Marie NDiaye: Ladivine

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Berlin 2014 (Suhrkamp)

Plot: Einmal im Monat besucht Clarisse Riviere ihre alleinstehende Mutter in Bordeaux, verheimlicht ihr dabei aber komplett ihr "anderes" Leben, ja sogar die Geburt ihrer Tochter Ladivine.
Als ihr Mann Richard Riviere sich von Clarisse trennt, bleibt schließlich auch Clarisse alleine zurück. Ihre Tochter Ladivine wiederum heiratet einen Deutschen und zieht nach Berlin, von wo aus Ladivine nun ihrerseits ihre alleinstehende Mutter gelegentlich besucht.  Als diese grausam von ihrem neuen Liebhaber ermordet wird, beginnen mehrere "Scheinwelten" nach und nach zusammenzubrechen.

Kommentar: Unglaublich ergreifendes Buch von Ndiaye, das an vielen Stellen kafkaeske Züge trägt. Sowohl Clarisse als auch ihre Tochter Ladivine tun fortwährend Dinge, die an die Situation von K. im Schloss oder im Prozess erinnern. Hinzu kommen magische Momente wie z.B. die Verwandlung von Ladivine in einen Hund, in dessen Augen die Mutter von Clarisse am Ende ihre Tochter zu erkennen glaubt.

"Und Clarisse Rivière ärgert sich schon lange nicht mehr darüber, denn sie verstand, daß ihre Mutter, diese verletzte Frau, auf diese Weise zum Ausdruck brachte, was letztlich doch Zuneigung, ja Zärtlichkeit ihr gegenüber sein mußte, ihr, Malinka, die in einem andernen Leben einen anderen, ihrer Mutter unbekannten Vornamen trug.
Malinkas Mutter wußte nichts von Clarisse Rivière." (11)

"Malinkas Mutter durfte in keinerlei Gestalt in Clarisse Rivières Leben vordringen, und niemand als sie, Clarisse Rivière, konnte es sich erlauben, die von ihr zubereitete Nahrung zu essen, den Kuchen voller Tränen, den mit Zorn gekneteten Kekse." (22)

"Clarisse Rivière hatte den Namen der Stadt, in der sie aufgewachsen war, vergessen, so wie sie fast alles vergessen hatte, was mit dem Leben dieses Mädchens  zu tun hatte, das Malinka hieß. (...)
Und eines Tages, als ihre Mutter sie von der Schule abholte und ein Mädchen, das zum ersten mal mir ihr sprach, sie mit erstaunten, angewiderten Ausdruck fragte, wer denn diese Frau sei, antworterte Malinka: Das ist meine Dienerin, und es kam ihr vor, als spreche sie damit eine große Wahrheit aus." (26-27)

"Sie entfernte sich von ihrer Mutter, sie verleugnete sie vor den Augen der Welt, weil sie für sich keinen anderen Ausweg sah.
Sie richtete es immer so ein, daß sie auf der Straße in einigem Abstand zu ihrer Mutter lief, und freute sich, wenn sie in den Blicken der Passanten las, daß diese undurchdringlich wirkende Frau und die schöne Jugendliche mit dem üppigen Haar, das sie, wie die Dienerin bewundernd versicherte, von ihrem Vater mit den vielfältigen Qualitäten geerbt hatte, nicht als zusammengehörig wahrnahmen." (32)

"Aber solche Aufwallungen von Zärtlichkeit und Reue, selbst die schwer Last des schlechten Gewissens, die ihre Brust bedrängte und sie, wo sie auch war, daran hinderte, vollkommen froh zu sein, konnten ihre Glauben an die Notwendigkeit ihrer Entscheidungen nicht erschüttern, diese Entscheidung, die, wenn sie sie ohne jede Schonung ihrem eigenen Urteil vorlegte, darin bestand, nichts mehr mit Malinkas Mutter zu tun zu haben." (60)

