (239)

Die Stoa ermahnte den Mann der Oberschicht, nach dem universellen Gesetz des Kosmos zu handeln und sich über die kleinlichen Rücksichten und heißen Leidenschaften der Gesellschaft zu erheben. (241)

Was die Philosophen als vorsichtige Erweiterung einer uralten und nach innen gekehrten Moral der Elite präsentierten, wurde in den Händen christlicher Lehrer zum Fundament eines ganz neuen Gebäudes, dessen Anspruch alle Klassen umfasste. (...) Die erstaunlich rasche Demokratisierung einer philosophischen Gegenkultur der Elite durch die Sprecher der christlichen Kirche ist der tiefste revolutionäre Einschnitt in spätklassischer Zeit. (242)

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts waren diese Ideen den Bewohnern der Hauptregionen des Mittelmeerraumes zugänglich gemacht worden, und zwar in den damals verbreiteten Sprachen der unteren Schichten - Griechisch, Koptisch, Syrisch und Latein. (243)

Zwar haben die christlichen Kirchenführer kein neues Moralsystem eingeführt. Aber sie taten etwas viel Entscheidenderes: Sie bildeten eine neue Gruppe, die trotz ihrer Innenspannungen auf Solidarität setzte und damit gewährleistete, dass ihre Mitglieder das praktizierten, was heidnische und jüdische Moralisten seit geraumer Zeit predigten. (251)

Vieles von dem, was an der Moral der frühen Kirchen als typisch christlich galt, war in Wirklichkeit das typische Moral eines Teils der römischen Gesellschaft, der in der Literatur der Vornehmen nicht vorkommt. Es war die Moral der sozial Gefährdeten. (...) Folgsamkeit der Knechte, ehrliche Geschäfte zwischen Partnern und eheliche Treue waren für Menschen, die durch sexuelle Libertinage, durch Tücke und durch Unbotmäßigkeit der wenigen Haussklaven in ihrer Existenz erschüttert werden konnten, von viel stärkeren Gewicht als für die Reichen und Mächtigen. (...)
Solidarität war die natürliche Konsequenz einer Moral sozialer Außenseiter. (252)

Indem sie Almosen gaben und den bedürftigen Gemeindemitgliedern die Chance einer Beschäftigung boten, bewahrten Juden wie Christen ihre Glaubensgenossen davor, gänzlich zu verarmen und ihren heidnischen Gläubigern oder Arbeitgebern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. (...)
Beruhte das bisherige Modell städtischer Geschellschaft auf der Pflicht der Vornehmen zum Unterhalt ihrer Stadt, so das neue Modell auf der impliziten Solidarität der Besitzenden mit den Habenichtsen. (253)

Da die Christen nicht über ähnlich klare rituelle Abgrenzungen wie das Judentum (die Beschneidung und die Speisegesetze) verfügten, artikulierten sie ihre Besonderheit gegenüber den Heiden vornehmlich in ihrer außergewöhnlichen sexuellen Disziplin. (...) Kurz, diese außergewöhnliche Ehemoral mäßig wohlhabender Leute verriet einen außergewöhnlichen Willen zur Ordnung. (254)

Mit der Ablehnung der Wiederverheiratung sorgte die Gemeinde dafür, dass stets eine Schar ehrenwerter Witwen und Witwer zur Verfügung stand, die Zeit und Kraft für den Dienst in der Kirche hatten. (255)

Geschlechtliche Entsagung (...) wurde zur Bedingung der Führungsrolle des Mannes in der christlichen Kirche. (...) Die Aufnahme in die Kirchenführung wurde an das Zölibat gekoppelt. (256)

Kirche und Kirchenführung

Zölibat bedeutete für die christliche Gemeinde Abkehr von einer höchst privaten Motivationsquelle des Menschen und Auflösung eines der tatsächlichen privaten sozialen Bande, welche Kontinuität und Zusammenhalt der Gesellschaft verbürgten. Der Zölibat erzeugte einen Gegensatz zwischen der Gesellschaft der Kirche, die in der Öffentlichkeit von zölibatären Männern geleitet und repräsentiert wurde, und der Gesellschaft der Welt, in welcher der Stolz des falschen Herzens, der Ehrgeiz und die hartknäckigen Übereinkünfte von Familie und Verwandtschaft ungehindert walteten. (259)

Zölibatär und mithin von der Welt distanziert, waren die christlichen Bischöfe und Kleriker gegen Ende des 3. Jahrhunderts zu einer Elite geworden, die sich in den Augen ihrer Bewunderer an Prestige durchaus mit den traditionellen Eliten der städtischen Notabeln messen konnte. (260)

In der Gesellschaft der späten Kaiserzeit regierte eine Allianz aus Beauftragten des Kaisers und Großgrundbesitzern, die gemeinsame Sache machten, um die steuerpflichtigen Bauern zu kontrollieren und in den Städten für Recht und Ordnung zu sorgen. (262)

Aber die christliche Basilika blieb der Ort, an dem sich Männer und Frauen aus allen Klassen versammelten und alle gleichermaßen vor dem hohen Bischofsstuhl in der Apsis dem prüfenden Blick Gottes ausgesetzt waren. (264)

Die Krüppel und die Bedürftigen, die Nichtseßhaften und die vor der Not des bäuerlichen Daseins Geflüchteten drückten sich in Scharen vor den Türen der Basilika herum oder schliefen in den Säulenhallen der äußeren Höfe. (...) Gerade diese Anonymität aber machte sie zur idealen Remedur für die Sünden der glücklicheren Mitglieder der christlichen Gemeinde. (266)

Die Mönche (...) bewegten sich in einer anderen, fast archaischen christlichen Tradition. Ihre spirituellen und moralischen Haltungen speisten sich aus der Erfahrung einer vorwiegend ländlichen Umgebung, die mit jener der Christen in den Städten kaum etwas gemein hatten. (...) Gegen Ende des 4. Jahrhunderts stand die christliche Kirche in den Städten im Banne eines radikal neuen Begriffs vom Menschen und von der Gesellschaft, den die Männer des Wüste entwickelt hatten. (275)

Das Paradigma des Mönchtums konnte sich auf die radikalen Entwürfe der heidnischen Gegenkultur berufen, zumal auf den gründlich asozialen Lebensstil der Kyniker und auf eine lange jüdisch-christliche Überlieferung. (277)

Im gesamten Mittelmeergebiet bildeten die Mönche gemeinsam mit den anonymen Armen eine neue, universelle Klasse, die keine Bindungen an Stadt und Land mehr kannte, das sie hier wie dort gleichermaßen auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen war. (279)

Das Mönchtum (...) rüttelte an der Bedeutung der öffentlichen Räume als Hauptort der Sozialisation der männlichen Jugend. (...) Einigermaßen wohlhabende dörfliche und städtische Familien bestimmten ihre Kinder zum Dienst an Gott, (...). (280)

