Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität

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Albrecht Knaus Verlag, München, 2013 (deutsche Ausgabe)

Unglaublich anregendes Buch von Taleb. Hier hat einer mit Herzblut geschrieben! Taleb bindet scharfsinnige Analysen, persönliches Erleben und profunde Kenntnissen der Weltliteratur und Philosophie zu einem einzigartigen Schreibstil zusammen. Herausgekommen ist ein extrem spannendes Buch, das des Wiederkäuens bedarft. Damit ist man nach einmaligen Lesen garantiert nicht fertig. Die große Zahl an Zitaten soll die Vielfältigkeit und Neuartigkeit des Talebschen Denkens beleben. Antifragiliät wird sicher ein Thema für mich in den nächsten Jahre bleiben....

Prolog

"Wind löscht eine Kerzenflamme, offenes Feuer regt er an. Für Zufälligkeit, Ungewissheit und Chaos gilt dasselbe: Ich will von ihnen profitieren und mich nicht vor ihnen verstecken. Ich will das Feuer sein, das sich den Wind herbeiwünscht." (...) Einige Dinge profitieren von Erschütterungen; wenn sie instabilen, vom Zufall geprägten, ungeordneten Bedingungen ausgesetzt sind, wachsen und gedeihen sie; sie lieben das Abenteuer, das Risiko und die Ungewissheit. Doch obwohl dieses Phänomen omnipräsent ist, gibt es kein Wort für das genaue Gegenteil von fragil. Nennen wir es antifragil."  (21)

"Das Antifragile steht Zufälligkeit und Ungewissheit positiv gegenüber, und das beinhaltet auch - was entscheidend ist - die Vorliebe für eine bestimmte Art von Irrtümern. Antifragilität hat die einzigartige Eigenschaft, uns in die Lage zu versetzen, mit dem Unbekannten umzugehen, etwas anzupacken - und zwar erfolgreich -, ohne es zu verstehen. Um es noch schärfer zu formulieren: Wir sind im Großen und Ganzen besser, wenn wir handeln, als wenn wir denken, und das verdanken wir der Antifragilität. Ich bin in jedem Fall lieber dumm und antifragil als hyperintelligent und fragil." (22)

"Fragiliät ist messbar; Risiken sind (jedenfalls außerhalb der Mauern von Casinos oder des Denkens von Personen, die sich selbst als Risikoexperten bezeichnen) nicht messbar. Daraus ergibt sich eine Lösung für das, was ich als Problem des Schwarzen Schwans bezeichnet habe: für die Unmöglichkeit, die Risiken zu kalkulieren, die sich aus seltenen Ereignissen ergeben, sowie die Unmöglichkeit, ihr Eintreten vorherzusagen. Mit der Anfälligkeit für die schädlichen Folgen von Unbeständigkeit, von Volatilität, kann man besser umgehen als mit der Voraussage des Ereignisse, das möglicherweise diese schädlichen Folgen herbeiführen kann. Meine Empfehlung lautet daher, unsere heute übliche Vorgehensweise im Bereich Vorhersagen und Risikomanagement auf den Kopf zu stellen." (23)

"Indem wir Zufälligkeit und Instabilität unterdrücken, haben wir die Wirtschaft, unsere Gesundheit, das politische Leben, das Erziehungswesen, fast alle unsere Lebensbereiche fragilisiert. (...) Ähnliches geschieht mit komplexen Systemen - sie werden geschwächt, ja vernichtet, wenn sie keinen Stressoren mehr ausgesetzt sind. (...) Das ist die Tragödie der Moderne: Ähnlich wie neurotische überfürsorgliche Eltern schaden uns häufig die Personen am meisten, die uns beschützen wollen. (...) Entdeckungsprozesse (oder Innovationen oder technischer Fortschritt) beruhen viel stärker  auf antifragilem Herumprobieren (Tüfteln) und der offensiven Bereitschaft zum Risiko als lauf Schulbildung." (24)

"In der Vergangenheit brachten es nur Menschen, die Risiken auf sich nahmen und bereit waren, für die Folgen ihrer Handlungen einzustehen, zu hohem Rang oder Ansehen; wer dasselbe zum Wohle anderer tat, galt als Held, Heute ist genau das Gegenteil der Fall. Wir erleben das Aufkommen einer neuen Klasse invertierter Helden: Bürokraten, Banker, die sich in Davos tummelnden Mitglieder der IAND (International Association fo Name Droppers) und Akademiker mit zu viel Macht und bar jeder Verantwortlichkeit. Sie zocken das System ab, und die Bürger bezahlen die Zeche.
Noch nie in der Geschichte der Menschheit befand sich so viel Macht in der Hand so vieler Personen, die keinerlei Risiko eingehen und nicht im Geringsten persönlich exponiert sind." (25)

"Das Leben ist unendlich viel labyrinthischer, als unser Gedächtnis uns weismachen will - unser Verstand wirkt darauf hin, Geschichte in etwas Glatt-Lineares zu verwandeln, und daher unterschätzen wir die Rolle des Zufalls. (...) Wer bewusst Ordnung anstrebt, erzielt lediglich eine Pseudo-Ordnung; ein gewisses Ausmaß an wahrer Ordnung und Kontrolle über die Dinge erlangt nur, wer den Zufall bejaht." (26)

"Komplexe Systeme stecken voller schwer auszumachender Wechselwirkungen und nichtlinearer Reaktionen. Nichtlinear bedeutet: Wenn man die Dosis, beispielsweise in der Medizin, oder die Zahl der Mitarbeiter in einer Fabrik verdoppelt, erzielt man nicht das Doppelte des ursprünglichen Effekts, sonder sehr viel mehr oder sehr viel weniger. (...) Die moderne Welt schreitet also zwar hinsichtlich des technischen Wissens fort, aber das führt paradoxerweise dazu, dass alles sehr viel  unvorhersehbarer wird. Da das Künstlich-Konstruierte immer mehr zunimmt,  da wir uns immer weiter von den Modellen entfernen, die uns unsere Vorfahren und die Natur zur Verfügung stellen, und da wir aufgrund unserer immer komplizierter werdenden Realität viel von unserer Robustheit verlieren, gibt es immer mehr Schwarze Schwäne. Außerdem sind wir Opfer des Fortschritts, einer neuen Krankheit (ich gebe ihr in diesem Buch den Namen Neomanie), die uns dazu verführt, Systeme zu errichten, die anfällig sind für Schwarze Schwäne. Ein fataler, dabei zentraler und immer wieder verkannter Aspekt von Schwazen Schwänen ist der Umstand, dass die Wahrscheinlichkeit seltener Ereignisse eben nicht berechenbar ist. (...) Je seltener ein Ereignis ist, desto weniger ist es handhabbar, und desto weniger können wir wissen, wie häufig es auftritt - doch andererseits gilt auch: Je seltener ein Ereignis ist, desto optimistischer präsentieren die Wissenschaftler auf Konferenzen ihre Vorhersagen, Modelle und Power-Point-Präsentationen mit Gleichungen und bunten Folien; desto energischer suggerieren sie, dass sie der Lage schon Herr werden.
Sehr zugute kommt und der Umstand, dass Mutter Natur dank ihrer Antifragilität die beste Expertin für seltene Ereignisse ist und am besten mit Schwarzen Schwänen umgehen kann; in den Jahrmilliarden ihrer Existenz hat sie es geschafft, fortzubestehen, ohne dass ihr ein von einer Berufungskommssion nominierter Fachmann einer Elitehochschule Führungsanweisungen gegeben hätte." (26-27)

