Das dramatische 14. Jahrhundert
München 2010 (Pantheon Verlag)
Allein die Tatsache der Berichterstattung vervielfältigt die äußerliche Bedeutung irgendeines bedauerlichen Ereignisses um das Fünf- bis Zehnfache (oder um irgendeine Zahl, die der Leser einsetzen mag.) (17)
Die mittelalterlichen Währungen leiten sich ursprünglich von der libra (livre, pound oder Pfund) ab, einem Pfund reinen Silbers, aus dem 240 Siberpfennige geschlagen wurden. (19)
Dauerte es normalerweise fünfzig bis einhunderfünfzig Jahre, eine Kathedrale fertigzustellen, so wurden die umfangreichen Bauarbeiten in Coucy samt Bergfried, Befestigungsanlagen und unterirdischen Verbindungstunneln in dem erstaunlich kurzen Zeitraum von sieben Jahren unter dem unbeugsamen Willen eines einzigen Mannes, EnguerrandIII. de Coucy, vollendet. (22)
Die Festung war sowohl in der Planung als auch in der Ausführung die perfekteste militärische Bastion des mittelalterlichen Europas, uns sie hatte die kühnsten Ausmaße. (23)
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts bot die Picardie einer viertel Million Haushalten oder mehr als zwei Millionen Menschen Lebensraum, was sie neben Toulouse zur einzigen Provinz Frankreichs machte, die im Mittelalter bevölkerungsreicher war als heute. (25)
Da er sich selbst und seine Gefolgschaft mit teuren Waffen, Rüstungen und Pferden ausstatten musste, kam der Kreuzritter, wenn er überlebte, gewöhnlich ärmer nach Hause, als er aufbrach. (30)
EnguerrandIII. starb 1242 ungefähr sechzigjärig, als sein eigenes Schwert ihn bei einem schweren Sturz vom Pferd durchbohrte. (33)
Der Adelsstand war den Rittern von Geburt und Abstammung zu eigen, aber er musste durch ein edles Leben bestätigt werden, und das hieß ein Leben für das Schwert. (...) In Wirklichkeit waren die Abstammungslinien aber nicht so deutlich und die Standeszugehörigkeiten weniger gesichert und fließend. (...) Alle drei Stände hatten eine feste Aufgabe zum Wohle des Ganzen. Der Kirchenmann sollte für alle Menschen besten, der Ritter für sie kämpfen, und die einfachen Menschen sollten arbeiten, damit sie alle zu essen hatten. (...) Der Adlige sollte das Volk vor Unterdrückung schützen, die Thyrannei bekämpfen und der Tugend huldigen, das hieß, die höheren Ideale der Menschheit verwirklichen, zu denen die schmutzigen, unwissenden Bauern von ihren christlichen Zeitgenossen - im Gegensatz zum Begründer des Christentums - nicht für befähigt gehalten wurden. (36-37)
Der Pferderücken war der Platz des Ritters, ein erhöhter Sitz, der ihn über die übrigen Menschen stellte. (...) Der Destrier, das Schlachtroß, wurde gezüchtet, schnell, wild, stark und treu zu sein, und wurde nur im Kampf geritten. Während der Reise ritt der Ritter sein Reitpferd (...). Im Militärdienst wurden der Ritter und sein Pferd als untrennbar angesehen, denn ohne Pferd war der Ritter nur ein Mann. (37)
Aus seinen Grundbesitz und seiner Zinsherrschaft leitete der Adlige sein Recht ab, über alle Gemeinen seines Gebiets mit Ausnahme der Geistlichkeit und der Kaufleute freier Städte zu herrschen. (...) Der gesamte Adel Frankreichs umfasste an die 200 000 Personen in 40 000 bis 50 000 Familien, die ungefähr ein Prozent der Bevölkerung ausmachten. (38)
Als die Regierungsgeschäfte immer komplexer wurden, entstand so nach und nach eine Gruppe von Berufsbeamten und Ministern der Krone. Männer dieser Gruppe wurden in den Dienstadel erhoben im Unterschied zum Schwertadel und wurden von den alten Adelsfamilien als Emporkömmlinge verachtet. (...)
Als das 14. Jahrhundert anbrach, war Frankreich der führende Feudalstaat. (...) Frankreich war das Land der vollkommenen Ritterlichkeit, in das die unzivilisierten deutschen Adligen kamen, um an den Höfen der französischen Fürsten Benehmen und Geschmack zu erlernen. (40
Als Folge der normannischen Eroberungen und der Kreuzzüge wurde Französisch vom Adel als zweite Muttersprache gesprochen, so vor allem in England, in Flandern, im Königreich von Neapel und Sizilien. Es wurde von den flämischen Großkaufleuten als Handelssprache benutzt, diente in den Resten des Königreichs von Jerusalem als Gerichtssprache und wurde von Gelehrten und Dichtern anderer Länder benutzt. (...)
An erster Stelle mehrte die Universität von Paris den Ruhm der französischen Hauptstadt, sie übertraf alle anderen im Ruhm ihrer Lehrer und im Ansehen ihrer Lehrer der Theologie und Philosophie (...). Thomas von Aquin lehrte dort im 13. Jahrhundert (...). (41)
Paris war wegen seiner Universität das Athen Europas (...).
Von der staatlichen Kontrolle ausgenommen, trat die Universität der Kirche ebenso hochmütig gegenüber wie der Krone und lag in ununterbrochenen Konflikt mit Bischof und Papst. (42)
In den ersten zwanzig Jahren [des 14. Jh.] folgten vier düstere Ereignisse einander auf den Fersen: der Angriff des französischen Königs auf den Papst, der Umzug der Päpste nach Avignon, die Vernichtung des Templerordens und der Aufstand der Pastoureaux, der armen Bauern Frankreichs. (45)
Geschwächt durch seinen Auszug aus Rom, versuchte das Papsttum, in weltlichen Dingen Ansehen und macht zu erringen. (47)
Ich lebe im Babylon des Westens, schrieb Petrarca in den vierziger Jahren des 14. Jahrhunderts. Die Prälaten feiern hemmungslose Feste und reiten schneeweiße Pferde mit goldenen Satteldecken, sie werden mit Gold gefüttert, und wenn Gott, der Herr, diesem sklavischen Luxus nicht Einhalt gebietet, werden sie bald auch goldene Hufeisen tragen. (49)
In Boccaccios Erzählungen oder in den Fabliaux Frankreichs, in der gesamten populären Literatur der Zeit ist das kirchliche Zölibat nicht mehr als ein Witz. (51)
Einige Mönchsorden ließen ein Taschengeld zu und verliehen Geld gegen Zinsen. In einigen Klöstern waren vier Liter Bier täglich erlaubt, die Mönche aßen Fleisch, trugen Pelze und juwelengeschmückte Gewänder. Sie hielten sich Diener, die in reichen Klöstern zahlreicher als die Mönche selbst waren. (52)
Das Christentum regelte Geburt, Heirat und Tod, das Geschlechtsleben, das Essen, die Gesetze und die Medizin, es war das Thema der Philosophie und der gesamten Gelehrsamkeit. (53)
Die Kirche versprach Erlösung, die nur durch ihre Rituale erreicht werden konnte, nur durch den Beistand und die Hilfe der geweihten Priester. Extra ecclesiam nulla salus. Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil, das war die Losung. (...)