"Sie spürte, wie ihr ganzes Gesicht sich ihm entgegenstreckte, in einem Schillern von weißen Zähnen und klar funkelnden Augen, sie spürte und sah ihr Gesicht, wie es sich ihm hingab gleich einer herrlichen Lilienblüte, die sie ihm stolz und ohne jede Vorsicht darbot, im vollen Bewußtsein des Wertes ihrer Gabe, und der geschmeidige Stiel ihres Körpers neigte sich ihm ebenfalls zu, gebogen vom Gewicht der prachtvollen Blume.
Da dachte sie flüchtig an ihre Mutter - diese dunkle Hinterhofblume, wie entsetzlich sie sie bemitleidetet." (65)

"Ruhig betrachtete sie ihr künftiges Leben und stellte sich vor, wie es von zwei Geboten regiert würde, Vorder- und Kehrseite ein und desselben Auftrags: Malinkas Mutter zu verleugnen und Richard Rivière zu lieben, und dabei beiden gegenüber niemals auch nur die geringste Pflicht zu versäumen." (73)

"Als das Kind geboren wurde, nannte sie es Ladivine. Es war der Vorname der Dienerin." (82)

"Je mehr sie sich für ihren Mann und ihre Tochter aufopferte, desto mehr schienen sie sich von ihr zu entfernen, ohne Trotz oder Groll, so wie man sich angesichts einer unverständlichen Leidenschaft verlegen abwendet.
Und dennoch, wie eisig war der Atem, den sie verströmte.
Sie fühlte sich  davon manchmal entmutigt, niedergeschlagen, denn sie wußte, die unsichtbare Gegenwart von Malinkas Mutter in ihrer schwarzen Straße hinderte sie daran, ihren Worten, ihren Gesten die Natürlichkeit zu verleihen, die sie erwärmt hätten." (96)

"Bevor das Schweigen in ihr Haus einzog, ein höfliches, gedämpftes, friedliches Schweigen, hatte sie längst ihre Ohren verschlossen vor den Worten, die Richard Rivière und Ladivine aussprachen, auch wenn sie so tat, als würde sie zuhören, und sogar das Gesicht und die Gesten der Aufmerksamkeit zur Schau tragen - aber bis zu ihrem Bewußtsein durften nur die vertrauten Worte vordringen, die ihnen dazu dienten, den Alltag zu regeln. Alle anderen durfte sich nicht hören." (97)

"Sie drückte den Körper ihres Mannes fest an sich und biß ihn in den Hals. Er zuckte zusammen, ohne sich zu beklagen. Sie weinte, ohne es zu merken, und ihre Tränen liefen zwischen ihren einander berührenden Oberkörpern herab, vermischten sich mit ihrer beider salzigem Schweiß, spülten für immer jede Versuchung von Zorn, jedes Bemühen um Zorn hinweg und ließen sie, während sie sich ein paar Sekunden noch an diesen Mann klammerte, der zugleich sie selbst, ihr Mann und ihr Sohn war, entsetzlich trocken und traurig zurück." (106)

"Clarisse Rivière spürte, wie sich der dichte, leicht dröhnende Nebel in ihr auflöste, der sie vorsichtig vom Rest der Welt trennte und der ihrem Blick diesen leicht verwirrten, ersterbenden Ausdruck verlieh, dessentwegen man sie, wie sie wußte, für eine ganz unberechnende Frau hielt.  Sie empfand das als einen schneidenden Schmerz, wie von einer scharfen Klinge, die sauber in ihren Geist eindrang und entfernte, was keine Grund mehr hatte, dort zu sein, sich darin auszuruhen. (...) Jedes Wort, das Freddy Molinger sagte, erreichte ihre neue Empfindsamkeit, ihr endlich wiedererwachtes  Gefühl an ihrer verletztlichsten Stelle, und es war,  dachte sie, als habe ihre Mutter, die Dienerin,  ihr diesen Boten geschickt, um sie zu befreien und vielleicht zu erlösen, wenn sie ihn zu empfangen verstand." (119)