"Man kann nicht glaubwürdig behaupten, ein bestimmtes abseitiges Ereignis oder eine größere Erschütterung sein wahrscheinlicher als eine andere (es sei denn, man hat Spaß daran, sich selbst zu täuschen); dagegen kann man mit sehr viel triftigeren Gründen feststellen, dass ein Objekt oder eine Struktur fragiler ist als eine andere, wenn ein bestimmtes Ereignis eintritt. (...) Anstatt Risiken zu diskutieren (was nichts als feige Prognosegläubigkeit ist), plädiere ich dafür, über Fragilität zu diskutieren." (29)

"Kurz, der Fragilist (medizinischer, ökonomischer sozialplanerischer Provenienz) ist ein Mann, der Sie dazu bringt, sich Strategien und Tätigkeiten zu eigen zu machen, deren Nutzen klein und sichtbar, deren Nebenwirkungen hingegen potentiell schwerwiegend und unsichtbar sind."  (30)

"Allerdings ist es schwer, das Konzept der Einfachheit in das moderne Leben einzubringen, da Einfachheit dem Geist einer bestimmten Sorte von Menschen zuwiderläuft, die Gehirnakrobatik zur Legitimation ihres Berufszweiges nötig haben." (32)

"Der Weg zur Idee der Antifragilität war, gelinde gesagt, nichtlinear. Eines Tage fiel mir auf, dass Fragilität - ein wissenschaftlich bislang nicht  definierter Begriff - beschrieben werden konnte als Unfähigkeit, Unbeständigkeit zu vertragen, und dass das, was Unbeständigkeit nicht verträgt, auch Zufälligkeit nicht verträgt, Unsicherheit, Irrtümer, Stressoren und so weiter. (...) Antifragilität ergibt sich mehr oder weniger aus dieser Definition von Fragilitiät. Antifragilität kommt mit Unbeständigkeit und all den genannten Formen der Unsicherheit gut zurecht. Auch Zeit kann ihr nichts anhaben." (33)

"Ich kehre zurück zu meinem praktischen Ich, zum handlungsorientierten Teil meiner Biographie, denn dieses Buch ist eine Verschmelzung meiner Geschichte als Praktiker und Spezialist für Volatilität mit meinem theoretischen und philosophischen Interesse an Zufälligkeit und Ungewissheit." (36)

"Es ist an der Zeit, die nicht sehr verbreitete Philosophische Vorstellung der doxastischen Verpflichtung wiederzubeleben: eine bestimmte Art von Überzeugungen, die über das reine Reden hinausgehen und denen wir uns so verpflichtet fühlen, dass wir bereit sind, auch persönliche Risiken für sie einzugehen." (38)

"Als Mitglied der christlichen Minderheit im Vorderen Orient verbürge ich mich dafür, dass Handel, vor allem Handel in einem überschaubaren Rahmen, das Tor zur Toleranz ist - meines Erachtens das einzige Tor zu jeglicher Form von Toleranz." (41)

"Ich schreibe über Wahrscheinlichkeit und bringe dabei meine ganze Seele ein und meine gesammelten Erfahrungen im Risikogeschäft; wenn ich schreibe, gehören meine Narben dazu, denn mein Denken ist untrennbar mit meiner Autobiographie verbunden." (42)

Buch I - Das Antifragile: Eine Einführung

"Die Idee der Antifragilität ist nicht Bestandteil unseres Bewusstseins - glücklicherweise ist sie aber durchaus Bestandteil der Verhaltensweisen unserer Vorfahren, unserer biologischen Ausstattung und überhaupt eine allgegenwärtige Eigenschaft jedes Systems, das überlebt hat." (58)

"Hormesis, ein aus der Pharmazie stammender Begriff, liegt vor, wenn eine kleine Dosis einer schädlichen Substanz auf den Organismus einen positiven Effekt hat, also als Medizin wirkt." (65)

"Zu regelmäßiges Essen ist schädlich, es entzieht dem Menschen den Stressor Hunger und führt unter Umständen dazu, dass er nicht sein gesamtes Potential ausschöpfen kann; (...) Entscheidender aber ist, was sich nun immer deutlicher abzeichnet: Es ist nicht unbedingt sinnvoll und gut, Systeme von Stressoren - lebensnotwendigen Stressoren - zu befreien, im Gegenteil: Das kann geradezu einer Schädigung gleichkommen." (66)

"Wie kann man Innovationen anstoßen? Erstens: Man sollte zusehen, dass man sich in Schwierigkeiten bringt. Die Schwierigkeiten müssen ernsthaft, dürfen aber natürlich nicht lebensbedrohlich sein. Ich behaupte - und das ist meine Überzeugung, nicht nur eine Spekulation -, dass sich Innovation und Zuwachs an kultivierter Gewandtheit aus Notsituationen ergeben, (...)" (71)

"Viele Menschen vor uns, darunter auch der große römische Staatsmann Cato Censorius, waren der Auffassung, ein abgesichertes Leben voller Annehmlichkeiten führe direkt ins Verderben." (72)

"Auf diesen Mechanismus der Überkompensation stößt man  in den merkwürdigsten Zusammenhängen. Wenn man sich nach einem Interkontinentalflug schlapp fühlt, sollte man, anstatt sich auszuruhen, lieber in ein Fitnesscenter gehen." (73)

"Mehrere Redundanzschichten sind das zentrale Merkmal des Risikomanagements natürlicher Systeme." (75)

"Können extreme Ereignisse mit Hilfe der Vergangenheit vorhergesagt werden? Die Antwort muss, wie sich aus einem einfachen Test ergibt, leider lauten: Sorry, das geht nicht." (77, Fußnote)

"Politische Bewegungen und Aufstände können äußerst antifragil sein, und es zeugt von einem hohen Maß an Dummheit, wenn man versucht, sie mit roher Gewalt zu unterdrücken, anstatt sie zu manipulieren, nachzugeben oder wie Herkules im Kampf mit der Hydra mit einer klugen List zu bearbeiten." (80)

"Es ist wie bei Verführungen: Die Menschen tendieren dazu, denen am meisten zu geben, die am wenigsten brauchen." (86)

"Viele Symptome des Alterns gehen darauf zurück, dass - eine typische Zivilisationskrankheit - der Wert der Bequemlichkeit falsch eingeschätzt wird: Man macht das Leben länger und länger, und die Menschen werden kränker und kränker. (...) Und dieses künstliche Altern ist darauf zurückzuführen, dass die Antifragilität in uns erstickt wird." (90)

"In der komplexen Welt ist der Begriff Grund selbst in sich fragwürdig; entweder ist ein Grund fast unmöglich auszumachen, oder er ist nicht eindeutig zu definieren - ein weitere Argument dafür, Zeitungen mit ihrem permanenten Nachschub an Begründungen zu ignorieren." (92)

"Man kann in einem komplexen System nicht irgendeine Kausalbeziehung isoliert betrachten." (93)

"Mit Touristifizierung bezeichne ich den Umstand, dass im modernen Leben Menschen wie Waschmaschinen behandelt werden - man kann nach einem detaillierten Handbuch vorgehen und darf mit schlichten mechanischen Reaktionen rechnen. Ungewissheit und Zufälligkeit werden systematisch entfernt, und man versucht, die Realität bis ins kleinste Detail vorhersehbar zu machen." (99)