Im Mittelalter bezweifelte niemand, dass die Mehrheit der Menschen auf ewig verdammt sein würde. Salvandorum paucitas, damnadorum multitudo (wenig gerettet, viele verdammt), war das strenge Prinzip von Augustinus bis hin zu den Aquinensern. (56)
Die Sünde war ein unausweichlicher Bestandteil des Lebens, aber sie konnte, so oft es nötig war, durch Buße und Absolution abgewaschen werden. (57)
In verschiedenen Berichten lassen sich bis 1250 Gerichtsprozesse zurückverfolgen, die beweisen, dass sich die Bauern organisiert geweigert haben, die Felder ihrer Herren zu pflügen, deren Getreide zu dreschen, ihr Heu zu wenden oder in ihren Mühlen zu mahlen. (59)
Die Juden waren seit langem wegen der hohen Schulden verhasst, die die Bauern bei ihnen machen mussten, um Werkzeuge oder Pflüge kaufen zu können. (60)
Nachdem er jede andere Einkommensquelle erschöpft hatte, wandte Philipp der Schöne sich 1307 in der sensationellsten Episode seiner Herrschaft gegen den Templerorden. (...) Frei von jeder Besteuerung waren die Templer zu den Bankiers des Heiligen Stuhls geworden, zu Geldverleihern, die niedrigere Zinssätze als die lombardischen Bankiers oder die Juden anboten. (61)
Nach langen, vergeblichen Verzögerungen durch Klemens V. wurde der Templerorden in Frankreich, England, Schottland, Aragonien, Kastilien, Portugal, Deutschland und im Königreich Neapel durch das Konzil von Vienne, 1311/12, endgültig verboten. (63)
Aufgrund einer späteren Überlieferung soll er [Jacques de Molay, Großmeister der Templer] den König und seine Nachkommenschaft bis in die dreizehnte Generation verflucht haben, und mit seinen letzten Worten soll er gesagt haben, dass der Papst und König innerhalb des nächsten Jahres vor dem Richterstuhl Gottes treffen werde. Tatsächlich starb Papst Klemens V. im folgenden Monat, sieben Monate später folgte im Philipp der Schöne ins Grab, (...) (64)
Frankreich war mit seinen 21 Millionen Menschen fünfmal so bevölkerungsstark wie England mit seinen wenig mehr als vier Millionen Menschen. (68)
Von allen Eigenheiten, in denen sich das Mittelalter von der heutigen Zeit unterscheidet, ist keine so auffallend wie das fehlende Interesse an Kinder. (...) In der Literatur war die Hauptrolle der Kinder, zu sterben, zu ersticken oder auf Geheiß eines abergläubischen Königs im Wald ausgesetzt zu werden. (70)
Im großen und ganzen scheinen die Kinder in den ersten fünf oder sechs Jahren ohne große Fürsorge sich selbst überlassen worden zu sein; entweder sie starben, oder sie überlebten. Welche psychologischen Auswirkungen das auf den Charakter der Menschen und möglicherweise auf die Geschichte hatte, kann man nur ahnen. (73)
Wenn die Kinder erst einmal sieben Jahre alt geworden waren, begann man sie zu beachten, und sie fingen an, das Leben kleiner Erwachsener zu führen. (...) Man nimmt an, dass etwas die Hälfte der Bevölkerung unter einundzwanzig war und vielleicht ein Drittel unter vierzehn. (...)
Im alter zwischen acht und vierzehn Jahren wurden die Jungen als Pagen auf die Burg eines benachbarten Ritters geschickt, so wie die Söhne der Gemeinen als Lehrlinge oder Diener ein einer befreundeten Familie aufgenommen wurden. (74)
Mit vierzehn oder fünfzehn, wenn sie zum Knappen ernannt wurden, intensivierte dich die Kampfschulung der Adelssöhne. Sie lernten, die schwingende Strohpuppe, die als Zielscheibe diente, mit der Lanze aufzuspießen, das Schwert zu handhaben und eine Menge anderer tödlicher Waffen zu beherrschen; (75)
Moralischer oder materieller Fortschritt des Menschen oder der Gesellschaft war etwas, womit man in diesem vorbestimmten Erdenleben nicht rechnete. Der Einzelne mochte sich zwar durch eigene Anstrengung Tugenden aneignen, aber ein grundsätzlicher Fortschritt würde, so meinte man, erst bei der Wiederkehr Christi und dem Anbruch eines neuen Zeitalters eintreten. (77)
Die einzigen Energiequellen waren die menschliche Kraft und die Zugtiere, daneben gab es nru noch die Antriebswellen, die von Wind- und Wasserkraft in Bewegung gehalten wurden. (...)
Das Reisen, die Mutter der Erfahrung, brachte die Neuigkeiten der Welt in die Burgen und Dörfer, die Städte und die ländlichen Gebiete. (79)
In der Fassung, die das Rittertum dem Problem gab, waren Romanzen außerehelich, weil Liebe in der Ehe als irrelevant betrachtet, sogar entmutigt wurde, da die Ehe allein dynastischen Interessen diente. (92)
Diese Auffassung erhöhte das Ansehen der Frauen, weniger um ihrer selbst willen als durch ihre Rolle als Inspiration männlicher Größe. (93)
Bei ihren alljährlichen Überfällen auf die litauischen Heiden veranstalteten Ritter des Deutschen Ordens Bauernjagden als sportliches Vergnügen. (96)
Ein gerechter Krieg ist zwar in allen Zeiten ein gesuchter Vorwand, aber im Mittelalter war er praktisch eine Notwendigkeit, da nur so die feudalen Verpflichtungen an Geld und Soldaten einzuklagen waren. (...) Wichtiger noch als die Hilfe Gottes war das Recht auf Beute, in der Praxis das Recht auf Plünderung, das mit einem gerechten Krieg verbunden war. (101)
Gefolgschaft wurde im 14. Jahrhundert immer noch einer Person geleistet nicht einer Nation, und die mächtigen Feudalherren fühlten sich frei, über ihre Bündnisse fast autonom zu entscheiden. (101-102)
Die Bretagne war das Schottland Frankreichs, unberechenbar, keltisch, unzugänglich, von jeher widerborstig. Die Bretonen benutzten die Engländer in ihren Auseinandersetzungen mit der Monarchie wie die Schotten die Franzosen in den ihren. (102)
Der Handel und die Geographie machten Flandern zu einem entscheidenden Pfand der englisch-französischen Rivalität. Seine Städte waren die führenden Handelszentren Europas. Italienische Handelsbanken und Geldverleiher hatten dort ihre nordeuropäischen Hauptniederlassungen eingerichtet, was ein sicheres Zeichen für lukrative Geschäfte war. (...) Obwohl ein Lehen der französischen Krone, war Flandern England durch den Textilhandel verbunden wie die Gascogne durch den Wein. (...) In Qualität und Farbe einschließlich der schweren Stoffe für den Alltagsbedarf war Flandern in Europa konkurrenzlos. (105)
Als durch den bösen Zufall, der das 14. Jahrhundert überall zu verfolgen schien, der ökonomischen Katastrophe 1347 die Hungersnot folgte und dann die Pest, musste dies den unglücklichen Menschen erscheinen, als habe sich der Zorn Gottes über ihren Häuptern entladen. (109)
Ein schrecklicher Wurm in einen eisernen Kokon, wurde der Ritter ein einem anonymen Gedicht genannt. (114)
Die Ritterschaft bestand auf der Tradition, dass der Kampf der Krieger ein Zweikampf zu sein hatte; Geschosse, die den Kampf auf Distanz erlaubten, wurden verachtet. Der erste Bogenschütze war nach einem Lied des 12. Jahrhunderts ein Feigling, der sich nicht an seinen Feind heranwagte. (115)
Das Mittelalter hatte keine Kampftruppe, die der römischen Legion entsprach. (116)
Der Vorteil der Engländer lag in der Verbindung der nichtadligen Verbände - den walisischen Messerkämpfern, den Spießträgern und vor allem den geübten Bauern, die den Langbogen führten - mit der Kampfweise der Ritter. (118)
Die Verfolgung eines geschlagenen Feindes fand sich nicht im mittelalterlichen Kriegslexikons. (119)
Ein Drittel der Welt starb. (125)
Die größten Städte Europas waren Florenz und Paris. Sie hatten eine Einwohnerzahl, die wie die von Venedig und Genua 100 000 überschritt. Mehr als 50 000 Bürger zählten in der nächsten Gruppe Gent und Brügge in Flandern, Mailand, Bologna, Rom, Neapel, Palemermo und Köln. (...) London beheimatete weniger als 5000 Einwohner (...). (127-128)
Als ob die Welt sich wirklich in der Hand des Bösen befunden hätte, erschütterte ein fürchterlicher Erdstoß im Januar 1348, als die Pest auftauchte, das europäische Festland. (128)
Der Mangel an Arbeitskräften verdüsterte die Zukunft, denn das 14. Jahrhundert war ganz auf die jährliche Ernte angewiesen, (...). (131)
König Alfons XI. von Kastilien war der einzige regierende Monarch, der der Pest zum Opfer fiel, (...). Aufgrund ihres Berufes war die Sterblichkeit unter den Doktoren und der Geistlichkeit natürlich besonders hoch. (132)
Unter den Bischöfen starb einer von zwanzig. Die Zahl der Todesfälle unter den Priestern entsprach dagegen dem Bevölkerungsdurchschnitt, (...). (133)
Der Pestbazillus, Pasturella pestis, blieb ab er für weitere fünfhundert Jahre unentdeckt. Er lebte abwechselnd im Verdauungssystem des Flohs und der Blutbahn der Ratte, die das Wirtstier des schmarotzenden Flohs war. Auf den Menschen wurde der Bazillus, insbesondere die Beulenpest, durch den Biss des Flohs oder einer Ratte übertragen. (134)
Das mittelalterliche Denken blieb in der Theorie astraler Einflüsse befangen, betonte die Rolle der Luft in der Verbreitung der Seuche und übersah mangelnde Hygiene oder tierische Krankheitserreger. (135)
Für das Volk konnte es nur eine Erklärung geben, der Zorn Gottes. (136)
Das offenbare Fehlen einer irdischen Ursache gab der Seuche einen übernatürlichen und geheimnisvollen Anschein. (137)
Der heilige Rochus, der 1327 gestorben war und von dem man glaubte, dass er mit besonderen Heilkräften ausgestattet sei, gehörte zu den meistbeschworenen Schutzheiligen während der Zeit der Pest. (140)
Obwohl die Pest als Strafe Gottes verstanden wurde, suchten die Überlebenden in ihrem Elend nach einem menschlichen Missetäter, über dem sie den Zorn entladen konnten, der gegen Gott nicht zu richten war. Als der ewige Fremde war der Jude das naheliegende Ziel. (...) Die Anklage der Brunnenvergiftung ging bis auf die Pest von Athen in der Antike zurück, als den Spartanern dieses Verbrechen zur Last gelegt wurde. (141)
Sie [die Juden] erhielten sich ihren Platz in der Gesellschaft, da sie als Geldverleiher bei der ständigen Geldnot der Könige eine wesentliche Funktion innehatte. Sie waren durch die Gilden aus allen handwerklichen Berufen und vom Handel ausgeschlossen und so zu Bagatellgeschäften und dem Geldverleih gezwungen, obwohl ihnen offiziell Geschäfte mit Christen verboten waren. (...)