"Gib mir dieses ganze Bündel deine Unglücks, flehte sie stumm, ich werde schon damit zurechtkommen. Uns so hörte sie sich die dramatischsten Szenen an, ohne je in Deckung zu gehen, und ließ sich von seinem Leid durchdringen, bis sie fast daran erstickte, um ihn zu entlasten, ihn, der nach dem Tod seines Bruders immer allein gekämpft hatte.
Abends, in dem Bett, das sie über fünfundzwanzig Jahre mit Richard Rivière geteilt hatte, nah sie den anderen in die Arme, und dann war sie es, die besänftigt, getröstet war, die sich befreit und erlöst fühlte von aller Pflicht.
Sie war einfach sie selbst, Malinka, in der ganzen Unschuld ihrer vergänglichen, unsicheren Gegenwart auf Erden." (137)

"Was sie beschämte, war nicht, daß sie hinter dem Rücken ihrer Tochter Ränke zu schmieden schien, sondern zu spüren, daß sie noch nicht bereit war, ihrer Tochter anzuvertrauen, daß sie Malinka hieß.
Ich werde es an dem Tag tun, sagte sie sich, an dem ich ihr die Dienerin vorstellen werde. Denn dieser Tag würde kommen, daran hatte sie keinen Zweifel." (138)

"Und sie hatte bis zu dieser Minute nicht gewußt, etwas Wesentliches über Freddy Molinger verstanden zu haben, sie hatte nicht gewußt, es von Anfang an verstanden zu haben, nämlich daß man ihm niemals, wie bei einem Hund, seine Angst zeigen durfte. (145)

"Sie mußte der dumpfen, aber sicheren Beständigkeit der schweren, dichten Flut vertrauen, die sie davontrug, und als sie den Rand des dunklen, undurchdringlichen Waldes mit seinen hohen, schwarzen Wipfeln vor dem schwarzen Himmel erblickte, dachte sie nur: Ich nie in einem tiefen Wald gewesen - doch ohne aufzubegehren, in der Gewißheit, es würde ihr dort, wo sie sein sollte, gutgehen." (146)

"Sie hatte lange gedacht, daß Malinka sie von ihrem Leben fernhielt, weil sie sich für sie, Ladivine Sylla, schämte, die nichts anderes sein konnte, als sie war. Dann war sie im Laufe der Jahre zu dem Glauben gelangt, dass sie sich beide in den Fesseln ein und desselben Fluchs verfangen hatten, die weder Malinka noch sie lösen konnten, dß sie gestraft waren, die eine so grausam, so ungerecht wie die andere, und diese Überzeugung hatte ihr geholfen, ihr bitteres Leben zu ertragen und sich von allem Groll zu befreien gegenüber Malinka, die sie seidem mit einem gereinigtem, einem erleichterten Herzen liebte." (150)

"Denn sie beide, Marko und sie, arbeiteten das ganze Jahr über daran, sich als vollendete Eltern zu erweisen." (160)

"Was sie empfand - dieses eigentümliche Bewußtsein ihres warmen, vollen, mit weißem Leinen bekleideten Körpers, den sie allein um der Freude willen, seine vollkommene Mechanik zu spüren, durch die Gänge des Marktes bewegte, wie sie innerlich lächelnd dachte - hatte jedoch die Qualität von absoluten Leben." (170)

"Und ich, dachte sie weiter, habe ich denn nicht noch mehr als Richard unter dem gelitten, was geschehen ist? Sie fühlte sich schwer und taub werden, sie spürte ihr Herz gefrieren wie jedesmal, wenn sie an ihre Eltern dachte, und sie war dem Teil ihres Gehirns dankbar, der ihren Gefühlen befahl, sie auf diese Weise zu schützen, denn sie hätte nicht gewußt, wie sie dem plötzlichen Ansturm des Schmerzes und der Ratlosigkeit mit lebendigen Kräften und brennenden Herzen hätte begegnen sollen." (179)

"Clarisse Rivière, Ladivines Mutter, war zur Hochzeit nach Berlin gekommen, sie hatte noch Zeit gehabt, Daniel und später Annika zur Welt kommen zu sehen, nicht aber, dachte Ladivine mit schmerzlicher, trüber Erleichterung, von ihnen geliebt zu werden, so daß die Kinder nicht darunter gelitten hatten, sie auf einmal nicht mehr zu sehen, und sogar vollständig vergaßen, daß sie sie in ihren zierlichen Armen gehalten hatte, daß sie von ihrem Duft und der Zartheit ihrer Haut verzaubert gewesen war." (181)

