Heidelberg 2008 (Springer Verlag)
Die grundlegende Prämisse dieses Buches besagt, dass wir falsch lagen in unseren Bemühen, komplexes menschliches Verhalten ausschließlich durch Analyse der individuellen Eigenschaften einzelner Täter zu verstehen; denn so haben wir das Ausmaß ignoriert oder unterschätzt, in dem viele menschlichen Verhaltensweisen durch die Macht externer situativer Kräfte beeinflusst, geprägt und gesteuert werden. Die Akteure auf der Bühne des Lebens haben in den allermeisten Fällen ein Publikum, Mitspieler, Kostüme, Requisiten und bestimmte Rollen, die sie zu spielen haben , und zumeist folgt ihr Spiel einem fertigem Skript. Wir können nicht wirklich verstehen, wie und warum ein bestimmter Akteur etwas sagt oder tut, ohne auch das Bühnenbild und sämtliche Merkmale des Verhaltenskontextes zu berücksichtigen, die seine Aufführung in vorhersehbarer Weise einschränken. (xii)
Milgrams Forschungen führten das Konzept der situativen Macht ein, die in einem neuen Verhaltensumfeld den freien Willen und die Entscheidungsfreiheit der meisten Menschen verzerrt.
Meine Forschungsarbeit erweiterte den Einflussbereich situativer Macht über die autoritäre Macht hinaus um die institutionelle Macht, aus der Überlegung heraus, dass die meisten Menschen den größten Teil ihres Lebens in einem institutionellen Rahmen verbringen - Familie, Schule, Religion, Beruf, Militär und ähnliches mehr. Ursprünglich spielen wir in einem solchen Umfeld lediglich eine zugewiesene oder gewählte Rolle, doch im Laufe der Zeit übernimmt die Rolle uns und wir werden zu ihr. Rolle und Identität verschmelzen; wir gehen aus dieser Verschmelzung als neue Akteure hervor und befolgen Drehbücher, die womöglich sehr weit von dem entfernt sind, was wir uns jemals außerhalb dieses Umfelds für uns selbst hätten vorstellen können. (xiii)
Das Heranwachsen in Armut im Ghetto der South Bronx, New York City, hat maßgeblich meine Sicht des Lebens und meine Prioritäten geprägt. (...)
Damals, bevor Heroin und Kokain die Bronx überschwemmten, ging es im Ghettoleben um Menschen ohne Besitz, um Kinder, deren kostbarste Ressource in Anbetracht fehlender Spielzeuge und technischen Schnickschnack andere Kinder waren, mit denen sie spielen konnten. (xvii)
Solche Kindheitserlebnisse, allesamt ohne jede elterliche Aufsicht - da sich seinerzeit Kinder und ihre Eltern nie gemeinsam auf der Straße zeigten - bilden offenbar den Ursprung meiner Neugier auf das menschliche Wesen, insbesondere seine dunklere Seite. Und so ist der Luzifer-Effekt im Laufe langer Jahre in mir herangereift, seit meinen Tagen im Ghetto uns später während meiner formalen Ausbildung in der psychologischen Wissenschaft, und hat mich dazu veranlasst, große Fragen zu stellen und sie mit empirischen Ergebnissen zu beantworten. (xviii)
1. Die Psychologie des Bösen
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Eine der Thesen dieses Buches lautet, dass die meisten Menschen sich selbst nur im Rahmen ihrer begrenzten Erfahrungen in vertrauten Lebenslagen kennen, die Regeln, Gesetzen, Richtlinien und einschränkenden Zwängen unterliegen. (...)
Auf unserer gesamten Reise sollten Sie sich immer wieder die Frage stellen: "Wie würde ich mich verhalten?", wenn wir verschiedene Formen des Bösen begegnen? (4)
Der konventionelle Ansatz (unter denjenigen, die aus individualistisch geprägten Gesellschaften stammen) sucht nach Antworten innerhalb der Person, sowohl für pathologisches als auch heroisches Verhalten. Die moderne Psychologie ist ebenso dispositionell orientiert wie die klinische und Persönlichkeitspsychologie. (...)
Sozialpsychologen (wie zum Beispiel ich selbst) tendieren eher dazu, solche eilfertigen dispositionellen Urteile zu meiden, wenn sie versuchen, die Ursachen ungewöhnlichen Verhaltens zu verstehen. (6)
Des Teufels Lösung bestand darin, sein böses Werk von Stellvertretern verrichten zu lassen, den Hexen, die eine indirekte Verbindung zwischen ihm und den zu korrumpierenden Menschen herstellten.
Um die Ausbreitung des Bösen in den katholischen Ländern zu hemmen, wurde vorgeschlagen, die Hexen zu finden und zu eliminieren. (7)
Das schreckliche Paradoxon der Inquisition besteht darin, dass durch den glühenden und oft aufrechten Willen, das Böse zu bekämpfen, in einem imposanteren Maßstab als jemals zuvor Böses entstand. Die Inquisition öffnete Tür und Tor für den Einsatz von Folterinstrumenten und -techniken durch Staat und Kirche, die eine völlige Perversion sämtlicher Ideale menschlicher Vollkommenheit darstellten. (8)
Wenn eine Machtelite eine feindliche Nation vernichten will, beauftragt sie Propagandaexperten, ein Programm des Hasses zu fabrizieren. (9)
Wenn die öffentliche Angst geschürt ist und die Bedrohung durch den Feind imminent erscheint, werden vernünftige Menschen irrational, unabhängige Menschen zu blinden Konformisten und friedliebende Menschen zu Kriegern. (10)
Im Jahr 1937 haben japanische Soldaten in nur wenigen blutigen Monaten zwischen 260.000 und 350.000 chinesische Zivilisten abgeschlachtet. Das sind mehr als alle zivilen Todesopfer, die der Großteil der europäischen Länder in gesamten Zweiten Weltkrieg zu beklagen hatte. (15)
An dieser Stelle möchte ich die von Bandura und seinen Assistenten durchgeführten Experimente betrachten, die zeigen, wie leicht die Moral eines Menschen durch Entmenschlichung eines potentiellen Opfers abgeoppelt werden kann. (16)
Neurotische Störungen, mangelndes Selbstwertgefühl, Schüchternheit, Vorurteile, Scham und übermäßige Angst vor Terrorismus sind nur einige der Chimären, die unser Potenzial für Freiheit und Glück einschränken und unser volle Bewusstsein der Welt um uns herum trüben. (20)
2. Sonntag: Verhaftungen aus heiterem Himmel
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Aber wie erging es unserem verlassenem Auto in Palo Alto, das wir ebenfalls so präpariert hatten, dass es eventuellen Angriffen erkennbar schutzlos ausgeliefert war? Nach einer ganzen Woche hatte es noch keinen einzigen Akt des Vandalismus gegeben! (...)