Da die Juden ohnehin verdammt waren, durften sie ihre Geschäfte zu Zinssätzen bis zu 20 % abwickeln, wovon der königliche Schatzmeister den Hauptanteil beanspruchte. Der Gewinn für die Krone war real eine Form indirekter Besteuerung; als deren sichtbare Eintreiber zogen die Juden zusätzlich den öffentlichen Hass auf sich. (...) Für das Volk waren die Juden nicht nur die Christusmörder, sondern raubgierige, erbarmungslose Ungeheuer, die die aufkommende Macht des Geldes verkörperten, die die Traditionen zerstörte und alte Bindungen auflöste. (143)
Um ihre Sonderstellung zu kennzeichnen, verfügte Innozenz II, 1215, dass sie ein Abzeichen tragen mussten; gewöhnlich war es ein runder Flicken aus gelbem Filz, das, wie man sagte, ein Geldstück darstellte. (...) In seinem Kampf gegen alle Ketzerei und Irrlehre verordnete das 13. Jahrhundert dasselbe Zeichen Mohammedanern und überführten Ketzern und aufgrund irgendeiner doktrinären Spitzfindigkeit auch Prostituierten. (145)
Am 9. Januar 1349 wurde in Basel die ganze jüdische Gemeinde von einigen hundert Köpfen in einem eigens für diesen Zweck aufgestellten Holzhaus auf einer Rheininsel verbrannt, und ein Dekret wurde erlassen, dass es für die nächsten zweihundert Jahre keinem Juden mehr erlaubt sein sollte, sich in Basel niederzulassen. (147)
Die letzten Progrome fanden in Antwerpen und Brüssel statt, wo im Dezember 1349 die gesamte jüdische Gemeinde ausgerottet wurde. Als die Pest vorüber war, gab es nur noch wenige Juden in Deutschland oder den Niederlanden. (150)
Bauern entdeckten genau wie Handwerker, Tagelöhner und Priester den sozialen Hebel des stark reduzierten Arbeiterangebots. (153-154)
Sie [die Arbeiterstatuten] sahen vor, dass jeder Gesunde unter sechzig Jahren und ohne ausreichendes eigenes Einkommen für jeden, der ihn benötigte, zu arbeiten hatte, (...). (154)
Der schwarze Tod erzeugte eine ähnliche existentielle Hoffnungslosigkeit wie der Erste Weltkrieg, obwohl es im Mittelalter fünfzig Jahre dauerte, bis sich die psychischen Nachwirkungen voll entwickelten. (158)
(...) entscheidenden Unsicherheitsfaktor der mittelalterlichen Schlacht (...): das Recht auf eigenständigen Rückzug. (164)
Die Folter war von der Kirche autorisiert und wurde regelmäßig von der Inquisition benutzt, um Ketzereien aufzudecken. (...) Es war eine alltägliche Sache, Verbrecher gegeißelt, gestreckt und am Schindanger erhängt zu sehen. Man sah abgeschlagene Köpfe und gevierteilte Körper, die auf Stangen über der Stadtmauer zur Schau gestellt wurden. (...) Blut und Grausamkeit waren ein allgegenwärtige Element der christlichen Kunst, (...).
Die Menschen des Mittelalters waren an physische Leiden und Verletzungen gewöhnt, und sie wurden durch die Darstellung von Gewalt und Schmerz nicht abgestoßen, sonder genossen sie vielmehr. (171)
Während der Krieg sich hinzog, vergiftete die Gewöhnung der Soldaten an Grausamkeit und Zerstörung die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts. (176)
Da aufgrund der Steuerfreiheit für Adel und Kirche der dritte Stand den größten Teil der Steuern zahlte, hatte er auch die Entscheidungsgewalt über die Höhe der Abgaben. (178)
Den König begleiteten seine vier Söhne. (...) Zwei Marschälle Frankreichs, 26 Herzöge und Grafen, 334 Bannerherren und beinahe alle anderen Grundherren und Ritter gehörten zur Heerschar.
Der Rückzug des Bataillons des des Herzogs von Orléans, der schließlich die Niederlage auslöste, ist kaum anders zu erklären, als dass die Unzufriedenheit mit dem König die Adligen kampfesunwillig gemacht hatte. (...) Aber was auch immer der Greund gewesen sein mag, das Ergebnis war ein tiefes Misstrauen des Volkes gegen den Adelsstand und eines schwere Erschütterung des Glaubens an die Struktur der mittelalterlichen Gesellschaft. (...)
Viele Adlige sahen sich bei ihrer Rückkehr Spott und Feindseligkeiten gegenüber und hatten Mühe, die traditionelle Hilfe der Bevölkerung beim Aufbringen von Lösegeldern zu erreichen. Um die nötigen Mittel herbeizuschaffen, waren viel gezwungen, ihr Mobiliar zu verkaufen oder ihre Leibeigenen gegen Bezahlung freizulassen. (191)
Die Ineffektivität der französischen Bogenschützen im Vergleich zu den englischen während des gesamten Jahrhunderts ist ein Rätsel. (193)
Er [ein reicher Tuchhändler] vertrat die mächtigen Handelsmagnaten des dritten Standes, die Manufakturbesitzer und Geschäftsleute der mittelalterlichen Gesellschaft, die in den letzten zweihundert Jahren einen Einfluss, wenn auch nicht einen Status, erreicht hatten, der dem der Prälaten und des Hochadels vergleichbar war. (196)
Für den Durchschnittsbürger war der normale Müllabladeplatz die Straßenmitte, und in den Unterschichtsvierteln lagen vor jeder Haustür Haufen von Unrat. (...)
Die im Wind klappernden Ladenschilder wetteiferten im Lärm mit den Rufen der Straßenverkäufer, den Schreien der Maultiertreiber, dem Hufklappern der Pferde und den Stimmen der öffentlichen Ausrufer. Paris beschäftigte sechs Hauptsausrufer, (...), jeder von ihnen hatte einige Assistenten , die zu den Kreuzungen und Plätzen der verschiedenen Viertel ausschwärmten, um ihre Nachrichten unter das Volk zu bringen. (...)