Diese jungen Mönche verschwanden nicht für immer in der Wüste. Oft kehrten sie nach einigen Jahren zurück, sogar in die Städte, und repräsentierten eine neue Elite von Äbten und Klerikern, die durch die Schule der Askese gegangen waren. Das Kloster war die erste Gemeinschaftsorganisation, die eine ganz und gar christliche Erziehung ermöglichte. (...) Denn bis zum Ende des 4. Jahrhunderts war es selbstverständlich, dass sämtliche Knaben, Heiden wie Christen, im Kreise ihrer Alters- und Standesgenossen die zeichenreiche, profilierte und extrovertierte Schamkultur erlernten, die in den Klassenzimmern des antiken Rhetors am Rande des Forums ihre Ergänzung fand. Dies alles verstummte jetzt. (281)

Chrysostomos, der große Psychologe des religiösen Schreckens, erkärte die Gottesfurcht, die dem heranwachsenden Knaben Tag für Tag durch die Anwesenheit des christlichen Vaters eingeflößt wurde, zur Grundlage eines neuen, christlichen Verhaltens.
Wir sehen das frühbyzantinische Antiocha vor uns - es ist keine hellenistische Stadt mehr, (...). Die öffentlichen Räume der Antike sind hier unbekannt. Theater und Forum gib es nicht. Gewundene, schmale Gassen führen zu den großen religiösen Versammlungen in der christlichen Basilika und zu abgelegenen Höfen, wo in abgeschirmter Privatheit der gläubige Vater seine Söhne in der Gottesfurcht unterweist. Es ist ein Blick in die Zukunft - in die islamische Stadt. (282)

Das Leben des Mönchs war der Vorschein paradiesischer Geschlechtslosigkeit. (...) Das Fleisch des Weibes brennt wie Feuer. Radikalchristliche Asketen leugneten offen den Wert der Ehe und sogar der Sexualität. (285)

Um dem im mönchischen Paradigma schlummernden Radikalismus entgegenzuwirken, organisierte sich die Gesellschaft des östlichen Mittelmeergebietes bewusster denn je zuvor als eine Demokratie der sexuellen Scham. (...)
Die mönchische Literatur dieser Wüstenmenschen erzeugte enorme Ängste; sie verpönte den Geschlechtstrieb als ein Gift, das alle sozialen Beziehungen zwischen Mann und Frau infizierte. (286)

Das 6. Jahrhundert ist das Jahrhundert der kindlichen Heiligen, der Rekrutierung von Kleinkindern für die Askese. (289)

Zu dem altehrwürdigen Gebot, der Frau während der Menstruation und in der Schwangerschaft fernzubleiben, war die Pflicht zur Enthaltsamkeit während der kirchlichen Fasten- und Festzeiten getreten. Sofern sie jedoch erlaubt war, galt die Beiwohnung zwischen Eheleuten als Normalität. Mehr noch, nach Meinung der Mediziner garantierte nur eine leidenschaftliche-lustvolle Entladung von Mann und Frau in einem innigen Geschlechtsakt die Empfängnis eines Kindes und die Qualität seines Temperaments - jene Mischung warmer und kalter Säfte, die einen Knaben oder ein Mädchen entstehen ließ, einen gesunden oder einen kränkelnden Charakter. (291)

Die christlichen Paare glaubten nach wie vor das, was ihnen ihr Arzt sagte: Nur ein inbrünstiger und lustvoller Liebesakt konnte ihnen jene Kinder schenken, die in den Augen des zölibatären Klerus den Geschlechtsakt erst rechtfertigten. (296)

III. Privates Leben und Hausarchitektur in Nordafrika
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Weder Bürgern noch Fremden, wiederum mit Ausnahme weniger Privilegierter, war es erlaubt, eine Stadt zu Pferd oder in einem Wagen zu durchqueren; (...)
In manchen Regionen des Römischen Reiches gab es Landhäuser mit gut funktionierender Heizung (...); doch in den Städten Italiens behielten die Menschen auf der Straße ebenso wie in der Wohnung die Mäntel an und legten sich in ihrer Kleidung schlafen. (...) In den Stadtwohnungen brannten Kohlebecken; sie vermochten zwar nicht den Raum aufzuheizen, aber sie strahlten wohlige Wärme ab, an der man die steif gewordenen Glieder auftauen konnte. (301)

Die Möbel des römischen Hauses erinnern eher an unsere Gartenmöbel als an regelrechtes Wohnungsmobiliar. (...)
Es gab mehr leeren Raum als gefüllten Raum. Charakteristisch für den offenen Raum sind perspektivische Aus- und Durchblicke. (...)
Ob im Hause eines Reichen oder eines weniger Begüterten, Fußböden, Wände und Decken waren überzogen mit bunten Mosaiken, Stuckarbeiten und Malereien dekorativen und mythologischen Inhalts. (302)

Eine wesentliche Neuerung in der Geschichte des mediterranen Wohnhauses war die Einführung des Peristyls, d.h. des von einer Säulenhalle eingefassten zentralen Innenhofes, dem sich an den Seiten die verschiedenen Teile des Hauses angliederten. Diese griechische Erfindung wurde bald von den Puniern [semitische Phönizier in Nordafrika] übernommen; (...) Die afrikanischen Eliten griffen ein Bauschema auf, das ihrem Prestigebedürfnis vorzüglich entsprach, das es im Zentrum des Hauses ein architektonisches Element einfügte, das bis dahin öffentlichen Denkmälern vorbehalten war. (309)

Von Hippokrates über Aristoteles bis zu Vistruv gilt die korrekte Ausrichtung der Gebäude als entscheidend für die hygienische Anlag einer Stadt und die Gesamtheit ihrer Bewohner. (312)

Es ist bislang nicht gelungen, eine Hausfassade in ihrer ganzen Höhe zu rekonstruieren. So kennen wir Anzahl, Abmessungen und Plazierung der Fenster ebensowenig wie die Art ihrer Verriegelung. Auch fehlt es an Informationen über den praktischen Gebrauch der Fenster. (314)

Es ist also durchaus sinnvoll, das Erscheinen des Querschiffs in der frühchristlichen Architektur einerseits und in höfischen Baudenkmälern anderseits zu vergleichen. Der Vergleich ergibt, dass das Querschiff das Problem der zirkulierenden andächtigen Menge bei feierlichen Anlässen löste (...). (320)

Die Häuser der Vornehmen entstanden nicht in der Altstadt mit ihrer auf sozialer Homogenität gegründeten Straßenanlage. (...) Die Erweiterung der bebauten Fläche ging mit einer sozialen Differenzierung der Bevölkerung einher. Anstatt das dicht besiedelte Stadtzentrum zu renovieren, erweiterten die Bürger lieber ein Vorortgebiet zu einem vornehmen Quartier. (324)

(...) Versuch des Besitzers des Hauses der Jagd, sich auf Kosten der westliche am Grundstück vorbeiführenden Straße ein Becken für sein Privatbad bauen zu lassen. Das war ziemlich spät, frühestens um die Mitte des 4. Jahrhunderts. Das Becken wurde jedoch sorgfältig wieder aufgefüllt, vermutlich nachdem die Verwaltung protestiert hatte. Mindestens bis zum 4. Jahrhundert scheinen die Behörden stark genug gewesen zu sein, derlei eigenmächtige Korrekturen des Katasters zu verhindern. (327)