(...) einziger empirischer Beleg für die Broken-Windows-Theorie der Kriminalität (...). Sie postuliert, das Verwahrlosung des öffentlichen Raums eine situatives Stimulans für Straftaten sei (...). (23)
Indem wir ihnen willkürlich eine der beiden Rollen zuweisen, fangen wir mit Wärtern und Häftlingen an, die vergleichbar sind, ja, sogar austauschbar. (...) Zu diesem Zeitpunkt sind Wärter und Häftlinge ein und dasselbe. (...) Werden diese jungen Männer zwei Wochen später immer noch nicht zu unterscheiden sein? (...)
In gewissen Sinne sollte die Verhaftung - wie alles andere, was sie erleben werden - Realität und Illusion verschmelzen, Rollenspiel und Identität. (32)
3. Sonntag: Die Demütigungsrituale können beginnen
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Die Mütze dient auch dazu, eines der individuellen Merkmale zu eliminieren und ein Gefühl der Anonymität in der Kaste der Häftlinge zu fördern. (39)
Wir wollen, dass sie sich selbst und die anderen Häftlinge als Nummern sehen, nicht als Personen mit Namen. Es ist faszinierend, wie der Zweck der Appelle sich allmählich vom Rekapitulieren und Aufsagen der Häftlingsnummern zur Demonstration der totalen Macht der Wärter über die Häftlinge entwickelt. In dem Maße, wie die beiden Gruppen der teilnehmenden Studenten, die ursprünglich austauschbar waren, sich mit ihren Rollen identifizieren, werden die Appelle zu öffentlichen Vorführungen der Transformation ihrer Persönlichkeit zu Wärtern und Häftlingen. (45)
Nach den Regeln des Experiments kann jeder Teilnehmer jederzeit gehen, aber das scheinen die verärgerten Häftlinge vergessen zu haben. Sie hätten drohen können, ihre Teilnahme zu beenden, um ihre Lage zu verbessern oder sich gegen die sinnlose Schikanen zu wehren, denen sie ausgesetzt waren - aber diese Idee kam ihnen nicht, während sie sich immer mehr mit ihrer Rolle identifizierten. (47)
Schon jetzt hat die Langeweile der endlosen Acht-Stunden-Schichten die Wärter dazu getrieben, sich die Zeit zu vertreiben, indem sie die Häftlinge als Spielzeug benutzen. (...) Wird es den Gefangen gelingen, ein gewisses Maß an Würde und Rechten zu bewahren, indem sie sich in ihrem Widerstand soldidarisieren, oder werden sie sich den Forderungen der Wärter völlig unterwerfen? (52)
Ich stellte klar, dass wir in in keiner Weise die Häftlinge physisch misshandeln durften. (54)
Im Verlauf der Studie wurde uns klar, dass das Verhalten der Wärter genauso interessant wie das der Häftlinge war - mitunter sogar noch interessanter. (...) Es brauchte Zeit, bis ihre neuen Rollen und die situativen Kräfte hinreichend auf sie eingewirkt hatte, um sie allmählich zu Tätern werden zu lassen, die die Häftllinge misshandeln - das Böse in Stanford Country Jail, für dessen Entstehung letztlich ich verantwortlich war. (55)
4. Montag: Eine Revolte bricht aus
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Ich war fasziniert von den Ansichten dieses Mannes, nicht zuletzt, weil wir etwa im gleichen Alter waren - er 40, ich 38 - und beide im Ghetto aufgewachsen waren, er an der Westküste, ich an der Ostküste. Doch während ich an der Universität studierte, wanderte Carlo ins Gefängnis. (68)
Man bedenke für einen Moment die Bedeutung dieser Interpretation: Wir steckten mitten in einer Studie, die die Macht situativer Kräfte über dispositionelle Tendenzen demonstrieren sollte - und doch haben wir sein Verhalten auf dispositionelle Gründe zurückgeführt. (77)
5. Dienstag: Zweifacher Ärger mit Besuchern und Rebellen
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Sieht man sich alle im Gang beieinander an, stellt man fest, dass die Statur durchaus einen Einfluss darauf hat, wer sich als Schichtleiter durchsetzt. (...) Die kleinsten Wärter (...) sind zu Handlangern ihrer Schichtleiter geworden. Beide verhalten sich den Häftlingen gegenüber ausgesprochen despotisch, sind verbal ziemlich aggressiv (...) und körperlich grob.
Ein Psychoanalytiker könnte meinen, sie würden mithilfe der Waffe ihre kleine Statur kompensieren: doch was immer dabei an psychischer Dynamik eine Rolle spielen mag, eines ist klar: Sie entwickeln sich zu den bösartigsten und den Wärtern. (80)
Nach kaum drei Tagen in dieser grotesken Situation sind einige der Studenten, die die Rolle eines Gefängniswärters spielen, über bloße Schauspielerei weit hinaus. Sie haben die Feindseligkeiten, den negativen Affekt und die Geistehaltung verinnerlicht, die man für manch echten Gefängniswärter charakteristisch ist, was durch ihre Dienstberichte, Gedächtnisprotokolle und persönlichen Betrachtungen belegt wird. (...)
Er berichtet, dass er sich immer despotischer fühlt und mitunter vergisst, dass es nur ein Experiment ist. Er stellt fest, dass er einfach nur noch diejenigen bestrafen will, die nicht gehorchen, damit sie den anderen Häftlingen zeigen, wie man sich richtig benimmt. (85)
Für unser System war es wichtig, in dieser autoritären Umgebung zumindest den Anschein von Demokratie zu erwecken. (89)
Ich reagiere spontan und automatisch wie jede Autoritätsperson, wenn die Abläufe ihre Systems infrage gestellt werden. Wie alle anderen Täter institutionalisierten Missbrauchs interpretiere ich das Problem ihre Sohnes als dispositionell, als sein Problem - als etwas, das mit ihm nicht stimmt. (95)
Sie ist noch immer dazu aufgelegt, uns Ärger zu machen, und so setze ich eine wirkungsvolle Taktik ein und wende mich an den Vater, der bislang geschwiegen hat. Ich sehe ihm direkt in die Augen und packe ihn bei seinem männlichen Stolz.
Pardon Sir. Glauben Sie auch, dass Ihr Sohn es hier nicht aushalten kann. (...)
Stillschweigend sind wir uns einig, dass wir die Überreaktion der kleinen Dame tolerieren wollen. Was für Schweine wir doch sind - und alles unter der Steuerung unseres Macho-Autopiloten! (96)
Es fehlte ein Advocatus Diaboli, eine Figur, die jede Gruppe braucht, um solche törichten oder gar katastrophalen Fehlentscheidungen zu vermeiden. (...)