Als Hauptstadt mit einer großen Universität beherbergte Paris eine turbulente Horde von Studenten aus ganz Europa. Sie waren privilegiert und nicht der örtlichen Gerichtsbarkeit unterstellt, sondern direkt dem König, was bedeutete, dass ihre Verbrechen und Verstöße meist straffrei blieben. (199)
Auch in größeren Häusern schliefen die Gäste mit dem Gastgeber und seiner Frau in einem Raum. (201)
(...) das Brigantentum. Die Kriegszüge der letzten fünfzehn Jahre hatten räuberische Militäreinheiten hinterlassen, die Kompanien, die Unheil über den Busern der Erde schreiben und zur Plage dieser Epoche wurden. (203)
In der Anarchie der zeit nach Poitiers waren Ritter und Briganten nicht mehr zu unterscheiden, was dem Ritterstand zusätzlichen Volkszorn zuzog, (...). (206)
Zur Abwehr der Kompanien verwandelten die Dorfbewohner ihre steinernen Kirchen in Festungen, indem sie sie mit Gräben umgaben, die Glockentürme mit Wächtern besetzten und Steine bereitlegten, um sie auf die Angreifer hinunterwerfen zu können. (207)
Man hörte damals stundenlang im Freien die Predigten großer Kirchenmänner an und betrachtete sie als eine Art populärer Unterhaltung. (211)
Wie jede andere gesellschaftliche Gruppe war auch die der Bauern sehr uneinheitlich. Ökonomisch gesehen reichte ihr Stand vom halbwilden Armen bis zum Eigner von Feldern und Federbetten, der genug Geld anhäufte, um seinen Sohn auf die Universität zu schicken. (...) Er musste Gebühren für alles zahlen , was er benutzte: für die herrschaftliche Mühle, den Backofen, die Apfelmostpresse und natürlich auch für das herrschaftliche Gericht. (214)
All diese Voraussetzungen und Abgaben sicherten dem Besitzer den Löwenanteil am Mehrwert der Landarbeit. (...) Diejenigen, die sich keinen Pflug leisten konnten, mieteten einen oder brachen die Erde mit Hacke und Spaten um. Vielleicht 75 bis 80 Prozent der Bauern lagen unter dieser Pfluggrenze. (...) Die ärmsten 10 Prozent lebten im Elend von Brot, Zwiebeln und ein paar Früchten, schliefen auf Strohsäcken ein einer unmöblierten Hütte, die als Rauchabzug nur ein Loch im Dach hatte. Sie hatten nicht einmal den Status von Leibeigenen, sie waren das neue ländliche Proletariat, das die Umstellung des alten herrschaftlichen Systems auf frühkapitalistische Formen erzeugte. (215)
1358 erreichte das Elend der Bauern seinen Höhepunkt. (217)
Als der Aufstand vorüber war, waren mehr als hundert Burgen und Herrenhäuser in den Gebieten (...) und mehr als sechzig in den Bezirken von Beauvais und Amiens geplündert und verbrannt. (218)
Tatsächlich waren sich die beiden Bewegungen, die bäuerliche und die bürgerliche, in der Stoßrichtung gegen den Adel einig. (219)
Als der erbarmungslose Unterdrückungsfeldzug gegen die Bauern nach Norden schwappte, trat Enguerrand de Coucy al sein neuer Führer in Erscheinung, (...).
Bis zum 24. Juni 1358 waren zwanzigtausend Jacques getötet, und das Land war in eine Wüstenei verwandelt. (...) Wie jede Erhebung des Jahrhunderts war auch diese gescheitert, sobald die Herrschenden entschlossen zurückschlugen mit dem Gewicht des Stahls und der Überlegenheit des Mannes auf dem Pferderücken. (224)
Grausam und schändlich wüteten die navarresischen und englischen Kompagnien weiterhin im Land. Einzelne Gruppen von Adligen bekämpften sie, überall brachen Privatkriege und lokale Fehden aus, Burgen wurden belagert und Dörfer verbrannt. (227)
Über unbestellte Felder und niedergebrannte Dörfer wandelte der Hungertod durch Frankreich. (228)
Im Vertrag von London verzichtete er [König Johann von Frankreich] praktisch auf das gesamte westliche Frankreich von den Pyrenäen bis nach Calais und stimmte der erneut erhöhten, katastrophalen Lösegeldsumme von 4 Millionen Goldécus zu. (229)
(...) Tatsache, dass ohne einen Zufallstreffer wie die Gefangennahme des französischen Königs in Piotiers mittelalterliche Armeen nicht die Mittel hatten, ein entscheidendes Ergebnis zu erreichen, schon gar nicht die bedingungslose Kapitulation eines ganzen Landes. (...) Die Abtretungen summierten sich zu einem Drittel Frankreichs. Es war der größte Gebietsgewinn, der bis zu dieser Zeit in Westeuropa überliefert war. (234)
Die Anstrengungen, das Lösegeld aufzubringen, erreichten ein Extrem. (...) Jeder musste zahlen, und als es nicht ausreichte, griff man wieder einmal auf die Juden zurück, die sich gegen eine Entschädigungszahlung von zwanzig Florins wieder in ihren alten Heimatgebieten ansiedeln durften. Schließlich verkaufte Johann selbst seine elfjährige Tochter Isabel für 600.000 Goldflorins an die reiche, berüchtigte milanesische Familie Visconti, die sie mit einen neunjährigen Sohn verheiraten wollte. (235/236)
Ritterlich behandelt und mit Festen und Banketten gut unterhalten, konnten sich die Geiseln in England frei bewegen, sie jagten, tanzten und flirteten. Die französische und englische Ritterschaft waren stolz auf ihren höflichen Umgang miteinander - war ihrer Gier nach Lösegeld keinen Abruch tat -, ganz im Gegensatz zu den deutschen Rittern, die (...) ihre Gefangenen wie Diebe in Eisen und Ketten legten, um ein höheres Lösegelt zu erpressen. (...)
Etwa zu der Zeit, als die Geiseln nach England kamen, begann der Gebrauch des Französischen in der englischen Oberschicht der Landessprache der Gemeinen zu weichen. (...) König Eduard slebst sprach wahrscheinlich nicht fließend Englisch. Französisch war sogar die Unterrichtssprache in den Schulen, sehr zur Empörung des englischen Bürgertums, (...). (239)
Merkwürdiger Weise wurde kaum eine weibliche Verfehlung strenger verurteilt als das Zupfen der Augenbrauen und des Haaransatzes, um die Stirn zu erhöhen. Aus irgendeinem Grunde wurde diese Gewohnheit als besonders unmoralisch verurteilt, vielleicht, weil sie eine Korrektur dergöttlichen Schöpfung war. (253)
Im Mittelalter wurden Jungen und Mädchen mit fünfzehn oder sechzehn Jahren erwachsen. Hochzeiten fanden gewöhnlich im Alter von vierzehn Jahren statt, es sei denn, es handelte sich um eine hochgestellte Persönlichkeit, die schon im Jugend- oder gar Kindesalter verheiratet worden war. (255)
Offenbar war das Leben auf den Burgen sehr frei. Damen und Ritter blieben lange auf und lachten, tanzten und sangen (...). (256)
Die Frau war die Rivalin der Kirche, die Versucherin, die Ablenkung, das Hindernis auf dem Weg zur Heiligkeit, der Lockvogel des Teufels. (257)
Theologie war Männerarbeit, die Erbsünde wurde auf die Frau zurückgeführt. (...)
Mehr als in einigen späteren Jahrhunderten wurde die weibliche Sexualität im Mittelalter anerkannt, und die ehelichen Pflichten galten als wechselseitig. (258)
Gehorsam und Folgsamkeit der Frauen wurden so sehr betont, dass man annehmen könnte, das Gegenteil sei das Geläufige gewesen. (261)
Es lässt sich durch die Steuerlisten feststellen, dass die Frauensterblichkeit im Lebensalter zwischen zwanzig und vierzig Jahren wesentlich über der der Männer lag. (...) Nach vierzig normalisierte dich die Sterblichkeitsrate. Die Frauen konnten, einmal verwitwet, selbst entscheiden, ob sie erneut heiraten wollten oder nicht. (263)
In den Zünften hatten Frauen das Monopol in bestimmten Bereichen, vor allen Dingen in der Spinnerei und manchmal auch in einigen Lebensmittelbranchen. Bestimmte Handwerke schlossen Frauen aus, es sei denn, es handelte sich um Frauen oder Töchter von Zunftmitgliedern; in anderen arbeiteten Männer und Frauen gleichberechtigt. (...)
Die Frauen des 14. Jahrhunderts hatten eine wirkungsvolle weibliche Fürsprecherin in Schistine de Pisan, die, soweit wir wissen, die einzige Frau im Mittelalter war, die sich ihnen Lebensunterhalt mit der Feder verdiente. (264)
In Italien wurden die Kompanien praktisch als oiffizielle Armeen in den regionalen Kriegen eingesetzt. In Frankreich wüteten sie ohne Kontrolle. Die einzige wirkungsvolle Gegenkraft wäre eine stehende Armee gewesen, ein Gedanke, der jenseits des Vorstllungsvermögens der zeit und der Finanzkraft des Staates lag. Die einzige wirkungsvolle Strategie gegen die Kompanien war, sie zu bezahlen, damit sie woanders hingingen. (273)
Um Arbeitskräfte im Land zu halten, befreite Coucy die Leibeigenen oder unfreien Bauern und Dorfbewohner seiner Besitzungen. (...) (Ein Leibeigener, dem es gelang, das Land und den Machtbereich seines Herrn zu verlassen, und der ein Jahr woanders siedelte, galt als frei.) (...)