Das römische Recht hatte von Anfang an mit den juristischen Details zu tun, die das Nebeneinander von öffentlichen und privaten Raum implizierte; vor allem mussten die jeweiligen Rechte benachbarter Grundstückseigentümer miteinander in Einklang gebracht werden. Der Eingriff des Staates wurde in der Kaiserzeit deutlich spürbar; das beweist ein Senatsbschluss von 45 oder 46 n. Chr., der sich mit der Grundstücksspekulation in Rom befasste, Allmählich bildete sich die Vorstellung eines öffentlichen Interesses im Gegensatz zu den Interessen der privaten Grundstückseigentümer heraus. (...) Durch bestimmte Maßnahmen setzte der Staat seine Rechte als vorrangig. Ende des 4. Jahrhunderts gab es förmliche Verfahren zur Zwangsenteignung von privaten Grundbesitz, der für öffentliche Zwecke benötigt wurde. (328)

Viele Mitbürger, die das Haus eines Reichen niemals von innen zu Gesicht bekamen, konnten seinen Wohlstand an der Pracht des Haupteingangs ablesen. (336)

Nach dem Passieren des Haupteingangs befindet sich der Besucher im Vestibulum.
(…) Läden, die sich oft an der Vorderfront der Häuser befinden, Sie dienten entweder dem Hausbesitzer zum Verkauf der von ihm erzeugten Waren (...) oder sie wurden an Fremde vermietet. (337)

Texte und Inschriften lassen darauf schließen, dass Mietwohnungen für gewöhnlich in den oberen Stockwerken lagen; Treppen, die von der Straße aus leicht zugänglich sind, lassen vermuten, dass es in diesem Gebäude einige Mietwohnungen gab. (338)

Das Peristyl war das Herzstück jedes luxurösen Anwesens. (...) Peristyl der zentrale geometrische Ort des öffentlichen Teils des Hauses war, ein großzügig gestalteter Raum, der zum Empfang von Besuchern diente. (339)

Tatsächlich gab es so gut wie kein Peristyl von einiger Bedeutung, das nicht seine Wasserspiele gehabt hätte. (342)

Im Haus der Neuen Jagd in Bulla Regia ist der Speisesaal ebenfalls der größte und luxuriöseste Saal; (...) Die Zeremonie des Festessens erlaubte den Gastgeber vor allem, seinen Wohlstand zu demonstrieren; sie gab ihm zugleich Gelegenheit, seine Lebensphilosophie zu entwickeln und über Veränderungen seiner gesellschaftlichen und familiären Verhältnisse zu sprechen. (345)

Die Güte des Weines (...) war für ein Festmahl unabdingbar, aber auch die Speisen waren bedeutsam. (...) In Afrika zeugten vor allem Fischgerichte von Luxus. In der Tat war Fische eine kostspielige Speise (...) dreimal so teuer wie Fleisch (...). (346)

Der Speisesaal diente dem Hausherrn nicht nur zur Demonstration seines Reichtums, sondern auch dem familiären Leben. Denn an den Festgelagen nahmen häufig Frauen und sogar Kinder teil (...).

Der uralten Brauch, dass die Männer zu Tische lagen, die Frauen dagegen saßen, befolgten nur noch eingefleischte Konservative. (...) Die Mahlzeit diente dem Zusammenhalt der familia oder Hausgemeinschaft. Die Sklaven durften essen, was übrigblieb (...), und an Festtagen wir ihre Herren liegend speisen. (...) Es ist daher kein Zufall, dass gemeinsame Mahlzeiten zu wichtigen Daten in christlichen Gemeinden wurden: Gelegenheiten zur Nächstenliebe. (348)

Der Ort , an dem man saß, bezeichnete den Rang, den man einnahm; denn die Speiselager und der Platz auf jedem Lager waren streng hierarchisch geordnet. Der vornehmste Platz, nämlich rechts auf dem zentralen Speiselager, gebührte dem Hausherrn. (...) Die Gäste wurden von einem bestimmten Sklaven, dem nomenclator, an ihren Platz geführt, während die Gerichte von den servi triclinarii aufgetragen wurden, die jeweils ihre besondere Aufgabe hatten.

Die christlichen Gepflogenheiten gehen bruchlos aus der Tischkultur früherer Jahrhunderte hervor. (...)
Wenn Apuleius einen seiner Ankläger in Misskredit bringen will, nennt er ihr Vielfraß und schamloser Fresssack [...] ein Mensch, der sich nicht scheut, am hellichten Tage zu schlemmen (...). (350)

Wie wir aus zahlreichen Zeugnissen wissen, waren in Italien Klientelbeziehungen von großer Bedeutung; sie strukturierten die Gesellschaft, indem sie jedermann von einem mächtigeren Nachbarn abhängig machten, mit dem er Dienstleistungen tauschte. (354)

In allen Städten der römischen Afrika gab es öffentliche Thermen. Sie spielten eine wichtige Rolle im städtischen Alltag, die die Menschen hier nicht nur badeten, sondern auch körperlichen und geistigen Betätigungen nachgingen. (358)

(...) neuartige schamhafte Haltung gegenüber dem menschlichen Körper. Dies erklärt die Zunahme von privaten Bädern in vornehmen afrikanischen Häusern. (...)
Das private Bad machte die Wohlhabenden relativ unabhängig vom kommunalen Leben, das früher zumindest teilweise die Grundlage ihre Komforts gewesen war. (...) Aus demselben Grund waren manche afrikanischen Häuser mit Latrinen ausgestattet. (359)

Die Latrinen waren etwas Neues; früher musste man zum Nachttopf greifen, wenn der Gang nach draußen sich verbot. In der Einführung der Latrine artikulierte sich eine bewusste Schamhaftigkeit, eine neue Einstellung zu den Funktionen,Geräuschen und Gerüchen des Körpers. (360)

Funktionsweise der domus
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Die Dekoration, die üppiger wurde, je weiter man ins Innere des Hauses vordrang (....), unterstrich das in der Architektur waltende Mittel der Steigerung, (...). (364)

In römischen Häusern gab es, wie in modernen, viele Türen. Es war fast immer möglich, einen Raum abzuschließen. (...) Das Triclinium wurde für das abendliche Gelage geöffnet, während ansonsten abgesperrt und damit vom restlichen Haus isoliert war. (...) Vorhänge gebrauchte man anstelle von Türen und um große Räume zu unterteilen. (...) Je höher der Rang eines Menschen ist, desto mehr Vorhänge hat er in seinem Haus, sagt Augustinus (...). (367)

Die Häuser machten sich von kommunalen Einrichtungen unabhängig, während gleichzeitig das Hausinnere sich immer mehr gliederte und spezialisierte. (371)

Abendländisches Frühmittelalter
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Mit den großen Barbareneinfällen im 5. Jahrhundert ging im Abendland diese Autorität zugrunde, eine Tradition der Selbststilisierung brach ab, und es begann das, was man gelegentlich das finstere Mittelalter nennt. (392)