Ich hatte mich schon viel zu sehr mit der Rolle des Gefängnisdirektors identifiziert, um meiner Rolle als Versuchsleiter gerecht werden zu können. Das hätte mir seit meinem Gespräch mit Mrs. Y und ihrem Mann klar sein können, ganz zu schweigen von meinem Wutanfall vor dem Polizei-Sergeant. Doch Psychologen sind auch nur Menschen, die anfällig sind für dieselben dynamischen Persönlichkeitsprozesse, die sie von Berufs wegen erforschen. (98)
6. Mittwoch: Die Lage gerät außer Kontrolle
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Der Besuch des Priesters illustrierte die zunehmende Verwechslung von Realität und Illusion, von Rollenspiel und selbstbestimmter Identität. (...) Der Besuch des Priesters trug allenfalls dazu bei, unser Simulationsexperiment zu einem noch realistischeren Gefängnis zu machen. Dies galt insbesondere für die Häftlinge, die sich bisher das Bewusstsein hatten bewahren können, das es ja alles nur ein Experiment sei. Das Szenario hätte mittlerweile ebensogut aus der Feder eine Franz Kafka oder Luigi Pirandello stammen können. (104)
Jeder Chorleiter oder Hitlerjugend-Scharführer wäre stolz auf den präzisen Einklang der Häftlinge gewesen, denke ich im Stillen. Wie weit sind sie - oder wir - doch gekommen seit den kichernden Appellen und den verspielten Mätzchen der neuen Häftlinge am Sonntag. (...) Ich muss da wieder rein, insistiert er unter Tränen. Obwohl er offenkundig verzweifelt ist, will er wieder ins Gefängnis zurückkehren, um zu beweisen, dass er kein schlechter Kerl ist. (106)
Seine persönlichen Betrachtungen machten jedoch klar, dass eine starke Macht im Denken der Häftlinge am Werke war, die kollektive Widerstandsaktionen gegen ihre Unterdrückung verhinderte. Sie hatten begonnen, sich auf sich selbst zu konzentrieren und egoistisch zu überlegen, was sie als Einzelne tun konnten, um zu überleben und vielleicht vorzeitig auf Bewährung entlassen zu werden. (109)
Die Verbindung zur Außenwelt muss erhalten bleiben, als Garantie, dass es nicht nur diese Welt im Keller gibt. (110)
(...) die Ironie, in dieser Atmosphäre der Unterdrückung ein Freiheitslied singen zu müssen, das den Takt angibt für sinnlose Liegestütze, entgeht 416 nicht. Er schwört, sich nicht von Arnett oder einem anderen Wärter unterkriegen zu lassen. (112)
Während ich die Szene beobachte, fallen mir die Zeichnungen von Auschwitz-Häftlingen ein, die Nazi-Wärter in derselben Pose zeigen: Mit dem Stiefel auf dem Rücken des Häftlings, der Liegestütze macht. (125)
7. Die Macht der Bewährungskommission
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Wie die Besuchsabende, der Besuch des Gefängnisgeistlichen und der bevorstehende Besuch des Pflichtverteidigers würde die Anhörung vor der Bewährungskommission unserem Gefängnis Glaubwürdigkeit und Realismus verleihen. (129/130)
Vergessen waren die Jahre des Leids, das er als Häftling hatte ertragen müssen, sobald ihm die privilegierte Position des allmächtigen Vorsitzenden dieser Kommission zufiel. Carlos Statement am Ende der Sitzung zeigten die Qual und den Ekel, die diese Verwandlung in ihm ausgelöst hatte. Später am Abend, bei unserem gemeinsamen Dinner, vertraute er mir an, dass er angewidert war von dem , was er sich selbst sagen gehört uns was er gefühlt hatte, in der Maske dieser neuen Rolle. (143)
Ich war weder sonderlich überrascht noch erfreut, meine Überzeugung bestätigt zu finden, dass Menschen zu der Figur werden, die sie spielen, dass Wärter zu Symbolen der Autorität werden und keinen Widerstand dulden (...). (148)
8. Konfrontation mit der Realität
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[Häftling 5704] Wir sind alle als Sklaven des Geldes hineingegangen. Die Häftlinge wurden bald zu unseren Sklaven; wir waren weiterhin Sklaven des Geldes. Später habe ich erkannt, dass wir alle irgendwie Sklaven waren in dieser Lage. Da man es sich als nur ein Experiment vorstellte, dachte man, es könne kein realer Schaden angerichtet werden. Das war die Illusion der Freiheit. Ich wusste, dass ich aufhören konnte, tat es aber nicht, weil ich da drin irgendwie Sklave war. (...)
[Wärter Vandy] Für mich waren sie wie Schafe und ihr Zustand interessierte mich einen Dreck. (...)
[Wärter Ceros] Manchmal habe ich vergessen, dass die Häftlinge Menschen sind, (...). Außerdem habe ich mich gezielt bemüht, sie zu entmenschlichen, um es für mich leichter zu machen. (154)
Die Art, wie eine Rolle nicht nur die Gefühle, sondern auch den Verstand eines Menschen beherrschen kann, hat Varnish in seiner Selbstanalyse nach der Studie anschaulich beschrieben: (....)