"Ein Großteil des modernen Lebens besteht in vermeidbarer Schädigung durch chronischen Stress." (102)

"Tatsächlich ist der interessanteste Aspekt der Evolution jener, dass sie nur funktionieren kann, weil es Antifragilität gibt; die Evolution braucht Belastungen, Zufälligkeit, Ungewissheit und Unordnung - während individuelle Organismen relativ fragil sind, profitiert der Genpool von Erschütterungen, da sie seine Fitness steigern." (105)

"Systeme die Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit unterworfen sind, bauen einen über Robustheit hinausgehenden Mechanismus auf, um sich in jeder Generation durch einen kontinuierlichen Wechsel der Populationen und Arten neu zu erfinden." (108)

"Man kann nie etwas über den Charakter von jemandem wissen, bevor er nicht die Möglichkeit hatte, moralische Regeln zu verletzten." (115)

"Das ist das Gegenteil von gesunder Risikopolitik; es ist die Übertragung von Antifragilität von der Gesamtheit auf denjenigen, der nicht fit ist. Es ist schwer nachzuvollziehen, das die Lösung darin liegt, ein System einzurichten,  in dem es ausgeschlossen ist, durch den Zusammenbruch des einen, andere mit zu beeinträchtigen - da kontinuierliche Misserfolge die Wirkung haben , das System aufrechtzuerhalten. Paradoxerweise beeinträchtigen viele Interventionen und sozialpolitische Maßnahmen von Regierungsseite letztlich die Schwachen und stärken die Etablierten." (117)

"Zum Teufel mit der Antifragilität. Einige der hier vorgetragenen Ideen zu Fitness und Selektion bereiten mir tiefes Unbehagen, und die Abfassung bestimmter Passagen ist daher alles andere als angenehm - ich verabscheue die Erbarmungslosigkeit des Selektionsprozesses, die unerbittliche Treulosigkeit von Mutter Natur.  Ich verabscheue die Vorstellung, dass Verbesserungen nur dadurch zustande kommt, dass andere geschädigt werden. Als Humanist empöre ich mich über die Antifragilität von Systemen auf Kosten von Individuen, denn wenn man den Gedanken konsequent zu Ende denkt, dann spielen wir Menschen als Individuen keine Rolle." (120)

Buch II  - Die Moderne und die Verleugnung der Antifragilität

"Buch II handelt von der Fragilität (...), und davon, dass wir mit den besten Absichten Systeme schwächen, in dem wir uns als Dirigenten aufspielen. (...) Prokrustes, eine Figur der griechischen Mythologie, war Besitzer eines Gasthauses, der Reisende dadurch an die Größe seines Betts anpasste, das er denen, die zu groß für das Bett warten, die Gliedmaßen abschnitt und die zu kleinen auf die erforderliche Länge dehnte. Das hatte ganz ohne Zweifel zur Folge, das Gast und Bett perfekt zusammenpassten." (125)

"Handwerker, Freiberufler, beispielsweise Taxifahrer oder Prostituierte (ein sehr, sehr alter Beruf), Schreiner, Klempner, Schneider und Zahnärzte haben zwar eine gewisse Volatilität, was ihr Einkommen betrifft, aber sie sind ziemlich robust gegen einen kleineren Schwarzen Schwan, der ihr Einkommen völlig zum Stillstand bringen würde. Ihre Risiken sind sichtbar. Bei Angestellten ist das nicht der Fall. Volatilität kennen sie nicht - bis sie eines Tages womöglich vom Anruf aus der Personalabteilung überrascht werden, in dessen Folge ihr Einkommen auf Null absinkt.  Die Risiken eines Angestellten sind versteckt." (128)

"Augenkontakt mit den Menschen meiner Umgebung verändert mein Verhalten. Für einen an den Schreibtisch geketteten Lurch allerdings ist eine Zahl einfach nur eine Zahl." (134)

"Wenn Menschen zu stark eingreifen, um Prozesse einzuebnen oder zu kontrollieren, bewirkt das das Umspringen von einem System - Mediokristan - auf das andere - Extemistan. Dieser Effekt tritt in allen Systemen gebändigter Volatilität auf - sei es im Gesundheitswesen, in der Politik oder in der Wirtschaft, sogar in der individuellen Befindlichkeit mit oder ohne Prozac." (139)

"Man kann an der Truthahn-Geschichte  auch die Urform aller fatalen Fehlschlüsse ablesen: das Verwechseln der Abwesenheit eines Beweises (für eine Gefahr) mit dem Beweise für die Abwesenheit, das heißt die Nichtexistenz (dieser Gefahr);"

"Nationalstaaten stützen sich auf eine zentralisierte Bürokratie, wohingegen Imperien wie das Römische Reich und die Dynastie der Osmanen auf lokale Eliten setzten." (145)

"Zufälligkeit ist verteilt, nicht konzentriert. (...) Es ist schwer, datenhörigen Menschen zu erklären, dass die Risiken sich in der Zukunft befinden, nicht in der Vergangenheit." (147)

"Ich verstehe unter Modernität die weit ausgreifende Beherrschung der Umwelt durch den Menschen, die systematische Abstumpfung der Ecken und Kanten der Welt, das Abwürgen von Volatilität und Stressoren.
Modernität bedeutet - in körperlicher und sozialer, ja sogar in erkenntnistheoretischer Hinsicht - die systematische Entfernung der Menschen aus ihrer mit Zufällen gespickten Umwelt. (...) Es handelt sich vielmehr um ein Zeitalter, das vom Geist eines naiven Rationalismus geprägt ist, von der Vorstellung, die Gesellschaft sei verstehbar und müsse daher von Menschen durchgeplant werden. (...) Irgendwann einmal, bevor das goldene Zeitalter der Übermuttis anbrach, waren wir Freiland-Menschen mit Freiland-Kindern." (159/160)

"Ich bezeichne diesen Drang zu helfen als naiven Interventionismus." (163)

"Es ist nämlich sehr gefährlich, eine Theorie zu haben. Und selbstverständlich ist es möglich, streng wissenschaftlich zu arbeiten, ohne sich an einer Theorie zu orientieren. Was Wissenschaftler Phänomenologie nennen, ist die Beobachtung einer empirischen Gesetzmäßigkeit ohne eine dazugehörige erkennbare Theorie." (...) Der Bereich der Physik ist privilegiert und bildet die Ausnahme; (...) Die Irrtümer der Physik werden von Theorie zu Theorie kleiner ... (171/172)

"Was sollten wir kontrollieren? Als Grundsatz kann gelten, dass sich Interventionen bei der Begrenzung von Größen (etwas von Gesellschaften, Flughäfen oder Verschmutzungsquellen), von Konzentrationsprozessen und von Geschwindigkeit vorteilhaft für die Reduzierung von Schwarzer-Schwan-Risiken auswirken können." (176)

"In der Geschäftswelt und bei ökonomischen Entscheidungsprozessen verursacht die Abhängigkeit von Daten gravierende Nebenwirkungen - Daten gibt es heute dank der allgemeinen Vernetzung im Überfluss, und der Anteil an Störgeräuschen nimmt zu, je tiefer man in den Informationsfluss eindringt. Eine eher selten aufgegriffenen Eigenschaft von Daten: Sie sind in großen, ja schon in durchschnittlichen Mengen toxisch." (...) Zu viel Information wird schädlich - tägliche Nachrichten und Zucker irritieren unser System auf genau dieselbe Weise. (...) Von der in den Medien üblichen Verherrlichung von Anekdoten geht sehr viel Rauschen aus. Deshalb leben wir zunehmend in einer virtuellen Realität, abgeschnitten von der wirklichen Welt, jeden Tag etwas mehr, und wir bemerken es immer weniger. (...) Außerdem erzeugen die Medien, indem sie uns mit Erklärungen und Theorie versorgen, in uns die Illusion, wir würden die Welt verstehen." (185/186/187)