Das Private war im Mittelalter von viel größerer Bedeutung als im römischen Altertum. Der beste Beweis dafür ist der Niedergang der Stadt zugunsten des Landes. Die Lebensfreude, die einst auf den Straßen und in den großen Gebäuden der Stadt geherrscht hatte, zog sich nun in Häuser und Hütten zurück. (...) Doch im Zeitalter der germanischen Könige brach der Kult der Urbanität zusammen, und das private Leben trat an seine Stelle. Für die Neuankömmlinge - die Germanen - zählte praktisch alles zur Privatsphäre. (393)

Die neuen Herrschaften, die im 5. Jahrhundert in Gallien entstanden - westgotische, burgundische, fränkische -, bemühten sich, die politischen Institutionen und sozialen Strukturen des Römischen Reiches nachzuahmen, jedoch mit wenig Erfolg. (...)
In den germanischen Stämmen hatte die Macht einen sowohl magischen und göttlichen als auch einen kriegerischen Ursprung; sie wurde gemeinsam ausgeübt vom König, der die Befehlsgewalt innehatte, und seinem Gefolge freier Krieger. (397)

Was die Gruppe zusammenhielt, war nicht, wie in Rom, die Idee der öffentlichen Sicherheit und des Gemeinwohls; es waren private Interessen, die sich zu einer provisorischen, durch Siege automatische verlängerten Partnerschaft zusammenfanden. (...)
Diese Reduktion des Staates auf bloßen Grundbesitz führte zu blutigen Bürgerkriegen und zur Aufteilung des merowingischen Gallien in eine Reihe selbständiger Gebiete (...). Die Karolinger, eine andere vornehme Familie, die gewaltsam an die Macht kam, teilten das Königreich ebenfalls wie ihren Privatbesitz auf: 741 zwischen Pippimn und seinem Bruder Karlmann, 768 zwischen Karl dem Großen und Karlmann. (...)
Man kann nicht umhin festzustellen, dass diese konkrete, sinnliche Vorstellung vom Staat als dem Privateigentum des Potentaten von allen geteilt wurde, die im frühen Mittelalter Macht ausübten. (398)

Westgoten, Burgunder und Franken, für die sich das geschriebene Wort auf einige fromme Runen beschränkte, vertrauten im Laufe ihrer Wanderungen die Rechtsregeln dem Gedächtnis von Fachleuten an, die bei den Franken Rachinburgen hießen. Diese Männer wussten jeden Rechtsartikel auswendig und memorierten ohne Umschweife die neuesten Rechtsentscheidungen. Sie waren wandelnde Bibliotheken und die Inkarnation eines unberechenbaren und furchtbaren Rechts (....).
Es wurde ein Rechtsbegriff perpetuiert, der sich von dem des römischen Rechts radikal unterschied. (...) Die Ausweitung des Privatrechts auf Kosten des öffentlichen Rechts war also eine Neuerung der Germanen. (399)

Denn die Germanen hatten, mit Ausnahme der Westgoten, kaum Erfahrung mit Grundbesitz, und so bedeutet Besitz bei ihnen eifersüchtiges Wachen über kostbare und lebenswichtige Güter: Schmuck, Werkzeuge, Lebensmittel, Haustiere. (400)

(...) dass Diebstahl mit dem Tode bestraft wurde, während auf Mord nur eine Geldstrafe stand. Solche Prioritäten waren in einer Kriegergesellschaft unvermeidlich, die persönliche Besitztümer über Leib und Leben stellte. Für Völker am Rande des Überlebens war Haben wichtiger als Sein. (401)

Die Revolte der karolingischen Beamten seit 840, welche die Rechte des Königs an sich rissen, führte zu jener Expansion lokaler Gewalt, die man Feudalismus nennt. (404)

Seit 950 hatten sich im ganzen Reich feudale Kleinzentren gebildet. Der Feudalismus war, mit den Worten Georges Duby, die Aufsplitterung der Herrschaft in eine Unzahl selbständiger Einheiten. In jeder dieser Einheiten gab es einen Herrn, der aus eigener Machtvollkommenheit Befehls- und Strafgewalt übte. (405)

[Gilden] Männer aller Art, Handwerker, vor allem jedoch Kaufleute - schworen einander von gleich zu gleich gegenseitige Hilfe, komme, was da wolle. (...) Die zukünftigen Zunftgenossen feierten enorme Gelage, bei denen sie prassten, bis ihnen übel wurde, und so lange tranken, bis ihre benebelten Sinne in Kontakt mit übernatürlichen Kräften traten. (408)

Noch hermetischer als die Gilden kapselten sich die jüdischen Gemeinden ab. (...)
Die hermetische Abgeschlossenheit der jüdischen Gemeinden, verbunden mit der geistigen Überlegenheit der Juden, die eine Fülle abstrakter Kommentare zur Heiligen Schrift in sich aufnahmen, ließ die Christen staunend vor dieser autonomen, anonymen, aber einheitlichen Gruppe verharren, diese schweifenden Händler, die an einem bestimmten Ort wohnten, aber ihre Wurzeln überall zu haben schienen - in Spanien, in Ägypten, in Italien und wo nicht sonst. (409)

Anders als die jüdischen Gemeinden brachen die Mönche die Beziehungen zur Umwelt nicht gänzlich ab, um sich im Gewebe der Gesellschaft einzukapseln. Gäste, Pilger und Novizen wurden im Kloster empfangen. (...) Paradoxerweise wurden die Klöster, diese Schulen der Spiritualität, zugleich zu landwirtschaftlichen Musterbetrieben und Künstlerwerkstätten. (410)

(...) zu den bemerkenswerten Erscheinungen in den germanisch-lateinischen Ländern gehörte das Einsiedlerwesen, das nun in mehreren Wellen über sie hereinbrach. (...)
Waren die Bettelmönche des 7. Jahrhunderts vor allem Leute aus dem Volk und Frauen gewesen, so waren am Ende der karolingischen Zeit die meisten Eremiten Männer und aus dem Adel. (411)

Ganz auf sich allein gestellt, verkörperte der Eremit eine Antigesellschaft; im Gegenmodell zu rastlosen Suche nach Besitz hatte er die Vergnüglichkeit des Daseins entdeckt. (...) Wer verarmt war, fand Schutz in der Kirche, Kathedrale oder ländlichen Pfarrkirche, indem er seinen Namen auf eine Liste, die Matrikel, setzte. Daraufhin gewährten die Kirchenoberen ihm und einem Dutzend (symbolische Zahl!) weiterer Leidensgefährten Kost und Logis. (412)

Asylrecht eine Konstante des Frühmittelalters - für die Schwachen eine Hoffnungsschimmer, für die Zyniker ein Ruhepunkt. (413)