Ich begann, mich tatsächlich wie ein Wärter zu fühlen, obwohl ich ursprünglich gedacht hatte, eines solchen Verhaltens nicht fähig zu sein. Ich war erstaunt - nein, entsetzt -, festzustellen, dass ich wirklich so ein ... äh, dass ich mich tatsächlich so völlig ungewohnt verhalten konnte, so total anders, als ich es mir je erträumt hätte. (155)
416 beschloss, in einen Hungerstreik zu treten, das er durch die Verweigerung der von den Wärtern angebotenen Nahrung eine Quelle ihrer Macht über die Häftlinge zunichte machen würde. Seine dürre Erscheinung, vielleicht 61 Kilo ohne erkennbare Muskeln auf 1, 73 Meter verteilt, ließ ihn in meinen Augen ohnehin wie einen Verhungernden aussehen. (...) Ich hoffte, dass 416 eine neuer Plan einfallen würde, der seine Zellengenossen und anderen Mithäftlinge in einen Akt kollektiven Ungehorsams einbinden würde, einen allgemeinen Hungerstreik als Taktik zur Verbesserung ihrer rücksichtslosen Behandlung. (157)
Als ich durch das Beobachtungsfenster sah, war ich sehr überrascht festzustellen, dass dieser John Wayne niemand anderer war als der sehr nette Kerl, mit dem ich kurz zuvor geplaudert hatte; (165)
Was ich [Christina] hingegen weiß, ist, dass Phil mir schließlich Recht gab, sich für sein Verhalten bei mir entschuldigte und erkannte, was allmählich mit ihm und allen anderen Beteiligten der Studie geschehen war: Dass sie alle eine Reihe destruktiver Gefängnisnormen verinnerlicht hatten, die sich zwischen sie und ihre eigenen humanitären Werte stellten. Und an diesem Punkt wurde er seiner Verantwortung als der Urheber dieses Gefängnisses gerecht und beschloss, das Experiment zu beenden. (167)
Es ist kaum zu glauben, dass solche sexuellen Demütigungen bereits nach fünf Tagen passieren konnten, obwohl die jungen Männer alle wissen, dass es sich um eine Gefängnissimulation im Rahmen eines Experiments handelt. (...) Die Macht der Situation erfasste schnell und umfassend die meisten Personen auf diesem Forschungsschiff der menschlichen Natur. (168)
9. Der Vorhang fällt, das Licht erlischt
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Durch die negative Macht, die mich im Laufe der vergangenen Woche als Direktor dieses Scheingefängnisses angetrieben hatte, war ich blind geworden für die Realität der destruktiven Wirkung des Systems, das ich betrieb. (174)
Die Situation entsteht aus dem System, doch das System ist dauerhafter und ausgedehnter; es umfasst weitverzweigte Netzwerke von Menschen, ihre Erwartungen, Normen, Richtlinien und - vielleicht - Gesetze. Im Laufe der Zeit erwächst Systemen ein historisches Fundament und mitunter auch eine politische und wirtschaftliche Machtstruktur, die das Verhalten zahlreicher Menschen in ihrem Einflussbereich bestimmt und steuert. System sind die Maschinen, die Situationen produzieren, die Verhaltenszusammenhänge entstehen lassen, die die Handlungen der Menschen unter ihrer Kontrolle beeinflussen. Ab einem gewissen Punkt kann ein System etwas Eigenständiges werden, unabhängig von denen, die es ursprünglich geschaffen haben, ja sogar unabhängig von denen, die vermeintlich innerhalb seiner Machtstruktur Autorität ausüben. Jedes System entwickelt allmählich seine eigene Kultur, und viele Systeme tragen gemeinsam zur Kultur einer Gesellschaft bei. (175)
Für viele andere ist jedoch dieser Glaube an die eigene Macht, starken situativen und systemischen Kräften widerstehen zu können, wenig mehr als eine beruhigende Illusion der Unverwundbarkeit. (176)
Es wurde kein Humor eingesetzt, um Spannungen abzubauen oder auch nur einer unwirklichen Situation etwas Realität zu verleihen. (180)
Wärter Vandy: Der Spaß, den ich am Schikanieren und Bestrafen der Häftlinge hatte, war völlig untypisch für mich, weil ich mich für einen Menschen halte, der Mitgefühl mit Verletzten hat, insbesondere mit Tieren. Ich glaube, es war ein Auswuchs meiner totalen Freiheit, die Häftlinge zu beherrschen - ich habe begonnen, meine Autorität zu missbrauchen. (183)
10. Bedeutung und Botschaften des SPE: Die Alchemie von Persönlichkeitsveränderungen
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Aufgrund der willkürlichen Rollenzuweisungen und der vergleichenden Voruntersuchungen kann ich sagen, dass diese jungen Männer keine der pathologischen Verhaltensweisen in unser Gefängnis hineingetragen haben, die sich anschließend gezeigt haben, als sie entweder Häftlinge oder Wärter spielten. (193)
Drei verschieden Messungen der individuellen Unterschiede zwischen den Teilnehmern wurden durchgeführt, (....).
Die Faschismus-Skala (...). Die Machiavellismus-Skala (...). Die Comrey-Persönlichkeitstest (...)
(194-195)
Systematische Auswahlverfahren stellten sicher, dass jeder, der in unser Gefängnis kam, möglichst normal, durchschnittlich und gesund war und keine Vorgeschichte von antisozialen Verhalten, Delinquenz oder Gewalttätigkeit hatte. Überdies waren die Studenten als Probanten überdurchschnittlich intelligent, weniger voreingenommmen und blickten zuversichtlicher in die Zukunft als ihre weniger gebildeten Altersgenossen. (202)
Wie unsere Wärter konnten diese Ärzte [im Dritten Reich] in drei Gruppen klassifiziert werden. (...): [Es gab] denjenigen, der im Vernichtungsapparat widerwillig mitwirkte, denjenigen, der stumpf und stur alle Befehle ausführte; und schließlich denjenigen, der über die Mordbefehle hinaus Fleißaufgaben ausführte. (204)
Durch diesen Mythos der Immunität gegen situative Kräfte graben wir uns paradoxerweise selbst eine Grube, indem wir diesen Kräften nicht wachsam genug begegnen. (...)
Das SPE ist ein Fanfarenstoß, der dazu aufruft, sich von der allzu simplen Vorstellung zu verabschieden, dass das gute Selbst die böse Situation beherrschen könne. (207)
Jede Tat, die ein beliebiger Mensch jemals begangen hat, wie grauenhaft auch immer sie gewesen sein mag, ist jedem von uns möglich - unter den richtigen oder falschen situativen Umständen. Dieses Wissen entschuldigt nicht das Bös; vielmehr demokratisiert sie das Böse und verteilt die Schuld auf gewöhnliche Akteure, anstatt sie zur ausschließlichen Domäne von Gestörten und Despoten zu machen - von ihnen, aber nicht von uns. (...)
Situative Macht entfaltet sich am wirkungsvollsten in neuartigen Lebenslagen, (...)
