Margarete Grandner / Andrea Komlosy (Hg.): Vom Weltgeist beseelt

Veröffentlicht von

Globalgeschichte 1700 - 1815

Wien 2004 (Promedia)

(...) England, das sich 1707 mit Schottland zu Großbritannien vereinte, (...)

[1815] Großbritannien hatte Frankreich als militärischen Rivalen und wirtschaftlichen Konkurrenten geschlagen und konnte die Hegemonie über die Weltwirtschaft antreten, die das ganze 19. Jahrhundert charakterisierte. (11)

Die wichtigsten Verbündeten der Krone, die jesuitischen Missionare, die seit 1570 mit der Domestizierung der indianischen Bevölkerung in den schwer zugänglichen Rückzugsgebieten beauftragt wurden, (...) (14)

(...) Westorientierung Russlands, die von Peter dem Großen (1689-1725) eingeleitet wurde und unter Katharina II. (1762-1796) ihre volle Entfaltung erlebte. (15)

Das 18. Jahrhundert ist durch eine Konsolidierung der europäischen Staaten und ihres Systems charakterisiert. (...) Wesentliche Bedeutung im Prozess der Binnenintegration der Staaten wie in ihrer Abgrenzung nach außen kam der Idee der Nation zu. Ökonomisch prägend war die Herausbildung einer weltweiten Arbeitsteilung in der Produktion von Massengütern. (16)

Der - militärisch unterstützte - Vormarsch europäischer Industriewaren an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bewirktes in den bis dahin führenden Produktionszentren in Indien und im Osmanischen Reiche einen Niedergang der gewerblich-industriellen Produktion. (21)

Beim Bevölkerungswachstum, das im 18. Jahrhundert in Europa beträchtlich war, übertraf Frankreich Großbritannien in hohem Maße. (...) Doch die Briten waren den Franzosen auf dem Gebiet der finanziellen Institutionen und des Kreditwesens um nahezu ein Jahrhundert voraus (...).
Die fainzielle Überlgenheit ermöglichte es den Briten nicht nur, Kriege zu führen, sondern auch Handel und Schiffsbau voranzutreiben. In dieser Beziehung unterlagen ihnen auch die Niederländer, (...).
Der Wettbewerb trieb dabei die Neuerungen im Schiffbau voran, während die alten Seefahrernationen auf ihren früheren Erfolgsrezepten beharrten und damit in Rückstand gerieten. (...) Spanien war im 18. Jahrhundert zwar noch die drittgrößte Seemacht Europas (...). Man baute aber weiterhin denselben Schiffstyp, die Galeone, mit dem die Spanier schon in den vorangegangen Jahrhunderten die Weltmeere durchquert hatten (...). (26)

Der Aufstieg Großbritanniens, der für das 18. Jahrhundert Epoche machend war, brauchte auch eine ganz neue Verknüpfung von Seehandel und Kolonialherrschaft in Asien mit sich. (...) Hier ging es nicht mehr um den Griff nach den Gebieten, in denen tropische Agrarprodukte erzeugt wurden, sondern um die Aneignung eines großen Steueraufkommens, das ganz neue Formen territorialer Herrschaft erforderte. (...)
Der Begriff Merkantilismus ist erst am Ende des Jahrhunderts von den Vertretern des Freihandels geprägt worden, die damit alles bezeichneten, was ihnen zuwider war. (27)

Die Taxonomie, die systematische Erfassung aller beobachtbaren Phänomene, war die Manifestation des Zeitgeistes. Einer ihrer prominentesten Vertreter war der schwedische Gelehrte Carl von Linné, der das Pflanzenreich in 24 Klassen aufgliederte (...).
Das Silber kam in zunehmenden Maße aus spanischen Kolonien in Amerika. Ohne diesen Silberstrom wäre es den europäischen Seehändlern nicht möglich gewesen, die asiatischen Handelsgüter zu erwerben, die sich mit hohem Gewinn daheim auf den Markt brachten. (28)