Vor allem die Weingärten bedurften besonderer Bewachung, und jedes fremde Haustier, das Weinreben oder Trauben abfraß oder niedertrampelte, wurde sofort getötet. (...)
Den Franken muss der Schutz ihre Privateigentums am Herzen gelegen haben, wenn ihnen die Einhegungen so wichtig waren. (...) Der kostbarste aller eingehegten Räume war natürlich der Garten. (...)
Der Garten war ein stiller, intimer Ort, an dem man ungestört arbeiten konnte, eine Welt für sich, in der man die Freuden des Lebens genoss und vom selbstgezogenen Obst und Gemüse kostete, das bekanntlich am besten schmeckt. (414)

Gastfreundschaft war Pflicht. Das burgundische Recht bestimmte: Wer einen Gast, der zu ihm kommt, von seinen Dach und seinem Herde weist, zahlt 3 Schillinge als Strafgeld. (...) Die Gastfreundschaft war ein heiliges Gebot mit religiösen Gehalt (heidnischem wie christlichem). (415)

In Corbie rechneten die Mönche mit zwölf Bedürftigen pro Nacht. Für jeden von ihnen wurden anderthalb Laib Brot als Abendessen und für unter unterwegs veranschlagt; dazu kamen 27 Laibe Brot für unvorhergesehen Gäste. (416)

Die Analyse von Holz- und Exkrementenresten hat ergeben, dass Wege mit Hecken aus Haselnusssträuchern die Gebäude miteinander verbanden und den Zugang zum Grundstück verwehrten. Im Hauptgebäude waren Mensch und Tier offenbar gemeinsam untergebracht. (418)

Man aß nicht mehr aus kleinen Schüsseln oder anderen Gefäßen, die man in der Hand halten konnte, sondern von Tellern. (...) Das beweist, dass man den römischen Brauch verdrängt hatte, beim Essen auf einen Ellbogen gestützt zu liegen. Die Germanen aßen schon lange so. Das Sitzen erlaubte den Gebrauch von Messer und Löffel. (...)
Die Mahlzeiten, von denen das Abendessen wichtiger war als das Mittagessen, waren wahre religiöse Rituale. Es war undenkbar einem Menschen ein Haar zu krümmen, mit dem man gegessen hatte. (...)
Die Franken erfanden die Suppe: eine Fleischbrühe, die zu Beginn der Mahlzeit mit Brot gegessen wurde. (419)

Es wäre naiv anzunehmen, dass Völlerei und Trunksucht ein Privileg der Reichen war. Auch Sklaven hatten ihren Anteil daran, wie wir gerade gesehen haben. Es handelt sich um ein Laster der merowingischen und karolingischen Gesellschaft insgesamt. (...)
Jeder Mönch verzehrte im Durchschnitt pro Tag 1, 7 Kilogramm Brot (...), 1,5 Liter Wein oder Bier, 70-100 Gramm Käse sowie rund 230 Gramm Püree von Linsen oder Kichererbsen (...).
Diese Rationen enthielten umgerechnet etwa 6000 Kalorien (...). Dem mittelalterlichen Speiseplan lag die Überzeugung zugrunde, dass nur schwer, fette Speisen nahrhaft sind - Brot, Milch und Käse, vor allem Brot. (420)

Die Feiertagsrationen für Mönche, Kanoniker und Laien waren um ein Drittel größer als die normalen Rationen, und der christliche Kalender wies mindestens sechzig Festtage auf. (...)
möglichst geräuschvollen Rülpsen und Furzen einhergingen, was als Zeichen der Zufriedenheit und des Dankes an den Gastgeber galt. Der Gast war erst glücklich, wenn der Bauch sich spannte. Die Mahlzeiten hatten nichts mit kulinarischer Raffinesse zu tun, sondern waren ein großes Fressen. (421)

Das Ende der Merowingerzeit war eine Periode des Hortens, man häufte enorme private und kirchliche Schätze auf. (...)
Die Arbeiten der merowingischen und karolinigischen Goldschmiede dürften unübertroffen sein. (424)

Die Kleider waren aus genähtem Stoff; (...) man trug ein knielanges Leinenhemd und eine Tunika mit langen oder kurzen Ärmeln (...), Hosen mit Socken und Wickelgamaschen und, je nach sozialem Rang, entweder lederne Halbstiefel oder Holzschuhe. (428)

Soziale Unterschiede ersah man nur an der Kostbarkeit des Materials sowie an den Waffen bzw. am Schmuck. Nackt waren die Menschen nur beim Schwimmen, beim Baden und beim Schlafen. (...)
Die Franken trugen das Haar ziemlich lang, wie ihre Könige. Die Römer schnitten es in Höhe des Nackens ab. Die Franken enthaarten Nacken und Stirn und zupften sich das Barthaar aus. (...)
Die Symbolik ist klare: Langes Haar stand für Stärke, Potenz und Freiheit. Die Tonsur war das Zeichen für den Sklavenstatus; bei den Geistlichen bedeutete sie Unterwerfung unter Christus. (...)
Es gab nur einen Ort, an dem Mann und Frau gemeinsam nackt sein durften: im Bett, wo sie für Nachwuchs sorgten. Nacktheit war etwas Heiliges. (428)

Das salische Recht kannte drakonische Strafen für Vergewaltigung und Entmannung. (...) Das römische Recht sah für alle verurteilten Verbrecher die Folter vor. Gregor von Tours erzählt Geschichten, die den ungewöhnlichen Sadismus der Folterknechte und der zuschauenden Menge offenbaren. Vernarbte Wunden wurden wieder aufgerissen; Folteropfer wurden ärztlich behandelt, damit die Tortur fortgesetzt werden konnte. (430)

Generell gesagt, war die Säuglingssterblichkeit außerordentlich hoch: Sie lag bei 45 Prozent. (...) Um das Überleben der Gesellschaft zu gewährleisten, bedurfte es daher einer großen Zahl von Frauen und Kindern. Alte Leute waren selten; bei Menschen aber, die einmal ihr 40. Lebensjahr erreicht hatten, verdoppelten sich die Überlebenschance. (432)

Die Franke ermutigten zur Fortpflanzung. Wer eine freigeborene Frau im gebärfähigen Alter tötete, musste 600 Solidi zahlen, (...). Die Strafe für eine nach der Menopausa getöteten Frau belief sich dagegen nur auf 200 Solidi. (433)

(...) entstand eine Hierarchie der Werte: am untersten Ende der Leiter standen das Mädchen und die alte Frau, die keine Kinder bekommen konnten; in der Mitte der Knabe; ganz oben die schwangere Frau. (...) kann man sagen, dass die Frau nur als Mutter respektiert wurde. (...)
in reichen Familien hatten sie eine Nähramme, die einfachen Frauen stillten ihre Kinder bis zum Alter von drei Jahren selbst. (434)

So fanden in jedem Kloster zahlreiche Oblaten [im Kloster erzogene Kinder] Zuflucht, welche die Mönchsgemeinschaft zu eine Kinderhort machten, besonders bei den Kelten, wo die - ursprünglich heidnische - Adoptivelternschaft zu einem christlichen Wert wurde. (436)