In Gesellschaften, die den Individualismus fördern, etwa in den USA und vielen anderen Westlichen Nationen, herrscht die Überzeugung vor, das es mehr auf Dispositionen ankommt als auf Situationen. (208)
Die Dinge werden noch komplizierter, da wir allesamt multiple Rollen spielen müssen, mache, die untereinander widersprüchlich sind und manche, die unserer Grundwerte und -überzeugungen infrage stellen. (...) Der Selbstverteidigungsmechanismus der psychischen Segmentation ermöglicht uns, widersprüchliche Aspekte unserer Überzeugungen und Erfahrungen auf separate Schubladen aufzuteilen, die Interpretationen oder Interferenzen ausschließen. So kann ein braver Ehemann ein reueloser Ehebrecher sein, ein frommer Priester ein lebenslanger Päderast, ein freundlicher Farmer ein hartherziger Skalventreiber. (210/211)
Wir leugnen die Verantwortung für unsere Handlungen und schreiben sie der Rolle zu, von der wir uns einreden, sie wäre unserem wahren Charakter fremd. (214)
Zusätzlich zur Macht von Regeln und Rollen wachsen die situativen Kräfte mit der Einführung von Uniformen, Kostümen und Masken, allesamt Tarnungen der normalen Erscheinung eines Menschen, die Anonymität fördern und persönliche Verantwortung reduzieren. (...) Um gegeneinander zu kämpfen, malen die Küken derselben Henne ihre Gesichter mit unterschiedlichen Farben an. (215)
Wenn eine Diskrepanz zwischen unserem Verhalten und unseren Überzeugungen besteht, wenn unsere Taten nicht unseren relevanten Einstellungen folgen, entsteht kognitive Dissonanz. (216)
Das Bedürfnis, akzeptiert zu werden, gemocht und respektiert - normal und adäquat zu erscheinen, in die Gesellschaft zu passen -, ist so übermächtig, dass wir anfällig für ausgesprochen törichtes und sonderbares Benehmen sind, wenn uns nur jemand sagt, dies sei das richtige Verhalten. (217)
11. Das Stanford Prison Experiment: Ethische Fragen und Folgestudien
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Ich werde darlegen, dass gerade den Prozessen, die uns Menschen all die wunderbaren Ginge ermöglichen, die wir vollbringen, das Potenzial der Pervertierung innewohnt. (...)
Jeder unserer besonderen Eigenschaften birgt die Möglichkeiten ihres negativen Gegenteils in sich, wie bei den Gegensatzpaaren von Liebe und Hass, Stolz und Hochmut oder Selbstachtung und Selbsthass. (226)
Das Verständnis, warum etwas getan wurde, entschuldigt nicht etwa, was getan wurde. Psychologische Analyse will keine Entschuldigungen liefern. (227)
Mein wichtigstes Ziel bei der Therapie und Prävention von Schüchternheit war stets, Methoden zu entwickeln, die schüchternen Menschen dazu verhelven können, sich aus ihren selbst auferlegten, stummen Gefängnis zu befreien. (237)
12. Die Erforschung sozialer Dynamik: Macht, Konformität und Gehorsam
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Die meisten Menschen konstruieren selbstgefällige, selbstgerechte, egozentrische Voreingenommenheiten, durch die sie sich außergewöhnlich fühlen - also keinesfalls gewöhnlich und mit Sicherheit überdurchschnittlich. (251)
Folglich könnten Sie bei der Lektüre über das SPE (...) durchaus zu dem Schluss kommen, dass gerade Sie sich anders verhalten hätten als die Mehrheit, dass Sie die Ausnahme von der Regel gewesen wären. Dieser statistisch unhaltbarer Glaube (...) macht Sie sogar noch anfälliger für situative Kräfte, gerade weil Sie deren Macht unterschätzen, so, wie Sie die eigene Macht überschätzen. (....)
Und so bitte ich Sie, diese Voreingenommenheit für eine Weile aufzugeben und davon auszugehen, dass das Verhalten der Mehrheit in diesen Experimenten auch für Sie eine faire Grundannahme ist. (...)
Nur durch die Einsicht, dass wir alle denselben dynamischen Kräfte des menschlichen Daseins ausgesetzt sind, kann Demut einem unbegründeten Stolz den Rang ablaufen, können wir beginnen, unsere Anfälligkeit für situative Kräfte zu akzeptieren. (252)
Wenn Sie wie die meisten der 123 tatsächlichen Teilnehmer von Aschs Studie sind, würden Sie bei den entscheidenden Durchgängen mit falschen Antworten in etwa 70 Prozent der Fälle dem Gruppendruck nachgeben. (254)
Das heißt, dass für Menschen, die sich ihre Unabhängigkeit bewahren, ihr Widerstand eine emotionale Belastung erzeugt - Autonomie hat einen psychischen Preis.
Der Neurobiologe und führende Autor dieser Studie Gregory Berns zog die Schlussfolgerung: Wir meinen, das zu glauben, was wir sehen, doch die Ergebnisse der Studie zeigen, das wir sehen, was die Gruppe uns glauben machen will. Das bedeutet, dass die Meinung anderer, wenn sie sich zu einem Gruppenkonsens verdichtet, tatsächlich beeinflussen kann, wie wir Aspekte der Außenwelt wahrnehmen - was die Frage nach dem Wesen der Wahrheit an sich aufwirft. Das Bewusstsein unsere Anfälligkeit für sozialen Druck ist Voraussetzung dafür, Unabhängigkeit zu bewahren, wenn es nicht in unserem Interesse ist, einer Herdenmentalität zu folgen. (...)
Wenn bei der Aufgabe, die Farbe eines Lichts zu benennen, zwei Komplizinnen des Versuchsleiters in einer Gruppe von sechst Studentinnen hartknäckig ein blaues Licht als grün bezeichneten, schloss sich letztlich fast ein Drittel der Mehrheit der nichtsahnenden Probandinnen dieser Meinung an. (...)
Letzten Endes kann die Macht der Vielen durch die Überzeugungskraft der wenigen Engagierten untergraben werden. (256)
Entsprechende Studien zeigen, dass die Entscheidungen einer Gruppe insgesamt durchdachter und kreativer sind, wenn es eine abweichende Minderheit gibt, als wenn sie fehlt. (...)
Dem französischen Sozialtheoretiker Serge Moscovici zufolge ist der Konflikt zwischen fest verankerter Mehrheitsmeinung und abweichender Minderheitsmeinung eine notwendige Vorbedingung für Innovation und Revolution, die zu positiven gesellschaftlichen Veränderungen führen können. (257)
Anbieten einer Ideologie - einer großen Lüge -, die den Einsatz jeglicher Mittel rechtfertigen soll (...). Bei sozialpsychologischen Experimenten diene eine solche cover story (Tarngeschichte) oft als Verschleierung für die dann folgenden Abläufe (...). Ihre Entsprechung im wirklichen ist die Ideologie. (265)
Die Gehorsamsrate [bei Reproduktionen des Milgram-Experiments] blieb über Jahrzehnte und Ländergrenzen hinweg stabil. (266)
Arendts Formulierung von der Banalität des Bösen hallt bis heute nach, weil nach wie vor in aller Welt Völkermorde, Folterungen und Aktes des Terrorismus begangen werden. Wir ziehen es vor, uns einer so fundamentalen Wahrheit zu verschließen und den Irrsinn von Übeltätern und die sinnlose Gewalt von Tyrannen als das dispositionelle Wesen ihre persönlichen Veranlagung zu betrachten. (278)
Demnach sind allen Belegen zufolge, die wir zusammentragen konnten, Folterer und Mitglieder von Todesschwadronen in keiner Weise ungewöhnlich oder von der Norm abweichend, bevor sie ihre neue Rolle ausüben; zudem haben sich in den Jahren nach Beendigung ihrer Arbeit als Folterer und Henker keine bleibenden abweichenden Tendenzen oder Pathologien gezeigt. (279)
(...) Bericht Torture in Brazil enthält detaillierte Informationen über die weitreichende Beteiligung von CIA-Agenten an der Folterausbildung brasilianischer Polizeikräfte. (...)