"Politische und wirtschaftliche Extremereignisse sind nicht vorhersagbar, und ihre Wahrscheinlichkeiten sind wissenschaftlich nicht erfassbar." (194)

"Unsere Bilanz im Hinblick auf die Vorhersage bedeutsamer seltener Ereignisse in Politik und Wirtschaft ist nicht fast Null, sie gleich Null." (196)

"Es ist entschuldbar, dass ein Tsunami oder ein gravierendes Ereignis im Wirtschaftsleben nicht vorhergesagt wird; nicht entschuldbar aber ist, etwas zu bauen, das solchen Zwischenfällen gegenüber fragil ist." (198)

"Was nun aber unter den Bedingungen der Moderne noch schlimmer ist: Der Anteil von Extremistan wächst. Das Phänomen, dass der Gewinner alles bekommt, wird immer offensichtlicher: Der Erfolg eines einzigen Autors, einer Firma, einer Idee, eines Musiker, eines Athleten ist ist entweder global oder nicht existent. Die Vorhersagbarkeit wird immer geringer, denn mittlerweile wird so ziemlich alles in der Gesellschaft  und Wirtschaft von Schwarzen Schwänen dominiert." (201)

Buch III - Eine prognosefreie Sicht auf die Welt

"Neugier ist antifragil, wie eine Sucht, und sie vergrößert sich mit jedem Versuch, sie zu stillen - Bücher tragen eine geheime Mission und Fähigkeit in sich, sich zu vermehren, wie jeder weiß, dessen Wände mit Bücherregalen überzogen sind." (209)

"Man stelle sich doch nur einmal vor, dass von den nahezu eine Million Profis, die im Wirtschaftssektor beschäftigt sind, (...) dass von all diesen Personen weniger als eine Handvoll sah, was auf uns zukam - und eine noch kleinere Anzahl vermochte sich das volle Ausmaß des Schadens auszumalen.
Und von denen, die es sahen, erkannte nicht ein Einziger, dass es sich bei dieser Krise um ein Produkt der Moderne handelte." (213)

"Erfolg bringt Asymetrie mit sich: Man hat jetzt sehr viel mehr zu verlieren als zu gewinnen. Also ist man fragil. (...) Ein reicher Mensch ist in seinen Besitztümern gefangen, sie beherrschen ihn, stören seinen Schlaf, erhöhen seine Stresshormonwerte, verringern seinen Sinn für Humor, woöglich haben sie sogar neben weiteren Unpässlichkeiten zur folge, das ihm Haare auf der Nasenspitze wachsen." (220)

"Damit komme ich zu meiner Hantellösung - nahezu alle Lösungen des Ungewissheitsproblems sind hantelförmig.
Was verstehe ich unter Hantel? Die Hantel (...) soll die Vorstellung einer Kombination von Extremen illustrieren, die jeweils für sich einen eigenen Bereich bilden, während die Mitte ausgespart bleibt. In unserem Kontext ist das nicht notwendigerweise eine symetrische Angelegenheit: Es geht nur um die Verbindung von zwei Extremen ohne Mitte. Man könnte es auch technischer als bimodale Strategie bezeichnen, da mit zwei sehr unterschiedlichen Vorgehensweisen und nicht mit einem einzigen zentralen Modus gearbeitet wird. (...)In biologischen Systemen treten Hantelstrategien häufig auf. Man nehme als Beispiel das Paarungsverhalten. Ich bezeichne des als 90 Prozent Buchhalter, 10 Rockstar (und gebe nur Fakten wieder, nicht dass Sie meine, ich würde das billigen). Im Tierreich haben die Weibchen bei einigen monogamen Gattungen (darunter der Homo sapiens) die Tendenz, etwas Ähnliches wie einen Buchhalter oder, noch farbloser, einen Wirtschaftswissenschaftler zu heiraten, ein Männchen zuverlässigen Zuschnitts, das für den Lebensunterhalt sorgen kann; und hin und wieder haben sein ein Techtelmechtel mit dem aggressiven Alphatypen, dem Rockstar. Ganz klar eine duale Strategie. Die Weibchen begrenzen die möglichen Nachteile, indem sie sich auf Kopulation außerhalb des Paarverbundes einlassen, um sich die genetischen Vorteile zu sichern oder einen Heidenspaß zu haben, oder beides. Sogar das Timing der Seitensprünge scheint nicht zufällig zu sein, korrespondiert es doch mit Perioden einer hohen Schwängerungswahrscheinlichkeit. Belegen lässt sich dies Strategie mit Beobachtungen bei den sogenannten monogamen Vögeln: Offensichtlich finden die Weibchen Gefallen am Fremdgehen, denn über ein Zehntel des Nachwuchses stammt von einem anderen als dem vermeintlichen Vater." (230/231)

"Also sollte man Kinder ein wenig - aber nicht sehr viel mehr als ein wenig - mit Feuer spielen lassen, nur so, aus Verletzungen, lernen sie etwas für ihre zukünftige Sicherheit. Auch sollte man Menschen die Möglichkeit eröffnen, ein gewisses Maß - nicht zu viel - an Belastung zu erfahren, um sie ein wenig aufzuwecken. Aber gleichzeitig müssen sie vor großen Gefahren in Schutz genommen werden - kleine Gefahren kann man getrost ignorieren, man sollte seine Energie vielmehr in den Schutz vor Folgeschäden stecken. In nichts anderes. Diese Vorgehensweise lässt sich übertragen auf die Sozialpolitik, auf die Gesundheitspolitik und viele andere Bereiche. (...) Es gibt sehr, sehr viele Bereiche, bei denen die Mitte alles andere als golden ist, wo man also am besten nach der bimodalen Strategie (äußerste sicher plus äußerst spekulativ) vorgeht." (232)

"Ich unterhalte mich entweder mit Studenten im Grundstudium, Taxifahrern und Gärtnern, oder mit hochkarätigen Wissenschaftlern, nie mit mittelmäßigen, karrierebewussten Akademikern." (236)

"Die optimale Vorgehensweise aber wäre, an drei Tagen pro Woche Alkohol gänzlich zu meiden (der Leber also ausgedehnte Möglichkeit zur Erholung zu geben), und an den vier übrigen Tagen nach Belieben zu konsumieren." (237)

Buch IV - Optionalität, Technik und die Intelligenz von Antifragilität

"Das Fragile hat keine Option. Und das Antifragile muss auswählen, was das Beste - die beste Option ist." (255)

"Je simpler und offensichtlicher einer Entdeckung ist, desto weniger sind wir dazu inder Lage, mit komplizierten Methoden darauf zu kommen. Entscheidend ist, dass das die Bedeutung nur in der praktischen Anwendung offenbar wird." (265)

"Die Sowjet-Harvard-Illusion (Vögeln Flugunterricht geben und annehmen, dass der Unterricht die Ursache für die grandiosen Fähigkeiten der Vögel ist) gehört zu einer Sparte kausaler Illusionen, die als Epiphänomene bezeichnet werden." (274)