Wer seine Familie verlassen wollte und das Verbrechen des Individualismus beging, der zerbrach über seinen Kopf Erlenzweige, um die andernfalls unvermeidliche Katastrophe abzuwenden; denn die Erle bringt Unglück, sie wächst an trügerischen Gewässern und verbrennt schnell, aber ohne wärmende Flamme. Dieser heidnische Brauch sollte einem plötzlichen oder gewaltsamen Tod wehren. (...) In der fränkischen Gesellschaft hingegen oder, besser gesagt, in der von keltischen und germanischen Traditionen geprägten Gesellschaft nördlich der Loire musste die Familie groß sein, wenn sie überleben wollte (...). Großfamilien waren der Preis für das Fehlen jeglicher Vorstellung von Gemeinwohl; (437/8)

So war die Familie in diesem erweiterten Sinne die gesellschaftliche Grundeinheit. Mönche gebrauchten dasselbe Wort familia für ihre Klostergemeinschaft; zu ihr zählten sowohl Mönche als auch Laien, von denen einige im Kloster wohnten, andere nicht. (438)

Die Zahlung von Brautgeld war gleichbedeutend mit der Heirat, selbst wenn bis zur eigentlichen Vermählung noch ein bis zwei Jahre verstrichen; die Heiratsentscheidung wurde nämlich allein von den Eltern getroffen, ohne Rücksprache mit de Braut oder mit dem Bräutigam. (439)

Die Verlobungsfeier war bedeutsamer als die Heirat und zeichnete sich durch ein großes Gelage aus, bei dem fleißig gezecht und gesungen wurde; (440)

(...) Vergewaltigungsopfer galten als verdorben. Bei den Galloromanen stand auf die Vergewaltigung einer frei geborenen Frau die Todesstrafe, auf die einer Sklavin eine Geldbuße, deren Höhe vom Wert der Sklavin abhing. Ein verdorbene Frau hatte fortan keinen Wert mehr. (...)
Höchstwahrscheinlich blieb solchen Frauen kein anderer Ausweg als die Prostitution, die zwar streng verboten aber weit verbreitet war. (442)

Dieses Gesetz der Vergeltung beweist, dass Vergewaltigung und Entführung oft das einzige Mittel für einen Mann waren, eine Frau und damit Zugang zur Macht zu gewinnen. Der Kult des unbeschädigten Hymen diente buchstäblich dem Aufbau der Gesellschaft. (443)

Die Franken bezeichneten mit dem Begriff Ehebruch auch das Verbrechen eines Mannes, der mit der Sklavin eines andern schlief. Wurde die Verbindung bekannt, wo verfiel der schuldige Mann selbst der Sklaverei. (445)

Die Römer nahmen die Gleichheit der Geschlechter an; die Germanen stellten den Mann über die Frau. (...)
Die Kirche muss die mit beiderseitigen Einwilligung erfolgte Scheidung toleriert haben, insbesondere wenn, (...), die Initiative von der Frau ausging; die Barbaren hingegen fanden solche Scheidungen unsittlich und skandalös. (...)
Sobald es der Kirche jedoch gelungen war, die Ehescheidung ganz zu verbieten - ein Sieg, der sie schließlich unter Kaiser Ludwig dem Frommen (814-840) errang - (...). (447)

Nach dieser Scheidung auf karolingisch zahlte der Gatte die fällige Buße für Totschlag an die Familie der Frau und galt im übrigen als Witwer, dem es nach dem Gesetz der Kirche freistand, wieder zu heiraten. (...)
Einzig die Ehe gewährleistete, das die Kinder frei geboren wurden. (...)
Es gab nur eine Ehe, aber mehrere Gattinen. Offiziell herrschte Monogamie; in der Praxis aber Bestand Polygamie. (448)

Die offizielle Ehefrau genoss die meisten Rechte; die Beischläferin zweiter Klasse, das Friedel, hatte weniger Rechte; die Beischläferin dritter Klasse, die Sklavin, die wenigsten. Nur die Kinder der offiziellen Ehefrau waren erbberechtigt. (...) Wenngleich dieses komplizierte System der Polygamie für die Zukunft sorgte, so hatte es doch einen gravierenden Nachteil - es verwickelte die Frauen in wütende Rivalitätskämpfe um die Gunst des Mannes und damit um die Macht. (...) Chilperich war von der Leidenschaft für seine Sklavin Fredegunde so entflammt, dass er nicht davor zurückschreckte, seine Frau erdrosseln zu lassen, um Fredegunde an ihre Stelle zu setzen. Man bedenke auch, dass die karolingischen Dynastie von dem unehelich geborenen Karl Martell begründet wurde, dem Sohn einer Beischläferin, der zunächst einmal verhindern musste, dass sein verwitwete Schwiegermutter mit Hilfe ihrer Enkel regierte. (...) Und vergessen wir nicht Karl den Großen selbst, einen Frauenhelden, der nacheinander vier offizielle Ehegattinnen und mindestens sechs Beischläferinnen hatte. Die Konkubinen brachten oft noch Schwestern, Kusinen und Nichten in den Harem des Herrn mit. (45)

Monogamie und die Unauflöslichkeit der Ehe hatten sich erst im 10 Jahrhundert allgemein durchgesetzt, beim gemeinen Volk früher als beim Adel, bei den Galloromanen früher als bei den Franken. (451)

Keine einzige Quelle, weder eine weltliche noch eine kirchliche, benutzte das Wort amor in einem positiven Sinne. Stets ist die Liebe eine sinnliche, vernunftlose, zerstörerische Leidenschaft. (452)

Der Einfluss von Ovids Ars armatoria war unerheblich, das das Werk damals kaum bekannt war. Vielmehr war man überzeugt, dass die Liebe das Ergebnis eines unwiderstehlichen sinnlichen Triebes war, eins Begehrens, das von den Göttern kam (wie die Heiden sagten), das des Teufels war (wie gewisse Christen glaubten), das aber immer eine subversive, destruktive Leidenschaft war. (...) Die Germanen gebrauchten ein anderes [lateinisches] Wort für diesen unvernünftigen, besitzenwollenden Trieb: libido. (451)

Die Frauen, so vermutete man, waren in der Gewalt des Kosmos, der nächtlichen und höllischen Mächte, da ihr Menstruationszyklus, wie die Phasen des Monds, 28 Tage währte. (...) Für viele Männer blieb das Weib ein Mysterium, bald Wohltäterin, bald Hexe, Quelle des Glücks ebenso wie des Unglücks, erschreckend rein und vernichtend unrein. Um die Ängste zu lindern und die Götter zu besänftigen, gab man den Neuvermählten eine Schale Met zu trinken, d.h. Alkohol aus vergorenem Honig. (...) Hier liegt der Ursprung des Honigmonds, (...). (454)

Das Weib galt als Urheberin der Liebe, dieses zerstörerischen Sinnestaumels; man musste sie dem Kosmos oder doch den Mächten des Bösen entreißen und für die Würde der Ehe und der Mutterschaft gewinnen, die Grundlage der Gesellschaft waren. (455)