Die Abschaffung der Leibeigenschaft ging weniger auf moralische Gründe als auf finanzielle Überlegungen zurück, denn nur ein freies Bauerntum konnte mit Pacht belegt werden und versprach ein höheres Steuereinkommen. (280)
(...), so erlaubten die Einkünfte der Pacht den begüterteren Adligen ein aufwendigeres Leben und vor allem mehr Bewegungsfreiheit. Sie brauchten nun nicht mehr unbedingt auf ihren Besitzungen zu leben. Große Hotels (Stadtschlösser) entstanden in Paris, auf das sich das Interesse des Adels zunehmend konzentrierte. (281)
Zwei Mahlzeiten am Tage waren für alle Stände das Normale, Mittagessen gegen zehn Uhr vormittags und Abendessen bei Sonnenuntergang. Das Frühstück war unbekannt, außer vielleicht in Form eines Stücks trockenen Brotes und eines Glases Wein, aber auch das galt bereits als Luxus. (283)
Es ist geschätzt worden, dass zum Beispiel in Nordfrankreich etwa 10 Prozent der Bevölkerung fromme, praktizierende Christen waren, 10 Prozent gleichgültig und der Rest irgendwo zwischen regelmäßigen Kirchgang und seltenem Erscheinen pendelte.
Im Moment des Todes aber gingen die Menschen des Mittelalters kein Risiko ein (...). (284)
Mailand hatte so viel Prostituierte, sagte man, dass Bernabò sie besteuern ließ, um mit den Einkünften die Stadtmauern instand zu halten. (290)
Aber da die Hauptbeteiligten im vierten Grad blutsverwandt waren - was kaum zwei Personen königlicher Abstammung in Europa nicht waren - bedurfte die Heirat eines päpstlichen Dispenses. (292)
Die Summen, die die Reichen bei Gelegenheiten [Hochzeiten] wie diesen verschwendeten, muten ein einer Epoche wiederholter Katastrophen unerklärlich an, sowohl was das Motiv solchen Prunks als auch was die Herkunft der Mittel betrifft. (293)
Seit dem Untergang des Römischen Reiches war Italien ein machtloses Land, dessen kultureller Reichtum im Gegensatz zu seinem politischen Chaos stand. Italiens Städte standen in einer hohen Blüte der Kunst und des Kommerzes, die Landwirtschaft war fortgeschrittener als irgendwo sonst, die Banken hatten enormes Kapital akkumuliert und besaßen praktisch das Finanzmonopol in Europa, aber die unablässsigen Fraktionskämpfe und der zerstörerische Konflickt zwischen Papst und Reich, (...), trieb Italien ein seiner Sehnsucht nach Ordnung einem Zeitalter der Despoten in die Arme. (298)
Die großen maritimen Republiken Venedig und Genua brauchten Europa mit ihren Frachtschiffen den Reichtum des Ostens, das unsichtbare Netzwerk der Banken summte vor Geschäftigkeit, die Weber von Florenz, die Waffenschmiede von Mailand, die Glasbläser von Venedig und die Kunsthandwerker der Toskana gingen unter den roten Ziegeldächern ihrer Häsuer unbirrt ihrer Tätigkeit nach. (299)
Der berühmteste Tote des Jahres 1374 war Petrarca, der im Alter von siebzig starb, nicht an der Pest, sondern friedlich in seinem Lehnstuhl, Kopf und Arme auf einen Stoß Bücher gelegt. Sein alter Freund Boccaccio, bitter und krank, folgte ihm ein Jahr später. (311)
Ob authentisch oder legendär - Wilhelm Tells trotziger Widerstand gegen den österreichischen Vogt Geßler am Beginn des Jahrhunderts symbolisierte den Kampf gegen die Tyrannei der Habsburger. Noch zwei weiteres Male im Laufe des Jahrhunderts hatten die Schweizer der Habsburger Kavallerie demütigende Niederlagen zugefügt. Bei Morgarten und Laupen in den Jahren 1315 und 1339 hatten die Siege des Mannes auf der Erde über den aufgesessenen Ritter Kriegsgeschichte gemacht. (328)
Die Schweizer reagierten kaum auf Leopolds Aufruf, das Land gegen Coucy zu verteidigen. Sie haßten die Habsburger mehr, als sie die Invasoren fürchteten. (...)
Angeführt vom Kanton Schwyz, dem kühnsten der drei, der der zukünftigen Nation den Namen geben sollte, sagten sie, dass sie kein Interesse hätten, sich für Leopolds Verteidigungskrieg zu opfern, da der Sire de Coucy ihnen niemals etwas angetan habe. (329)
In Schwyz, nahe dem Sempacher See, sammelte eine auf ihre Privilegien stolze, abgehärtete Bauernschaft eine Kampfgruppe von mehreren hundert Mann. Durch dieses Beispiel ermutigt, verließen die Jungen Männer von Luzern - gegen den Befehl des Magistrats - die Stadt und schlossen sich zusammen mit Abordnungen anderer Städte den Bauern an. (332)
Eine fünfzigjährige Herscherzeit ununterbrochener Kriege näherte sich ihrem Ende, und im Volk [von Enlgand] wuchs das Gefühl, dass es eine Zeit der verschwendeten Kraft und der Misswirtschaft gewesen war. (339-340)
Freie Bauern gewöhnten sich an ein nomadisches Leben, sie verließen ihren festen Wohnsitz, damit das Statut auf sie nicht mehr anwendbar war, wanderten von Ort zu Ort, suchten Arbeit gegen gute Bezahlung, wo immer sie angeboten wurde, und stahlen und bettelten, wenn sie keine fanden. Sie hatten jedes soziale Band zerrissen, lebten in jener klassischen Feindschaft gegen die behördlichen Macht, die Robin Hood in seinem Kampf gegen den Sheriff von Nottingham symbolisierte. (340-341)
Der Materialismus der Kirche und die Weltlichkeit ihrer Würdenträger wurden überall in Europa beklagt, aber die Kritik war nirgendwo schärfer als in England. (...) In Wycliff [Oxforter Theologe und Prediger] begegneten einander der politische und der spirituelle Zug des englischen Protestantismus und wurden zu einer Philosophie und einem Programm verschmolzen. (342)
(...) ein Drittel des Königreiches, schätzte man, gehörte der Kirche. (...) Die Lüsternheit der Priester war so groß, dass einem Mann, der einen Ehebruch beichtete, nicht erlaubt war, den Namen der Frau zu nennen, damit der Priester ihre Schwachheit nicht selbst ausnutzen konnte. (343)
Dadurch, dass es den Willen der Mittelklasse so kraftvoll vertreten hatte, war die kurze Stunde des Unterhauses zu einer politischen Lektion geworden, die im Volk Wurzeln schlug. (351)
Die Franzosen nahmen die Kampfhandlungen sofort auf, als der Waffenstillstand auslief. Unterstützt von der spanischen Flotte, führten die eine ganze Serie von Überfällen an Englands Südküste durch, noch bevor sie von Eduards Tod erfuhren. (359)
In der Theorie übte der Heilige Römische Kaiser eine weltliche Macht aus, die der geistlichen Herrschaft des Papstes über die ganze Gemeinde der Christenheit entsprach. (...) Das Kaiserreich hatte keinen politischen Zusammenhalt, keine gemeinsamen Gesetze, keine Hauptstadt, keine gemeinsamen Finanzen und keine gemeinsamen Beamten. Es war der Überrest einer toten Idee. (363)
In den Mysterienspielen, die für das Volk gegeben wurden, bemühten sich die Bühnenbildner um einen exakten Realismus. (366) Wenn Johannes der Täufer enthauptet wurde, ließ sich der Darstelle so blitzartig durch eine Falltür fallen und wurde ebenso schnell durch eine nachgestellte, kopflose blutige Leiche ersetzt, dass das Publikum vor Entsetzen aufschrie. (...) Wie kein anders Medium spiegelte die Bühne des mittelalterliche Leben wieder. (366)
Gott trat in den Spielen in weißem Gewand und mit vergoldeter Perücke auf, die Engel hatten vergoldete Flügel, (...), Teufel und Dämonen trugen grauenvolle Masken, Hörner, hatten gespaltene Schwänze und härene Anzüge. Oft liefen sie durchs Publikum, um die Zuschauer zu kneifen und zu erschrecken. (368)
Seite dem 14. Jahrhundert hatte sich das Papsttum in immer schärfere Form gegen den wachsenden Einfluss der Magie gestellt (...). (371)
Ein Papst und ein Kardinalskollegium in Rom und ein anderer Papst samt Kollegium in Avignon - das Schisma war zur schrecklicher Wirklichkeit geworden. Es war die vierte Geißel - nach Krieg, Seuche und den Briganten - eines gequälten Jahrhunderts. (388)
England blieb - in Opposition zu Frankreich und einem französichem Papst - Urban treu; Schottland ergriff natürlich daraufhin für Klemens Partei. (389)
Jeder Christ musste die Verdammung durch den einen oder anderen Papst fürchten, und es gab keine Möglichkeit festzustellen, wer der echte Vertreter Gottes war. (390)
Da die päpstlichen Einkünfte jeweils halbiert waren, hatte das Schisma katastrophale finanzielle Auswirkungen. (...) Der Ablassverkauf, Keim der Reformation, wurde zu einer finanziellen Notwendigkeit. (391)
Die gesamte Heilige Schrift wurde von Wyclif und seinen Jüngern aus dem Lateinischen übersetzt - es war der große und gefährliche Versuch, den Menschen einen direkten Weg zu Gortt zu öffnen, ohne den Umweg über den Priester. (...) müssen damals viele hundert Abschriften mühselig und heimlich von Hand hergestellt worden sein. (395)
Die Konzentration des Reichtums hatten sich im 14. Jahrhundert beschleunigt und den relativen Anteil der Armen an der Bevölkerung emporschnellen lassen, während die Katastrophen des Jahrhunderts diese Armen zugleich am härtesten trafen. (...) Während der Meister immer reicher wurden, danken die Arbeiter auf den Stand von Tagelöhner mit wenig Aussicht auf ein Fortkommen. (...) Obligatorische religiöse Feiertage, zwischen 120 und 150 im Jahr, drückten auf die Löhne. (...) bauten die Arbeiter Vereinigungen auf, um höhere Löhne zu erzwingen. (424)
Das Bewusstsein, eine Klasse - das Volk - zu sein, wuchs. (...) Viva il popolo war der Schlacht ruf des Aufstands der Ciompi im Jahre 1378. Als größtes industrielles Zentrum seiner Zeit war Florenz der logische Ausgangspunkt der Arbeiterunruhen. (...)