"Wenn sie in der Nacht oder am frühen Morgen auf ihrem Roller nach Hause fuhr und sich matt fühlte, des Lebens müde, wenn sie dabei gedemütigt war von der Absurdität eben dieser Niedergeschlagenheit, denn nichts zwang sie zu tun, was sie tat, dann war sie böse auf Richard und Clarisse Rivière, die zu Hause friedlich schliefen, sie haßte sie, kurz und erbittert, für die absolute Willensfreiheit, die sie ihr ließen, und für die Achtung, die sie ihr immer entgegenbringen würden." ("200/201)

"Indem er dies Tat, den Mord an Clarisse Rivière, begangen hatte, war der Mann faktisch in Ladivines Leben und Gefühle eingedrungen, er hatte sich für immer darin festgesetzt, und sie konnte sich dem nur unterwerfen, wie einer unerwünschten Schwangerschaft, dachte sie manchmal, die abzubrechen nicht mehr möglich war." (209)

"(...), ja wäre es nicht manchmal besser, auf Kinder zu verzichten, als das Risiko einzugehen, ihnen eines Tages solch grauenhafte Dinge erzählen zu müssen?" (227)

"Viel eher hatte sie die Augen und den Blick dieses Hundes, der die Kunden beaufsichtigen sollte, und wenn Marko der Wesensart des Tieres genug Aufmerksamkeit geschenkt hätte, hätte er die Hand ausgestreckt, um es zu streicheln, vielleicht berührt durch etwas, das er nicht sofort erkannt, von dem er etwas später jedoch begriffen hätte, daß es sich um Ladivines Seele handelte." (244)

"Was wäre seine Rolle an ihrer Seite, wenn es soweit käme, daß sie Liebe und Zärtlichkeit entbehren konnte? Denn das war es, worauf die mit fünfzig Jahren verlassene Clarisse Rivière zu verzichten unfähig gewesen war, mehr noch als auf Sexualiät, doch die Liebe war ihr nicht bekommen." (256)

"(...) denn sie wollten im Grund geliebt werden, anerkannt und geschätzt werden als die guten Menschen, die sie ganz zu Recht zu sein glaubten." (259)

"Der Hund hatte sie wiedergefunden.
Er saß aufrecht da, mit aufgestellten Ohren, angespannt und doch ruhig, er fixierte sie mit seinem unparteiischen Auge und wartete vielleicht, dachte sie, auf ein Zeichen von ihr, nein, nicht einmal das, auf einen Hauch, einen Gedanken, um sie holen zu kommen, um sie mitzunehmen an einen geheimnisvollen, unbenannten Ort.
Sie erschauerte und wandte sich rasch ab." (266)

"War sie nicht trotz allem erleichtert, Wellington zu sehen und nicht, wie sie es von ihrem Bett aus undeutlich befürchtet hatte, den großen braunen Hund, der sich auf die Hinterbeine gestellt hätte? Den großen braunen Hund, den Marko die Kehle zudrückte und der in der Dunkelheit hechelte?" (283)

"Der Mann der Clarisse Rivière ermordet hatte, hieß Freddy Moliger. (...) Und nun, das sie neben dem schlafenden, unberührbaren Marko lag, konnte sie also den Namen Freddy Moliger mit den Lippen formen, nun konnte sie ihn in ihrem Kopf klingeln und dröhnen lassen wie eine Unglücksglocke, dunkel wie das Totengeläut, das am Tag von Clarisse Rivières Beisetzung in der bescheidenen Kirche an der Place de la Libération erklungen war, inmitten des Autolärms." (288)

"Marko lächelte etwas einfältig. Er dachte schon an das Ende der Ferien, an Berlin, an ihr Leben, das dort brav auf sie wartete, damit sie wieder hineinschlüpften wie in ein sauberes, gebügeltes Kleidungsstück." (300)

"Strahlend war Marko jetzt, er erglänzte in einem prachtvolen, bösen Feuer. (...) Die einschmeichelnden Befehle des Navigators fielen in die elektrische Stille wie subtile Andeutungen." (311)