Die intellektuelle Ausbildung des Knaben war, sofern sie nicht in der Hand eines Hauslehrers lag, keine Privatsache mehr, sondern oblag dem Kloster oder der Kirche. (...)
Dass die Franken über die Römer gesiegt hatten, verdankten sie allein der dauernden Übung ihrer militärischen Tugenden. Das Wort Franke kommt denn auch vom althochdeutschen frekkar, das kühn, stark, mutig bedeutet. (457)

Die geheimnisvolle, menschenleere Wildnis hieß schon im 7. Jahrhundert forestis, woraus unser Forst (französisch foret, englisch forest) entstanden ist. Ursprünglich bezeichnete das Wort die unberührte Natur fern den Bezirken des Menschen. (458)

Die Franken (...) wählten Namen, die aus zwei Teilen zusammengesetzt waren. Oft wählten sie den Namen eines wilden Tieres, um dem Kind dessen Eigenschaften zu übertragen: Bernhard - stark wie ein Bär; Berchramm [heute Bertram] - berühmt wie ein Rabe; Wolfgang - Angreifer wie ein Wolf. (461)

Der Abscheu der Römer vor den Barbaren rührte nicht nur von Gepflogenheiten her wie dem Einfetten der Haare mit ranziger Butter oder dem Genuss von Zwiebeln und Knoblauch, was bei den Burgundern gang und gäbe war, sonder auch von der in der römischen Sicht indiskutabel primitiven Sitte, sich in Tierfelle zu kleiden. (462-463)

Hatte die Jagd eine Bezug zum Tod, so hatte das Angeln auf eigentümliche Weise einen Bezug zum Leben. (...) In den Fastenzeit und an Freitagen taten es die Laien den Mönchen nach und aßen nur Fisch. (...) In der sozialen und diätetischen Symbolik indes wurde der Fisch weiterhin mit den Mönchen in Beziehung gebracht, die ihn einführt hatten. Fisch war die Speise des Friedens, der waffenlosen Männer und, dank seiner Herkunft aus dem Wasser, eine aus der Welt des Weiblichen stammenden Quelle des Lebens. In extremen Fällen wurde das Angeln als eine Art Anti-Jagd verachtet - ein schädliches, erniedrigendes Tun, unwürdig eiens vornehmen Mannes. (463-464)

Die Väter des salischen Rechtes befassten sich vor allem mit dem Diebstahl - von 70 Artikeln behandelten 22, d.h. nahezu ein Drittel, in der ein oder anderen Weise den Diebstahl. (464)

Die germanischen Volksrechte taten alles Erdenkliche, um die Witwe mit ihrer bedrohlichen libido an der Wiedervermählung zu hindern. (468)

Auf Mord stand als Strafe das sogenannte Wergeld (Manngeld), die Entschädigung für das Töten eines Menschen - nur Gold konnte der Flut von Blut wehren. (469)

(...) eigenartigen fränkischen Brauch, Diebe zu hängen, Mörder jedoch mit einer Geldstrafe davonkommen zu lassen. Das ist um so erstaunlicher, als nach römischen wie nach burgundischen Recht auf Mord die Todesstrafe stand. (470)

Da jede Wunde und jeder Mensch sozusagen ihren Listenpreis hatten, konnte eine Familie die Privatfehde beenden, indem sie die Zahlung des Wergelds durch die andere Familie akzeptierte. (...)
Die Römer sahen eine Bestrafung nur für öffentliche Beleidigung vor. Die Germanen hingegen glaubten, das jede Beleidigung vernichtend sei, weil sie die privaten Tugenden antastete, auf welche die Heiden großen Wert legten. (472)

(...) Menschenopfer, die bei den Franken noch im 6. Jahrhundert vorkommen. Vor allem musste man töten, weil Krieg für das Leben des Stammes unausweichlich war. (...) Die Lebenden wiesen den Toten ihren separaten Rum an, den Friedhof, der bereits in merowingischer Zeit weitab vom Dorf mit seinen Häusern liegt. Das ähnelte dem römischen Brauch, die Toten an den Straßen vor der Stadtmauer beizusetzen. (...). (473-475)

Ursprünglich gab es nur Feuerbestattungen, die noch im 5. und 6. Jahrhundert auf manchen sächsischen und fränkischen Friedhöfen im Norden üblich war. Sie sollte verhindern, dass die Toten wiederkehrten, um die Lebenden zu plagen. Oft bepflantze man das Grab mit dornigen Sträuchern, um die Toten in ihrer Welt festzuhalten. (...)
Oberste Pflicht war, dafür zu sorgen, dass der Leichnam ordentlich beerdigt wurde, und im Leben nach dem Tode bestehen konnte. (475)

Totgeborenen Kindern wurde ein Pfahl ins Herz geschlagen, denn man meinte, dass unschuldige Wesen nicht unter der Erde bleiben könnte, es zog sie empor, auf die Erde, wo sie den Lebenden nachstellten, weil sie nicht hatten leben dürfen. Andere, vielleicht Zauberer oder Verbrecher wurden in ihrem Sarg festgenagelt, verstümmelt, enthauptet oder mit einem Kreis Kohle aus reinigendem Holz umgeben. (477)

Die Verwandten fanden sich in regelmäßigen Abständen zu einem Festessen am Grabe ein, (...). (478)

Der Wendepunkt scheint in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts erreicht worden zu sein. (...) mittlerweile lag der Friedhof nicht mehr vor den Toren des Dorfes, sondern neben der Pfarrkirche; (...) Die Beisetzung unweit des Hauptaltars, bei den Gebeinen der Heiligen, war ein mächtiges Erlösungsversprechen, dem die heidnischen Begräbnisrituale nichts entgegenzusetzen hatten. (...) Die Gläubigen standen auf den Leibern ihrer Lieben, wenn sie beteten. (480)

Im Jahre 391 wurde das Christentum Staatsreligion in Gallien und im ganzen Okziden und löste in diser Funktion das Heidentum ab. (...) Das Heidentum zog sich in nächtliche Kulte, in Weissagungen, Magie und Folklore zurück, (...). das Grundprinzip beim Verkehr mit den Göttern war der Tausch von Leistung und Gegenleistung. (487)

Bei den Germanen hüteten die Frauen die heiligen Runen, welche die Wikinger im 9. und 10. Jahrhundert benutzten. Das Wort Rune bedeutet Geheimnis, aber auch Freund. (488)

Ich übergehe hier andere Liebestränke, die aus Zutaten wie Menstruationsblut, Sperma und Urin bereitet wurden. Das Prinzip war stets dasselbe: die Kräfte einzufangen, die dem lebendigen Körper in unterschiedlicher Form innewohnten. (491)

Furcht vor dem Teufel wurde zum neuen Namen für die Angst des Menschen vor dem Bösen in der Welt. Zum Glück waren die Heiligen zur Stelle, um Schutz gegen das Treiben des Satans zu gewähren. (492)