Alle bedeutenden amerikanischen Exportprodukte wurden in Plantagen angebaut, (...) Kleine Betriebe, die es früher einmal gegeben hatte, waren im 18. Jahrhundert längst verschwunden, (...). Während die Plantagenbesitzer europäische Einwanderer oder ihre Nachkommen waren, bestand die Landarbeiterschaft nahezu ausschließlich aus afrikanischen Sklaven. (...)
War die frühere Wanderungsbewegung noch von Not getrieben, so kamen im 18. Jahrhundert hauptsächlich besser qualifizierte Engländer nach Amerika, die dort gut bezahlte Arbeitsplätze fanden (...). Die Portugiesen waren - gemessen an der Größe ihrer Gesamtbevölkerung, dir nur rund eine Million betrug, - eifrige Auswanderer, aber sie zog es auch nach Asien und Afrika und nicht nur nach Brasilien. (...)
Die meisten mit Sklaven bewirtschafteten Plantagen befanden sich in Lateinamerika, während in Nordamerika im 18. Jahrhundert eigentlich nur Tabakanbau in Virginia mit Sklaven betrieben wurde. Zucker war das Hauptprodukt der amerikanischen Sklavenwirtschaft. Das Zuckerrohr war seit Jahrtausenden in Indien angebaut worden, erreichte über die Araber das Mittelmeer und wurde von den Portugiesen und Spaniern im 15. Jahrhundert auf Madeira und den Kanarischen Inseln angebaut. (...) Erst im 18. Jahrhundert setzte der Massenkonsum von Zucker ein, der einer quasi-kapitalistischen, protoindustriellen Produktion Auftrieb gab. (...) Die größte Nachfrage nach Zucker entstand in Großbritannien, wo von 1700 bis 1800 der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von vier auf 18 Pfund gestiegen sein soll. (...) Dieser Zuckerbedarf steht in direktem Zusammenhang mit dem Teekonsum, (...). Während das Zuckerrohr eine asiatische Pflanze ist, die die Europäer nach Amerika mitbrachten, sind Tabak und Kakao dort einheimische Gewächse, die erste nach ihrer Entdeckung durch die Europäer ihren globalen Siegeszug antraten. (30-31)

Der Kakao wurde von den Spaniern schon sehr bald nach der Eroberung Zentralamerikas entdeckt, wo er bei Mayas und Azteken als heiliges Getränk galt und Kakaobohnen als Zahlungsmittel dienten. (...) Venezuela erlebte im 18. Jahrhundert geradezu einen Kakaoboom uns eine Hauptstadt Caracas blühte auf (...). (...) erst als die Europäer ihm Zucker hinzufügten, gewann er bei ihnen an Popularität und verbreitete sich von Spanien nach Italien über Nordeuropa bsi nach London. Der Hauptumschlagplatz für den importieren Kakao wurde jedoch Amsterdam. (...)
Das Zeitalter der Aufklärung war zugleich auch die Hoch-Zeit des menschenverachtenden Sklavenhandels (...). Die Pioniere waren auch hier die Portugiesen gewesen, sie schon im 15. Jahrhundert den Zuckerrohranbau auf Madeira und andern Inseln mit afrikanischen Sklaven betrieben hatten. Doch erst als die Niederländer und Briten in dieses Geschäft einstigen und Amerika mit Sklaven versorgten, nahm es enorme Dimensionen an.
Die westafrikanischen Königreiche, von denen sich einige geradezu auf die Sklavenjagt spezialisierten, konnten die steigende Nachfrage stets befriedigen. Sie ließen sich die Sklaven von den Europäern gut bezahlen. (...)
Die europäischen Schiffe fuhren mit Geld und Warenladungen nach Afrika, tauschten diese dort gegen Sklaven ein, brachten sie nach Amerika und traten von dort aus mit amerikanischen Exportgütern beladen die Heimfahrt an. (32)

Gewürze, vor allem der Pfeffer, waren es, die die Europäer nach Asien zogen. Im Mittelalter hatte Venedig eine Schlüsselrolle im Gewürzhandel gespielt. Von der Levante wurden die Gewürze mit Galeeren über die Adria nach Venedig gebracht und von dort aus in ganz Europa verteilt. Den Portugiesen gelang es 1498, den direkten Seeweg nach Indien zu finden und an der Malabarküste Pfeffer billig einzukaufen. (33)

Der Kaffee wurde im 18. Jahrhundert zu einem der beliebtesten Seehandelsgüter und war zunächst wichtiger als der Tee, der später so große Bedeutung erlangte. Der Kaffestrauch war bereits im Mittelalter von Äthiopien nach Arabien gekommen, wo er im Hinterland der Hafenstadt Mokka ( Mocha) am roten Meer angebaut wurde. Er fand dann im Osmanischen Reich weite Verbreitung und wurde schließlich auch in Europa bekannt. (...) In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts nahm der Kaffehandel sehr rasch zu, und in vielen Städten Europas entstanden Kaffeehäuser. Amsterdam wurde zum wichtigsten Umschlaghafen (...).
Der Tee blieb dagegen im 18. Jahrhundert seiner Heimat China treu, erst im 19. Jahrhundert verpflanzten die Briten ihn nach Indien, das dann zum Hauptexportland wurde. (34)