"Doch Richard Rivière hatte sich damit begnügt, seine Bank anzuweisen, an festgelegten Tagen einen bestimmten Betrag zu bezahlen, um nicht mehr daran denken zu müssen, und genau das war es, wie Ladivine erriet, was Clarisse Rivière schmerzte: Er hatte alles so eingerichtet, um nicht mehr, uns sei es nur einmal im Monat, an sie denken zu müssen." (325)

"Wir müssen zurück ins Plaza, ich will nicht, daß der Typ lebt, hier, vor meinen Augen, flüsterte er. Diese verfluchten Ferien, es kommt mir vor, als würden sie nie enden!" (348)

"Was tat Clarisse Rivière im Herzen diese fremden Waldes?
Und warum hätte sie meinen sollen, oh ja, warum nur, dachte Ladivine, daß Clarisse Rivière sie mit ihrer wahren Stimme rief, mit ihrer dunklen, feierlichen und vertrauensvollen Stimme, und daß die naiven, heiteren Gesänge, die ebenfalls aus den Tiefen des Waldes aufflogen, zur dazu da waren, sie zu dem hinzulocken, was sie sonst vielleicht mit Schrecken erfüllt hätte? (...)
Deshalb würde sie jetzt, wenn Clarisse Rivière sie mit ihrer wahren Stimme, mit ihrer dunklen, feierlichen und vertrauensvollen Stimme rief, zu ihr eilen, mit all der Glut ihres gequälten Gewissens, ihrer vor Schuldgefühlen überbordenden Zärtlichkeit." (353)

"Doch dann vernahm sie das sanfte, heimliche, einschmeichelnde Mahnen, das sie schon aus dem Geländewagen der jungen Eheleute gehört hatte, diese dunkle Seufzen, wie das eines sterbenden oder gebärenden schweren Tieres, das sie zwang, sich so genau an Clarisse Rivière zu erinnern, wie wenn der Halbmond über ihr plötzlich die Züge ihrer Mutter angenommen hätte." (359)

"Die Nacht war warm und friedlich, nur das durchdringende Seufzen von Clarisse Rivière lag bebend in der Luft. (360)

"Sie spürte, wie sie erstickte, geknebelt von einer leichten, unerbitterlichen Hand (...) Sie erkannte an ihrer Seite ihr eigenes Gesicht - (...) Sie stand auf, begann durch den Wald zu trotten und dann zu rennen, die Brust vor Lust geschwellt, auf ihren schlangen, starken Pfoten." (362)

"Aber es war besser für ihn zu glauben, dachte sie, ihre Mutter irre irgendwo durch die weite Welt, als zu denken, sie habe sich in eine Hundehaut zurückgezogen und halte vom Gehweg in der Droysenstraße aus bei ihrer aus der Bahn geworfenen, unglücklichen Restfamilie Wache. Es war besser für ihn, der so sehr litt. (...)
Welchen Groll Annika auf ihre Mutter empfand!
Jeden Morgen fixierte sie den Hund mit aller Feindseligkeit, zu der sie fähig war, und dann ignorierte sie ihn, während er im gleichen Tempo wie sie den gegenüberliegenden Gehweg entlanglief." (366/367)

"Dieser Mann fuhr sicher vollendet Ski, bestimmt legte er raffinierte,  saubere Spuren in den Schnee, ganz nach dem Bild seiner Unterschrift mit den sicheren, ausgreifenden Unter- und Oberlängen." (376)

"Jede Begegnung mit seiner Tochter, jedes Telefongespräch mit ihr, jede Träumerei, die um sein Kind kreiste, lief auf dieses schreckliche Gefühl hinaus, daß sie alle drei miteinander in einem verzerrten Dasein gelebt hatten, verzerrt von etwas Unsagbaren, Bedeutsamen, das über ihnen geschwebt hatte, ohne sich je zu zeigen, oder ganz zu verschwinden, und das ihr Leben zu einem falschen Leben gemacht hatte." (380)