Wie dem auch sei - meine Kollegen und ich sind davon überzeugt, dass solche Taten jederzeit und in jedem Land reproduziert werden könnten, wenn eine Zwangsvorstellung von Bedrohungen der nationalen Sicherheit vorherrscht. (280)
Deindividuation verleiht dem Täter Anonymität und reduziert somit seine persönliche Verantwortlichkeit und Selbstüberwachung. (...) Entmenschlichung eliminiert die Menschlichkeit potenzieller Opfer und stellt sie als tierartig dar, oder als ein Nichts. (285)
12. Die Erforschung sozialer Dynamik
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Die Eskalation der Elektroschocks (...) scheint ein spiralförmig zunehmender Effekt der subjektiven erlebten emotionalen Erregung zu sein. Das erregte Verhalten verstärkt sich selbst, indem jede Aktion eine noch stärkere, weniger kontrollierte Folgereaktion stimuliert. Dieses Phänomen entsteht nicht aus dem sadistischen motivierten Verlangen, Schmerzen zuzufügen, sondern aus dem erregenden Gefühl von Dominanz und Kontrolle über andere zum gegebenen Zeitpunkt. (...)
Jedwede Hilfsmittel oder Situationen, durch die ein Mensch sich anonym fühlt - als ob niemand weiß oder sich dafür interessiert, wer er ist -, mindert sein Gefühl persönlicher Verantwortlichkeit und schafft so ein Potenzial für böse Taten. (291)
(...) Kulturanthropologe R. J. Watson (...). Seine Ergebnisse sind eine eindrucksvolle Bestätigung der Prognose, dass Anonymität destruktives Verhalten fördert (...)
Dagegen zeigen sieben der acht Gesellschaften, deren Krieger ihr Aussehen nicht veränderten, bevor sie in den Krieg zogen, kein solches destruktives Verhalten. Anders ausgedrückt: In 90 Prozent der Fälle, wenn Kriegsopfer getötet, gefoltert oder verstümmelt wurden, geschah das durch Krieger, die zunächst ihr Aussehen verändert und sich deindividuiert hatten. (...)
Ist der Krieg gewonnen, diktiert die Kultur den Kriegern alsdann, wieder zu ihren Status aus Friedenszeiten zurückzukehren. Diese Zurückverwandlung wird leicht bewerkstelligt, indem die Krieger ihre Uniform und Masken ablegen, die Gesichtsfarbe abwaschen und sie in ihre vorherige Identität und früheren friedlichen Habitus zurückkehren lässt. (292)
Deindividuation verwandelt unser apollinisches in ein dionysisches Wesen. (293)
Die normalen Hemmungen vor Grausamkeit und libidinösen Impulsen verlieren sich in Exzessen der Deindividuation. Es ist wie ein Kurzschluss im Gehirn, der die Planungs- und Entscheidungsfunktionen der vorderen Hirnrinde lahmlegt, während die primitiveren Bereiche des limbischen Systems übernehmen, vor allem das Emotions- und Aggressionszentrum im Mandelkern. (294)
Tatsächlich feiert der Karneval die Exzesse libidinöser Gelüst, eines Lebens für den Moment, von Wein, Weib und Gesang. (...). Der Karnevalseffekt bedeutet, die traditionellen kognitiven und moralischen Einschränkungen persönlichen Verhaltens vorübergehend fallenzulassen, wenn eine Gruppe gleichgesinnter Bacchanten darauf aus ist, das Leben für den Moment zu genießen, ohne Rücksicht auf spätere Konsequenzen und Verpflichtungen. Er bedeutet Deindividuation in einer Gruppe. (295)
Zu den Funktionsprinzipien, die wir aufnehmen müssen in das Arsenal der Waffen, die böse Taten durch eigentliche gute Männer und Frauen auslösen, zählen solche, die von Nationalstaaten entwickelt werden, um ihre eigenen Bürger aufzuhetzen. (...)
Feindbilder werden durch landesweite Propaganda in den Medien (...) geschaffen, um die Psyche von Soldaten und Bürgern so zu konditionieren, dass sie diejenigen hassen, die in die neue Kategorie Feind passen. Diese psychische Konditionierung ist die potenteste Waffe eines Soldaten. (300)
Eine der wesentlichsten, am wenigsten beachteten Beihilfen zur Entstehung des Bösen geschieht nicht durch die Täter, sondern den stummen Chor derjenigen, die zusehen, aber nicht sehen, die hören, aber nicht zuhören. Ihre stumme Gegenwart am Tatort des Bösen lässt die unklare Linie zwischen gut und böse noch weiter verschwimmen. (302)
Ihre Forschungsarbeit führte zu einem unvermuteten Schluss: je mehr Menschen zu Zeugen eines Notfalls werden, desto weniger wahrscheinlich wird einer von ihnen helfend eingreifen. (...) Die bloße Gegenwart von anderen verwässert das Gefühl persönlicher Verantwortlichkeit eine jeden Einzelnen, aktiv werden zu müssen. (303)
Sie brauchen Hilfe? Bitten Sie einfach darum (...)
Soziale Situationen werden von Menschen geschaffen und können von ihnen verändert werden. Wir sind keine Roboter, die nach einem feststehenden Programm situativer Anforderungen operieren; vielmehr können wir jegliche Programmierung durch kreative und konstruktive Handlungen verändern. (304)
(...) Mythos (...), dass Individuen stets die Kontrolle über ihr Verhalten hätten, (....).
Bei der Würdigung unterschiedlicher Einflüsse auf ein infrage stehendes Verhalten setzen die Dispositionalisten die großen Scheine auf die Person und das Kleingeld auf die Situation. (...) Der situative Ansatz sollte uns alle dazu ermuntern, eine zutiefst demütige Haltung einzunehmen, wenn wir versuchen, undenkbare, unvorstellbare, sinnlose Akte des Bösen zu verstehen (....). Lektion, dass jedwede Tat - sei sie gut oder böse - die ein menschliches Wesen jemals gegangen hat, auch von Ihnen oder mir begangen werden könnte - unter dem Einfluss der gleichen situativen Kräfte. (308)
Es ist an der Zeit, das der umfangreiche Bestand an verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen über die Macht des sozialen Umfelds, (...), durch das Strafrechtssystem berücksichtigt wird. (...)