Arbeitern konnte die Prügelstrafe auferlegt, sie konnten eingekerkert oder von der Liste der Anzustellenden gestrichen werden, ihnen konnte die Hand abgeschlagen werden, wenn sie Widerstand gegen die Arbeitgeber leisteten. (...)
Der Aufstand von 1378 stürzte die ganze Stadt in ein Chaos der Gewalttäigkeit. Die Arbeiter stürmten die Treppen des Signriapalastes hinauf, um ihre Forderungen zu präsentieren. Sie wollten freien Zugang zu den Zünften, das Recht, eigene Gewerkschaften zu gründen, eine Reform der Bußzahlungen und Strafen - vor allem - das Recht, an der Regierung der Stadt teilzuhaben. Zu einer Zeit, die keine Gewehre und kein Trängengas kannte, lösten aufrührerische Massen Schrecken aus. (425)
Die Arbeiter reifen eine neue Regierung aus, die aus Repräsentanten der Arbeiterschaft in den Zünften gebildet war. (426)
Im Augenblick aber erzwang der Geldmangel der Krone Maßnahmen zum Schutz der Juden. (430)
Während die Unruhe in Frankreich schwelte, brach in England im Juni 1368 die Revolte aus - nicht in den Städten, sondern auf dem Lande. In einem Reich, das vorwiegend agrarisch war, stellten die Bauern die Arbeiterklasse. (432)
Als die Bauern von Kent auf London zuströmten (...) marschierten die Rebellen aus Essex nach Süden, um sich mit ihnen zu vereinigen. Abteien und Klöster, die auf dem Wege lagen, wurden zum besonderen Ziel ihrer Feindseligkeit, denn sie waren die hartnäckigsten Verfechter der Knechtschaft. In den Städten versorgten die Handwerker und kleinen Händler, die das Ressentiment der Kleinen gegen die Großen teilten, die Bauern mit Lebensmitteln und Waffen. Als die Nachricht der ERhebung andere Grafschaften errichte, griffen Aufstände und Unruhen um sich. (433)
Jedes Haus eins Anwalts oder Richters auf ihrer Marschroute wurde zerstört. Wenn die Jacquerie dreiundzwanzig Jahre früher ein Ausbruch ohne Programm gewesen war, so entstand der Bauernaufstand in England aus einer sich entwickelnden Idee der Freiheit. (434)
Außer den fünfhundert oder sechshundert Soldaten im Gefolge des Königs besaß die Stadt keine Polizei oder Miliz; Londons Bürger waren unzuverlässig, denn viele von ihnen sympathisierten mit den Rebellen.
Zwanzigtausend Bauern lagerten vor den Mauern und verlangten Verhandlungen mit dem König. (435)
Richard II., ein Junge von vierzehn Jahren, ritt mit seinen Rittern vor die Stadt, um die Forderungen der Rebellen anzuhören: Abschaffung der Kpfsteuer und aller Knechtschaft, freier Zutritt zu den Wäldern, Abschaffung der Jagdgesetze, eine Pacht von vier Pence pro Morgen Land - all dies bekräftigt durch eine Charta mit dem Siegel des Königs. (436)
Auch die englische Revolte war sehr schnell, innerhalb eines Monats, vorüber, besiegt mehr durch Betrug als durch Kampf. Die Amnestie, die der König verkündet hatte, wurde annulliert und die Freibriefe vom Parlament für nichtig erklärt, das sie unter Zwang erlassen worden waren. (...)
Die ökonomische Entwicklung triebe die Leibeigenschaft schon seit langem ihrem Ende entgegen, und die Umwandlung in das Zinsbauerntum setzte sich fort, allen Unterdrückungsmaßnahmen zum Trotz, bis der unfreie Bauer praktisch verschwand. (438)
Eine Verhaftungswelle begann, die besonders auf die Würdenträger der Bürgerschaft zielte, in denen der König seine eigentlichen Widersacher sah. (458)
Die Ämter des Vorstehers der Kaufleute und die der Magistraten wurden in Paris abgeschafft, ihre Befugnisse übernahm die Krone. (...) Die Polizeitruppe, die vormals dem Befehl des Vorstehers der Kaufleute gehorcht hatte, wurde augelöst, die Verteidigung von Paris lag nun in den Händen der Krone. (459)
Ein Brückenkopf in Italien - das war für die Franzosen ein ähnliches Zauberwort wie ein Brückenkopf in Frankreich für die Engländer. (...) Bereitschaft zur Intervention in Italien, die fast zur Gewohnheit werden und fünfhundert Jahre lang die französische Politik beeinflussen sollte. (...)
Boccaccio folge Petrarca nach Neapel, weil er das Leben in dem glücklichen, friedvollen, großzügigen und prächtigen Neapel mit seinem einziartigen Monarchen dem Auftenhalt in dem von unzähligen Sorgen zerfressenen Florenz, seinem Heimatstaat, vorzog. (463)
Die Bürger konnten unbewaffnet durch Apulien reisen, sie brauchten nur einen Knüppel, um sich der Hunde zu erwehren. (...) Der Konflikt der Päpste verwandelte Neapel in ein Schlachtfeld. (464)
Das Gelände zu erkunden, durch das man zog, war kein Teil mittelalterlicher Kriegstechnik, weil es kein Teil der Turniere war. Der Kampf war alles. (466)
Die Beziehungen von Venedig, Genua, Mailand, Piemont, Florenz und den gesammelten Despoten und Gemeinden von Norditalien waren ständig im Fluss. Sobald eine Macht sein einer andern gegen eine dritte anschloss, um sich einen schnell vergänglichen Vorteil zu verschaffen, wechselten alle anderen wie in einem Tecento-Volkstanz die Partner. (472)
Die Sterbenden in jenen Tagen schienen immer zu wissen, wann ihnen die Stunde schlug, zweifellos weil sie von den Heilmitteln der Zeit wenig erwarteten und das Eintreten bestimmter Symptome als tödlich ansah. (479)
Bayern war der mächtigste und blühendste der deutschen Staaten und die Wittelsbacher die reichste der drei Familien - die anderen waren die Habsburger und die Luxemburger - die zu verschiedenen Zeiten auf dem Kaiserthron saßen. Ein Bündnis mit den Wittelsbachern war so wünschenswert, dass Bernabò Visconti nicht weniger als vier seiner Kinder mit Nachkommen des des bayrischen Hauses verheiratete. (488)
Noch Bevor die Waffenruhe mit England im Oktober auslaufen sollte, schickten die Schotten Gesandte, um die Franzosen aufzufordern, ihnen Truppen zu senden und mit ihnen zusammen ein so großes Loch in England zu machen, dass es sich nie wieder erholen würde. (493)
Die schottischen Zustände waren für Vienne eine unangenehme Überraschung. Die Burgen waren Kahl und finster, primitiv ausgestattet, boten wenig Komfort in einem elenden Klima. Schlimmer noch waren die feuchten Steinhütten der Klanhäuptlinge, die weder FEnster noch Schonrsteine besaßen und vom Rauch der Torffeuer erfüllt waren. (494)
Informationen zwischen den beiden Ländern wurden vor allem durch französische und englische Fischer vermittel, die die Feindschaft ihrer Nationen ignorierten, sich auf See gegenseitig halfen und Fänge austauschten. Auf die Weise riss die Kommunikation über de Ärmelkanal hinweg nie ab. (499)
Die französichen Adligen, die damit rechneten, sich an den Engländer durch Beute und Lösegelder schadlos zu halten, sparten nicht am Aufwand für ihre Schiffe, die vergoldete Buge und silberne Masten hatten, die Segel waren zum Teil aus Bahnen von Goldstoff und Seide gefertigt. (500)
(...) Bevollmächtigte schafften aus der Normandie und der Picardie, aus Holland und Seeland und sogar aus Deutschland und Spanien Nahrungsmittel herbei - Weizen, um zweitausend Tonnen Zwieback herzustellen, Pökelfleisch und Schinken, Räucherhering, geräucherten Lachs und Aal, Stockfisch, getrocknete Erbsen und Bohnen, Zwiebeln, Salz, 1000 Fässer (bzw. vier Millionen Liter) französischen Weins und 857 Fässer Wein aus Griechenland, Portugal, der Levante und Rumänien. (501)
Von allen Vorbereitungen aber war die überwältigendste die transportable hölzerne Stadt, die die Invasoren schützen und beherbergen sollte, sobald sie gelandet waren. (...) Vorgefertigt von fünftausend Schreinern in der Normandie, die von einer ganzen Mannschaft von Architekten angeleitet wurden, sollte das Lager in nummerierten Teilen verpackt und verschifft werden, so dass der Zusammenbau im Brückenkopf an der englischen Küste angeblich in unglaublichen drei Stunden zu bewältigen war. (502)
Das ganze immense Unternehmen mit all seinen Investitionen in Schiffen, Waffen, Männern, Geld und Vorräten wurde abgesagt, zumindest für den Winter. (...)