Die Taufe wurde als ein Sakrament wahrgenommen, das die Sünden abwusch und für den Einzelnen, (...), das Versprechen der Erlösung bereithielt. (...)
Die Taufe stiftete eine spirituelle Verwandtschaft zwischen dem Kind und den Taufpaten, die ein kanonisches Ehehindernis zwischen Taufpate und Patenkind war. (...) Die Taufpaten gehörten praktisch zur Verwandtschaftsgruppe des Kindes. (494)

Keltische Mönche waren es, die im 6. Jahrhundert eine neue Form der Versöhnung mit Gott vorschlugen: die private Reue mit Ohrenbeichte, ein geheimes Sündenbekenntnis, verbunden mit einem Katalog von Strafen, ähnlich den Strafenkatalogen in den germanischen Volksrechten. (495)

Mit dem Vordringen der Monogamie und der Unauflöslichkeit der Ehe griff nun die Scheidung auf karolingisch immer mehr um sich, und es musste etwas geschehen, um die steigende Flut an Morden einzudämmen. (497)

(...) drei bis sieben Jahre [Buße], die auf schwerere Sünden standen -; hierzu gehörten Masturbation sowie Liebespositionen, bei denen die Gatten einander nicht das Gesicht zu wandten. (...)
Während die Heiden annahmen, dass allein die Frau das leidenschaftliche Begehren erzeugte, zogen die Christen Mann und Frau gleichermaßen zur Rechenschaft. (500)

Benedikt von Nursia, dessen Regel 816 von allen Klöstern im Karolingischen Reich eingeführt wurde, (...).
Sobald der junge Mönch mit dem Auswendiglernen aller 150 Psalmen lesen und schreiben gelernt hatte, erlaubte ihm das Nachdenken, sich auf das Meditieren einzulassen. Die Regel verlangte vom Mönch, dass er jede Woche sämtliche Psalmen rezitierte oder sang. Zweihunderfünzigmal im Jahr sang als die Mönchsgemeinschaft alle 150 Psalmen. (504)

Das Abschreiben war, wie das Beten und Fasten, ein wahrhaft asketisches Geschäft - ein Gegengift gegen die Leidenschaft und eine Zügelung der schweifenden Phantasie, weil es Konzentration erforderte und die Finger anstrengte. Um die Bibel abzuschreiben benötigte ein einzelner Schreiber ein ganzes Jahr. Wir verdanken diesen karolingischen Schreibern über achttausend Handschriften, als auch die meisten der uns bekannten Werke der Antike. (507)

Man benötigte das Pergament von einer ganzen Herde von Schafen, um einen Cicero oder Senecca abschreiben zu können - jedes Tier lieferte vier Folioseiten. (508)

Die Ostregion des Byzantinischen Reiches war gegen die kulturellen und politischen Einflüsse der Hauptstadt weitgehend abgeschirmt und hielt Kontakt mit den Randbezirken der islamischen Welt. (520)

Im 10. Jahrhundert kam es zu einem bedeutsamen Aufschwung des Handels mit Seidenerzeugnissen, Gewürzen, Pelzen und Sklaven. Die Kaufleute waren häufig Juden, Muslime oder Italiener aus Amalfi und Venedig, die großen Handelsplätze hießen Konstantinopel, Thessalonike und Trapezunt. Ausländische Kaufleute erhielten eine Konzession für die Hauptstadt - die Russen waren die ersten, die Anfang des 10. Jahrhunderts eine solche Konzession erlangten, gefolgt von den Venezianern am Ende des Jahrhunderts. Diese Entwicklung setzte sich im 11. Jahrhundert fort und machte Konstantinopel zu einem führenden internationalen Handelszentrum. Im 11. Jahrhundert nahm die Metropole mehr und mehr die Züge einer Großstadt mit einer vielschichtigen und betriebsamen Einwohnerschaft an. (...)
Die Zentren des Mönchswesen bildeten Prusa und ins besondere der heilige Berg Ahtos mit seiner Mönchsrepublik (...). (522)

Im Leben des Philaretos, entstanden um 821, wohnen im Hause der reichen, aber heiligen Philaretos drei Generationen miteinander. Das nach 1025 entstandene Leben Marien der Jüngeren (gest. 902) sowie das Leben des Kyrillos von Philea (gest. 1110) berichten von Familien mit zwei Generationen und kleinen Kindern. (532)

In mehrstöckigen Stadthäusern lebten zahlreiche Familien. (...) Das aristokratische Wohnhaus war grundsätzlich freistehend. (533)

Im inneren des Hauses galten strenge Anstandsregeln, welche dafür sorgten, die Frauen und Mädchen vor den Augen Fremder zu verbergen. (...) Dass es die Frauen einzuschließen galt, war ein Hauptgesichtspunkt bei der Gliederung der Innenräume. (536)

Die Kirche verordnete den Ehegatten bestimmte Perioden der Enthaltsamkeit, zumal in der Fastenzeit und an Samstagen und Sonntagen. Ob sie eingehalten wurden, wissen wir nicht, wenngleich dies Voraussetzung für den Empfang der Eucharistie war. (538)

Im 10. und 11. Jahrhundert waren der Reichtum und die Steuerfreiheit der Klöster nicht durch deren wohltätige Rolle legitimiert, sondern durch die von allen Schichten der Gesellschaft geachtete Fähigkeit der Mönche, Fürbitte bei Gott einzulegen und die Menschen zu leiten. (544)

(...) Privatklöster, die in der damaligen Zeit in Byzanz eine hervorragende Rolle spielten. Es war durchaus üblich, das eigene Haus zu einem Kloster zu machen. (546)

Die Verlobung war damit ein Ausweg für Familien, die nicht das gesetzliche Ehefähigkeitsalter abwarten wollten, das traditionsgemäß beim Mädchen zwölf Jahre und beim Knaben vierzehn Jahre betrug; (560)

Doch in den wohlhabenden Häusern der Städte und gewiss auch in den Bauernhäusern wurde man daheim geboren, litt daheim und starb daheim. Dass Ärzte Hausbesuche am Krankenbett machten, ist aus Briefen bezeugt. Auch die Hebamme kam ins Haus. (570)

Traditioneller Weise achtete der Byzantiner auf seine Träume; sie spielten in der Alltagserfahrung eine erhebliche Rolle, das sie als warnende Botschaft galten, die man im Schlaf empfing. (581)

Heutzutage hat jedermann Träume, aber keine Visionen mehr; in Byzanz hingegen waren Visionen eine ganz normale und recht verbreitete Erfahrung. Für den Byzantiner war eine Vision nicht das Werk der Einbildungskraft, sondern ein religiöses Erlebnis. (584)

Allerdings hatten Mädchen und Frauen zumindest theoretisch keinen Zugang zu klassischen Kultur. (586)

Mit den Ikonen pflegten die Gläubigen privaten, täglichen, vertrauten Umgang. Von Kaiserin Zoe berichtet Michal Psellos, dass sie mit ihrer Christusikone sogar gesprochen habe. (592)

Es gab keinen Byzantiner, gleichgültig welcher Gesellschaftsschicht, der nicht an Dämonen geglaubt hätte; (594)