Subjektiv gesehen können wir sagen, dass man sich selbst in einer bestimmten Situation befinden muss, um deren transformativen Einfluss auf sich selbst und andere, die ähnlich situiert sind, würdigen zu können. (309)
14. Misshandlungen und Folter in Abu Graib
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(...) vieles in diesen Unterlagen deutet darauf hin, dass er [Chip Fredericks] als uramerikanischer Mustersoldat in Werbeplakaten des Militärs hätte auftreten können, wen er nicht gezwungen worden wäre, in einer so abnormen Situation zu arbeiten und zu leben. (...)
Die Verhöre wurden in der Regel von zivilem Vertragspersonal durchgeführt, von Verhörspezialisten (...), die von der Titan Corporation angeheuert und nur locker von der militärischen Aufklärung, der CIA und anderen Diensten beaufsichtigt wurden. (327)
Soldaten im Dienst dürfen keine Befehle von Zivilpersonen annehmen. Diese Vorschrift wurde immer mehr aufgeweicht durch den zunehmende Einsatz von zivilem Vertragspersonal, um Aufgaben zu erledigen, die zuvor von der militärischen Aufklärung erledigt wurde. (...)
In Chips Botschaften nach Hause erwähnte er wiederholt, dass Teams der Military Intelligence - zu denen auch CIA-Offiziere, Übersetzer und Vernehmer privater Vertragspartner des Militärs zählten - sämtliche Aktivitäten im Kerker von Abu Ghraib bestimmten. (331)
Unter den MPs der Spätschicht etablierte sich jedenfalls, indem sie zu Zeugen dieser und anderer brutaler Misshandlungen durch diverse Besucher in ihrem Trakt 1 A wurden, die neue soziale Norm, dass Misshandlungen akzeptabel seien. Wenn man mit Mord davonkommen konnte, so argumentierten sie, welche Schaden könne denn schon dadurch entstehen, aufsässige Häftlinge ein bisschen herumzuschubsen oder sie durch erzwungen, demütigende Posen zu erniedrigen. (333)
Es war klar, dass sich niemand verantwortlich fühlte. (...) Die Anonymität des Ortes vereinte sich mit der Anonymität der Person, das es zur Norm geworden war, im Dienst nicht mehr die komplette militärische Uniform zu tragen. Ringsum kamen und gingen die meisten Besucher und zivilen Vernehmer, ohne Namen zu nennen. Kein Verantwortlicher konnte ohne weiteres identifiziert werden, und die scheinbar unzähligen Häftlinge, die orangefarbene Overalls trugen oder völlig nackt waren, ließen sich ebenfalls nicht voneinander unterscheiden. Ich kann mir keine geeignetere Umgebung vorstellen, um Deindividuation zu erzeugen. (334)
Die einfach Antwort ist, das jedermann durch die neuen digitalen Technologien zum Sofortbildfotografen wird. (...) So wie Web-Tagebücher (Blogs) und private Webcasts ganz alltäglichen Menschen unredigierte Momente flüchtigen Ruhms verschaffen, so erleben auch die Besitzer ungewöhnlicher Fotos, die weltweit verbreitet werden können, ihren Moment der Glorie. (344)
Ich will zeigen, dass das System, von Busch über Cheney und Rumsfeld und die gesamte Befehlshierarchie hinunter, die Grundlagen für diese Misshandlungen geschaffen hat. (357)
15. Das System wird angeklagt: Die Mittäterschaft der militärischen Führung
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HRW [Human Rights Watch] vertritt die Auffassung, dass gegen Minister Rumsfeld unter der Doktrin der Befehlsverantwortung ermittelt werden sollte, wegen Kriegsverbrechen und Folterungen durch US-Truppen in Afghanistan, im Irak und Guantánamo. Verteidigungsminister Rumsfeld hat durch Missachtung und Verunglimpfung der Genfer Konventionen die Bedingungen für die Truppe geschaffen, Kriegsverbrechen und Folterungen zu begehen. (378)
Ich habe mich darauf konzentriert, das Wesen des bösartigen Fasses in Gestalt von Gefängnissen zu verstehen, das gute Wärter korrumpieren kann, doch es gibt ein größeres, tödlicheres Fass - den Krieg. Jeder Krieg macht - zu allen Zeiten und überall auf der Welt - ganz normale, sogar gute Männer zu Mördern. (387)
Militärexperten warnen, dass es für Soldaten, die zunehmend gegen einen in asymetrischer Kriegsführung verdeckt operierenden Feind kämpfen müssen, immer schwieriger werden wird, unter solchen Belastungen Disziplin walten zu lassen. (...)
Neue militärische Ausbildungsmethoden, die dazu dienen, ihre Gehirne so umzupolen, dass das Töten im Krieg als natürliche Reaktion akzeptiert wird, sind als Killology (Wissenschaft vom Töten) bekannt. Dieser Begriff wurde von Dave Grossman, Oberstleutnant a.D. und Professor für Militärwissenschaften an der Militärakademie in West Point, geprägt und ist das Thema seine Buches On Killing sowie seiner Website. (388)
Inzwischen darf man wohl mit Fug und Recht annehmen, dass die Schlüpfer über dem Kopf, die Leine und das ganze entmenschlichende Szenario allesamt übernommen wurden aus früheren Anwendungen durch die CIA, durch General Millers spezielle Verhörteams in Guantánamo, und zu allgemein akzeptierten Verhörtechniken geworden waren, die überall in Kriegsgebieten eingesetzt wurden. (394)
Michael Ratner, Direktor des Center for Constitutional Rights, sagte über dieses Programm:
Ich nenne es Outsourcing von Folter. Tatsächlich bedeutet es, dass die CIA im sogenannten Krieg gegen den Terrorismus Menschen einsammelt, irgendwo auf der Welt, wo immer sie will. Und falls sie nicht selbst die Folterungen durchführen will oder das Verhör oder wie immer man es nennen mag, dann schickt sie diese Menschen in ein anderes Land, zu dem unsere Geheimdienste eine enge Beziehung unterhalten, zum Beispiel Ägypten oder Jordanien. (398)
Angst ist die psychologische Lieblingswaffe von Staaten, um ihre Bürger zu nötigen, Grundfreiheiten und den Schutz des Gesetzes im Austausch für die Sicherheit preiszugeben. (...)
Die Sonderermittler des Ausschusses für Regierungsreformen haben für die Abgeordneten im Repräsentantenhaus Henry A. Waxmann einen Bericht über die Verlautbarungen der Bush-Administration zum Irak angefertigt. (...)