"Ist Demokratie ein Epiphämon? Angeblich funktioniert Demokratie aufgrund der hochheiligen rationalen Entscheidungsfindungen auf Seiten der Wähler. Aber könnte Demokratie nicht auch ein zufälliges Nebenprodukt von etwas ganz anderem sein, Die Nebenwirkungen des Umstands, dass Menschen aus völlig obskuren Gründen gern ihre Stimme abgeben, so wie Menschen sich gern zu etwas äußern, weil sie sich gern zu etwas äußern?" (276)

"Wenn reiche Länder einen hohen Bildungsgrad haben, dann zieht man sofort den Schluss, dass Bildung ein Land reich macht, ohne dass man sich der Mühe unterziehen würde, das nachzuprüfen. Auch hier liegt ein Epiphänomen vor." (284)

"Ich will nicht sagen, das Universitäten überhaupt kein Wissen generieren, keinerlei Beitrag zum Wachstum leisten würden (...); ihre Rolle wird einfach nur kolossal überschätzt, und Akademiker nutzen wohl auch zum Teil unser Leichtgläubigkeit aus, indem sie unzutreffende kausale Beziehungen herstelle, die überwiegend auf Scheinzusammenhänge beruhen." (286)

"Menschen, deren Gehirn von komplizierten Tricks und Methoden vernebelt ist, neigen dazu, ganz elementare Dinge zu übersehen." (292)

"Es stimmt einfach nicht, dass wir Theorien auf die Praxis übertragen. Von der Praxis ausgehend, erstellen wir Theorien. (...) Die Theorie hinkte der Praxis hinterher; sie kam erst später, um die intellektuellen Erbsenzähler zu befriedigen." (305/306)

"Nach Kealey ist das Prosperieren der Universitäten, ein Resultat aus nationalem Wohlstand und nicht umgekehrt." (315)

"Wissen in komplexen Bereichen (beziehungsweise das, was man gemeinhin Wissen nennt) behindert die Forschung.
Oder anderherum gesagt: Wenn man die chemische Zusammensetzung von Zutaten studiert, wird man weder ein besserer Koch noch ein besserer Verkoster - womöglich wrd man sogar in beidem schlechter (Besonders für Menschen mit einem Hang zur Teleologie ist Kochen eine demütige Erfahrung.) (321)

"Menschen unterscheiden sich von Tieren durch ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit, sie können sich gemeinsam für eine Sache einsetzen und ihre Ideen - entschuldigen Sie den Ausdruck - kopulieren lassen. Zusammenarbeit hat eine explosive Oberseite, der mathematische Fachausdruck lautet superadditive Funktion. (...) Das es nicht möglich ist, Zusammenarbeitsprozesse voherzusagen und zu regulieren, kann man auch nicht sehen, wohin sich die Welt entwickelt. Das einzige, was man tun kann, ist: Eine Umgebung herstellen, die dieses Zusammenwirken begünstigt, uns so eine Grundlage für Wohlstand schaffen." (322)

"Wirtschaftsunternehmen sind von der Idee strategischer Planung besessen. Sie bezahlen dafür, sich vorstellen zu können, wohin sie sich entwickeln. Allerdings gibt es keinerlei Belege dafür, dass strategische Planung funktioniert - eher für das Gegenteil." (324)

"Selbst seine Freizeit steht unter dem Diktat der Uhr: Squash zwischen  vier und fünf; das ganze Leben ist zwischen Terminen eingequetscht. Es hat den Anschein, als habe der Sinn der Moderne darin bestanden, jeden Tropfen Variabilität und Zufälligkeit aus dem Leben zu pressen - mit dem (...) ironischen Ergebnis, das die Welt sehr viel unberechenbarer geworden ist, als ob die Schicksalsgöttinen das letzte Wort behalten wollten." (335)

"Die einen sind in einer strukturierten Umgebung intelligenter als die anderen - faktisch muss man wohl im Bereich Schule von einer Selektionsverzerrung sprechen, denn dort werden diejenigen favorisiert, die in einer solchen Umgebung schneller sind, und wie alles, was unter Wettbewerbsbedingungen  stattfindet, geht dies bessere Leistung innhalb des schulischen Bereichs auf Kosten der Leistung außerhalb. (338)

Buch V - Das Nichtlineare und das Nichtlineare

"Diejenigen, die uns solche Ernährungsstrategien empfehlen, verstehen nicht, dass es etwas ganz anderes ist, seine Kalorien und Nährstoffe gleichmäßig verteilt über den Tag zu sich zu nehmen, in ausgewogener Zusammensetzung und mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms, oder beispielsweise an einem Tag sehr viel Eiweiß aufzunehmen, an einem anderen Tag zu fasten und am dritten richtig zu schlemmen. (...) Man beginnt zu erkennen, dass die Auswirkung von Variabilität in der Zusammensetzung der Nahrungsquellen sowie die Nichtlinearität in der Reaktion des Körpers für biologische Systeme von zentraler Bedeutung sind." (378)

"Der eigentliche Sinn körperlichen Trainings besteht darin, von der Antifragilität gegenüber Stressoren zu profitieren." (379)

"Im Widerspruch zu allem, was in den Wirtschaftswissenschaften zum Thema Ertragssteigerung bei Großunternehmen gelehrt wird, wirkt Größe sich in Belastungssituationen schädlich aus; es ist nicht gut, in schweren Zeiten groß zu sein." (381)

"Aufgrund der Komplexität, der Vernetztheit der Teile, der Globalisierung und dieser garstigen Vorstellung von der Effizienz, die zur Folge hat, dass die Leute heutzutage viel zu nah am Wind segeln, nehmen Schwarzer-Schwan-Effekte zwingend zu. Uns erschwerend kommen noch Berater und Business Schools hinzu. Ein Problem, das an irgendeiner Stelle auftritt, kann das gesamte Projekt zum Stillstand bringen - Projekte haben die Tendenz, so schwach zu sein wie ihr schwächstes Glied (ein akuter negativer Konvexitätseffekt). Die Welt wird zunehmend unvorhersagbar, und wir verlassen uns mehr und mehr auf Technologien, die irrtumsbehaftet sind und schwer abzuschätzende Wechselwirkungen hervorrufen, ganz zu schweigen davon, dass sie vorhersagbar wären." (389)

"Die Wirtschaft kann zunehmend effizienter werden, aber gleichzeitig steigen aufgrund der Fragilität die Kosten von Irrtümern immer mehr." (391)

"Die Globalisierung hat den Effekt, schädliche Entwicklungen weltweit auszubreiten - als wäre die ganze Welt ein einziger risiger Raum mit engen Ausgängen geworden, die Leute rennen alle zu denselben Türen, und die Schäden werden immer größer und treten immer schneller ein." (393)

"Überqueren Sie nie einen Fluss, der im Schnitt einen Meter tief ist."  Wenn man im Bezug auf Variationen fragil ist, ist der Begriff des Durchschnitts irrelevant - "(402)

"Je mehr Ungewissheit, desto stärker kann sich Optionalität auswirken und desto besser werden Sie abschneiden. Dies Einsicht ist von sehr zentraler Bedeutung für das ganze Leben." (408)