Der britische Seehandel nahm durch den Teehandel im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts enorm zu, (...).
Im Unterschied zu den Agrarprodukten (...), handelte es sich bei den indischen Baumwolltextilien um sehr spezielle Gewerbeprodukte, die zu einem großen Teil in gewerblichen Zentren im Inland hergestellt wurden. (37)

Die englischen Außenhandelsstatistiken zeigten, dass die Einfuhr von indischen Baumwolltextilien im 18. Jahrhundert enorm anstieg und dass dabei zugleich die Gewinne aus dem Re-Export wuchsen. (38)

Eines der bedeutsamsten Phänomene des 18. Jahrhunderts war die Industrielle Revolution. Wie bereits im Zusammenhang mit dem Textilhandel erwähnt, hatte sie ihren Urspung um 1700 in London bei den Druckern, die Baumwolltextildrucke herstellten. Importsubstitution und Arbeitskräftemangel waren die Triebfedern des industriellen Fortschritts. (...) Indirekt war der nach Großbritannien fließende Reichtum ab er für das industrielle Wachstum nützlich. Kredite waren leicht erhältlich, der Zinssatz niedrig und der Handel florierte. (...) Reichtum allein sichert freilich noch kein industrielles Wachstum, wie das Beispiel Portugals zeigt. Dieses Land profitierte in der Hälfte des 18. Jahrhunderts von den Goldfunden in Brasilien. Doch dies führte zum Niedergang des portugiesischen Gewerbes, weil man sich leisten konnte, alles zu importieren, was man brauchte (...). (41)

Chinesische Seide, persische Teppiche und indische Baumwolldrucke besaßen bis ins 18. Jahrhundert ein ungleich höheres Prestige als alles, was die europäische Gewerbekunst zu bieten hatte. (103)

Wer an chinesische Kunstfertigkeit denk, assoziiert damit meist Seide, die im Reich der Mitte seit Jahrtausenden produziert wird und über die legendäre Seidenstraße schon im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung nach Europa gelangt. Zur Herstellung ihrer Alltagskleidung verwendeten die Chinesen jedoch vor allem Hanf, ehe im 17. Jahrhundert Baumwolle zur wichtigsten Textilfaser wurde. Die Baumwollindustrie stellte in der Folge den größten chinesischen Wirtschaftssektor dar, (...). Im 18. Jahrhundert entstanden dann aufgrund des enormen Bevölkerungswachstums in den landwirtschaftlichen Intensivregionen immer mehr Familien, für die Textilarbeit zum Haupterwerb wurde. (105)

In den Provinzen Jiangsu und Zheijiang, den beiden wichtigsten Seidenregionen im Yangte-Delta, standen in der Mitte des 18. Jahrhunderts über 80.000 Webstühle in Betrieb; es gab Unternehmen mit 500 bis 600 Stühlen, die freilich auf mehrere Haushalte aufgeteilt waren. (106)

Das Einkommen aus der Textilarbeit, zu dem Frauen als Weberinnen in besonderem Maße beitrugen, stärkte die Bauern gegenüber der feudalen Herrschaft. (...) Das System war so erfolgreich, dass es sich auf periphere Regionen ausdehnte und der kleinbäuerlichen Wirtschaft eine erstaunliche Stabilität verlieh (...). (107)

Einfuhr und Re-Export der asiatischen Luxuswaren waren eine Domäne des Handelskapitals. Das zum Tausch gegen asiatische Waren erforderliche Silber stammte aus den südamerikanischen Bergwerken, die im Besitz der spanischen oder portugiesischen Krone waren. Aus deren Händen floss das Silber im Austausch gegen Gewerbeprodukte an holländische oder englische Unternehmer. (111)

Der Baumwollhunger treib den territorialen Vormarsch der jungen USA nach Westen voran. (...) Die indianischen Stämme östlich des Mississippi wurden durch Kriege und gezielte Aktionen vertrieben, ihre Gebiete dienten - von Schwarzen bearbeitet - als Baumwollfelder für die europäische Textilindustrie. (114)