Diesem Bericht zufolge machten diese fünf Regierungsmitglieder bei 125 öffentlichen Auftritten 237 spezifisch falsche und irreführende Aussagen über die Bedrohung durch den Irak, (...) (400)
Die Samen für die Blüten des Bösen, die in jenem finsteren Kerker von Abu Ghraib erblühten, wurden durch die Bush-Administration ausgesät, nachdem sie mit ihrem dreidimensionalen Koordinatensystem aus Bedrohungen der nationalen Sicherheit, Angst und Anfälligkeit der Bürger, sowie Verhöre/Folterungen den Boden dafür bereitet hatten - alles im Namen des Sieges im Krieg gegen den Terrorismus. (402)
Als verantwortlicher Befehlshaber eins unbefristeten Krieges gegen den globalen Terrorismus hat Präsident George W. Bush ein Team juristischer Berater beauftragt, eine legitime Basis für einen Präventivkrieg gegen den Irak zu etablieren, den Begriff Folter neu zu definieren, neue Gefechtsregeln zu entwickeln, die Freiheiten der Bürger durch den sogenannten PATRIOT act einzuschränken und illegales Abhören und Lauschangriffe auf die Telefongespräche von US-Bürgern zu autorisieren. (403)
Rechtsprofessor Jordan Paust (...): Seit der Nazi-Ära sind nicht mehr so viele Juristen so eindeutig an internationalen Verbrechen bei der Behandlung und Vernehmung von im Krieg festgehaltenen Personen beteiligt gewesen. (405)
16. Widerstand gegen situative Einflüsse und Würdigung heroischen Verhaltens
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Ich hoffe, dass die in diesem Buch enthaltenen Beispiele und weiterführenden Informationen den rigiden fundamentalen Attributionsfehler infrage stellen werden, der die inneren Qualitäten eines Menschen als wichtigste Ursache seines Verhaltens identifiziert. Daneben haben wir die Notwendigkeit gestellt, sowohl die Macht der Umstände als auch die vom System definierten Verhaltensnormen zu berücksichtigen, die den sozialen Zusammenhang herstellen und aufrechterhalten. (412)
Ein letztes Mal möchte ich die Begriffe Person, Situation und System definieren. Die Person ist ein Akteur auf der Bühne des Lebens, dessen Verhaltensfreiheit durch seine Ausstattung - genetische, biologisch, körperlich und psychologisch - geprägt ist. Die Situation ist der Verhaltenskontext, der durch seine Belohnungs- und normativen Funktionen die Macht hat, der Rolle und dem Status des Akteurs Sinn und Identität zu verleihen. Das System besteht aus den Individuen und Organen, deren Ideologie, Werte und Macht Situationen schaffen und die Rollen und Erwartungen für akzeptable Verhaltensweisen der Akteure innerhalb ihres Einflussbereichs diktieren. (413)
Hier ist also mein Zehn-Stufen-Programm, um der Wirkung unerwünschter sozialer Einflüsse zu widerstehen und gleichzeitig die eigenen Kräfte und Zivilcourage zu stärken. (515)
Das Eingeständnis von Fehlern entzieht der Motivation, kognitive Dissonanzen zu reduzieren, die Grundlage, eine Realitätsprüfung lässt die Dissonanz verschwinden. Nachzugeben, anstatt eisern einen falschen Kurz zu halten, kostet zunächst Überwindung, erbringt jedoch stets einen bleibenden Gewinn.
Wir müssen daran erinnert werden, unser Leben nicht der Steuerung des Autopiloten zu überlassen, sondern uns stets einen Augenblick Zeit zu nehmen, um in Ruhe die Bedeutung der aktuellen Situation zu reflektieren und zu denken, bevor wir handeln.
Wir können unerwünschten sozialen Einflüssen widerstehen, wenn wir uns stets das Gefühl persönlicher Verantwortlichkeit bewahren und bereits sind, für unser Verhalten zur Rechenschaft gezogen zu werden. (416)
Versuchen Sie, alle sozialen Umstände zu verändern, die bewirken, dass Menschen sich anonym fühlen. (417)
Die Macht der Umstände wird geschwächt, wenn Vergangenheit und Zukunft sich vereinen, um die Exzesse der Gegenwart einzudämmen. (418)
Opfern sie nie grundlegende persönliche Freiheiten für das Versprechen von Sicherheit, denn das Opfer ist real und unmittelbar, die Sicherheit jedoch eine ferne Illusion.
Systeme besitzen eine enorme Macht, Änderungen zu widerstehen und auch rechtschaffenen Attacken standzuhalten. (419)
Es ist nur allzu leicht für bösartige Situationen, die Absichten braver Dissidenten oder gar heroischer Rebellen ins Leere laufen zu lassen, indem man ihnen Medaillen für ihre Taten verleiht und einen Geschenkgutschein dafür gibt, dass ihre Meinung für sich behalten. (422)
Der traditionelle akzeptierten Vorstellung, dass Helden außergewöhnliche Menschen sind, können wir nun eine entgegengesetzte Perspektive hinzufügen - dass manche Helden ganz gewöhnliche Menschen sind, die etwas Außergewöhnliches getan haben. (444)
So sagte Nelson Mandela: Ich war kein Messias, sondern ein gewöhnlicher Mann, der aufgrund außergewöhnlicher Umstände zu einem Führer geworden war. (445)
Ahrendts nunmehr klassische Schlussfolgerung:
Das beunruhigende an der Person Eichmann war doch gerade, daß er war wie viele und daß diese vielen weder pervers noch sadistisch, sonder schrecklich und erschreckend normal waren und sind.
Der Psychologe Ervin Staub vertritt eine ähnliche Sicht. (...)
Böses, das aus gewöhnlichen Denken entsteht und von gewöhnlichen Menschen begangen wird, ist die Regel und nicht die Ausnahme. (446)
Unter den Wissenschaftlern, die über Folter geforscht haben, besteht Einigkeit darüber, dass solche Menschen im Hinblick auf ihren Werdegang oder ihre Disposition durchweg nicht von der allgemeinen Bevölkerung zu unterscheiden sind, bevor sie ihr schändliches Tun aufnehmen. (...)
Nun lässt sich die Idee vertreten, dass Menschen, die zu Übeltätern werden, direkt vergleichbar sind mit Menschen, die zu Vollbringern von Heldentaten werden - und zwar in der Hinsicht, dass beide ganz gewöhnlich und durchschnittlich sind. Die Banalität des Bösen hat vieles gemein mit der Banalität des Heldentums. Keines der beiden Attribute ist eine direkte Folge individueller dispositioneller Neigungen; es gibt keine speziellen inneren Attribute von Pathologie oder Güte, die in der menschlichen Psyche oder dem menschlichen Genom angesiedelt sind. (447)
Diese Auffassung impliziert, dass ein jeder von uns unter dem Einfluss situativer Kräfte ebenso leicht zum Helden wie zum Übeltäter werden könnte. (448)