Buch VI - Via Negativa

"Mein zentraler epistemologischer Grundsatz lautet daher: Wir wissen wesentlich besser, was falsch, als was richtig ist, oder - formuliert vor dem Hintergrund der Fragil/Robust-Klassifikation - negatives Wissen (Was ist falsch? Was funktioniert nicht?) ist robuster gegen Irrtümer als positives Wissen (Was ist richtig? Was funktioniert?) Wissen wächst also wesentlich eher durch Subtraktion als durch Addition. Was wir heute wissen, kann sich morgen als falsch erweisen, aber etwas, von dem wir wissen, das es falsch ist, kann sich nicht - jedenfalls nicht so ohne Weiteres - als richtig herausstellen. (...) Anders gesagt: Da eine einzige kleine Beobachtung eine Behauptung widerlegen kann, wohingegen nicht einmal eine Million Beobachtungen sie bestätigen können, ist Falsifikation schlüssiger als Bestätigung." (412)

"Klare Entscheidungen (die robust sind gegen Irrtümer) brauchen nicht mehr als einen einzigen Grund." (418)

"Antifragilität impliziert - anders als uns unsere Intuition vermittelt - dass das Alte dem Neuen überlegen ist, und zwar in einem weitaus größeren Maß, als man zunächst annehmen würde." (421)

"Diese Abwesenheit literarischer Bildung ist ein typisches Kennzeichen von Zukunftsblindheit, denn normalerweise geht sie einher mit einer Abwertung der Geschichte, einem Nebenprodukt bedingungsloser Neomanie." (428)

" Um die Zukunft zu verstehen, braucht man keinen techno-autistischen Jargon, man muss nicht von Killer-Apps und derlei Dingen besessen sein. Nötig ist vielmehr ein gewisser Respekt vor der Vergangenheit, Aufgeschlossenheit für historische Aufzeichnungen, Neugier auf die Weisheit der Älteren und ein gewisses Verständnis für Heuristiken, die häufig nicht schriftlich festgehaltenen Faustregeln, die für das Überleben so entscheidend sind. Mit andern Worten: Man kann gar nicht anders, als Dinge, die überlebt haben, ernst zu nehmen."

"Je länger sich also eine bestimmte Technologie gehalten hat, desto länger wird sie sich wahrscheinlich auch auch weiterhin halten." (433)

"Wir nehmen Variationen und Veränderungen eher wahr als etwas, das zwar eine große Rolle spielt, sich aber nicht verändert. Vom Wasser sind wir abhängiger als von Handys, aber weil Wasser sich im Gegensatz zu Handys nicht verändert, neigen wir zu der Auffassung, Handys spielten eine größere Rolle, als es tatsächlich der Fall ist." (438)

"Top-down-Vorgänge sind meistens unumkehrbar, die Fehler bleiben also bestehen, dagegen laufen Bottom-up-Prozesse schrittweise ab, Kreation und Destruktion gehen fortwährend Hand in Hand, wobei wahrscheinlich immer eine Neigung zum Positiven hin vorherrscht." (442)

"Das Verhältnis karriereorientierter Wissenschaftler zur Wissenschaft entspricht dem von Prostituierten zur Liebe." (451)

"In einem komplexen Bereich kann nur die Zeit - ein langer Zeitraum - als Beweis fungieren. (...) Und vergessen wir nicht, das die schlichten Attribute  schädlich oder nützlich unter nichtlinearen Bedingungen versagen: Es ist alle eine Frage der Dosierung." (460)

"Die verborgenen Kosten der medizinischen Versorgung beruhen  überwiegend auf der Leugnung von Antifragilität. Aber daran ist nicht nur die Medizin schuld - was wir als Zivilisationskrankheiten bezeichnen, geht auf den Versuch von Menschen zurück, das Leben für uns bequemer zu machen, was sich  direkt gegen unserer ureigenen Interessen richtet, denn das Bequeme bewirkt Fragilisierung." (462)

"Die letzten beiden Beispiele sind insofern vielsagend, als in beiden Fällen der Nutzen zwar sofort erkennbar, dabei nicht sonderlich bedeutend war; der Schaden hingegen blieb jahrelang, über mindestens eine dreiviertel Generation, unbemerkt. (...) Da Iatronik eine Kosten-Nutzen-Erwägung darstellt, geht sie meistens aus einer trügerischen Situation hervor, in der die Vorteile klein und sichtbar sind, die Kosten hingegen sehr groß und erst verzögert erkennbar, also versteckt." (464)

"Wenn jemand sehr krank ist, sind die Vorteile groß im Verhältnis zu den Nebenwirkungen; bei den Grenzfällen sind sie klein. Das heißt, man sollte sich auf die schweren Symptome konzentrieren und andere Situationen, in denen der Patient nicht sehr krank ist, ignorieren - ja, tatsächlich: ignorieren. (...) Wenn man glaubt, man habe etwas gefunden, was umsonst zu haben ist, etwas in der Art von Steroiden oder Transfetten - ein Mittel, das den Gesunden hilft, ohne dass es ihnen sichtbar schadet -, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich irgendwo ein Pferdefuß verbirgt. Aus meiner Zeit als Trader kenne ich dafür die Bezeichnung Dummkopf-Geschäft " (465)

"Hinzu kommt, dass Pharmafirmen unter dem finanziellen Druck stehen, Krankheiten zu finden, denn sie müssen ja ihre Anlagefachleute zufriedenstellen. Sie holen das Letzte heraus, indem sie bei immer gesünderen Menschen nach Krankheiten suchen, sich über Lobbyisten für die Neueinteilung von Krankheitszuständen einsetzen und ausgeklügelte Verkaufstricks erstellen, um Ärzte dazu zu verleiten, mehr zu verschreiben, als nötig ist." (466)

"Nahrung liefert vielmehr (ebenso wie Stressoren) Informationen über die Umgebung; Die Nahrungsaufnahme in Verbindung mit der Aktivität des Körpers erzeugt Hormonkaskaden (oder analoge Informationsübermittlungsstrukturen), die ein bestimmtes Verlangen (nach dem Verzehr anderer Nahrungsmittel) zur Folge haben, oder aber Veränderungen in der Art und Weise, wie der Körper die ihm zur Verfügung gestellte Energie verbrennt - ob er eher Fett speichern und Muskelmasse verbrennen muss oder umgekehrt. In komplexen Systemen wirken Feedback-Schleifen; das, was man verbrennt, hängt davon ab, was man zu sich nimmt, und wie man es zu sich nimmt. (...)
Andererseits:  Fehlbaren Menschen derartige Macht zu verleihen ist so ähnlich, als würde man einem Kleinkind ein paar Stangen Sprengstoff in die Hand drücken. (...)
Ich fasse das Argument noch einmal zusammen. Die Evolution bewegt sich durch richtungslose, konvexe Bricolage vorwärts, durch in sich robustes Tüfteln, das heißt durch die Erzielung potentieller zufälliger Gewinne dank ständiger, wiederholter, kleiner, lokal begrenzter Fehler. Mit unserer befehlsgesteuerten Top-down-Wissenschaft sind wir Menschen genau umgekehrt vorgegangen: Unsere Interventionen sind belastet mit negativen Konvexitätseffekten, das heißt, wir haben es zu kleinen, sicheren Gewinnen gebracht, indem wir uns massiven potentiellen Fehlern ausgesetzt haben. Unsere Verstehensbiland, wenn es um Risiken in komplexen Systemen geht (in der Biologie, im Wirschaftswesen, beim Klima), ist bis heute erbärmlich und gespickt mit retrospektiven Verzerrungen (wir verstehen Risiken immer erst, nachdem eine Katastrophe stattgefunden hat, machen aber immer wieder denselben Fehler), (...) Man sollte uns Menschen einfach keine explosiven Spielzeuge (Atombomben, Finanzderivate oder Werkzeuge, mit denen wir Leben erschaffen können) überlassen. (...)
Was Mutter Natur tut, ist sinnvoll, bis das Gegenteil bewiesen ist; das was die Menschen, die Wissenschaften tun, ist fehlerträchtig, bis das Gegenteil bewiesen ist. (...)
Von ihrer Erfolgsbilanz und der schieren statistischen Signifikanz ihrer immensen Erfahrung, vor der Art und Weise, wie sie es geschafft hat, Scharzer-Schwan-Ereignisse zu überstehen, muss man einfach Hochachtung haben." (474-/476)