Als Frankreich und Großbritannien 1786 im Vertrag von Eden Freihandel vereinbarten, sahen die französischen Industriellen ihr Schicksal besiegelt (...). Sie setzten ihre Hoffnung auf die Revolution. Als eine der ersten Maßnahmen schaffte diese den Eden-Vertrag ab und umgab nun erstmals das gesamte französischen Staatsgebiet mit hohen Schutzzöllen. (115)

Das entscheidende Datum für die Entwicklung der österreichischen Baumwollindustrie stellte der Handelsvertrag mit der Hohen Pforte dar, der im Anschluss an den Frieden von Passarowitz (1718) geschlossen worden war. (116)

Ab 1820 jedoch hatten die Manufakturen endgültig ausgedient. Sie wurden von mechanischen Spinnfabriken abegelöst, die im südlichen Niederösterreich sowie in den Textilregionen in Oberösterreich, Vorarlberg und in den böhmischen Ländern in großer Zahl entstanden.

Zwischen 1730 und 1780 überstieg der Wert der Schweizer Baumwollerzeugnisse jene Englands. (118)

Der englische, der österreichische und der Schweizer Weg stehen bis 1780 nebeneinander, und es besteht keine Veranlassung, England aufgrund seiner Stärken im Import und Re-Export asiatischer Fertigwaren als industrielle besonders fortgeschritten zu bezeichnen. Dies änderte sich, als es mit fabriksmäßig erzeugtem Maschinengarn neue Standards für Produktivität und Qualität setzte. (119)

Von West nach Ost betrachtet, handelt es sich um das Osmanische und das Persisch-Safawidische Reich, das Mogulreich und die anderen Staaten des indischen Subkontinents, die Reiche im Gebiet des späteren Indochina sowie China und Japan. Dieser Bogen vom Mittelmeer zum Pazifik war (...) zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert das gewerblich-industrielle Kompetenzzentrum, der workshop der Welt. (120)

Das Zurückdrängen des Osmanischen Reichs schuf die Ausgangsbedingungen für einen intensive Wanderbewegung Richtung Südosteuropa.Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zogen Tausende aus Süd- und Westdeutschland nach Ungarn, Siebenbürgen und in das Banat. Allein zwischen 1709 und 1712 verließen etwas 50.000 Personen ihre Herkunftsgebiete am oberen und mittleren Rhein, am Neckar, am Main und am Oberlauf der Donau, um sich in Ungarn anzusiedeln (...). Die Donau stellte im 18. Jahrhundert eine der wichtigsten Reiseruten dar. (...)
Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) begann eine weitere Phase systematischer Kolonisationspolitik zur Neubesiedlung Ungarns. Politisches Ziel war es, die ungarischen Gebiete durch eine deutschsprachige, katholische Besiedlung fester an das Habsburgerreich zu binden. (...)
(...) mobilisierte der russische Staat nach 1762-1763 vor allem deutschsprachige MigranntInnen zur Besiedlung der Regionen am Dnestr und am Donez. Etwa 11.000 Familien aus südwestdeutschen Gebieten zogen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach Russland. (195)

Der Südwesten Mitteleuropas stellte auch ein Kerngebiet der deutschsprachigen Amerikamigration dar: Württemberg, die Rheinpfalz, die Landstriche entlang der oberen Mosel und der Saar sowie die in Rheinnähe gelegenen deutschsprachigen Kantone der Schweiz. (...)
Jeder dritte Bewohner oder jeder dritte Bewohnerin Pennsylvanias war somit deutscher Abstammung. (196)

Zweifellos gehört jedoch Japan zu jener Gruppe ostasiatischer Druckkulturen, in denen die Tradition des Buchdrucks jedenfalls bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht. Wie nach Korea ist die Kunst des Druckens mit dem Buddhismus aus China nach Japan gekommen. (...) Der traditionelle japanische Blockdruck steht - wie die alten ostasiatischen Drucktechniken insgesamt - dem europäischen Holzschnitt nahe. Wie dieser kann er Bild und Text in einem reproduzieren. (244)

(...) besteht doch kein Zweifel daran, dass China als das eigentliche Ursprungsland dieser ältesten Drucktradition der Welt anzusehen ist. (...) Die buddhistische Mission, die von Indien ausgehend über Zentralasien im Frühmittelalter immer stärker auf die chinesische Gesellschaft einwirkte, bildete einen entscheidenden Faktor für die Entstehung des Buchdrucks in China. (246)