"Kaum war er draußen, sprang ihm der Berg auf den Rücken.
Er verbot sich, ihn anzuschauen. Doch ihm war, als sei das Bild des Berges, der sich unerbittlich vor dem strahlenden Himmel abhob, auf seiner Netzhaut einprägt, denn er sah ihn vor sich, obwohl er nicht aufgeblickt hatte, und spürte sein fürchterliches Gewicht auf seinem Rücken, seine kalten Krallen in seinem Nacken, wie ein Leichnam, der sich an ihm geklammert hatte, bevor er sich schütteln konnte oder auch nur auf die Idee gekommen war, um ihn loszuwerden."  (394)

"Warum hatte sie sich so bemüht, jede Liebe zu ihr unmöglich zu machen, indem sie sich in eine Frau ohne Eigenschaften verwandelte, in das Inbild einer fleischlosen, verschwimmenden, unerträglichen Perfektion?" (402)

"Etwas Größeres hatte sich ereignet.
Ihm selbst war es nicht gegeben gewesen, doch seine Tochter Ladivine würde an gewisse Orte gelangen und ihm von dort eine Kunde zurückbringen, die ihn, ihren gequälten Vater, endlich zur Ruhe kommen ließe.
Wie er sie in diesem Moment liebte! Wie er sich wünschte, sie wären vereint, Clarisse Rivière mit ihrem wahren Gesicht und Ladivine, und sie sprächen mit ebensoviel Liebe von ihm, wie er sie für sie empfand.
Er war weit weg von Annecy, weit weg von Clarisse und von Trevor, und endlich dem unheimlichen Zugriff des Berges entzogen.
Er schaute durchs Fenster auf den düsteren Block vor dem nächtlichen Himmel, und sein leichter Geist flog weit darüber hinweg, er hatte keine Angst mehr vor diesem Feind." (416)

"Er wartete auf die Rückkehr seiner Tochter, woher sie auch kommen mochte.
Sie würde ihm auf irgendeine Weise Clarisse Rivière zurückbringen." (419)

"Die Mittagssonne fiel strahlend auf die noch grünen Hänge, die ihn plötzlich an die Landschaft einer Modelleisenbahn erinnerten, die er als Kind geschenkt bekommen hatte und in der ein mit dunkelgrünem Filz bezogener kleiner Berg ein winziges Chalet überragte, dessen Türen und Fenster geöffnet werden konnten.
Wie er davon geträumt hatte, klein genug zu werden, um in diese Chalet eintreten zu können und allein darin zu leben, in Frieden, weit weg von seinen schimpfenden Eltern, im Schutz des sanften, frühlingshaften Berges!" (427)

"Seine geliebte Tochter, diese Kind, das er, wie er sich jetzt erinnerte, vergöttert hatte, arbeitete irgendwo daran, Clarisse Rivière ausfindig zu machen - wie dankbar war er ihr dafür, wie sehr war er es ihr schuldig, ihr in jeder Gestalt, in der sie sich zeigen würde, Gastfreundschaft zu gewähren!" (432)

"Es ist der Hund, flüsterte sie.
Der Hund?
Er blickte verwirrt zur Tür. Das Kratzen hatte aufgehört. Der Hund wartete, geduldig, denn er wußte, dachte Ladivine Sylla, er war erhört worden.
Haben Sie ihn nicht bemerkt, vor dem Justizpalast?
Nein, ich habe nichts bemerkt, stammelte Richcard Rivière.
Sanft öffnete Ladivine Syllas die Tür, und der große brauen Hund auf seinen zierlichen, bebenden Pfoten kam vorsichtig herein.
Sie streichelte das rauhe Feell zwischen den kleinen, aufrechten Ohren, und der Hund schaute mit seinem wissenden, seinen keuschen Augen zu ihr auf.
Ihr schwindelte vor Glück.
Sie war sich sicher,  er war gekommen, um ihnen alles zu berichten, was er wußte, und er hatte dafür viele Qualen und Anstrengungen auf sich genommen.
Er brachte ihnen Malinkas zuckendes Herz zurück, und vielleicht auch, so dachte sie in ihrer glühenden Freude, das Versprechen einer neuen Klarheit, die jeden Tag erhellen würde." (445 - Schluss)

 

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