"Wir sind so veranlagt, dass wir auf Theorien hereinfallen. Theorien aber kommen und gehen; was bleibt, ist die Erfahrung." (478)

"Faktisch beruhen die Argumente in diesem und dem folgenden Kapitel alle auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen - aber es liegt ihnen kein rationalistischer Einsatz von Mathematik zugrunde, und viele von ihnen ermöglichen die Aufdeckung von eklatanten Widersprüchlichkeiten zwischen Feststellungen zur Schwere einer Krankheit und der Intensität der Behandlung. (...) Die einzige Bedingung für die hier vorgestellte Art eines klügeren Rationalismus: Man sollte die eigenen Überzeugungen und Handlungen so ausrichten, als hätte man keine Gesamtüberblick - um klug zu sein, muss man sich damit abfinden, dass man es nicht ist." (485/486)

"Es ist ein großer Irrtum, aus dem Umstand, dass einige Menschen aufgrund bestimmter ärztlicher Leistungen länger leben, zu schließen, dass sämtliche ärztlichen Leistungen dazu führe, dass wir länger leben.
Um einzschätzen, was der Fortschritt bewirkt hat, muss man von den Vorteilen, die die ärztliche Behandlung mit sich bringt,  die Kosten der Zivilisationskrankheiten abziehen (in primitiven Gesellschaften gibt es fast keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen, keinen Krebs, keine Löcher in den Zähnen, keine Wirtschaftstheorien, keine Musikberieselung und andere moderne Krankheiten);" (488)

"Man müsste einfach die Hürde für ärztliche Intervention zugunsten der wirklich schweren Fälle erhöhen, für die der iatrogene Effekt nur sehr gering ist. Noch wirksamer wäre es, die Ausgabe für diese Fälle zu erhöhen und für die elektiven zu reduzieren." (490/491)

"Ein Arzt, der Schmerzmittel verschreibt, verhindert, dass sich sein Patient im Versuch-und-Irrtum-Verfahren mit dem Grund für seine Kopfschmerzen - Schlafentzug, Nackenspannungen oder schädliche Belastungen - auseinandersetzt; der Patient kann also ungehindert damit fortfahren, sein Leben zu zerstören." (493)

"Aus solchen Beisielen leitete ich mir die Regel ab, dass das, was gemeinhin gesund genannt wird, überwiegend ungesund ist, wie ja auch soziale Netzwerke antisozial sind und wissens-basierte Volkswirtschaften typischerweise ignorant."  (494)

"Ich bin überzeugt (...), dass wir, was die Zufälligkeit der Nahrungsaufnahme und -zusammensetzung angeht, antifragil sind, jedenfalls in einem bestimmten Ausmaß, über eine gewisse Anzahl von Tagen." (500)

"Und da haben wir da noch diese typisch moderne Illusion, dass wir so lange wie möglich leben sollten. Als wäre jeder Einzelne von uns ein Endprodukt. Diese Vorstellung vom Ich als einer Einheit kann bin in die Zeit der Aufklärung zurückverfolgt werden. (...)
Vor dieser Zeit waren wir Teil der Gemeinschaft, in der wir lebten, und derer, die uns nachfolgten . Die Volksstämme der Gegenwart und Zukunft nutzten die Fragilität des Einzelnen aus, um stärker zu werden. Die Menschen bringen Opfer und suchen das Martyrium, sie sterben für die Gruppe, und solches Handeln vermittelt ihnen ein Gefühl von Stolz; sie setzten sich mit aller Kraft für die zukünftigen Generationen ein.
Heute aber, zur Zeit der Abfassung dieser Zeilen, belädt das Wirtschaftssystem fatalerweise die zukünftigen Generationen mit hohen Staatsschulden, (...) Dieses ganze Streben nach Unsterblichkeit erfüllt mich mit tiefer moralischer Abscheu." (504-506)

"In opaken Umgebungen und in der neu entdeckten Komplexität der Welt ist es möglcih, dass Menschen Risiken verstecken und damit andere schädigen können, ohne dass das Gesetzt dazu in der Lage wäre, sie dingfest zu machen. Die Folgen von Iatrogenik können sich verzögert einstellen und unsichtbar sein. Es ist also nicht einfach, kausale Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen, was geschieht.
Angesichts dieser epistemischen Grenzen ist der einzige Faktor, mit dem sich Fragilität abmildern lässt, die Bereitschaft, seine eigene Haut aufs Spiel zu setzen." (507)

"Wir sind Zeugen eines fundamentalen Wandels. Man denke an ältere Gesellschaften, die überlebt haben. Der Hauptunterschied zwischen uns und ihnen ist das Verschwinden einer ganz bestimmten Art von Heroismus; wir zollen Menschen, die für andere Risiken auf sich nehmen, keinen Respekt mehr und räumen ihnen auch nicht aus diesem Grund mehr Macht ein." (509)

"In traditionellen Gesellschaften bemisst sich die Würde eines Menschen und der Respekt, der ihm entgegengebracht wird, nur daran, wie weit er (beziehungsweise weitaus öfter als gemeinhin vermutet, sie) bereit ist, für andere Nachteile in Kauf zu nehmen." (510)

"(...) dass wir heute hier sind, verdanken wir den Umstand, dass irgendjemand irgendwann Risiken für uns auf sich genommen hat." (512)

"All das sollte uns zu denken geben, wenn wir hören, das Glück als ein Zustand definiert wird, der von ökonomischen oder anderen erbärmlich materialistischen Umständen abhängt." (513)

"Die Gesellschaft wird von rückgratlosen Politikern fragilisiert, von aalglatten Opportunisten, dir nur auf Umfragewerte starren, und von Journalisten, die , um kurzfristig gut dazustehen, irgendwelche Geschichten erfinden, (...) (514)

"Ich bin der Auffassung, jeder Meinungsmacher muss seine Haut aufs Spiel setzen für den Fall dass jemand, der sich auf seine Informationen oder Meinung verlassen hat, zu Schaden kommt (und damit nicht Leute wie die, welche die kriminelle Invasion im Irak mit angestoßen haben, vollkommen ungeschoren davonkommen). Außerdem sollte jeder, der eine Vorhersage oder eine wirtschaftliche Analyse erstellt, etwas dabei zu verlieren haben, denn schließlich verlassen sich ja andere auf solche Prognosen (ich wiederhole: Prognosen verführen zu Risken; sie sind für uns giftiger als jede andere Form von durch Menschen verursachten Verschmutzungen)." (517)

"In traditionellen Gesellschaften hatten bezeichnenderweise sogar diejenigen, die scheiterten, aber zuvor etwas aufs Spiel gesetzt hatten, höheres Ansehen als diejenigen, die sich gar nicht erst eingebracht hatten." (520)

"Verba volent, Wörter fliegen. Noch nie standen Menschen, die reden und nicht handeln, stärker im Licht der Öffentlichkeit und spielten dort auch eine größere Rolle als heute - eine Folge der Moderen und der Aufgabenteilung.