Besonders der Stand der Kaufleute wünschte, den zwecklosen Kriege zu beenden, und viele, die saghen dass er zu nichts führte, sprachen für den Freiden als einen Schritt zur Überwindung des Schismas und zur Vereinigung der beiden großen christlichen Könige gegen die Türken. (507)
Der Ärmelkanal war auch bei bestem Wetter ein unzuverlässiges, tückisches Gewässer und am schwierigsten gegen den schrecklichen Westwind der späteren Jahreszeit. (...)
Den ganzen Krieg hindurch besaßen die Engländer verbündete Brückenköpfe in Flandern, in der Normandie oder der Bretagne. Sie hatten überdies ihre Häfen Calais und Bordeaux.
Im Jahre 1386 erlitten habsburgische Ritter bei Sempach eine so verheerende Niederlage durch ein Schweizer Bürgerheer, dass die Schande von Roosebeke vergolten war. (...)
Was den Rittern des 14. Jahrhunderts fehlte, war der Sinn für Neuerungen. (...) Das Rittertum war sich seines Niedergangs in keiner Weise bewusst, (...). (519)
Obwohl die Ehe als Sakrament galt, waren Scheidungen nicht selten, und, wenn man die richtigen Beziehungen spielen ließ, sogar leicht möglich. (...) In der Theorie gab es die Ehescheidung nicht, aber die mittelalterlichen Gerichtsakten sind voll von Scheidungsprozessen. Ungeachtet der Theorie war Scheidung ein Teil des mittelalterlichen Lebens, ein beständiges Element der Disharmonie zwischen mittelalterlicher Theorie und Praxis. (527)
Sein [Coucys] Besitz, der durch verschiedene Neuerwerbungen wesentlich vergrößert worden war und nun einhundertfünfzig Städte und Dörfer umfasste, war offensichtlich groß genug, um von den Schwierigkeiten, die kleinere Landbesitzer trafen, verschont zu bleiben. (...) Die letzten Bauern waren aus verelendeten Regionen geflohen, so dass nach einer Klage aus dem Jahre 1388 gegenwärtig keine Arbeiter mehr aufzufinden sind, die arbeiten oder das Land bestellen. (...) In der Gegend von Paris waren nach einer Verlautbarung von 1388 viele wichtige alte Straßen, Brücken, Wege und Pfade dem Verfall überlassen worden - überflutet, von Hecken, Dornen und Gebüsch überwuchert. (530)
Nach sechsmonatigen Verhandlungen kam im Juni 1389 ein dreijähriger Waffenstillstand, aber immer noch kein endgültiger Friedensvertrag zustande. (531)
Im 14. Jahrhundert hatten der Aufstieg des Bürgertums und die erweiterte Papierproduktion ein Leserpublikum hervorgebracht, das über den Adel hinausging, der Literatur aus den Vorlesungen und Vorträgen in den Sälen seiner Burgen kannte. Das Handelsbürgertum, mit Lesen und Schreiben aus beruflichen Gründen bestens vertraut, widmete sich nun auch der privaten Lektüre aller Art (...). Der Besitz von Büchern war das Kennzeichen des gebildeten Menschen geworden. (535)
Aber für den guten Zweck des Krieges war selbst das Schisma zu überbrücken. Zwei Priester spendeten schließlich den Segen, jeder für seinen Papst. (551)
Die Gesandten fragten, warum die englischen und französischen Ritter gekommen seien, um ein Land mit Krieg zu überziehen, das ihnen nichts zuleide getan habe. Sie wiesen darauf hin, dass sie nur die Genuesen blästigt hätten, was aber zwischen Nachbarn nur natürlich wäre, denn es sei Sitte, sich wechselseitig alles zu nehmen, was man kriegen könne. (354)
Im Endergebnis trug das Unternehmen Frankreich Bewunderung ein, nicht zuletzt in Genua, denn das Bündnis der Stadt mit den Franzosen wirkte abschreckend auf die Berber und führte für den Augenblick zu größerer Zurückhaltung ihrer Piraten. (559)
Beide Päpste suchten einander in der Extravaganz ihrer Prachtentfaltung zu übertreffen, und sie brauchten mehr und mehr finanzielle Mittel, um diesen auf Prestige zielenden Aufwand aufrechterhalten zu können. (565)
Die Kidchen waren leer und die Messen schwach besucht, schrieb Nicolas de Clamanges in seiner großen Abhandlung De Ruina et Preparatione Ecclesiae (Über den Ruin und die Reform der Kirchen. Die Jungen gingen ihn zufolge kaum noch in die Kirche außer an Festtage und auch dann nur, um die angemalten Gesichter, dekolletierten Kleider und aufsehenerregenden Frisuren der Damen zu sehen, gewaltige Türme mit Hörnern und behangen von Perlen. (569)
Frankreich konnte nicht ohne ein Bündnis oder zumindest ohne die wohlwollende Neutralität von Florenz und Mailand einen Feldzug in Italien führen, eine Aussicht, die deutlich durch die Tatsache eingeschränkt war, dass die beiden Stadtstaaten miteinander im Krieg lagen. (572)
Der Todeskult sollte seinen Höhepunkt im 15. Jahrhundert erreichen, aber seine Quelle war das 14. In einer Zeit, in der man dem Tod an jeder Straßenecke begegnen könnte, hätte er (...) banal werden können; statt dessen übte er eine gespenstische Faszination aus. Die Darstellungen betonten die Verwesung, Würmer, und greuliche körperliche Details. (596)
Der Kult der Trauer machte in den kommenden Jahrzehnten den Friedhof der der Unschuldigen in Paris, auf dessen Mauern der Danse Macabre gemalt war, zum begehrtesten Bestattungsort und zugleich zu einem populären Treffpunkt in Paris. (...)