"Es wurde auch behauptet, die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsverzugs sei so gering, dass sie kaum wahrnehmbar ist. Solche Statements, und meines Erachtens nur sie  (diese Mischung aus intellektueller Hybris und der Illusion, seltene Ereignisse verstehen zu können), sind die Ursache für die immer stärker werdende Anfälligkeit für seltene Ereignisse in der Wirtschaft. Das ist genau das Problem des Schwarzen Schwans, gegen das ich kämpfe. Das ist Fukushima." (525)

"Der Psychologe Gerd Gigerenzer liefert eine einfache Heuristik. Fragen Sie einen Arzt nie, was Sie tun sollten. Fragen Sie ihn, was er tun würde, wenn er in Ihrer Lage wäre. Sie weden sich wundern, welche Unterschiede das zutage treten." (529)

"Der Aktienmarkt ist der größte, in industriellem Ausmaß betriebene Antifragilitätstransfer in der Geschichte der Menschheit - und beruht ausschließlich auf einer bösartigen Form von Asymmetrie hinsichtlich der Bereitschaft, sein Haut aufs Spiel zu setzen." (539)

"Das Problem der Geschäftswelt besteht darin, dass hier ausschließlich mit Hinzufügung (Via Positiva), nicht aber WEgnahme von etwas (Via Negativa) gearbeitet wird: Die Pharmaindustrie profitiert nicht davon, dass Sie keinen Zucker mehr zu sich nehmen;" (544)

"Außerdem weiß ich aus meiner Erfahrung mit Führungskräften großer Unternehmen, dass diese Leute, die danach dürsten, Tausende von Stunden in drögen Meetings zu verbringen oder schlechte Memos zu lesen, nicht sonderlich klug sein können. Das sind keine echten Unternehmer, sondern nur aalglatte Schauspieler (Wirtschaftshochschulen haben viel Ähnlichkeit mit Schauspielschulen). Ein intelligenter - oder freier - Mensch würde in einer solchen Umgebung zusammenbrechen." (545)

"Jedes Produkt, das heftig beworben werden muss, ist zwingend entweder minderwertig oder schlecht. Und es ist im höchsten Maße unmoralisch, etwas so darzustellen, dass es besser erscheint, als es in Wahrheit ist. (...) Marketing ist gleichbedeutend mit schlechten Manieren -" (547)

"Das eigentliche Problem des Kapitalismus besteht darin, dass er auf Einheiten beruht, die keine Individuen sind (...). Ein Unternehmen hat keine natürliche Moral;  es funktioniert nur nach den Regeln der Bilanz. Seine einzige Bestimmung liegt darin, einer Metrik gerecht zu werden, die von Wertpapieranalysten vorgegeben wird, welche ihrerseits (heftig) zum Scharlatinismus neigen. Ein (an der Börse notiertes) Unternehmen epfindet keine Scham. Uns Menschen dagegen hält eine psychische, natürliche Hemmung zurück. (...) Gesellschaften funktionieren aber nur aufgrund beiläufiger Akte der Großzügigkeit zwischen Menschen, manchmal sogar gegenüber Fremden." (549)

"Die einzige unabdingbare Voraussetzung für Handel - für jede Art von Handel - ist Ehrgefühl." (551)

"Es ist ein Dummkopf-Problem, zu meinen, dass Reichtum die Menschen unabhängiger macht. Als Beweis dafür genügt die gegenwärtige Situation vollauf. Jeder weiß, dass wir in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie so reich waren. Und noch nie waren wir so verschuldet (in der Antike galt ein Mensch, der Schulden hatte, prinzipiell als unfrei, als Gefangener). Mehr muss  zum Thema Wirtschaftswachstum nicht gesagt werden." (553-554)

"Ich habe den Mechanismus moralischer Optionalität vorgestellt, bei dem Menschen ihre Überzeugungen ihren Handlungen anpassen, anstatt ihre Handlungen an ihren Überzeugungen auszurichten."" (563)

"Ein Mehr an Daten mag vielleicht ein Mehr an Informationen bedeuten, aber es bedeutet auch ein Mehr an falscher Information." (564)

"Es gibt einen Unterschiede in der Medizinforschung zwischen a) Beobachtungsstudien, in denen der Forscher statistische Beziehungen an einem an seinem Computer analysiert, und b) den Doppel-Blind-Versuchen, in denen Informationen auf eine Art und Weise gewonnen werden, die das reale Leben nachahmt.
Erstere, also die am Computer erstellten Beobachtungen, produzieren alle möglichen Resultate, die - zumindest nach Berechnungen von Hohn Ioannidis - mehr als achtmal in zehn Fällen falsch sind -, aber es sind dies Beobachtungsstudien, die in Zeitungen abgedruckt werden und in manchen wissenschaftlichen Zeitschriften." (566)

"Dieser Effekt, dass man von Daten in die Irre geführt wird, beschleunigt sich immer mehr. Es gibt das höchst unerfreuliche Phänomen der Big Data, bei dem die Forschung das Rosinenpicken im industriellen Maßstab betreibt. Wir haben heute zu viele Variablen (und zu wenig Daten pro Variable), und Scheinkorrelationen wachsen sehr, sehr viel schneller als echte Informationen, da Rauschen konvex und Information konkav ist." (567)

"Institute müssen irgendetwas unterrichten, damit Studenten Jobs kriegen, selbst wenn es sich bei diesem irgendetwas um völligen Unsinn handelt - damit aber haben wir uns die Gefangenschaft in ein einem zirkulärem System eingehandelt, in dem jeder weiß, das man mit falschem Material arbeitet, und keiner frei oder mutig genug ist, um etwas dagegen zu unternehmen." (569)

"Er ist zutiefst davon überzeugt, das alle triftigen Ideen auf eine zentrale Essenz zusammengefasst werden könne, die allerdings die meisten Menschen in einem bestimmten Bereich auftgrund von Spezialisierung, und weil sie allesamt leere Anzüge sind, ganz und gar verkennen."  (571)

"Bildung - im Sinn von Charakter- und Persönlichkeitsbildung, als Aneignung von echtem Wissen - schätzt Unordnung; Schubladenbildung und engstirnige Lehrer schrecken davor zurück. (..) Wir können Menschen und die Qualität ihrer Erfahrungen nach ihrer Bereitschaft und ihrem Wunsch einteilen, sich Unordnung auszusetzen: die Hopliten Spartas im Unterschied zu Bloggern, Abenteurer im Unterschied zu Lektoren, phönizische Händler im Unterschied zu römischen Grammatikern, und Piraten im Unterschied zu Tangolehrern." (572)

"Ob Sie leben, finden Sie am besten heraus, indem Sie sich fragen, ob Sie Variationen mögen. Essen hätte keinen Wohlgeschmack, wenn es keinen Hunger gäbe; Ergebnisse sind bedeutungslos, wenn man sich nicht wirklich dafür angestrengt hat - Freude ist sinnlos ohne Traurigkeit, Überzeugungen ohne Ungewissheit, und ein moralisches Leben verdient diese Bezeichnung nicht, wenn keine persönlichen Risiken darin vorkommen.
Wieder möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie mein Buch gelesen haben." (574)

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