Die Pariser kamen, um die Beinhäuser anzusehen, Bestattungen und Exhumierungen zu beobachten, die Wandgemälde zu bewundern und ihre Inschriften zu lesen. (597)
In den Jahren 1388 bis 1390 kehrte der Schwarze Tod zum vierten male wieder. (...) Bis zu dieser Zeit war die Bevölkerung Europas bereits auf 40 bis 50 Prozent dessen gefallen, was sie zu Beginn des Jahrhunderts gewesen war; sie sollte bis zur MItte des 15. Jahrhunderts noch weiter zurückgehen. (...) Andererseits ist es möglich, dass die Menschen aufgrund geringerer Bevölkerungsdichte besser lebten und mehr Geld hatten. (598)
Die bürgerliche Wohhabenheit schuf ein neues Publikum für Schriftsteller und Poeten und förderte die Literatur durch den Kauf von Büchern. Mehrere tausend Schreiber waren ständig damit beschäftigt, für die fünfundzwanzig Buchverkäufer und stationarii von Paris Abschriften herzustellen. (598-599)
Wie ist der Dom von Mailand, dieser phantastische Berg von Filigranstein, der im letzten Viertel des Jahrhunderts begonnen wurde, mit dem Pessimismus der Zeit in Einklang zu bringen? (599)
Das war in der Tat der kritische Punkt. So begierig sie selbst waren, den Kriegszustand zu beenden - die Herrscher Frankreichs waren nicht bereit, einen endgültigen Frieden zu schließen, der das Einfallstor von Calais in englischen Händen ließ. (602)
Hier lag in wirklicher Grund für die Schwierigkeiten der Friedensfindung. Obwohl die englischen Lords Französisch sprachen, war es für die eine erlernte, nicht die Muttersprache, und sie fühlten sich in ihrem Gebrauch nicht wirklich sicher. (605)
Der Wahnsinn wurde im allgemeinen als heilbar angesehen und als natürliches Phänomen gewertet, das durch geistige oder emotionale Überbelastung ausgelöst wurde. (607)
(...) die Grimaldi, Doria, Spinola und andere Adeslfamilien, die von den Bürgern wegen ihrer andauernden Familienfehden aus der Stadt [Genua] geworfen und verbannt worden waren, suchten einen Herrscher, der ihre Rückkehr und die Beendigung der bürglichen Regierung garantierte. (621)
(...) aber im wesentlichen war das Gebäude [Dom] getragen von der Opferfreudigkeit des Mailänder Volkes, Spenden und Zuschüsse kamen von allen Schichten der Stadtbevölkerung. (625)
Die osmanischen Türken waren die letzte und die dauerhafteste Welle kriegerischer Nomaden, die aus den asiatischen Steppen hervorbrachen, um Kleinasien zu überschwemmen wie einst die Goten und Hunnen das Römische Reich. (...)
Als das Reich der Sedschuken unter den mongolischen Invasionen des Schingis-Khan und seiner Nachfolger zerbrach, erklärten die disziplinierten, kampfgewohnten Völker des Grenzhäuptlings Osman (...) 1300 ihre Unabhängigkeit und bauten auf den Ruinen ihrer Vorgänger ein neues Reich auf. Mit der ganzen brutalen Energie eines aufsteigende Volkes eroberten sie innerhalb von fünfundzwanzig Jahren die wichtigsten Städte Anatolien und die Küsten der schmalen blauen Wasserader, die Asien von Europa trennt.
Auf der anderen Seite der Ader las Konstantinopel, die Hauptstadt dessen, was von Byzantinischen Reich geblieben war. Dieses östliche Überbleibsel des Römischen Reiches zerbröckelte nun - achthundert Jahre, nachdem Rom früheren Barbare zum Opfer gefallen war. Auf Europa beschränkt, war es ein geschrumpfter Rest alter Größe, hatte es seine kommerzielle und maritime Vormacht an Genua und Venedig verloren (...). (637)
Serben und Bulgaren, die ihre eigenen Reiche entwickelt hatte, setzten Byzanz vom Westen her zu, (...). (639)
Bulgarien, die Walachei (der zeitgenössische Name für Rumänien) und der größere Teil Serbiens bekannten sich zur griechischen Kirche im Gegensatz zu Ungarn, das der lateinischen Kirche angehörte und wegen seiner Versuche, den Nachbarn seinen Religion und politische Vorherrschaft aufzuzwingen, gefürchtet war. (640)
Die Kreuzfahrer nahmen die Route über Straßburg durch Bayern an die obere Donau und nutzten von dort den Wasserweg nachBuda (Budapest), wo der ungarische König sie erwartete. (...) Nachdem sie die Türken vom Balkan vertrieben hätten, wollten die Kreuzritter Konstantinopel entsetzen, den Hellespont überqueren, durch die Türkei und Syrien marschieren, um Palästina und das Heilige Grab zu befreien. (644)
Die Disziplinlosigkeit und die Ausschweifungen der Franzosen wuchsen den Berichterstattern zufolge an, je weiter der Marsch fortschritt. Ihre Frivolität und Arroganz stießen ihre Verbündeten ab, verursachten ständige Konflikte. (646)
Die Franzosen hatten keine Katapulte oder andere Belagerungswaffen mitgeführt, so wie sie auch keine in die Berberei mitgebracht hatten. Das Gold war in Seide und Samt und Goldstickereien gegangen, der Laderaum war ausgelastet mit Wein und Delikatesssen für die Feste auf dem Marsch. Warum schwere Maschinen durch Europa schleppen, wenn es gegen einen so verächtlichen Feind ging? Etwas grundsätzliches in der mittelalterlichen Kultur des Rittertums bestimmte dies falten Entscheidungen. (648)
Die Türken umzingelten Nevers. Seine Leibwache war sich vor ihnen nieder, um so wortlos um sein Leben zu bitten. Heiliger Krieg oder nicht - auch die Ungläubigen waren an reichlich Lösegeldern interessiert und verschonten den Grafen. Nach seiner Kapitulation ergaben sich auch die übrigen Franzosen. Die Schlacht von Nikopol war verloren, das Fiasko vollständig. (653)
Wir haben die Schlacht durch den Stolz und die Eitelkeit dieser Franzosen verloren, sagte Sigismund zum Großmeister der Ritter von Rhodos, hätten sie meinen Rat angenommen, wir wären Manns genug gewesen, den Feind zu bekämpfen. (654)
König Sigismund segelte zum Schwarzen Meer und nach Konstantinopel und erreichte schließlich seine Heimat. (...) Nur wenige schafften es, unter ihnen Graf Ruprecht von Bayern in der Kleidung eines Bettlers. (655)
Da die schnellste Nachrichtenverbindung nicht schneller war als ein reisender Mann, war es sicher, dass Monate vergehen würden, bis Neuigkeiten eintrafen. (...)
Venedig, dessen Interesse am Handel mit der Levante es zum Bindeglied Europas mit der moslemischen Welt machte (...), diente während der gesamten Lösegeldverhandlungen als Nachrichtenzentrum, Ausgangspunkt von Reisen in die Levante und auch als Kreditgeber. (...)
Kaum erholt von der Finanzierung des Kreuzzuges, musste das Volk nun helfen, die Überlebenden auszulösen. (660)
Die Lebenserwartung im Mittelalter aber ist nur eine Statistik, die durch die hohe Kindersterblichkeit verzerrt wird; jene, die im Mittelalter die Fünfziger und Sechziger erreichten, galten keineswegs als alt und verehrungswürdig. (661)
Tödlicher Hass und unstillbarer Hader zwischen den Häusern Burgund und Orléans zerfraßen Frankreich in den nächsten dreißig Jahren. (673)
Das große Frankreich war zu einem englisch-burgundischen Kondominium herabgesunken. (676)
Das Phänomen der Jeanne d'Arc - die Stimmen von Gott, die ihr sagten, sie müssse die Engländer vertreiben (....). (678)
Der kometenhafte Höhenflug dauerte nur drei Jahre. Sie erschien 1428, (...), befreite die Stadt [Orléans] 1429 und führte Karl auf der Welle dieses Sieges zu der heiligen Krönungszerimonie in Reims. Von den Burgundern im Mai 1430 gefangengenommen, wurde sie den Engländern verkauft, als Ketzering von der Kirche im Dienst der Engländer verurteilt und 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (679)
Unter den Zeichen der Veränderung war keines bedeutsamer als diese Neuerung einer stehenden Armee. (684)
Bis 1450 hatten die Franzosen die ganze Normandie zurückerobert; die Städte kapitulierten, sobald der Artillerietroß erschien. (...) 1453 wurde bei Castillon, dem einzig verbliebenen englischen Stützpunkt außer Bordeaux, die letzte Schlacht geschlagen. (...) Nichts blieb England von seinem Kontinentalreich außer Calais und einem leeren Anspruch auf die französische Krone. (...)
Das Nationalbewußtsein war aus ihm hervorgegangen. Der Hunderjährige Krieg hatte zusammen mit den Krisen der Kirche die mittelalterliche Einheit zerbrochen. (685)
Zwischen Frankreich und England hinterließ der Krieg eine Erbschaft gegenseitiger Feindseligkeit, die andauern sollte, bis die Notwendigkeit einer Allianz am Vorabend des Jahres 1914 forderte. (...)
Der Fall von Byzanz lieferte das konventionelle Datum für das Ende des Mittelalters, aber ein zukunftsträchtiges Ereignis fand zur gleichen zeit statt.
Im Jahre 1447 druckte Gutenberg das erste Dokument in Mainz, dann 1453/54 die 42zeilige Bibel. (...) Das neue Mittel der Verbreitung von Wissen und des Austausches von Ideen verbreitete sich mit unmittelalterlicher Geschwindigkeit. (...) Die ersten Musiknoten wurden 1473 gedruckt. (686)