Weltrettung als profitables Geschäftsmodell
München, 2018 (Karl Blessing Verlag)
Ganze Firmen - etwas das in 17 Ländern tätige Reputation Institute - sind mit nichts anderem beschäftigt, als Konzernen ein tadelloses Image zurechtzuzimmern. (18)
Auf verstörende Art und Weise haben sich Großkonzerne der Bilder und Begriffe der Umweltbewegung bemächtigt. Sie benutzen die Zerstörung, die sie selbst anrichten, dazu, sich als Retter zu inszenieren. (...) Der Bürger indes scheint sich mit seiner ökonomischen Rolle als Verbraucher abgefunden zu haben, hat politisches Engagement durch ethischen Konsum ersetzt und verbraucht munter weiter. (21)
In seinem Essay Apocalypse forever? beschreibt der Professor der Universität Manchester [Erik Swyngedouw] am Beispiel des Klimawandels, wie Politik und Wirtschaft derartige Bedrohungen als Apokalypse inszenieren und entpolitisieren. (...)
Mit anderen Worten: Wir müssen uns radikal ändern, aber im Rahmen der bestehenden Umstände, sodass sich nichts wirklich ändern muss, schreibt Swyngedouw. (...)
In unverträglichen Verhältnissen zu leben, darin permanent unerträgliche Effekte zu produzieren und es sich trotzdem schönzureden - diese intelligente Form des Selbstbetrugs ist einer der Mechanismen, die der Externalisierungsgesellschaft eingeschrieben sind. (23)
Wir leben nicht über unserer Verhältnisse, wir leben über die Verhältnisse anderer. Uns im Westen geht es gut, weil es den Menschen anderswo schlecht geht. (24)
(...) Konsumentendemokratie (...), nach der es nicht mehr der Bürger ist, der gegen Missstände protestiert und Widerstand leistet, sondern der Konsument, der mit der Wahl seiner Produkte an der Supermarktkasse abstimmt. (...) Zwar haben die Unternehmen den Kunden packungsweise Moral ins Supermarktregal gestellt - an den Weltverhältnissen hat das allerdings nichts geändert. (26)
Vielleicht ist die ubiquitär behauptete Nachhaltigkeit ja gar keine Lüge. Sondern nur ein hübsches Wort für Systemerhalt. (27)
[ecopornography] In seinem gleichnamigen Essay von 1972 schätzt er [Jerry Mander], dass bereits damals Öl-, Chemie- und Autokonzerne mit Industrieverbänden und Energieversorgern eine Milliarde Dollar pro Jahr in Greenwashing investierten, um das Wort Ökologie und jegliches Verständnis davon zu zerstören. (38)
Ein Viertel aller eingesetzten Insektizide und elf Prozent aller Pestizide und Herbizide werden beim Anbau von Baumwolle eingesetzt, (...).
Die Herstellung eines einzigen T-Shirts verschlingt 2 700 Liter Wasser, die einer Jeans sogar 8 000. Die Hälfte der Baumwollplantagen wird künstlich bewässert. Welche Auswirkungen das hat, ist besonders deutlich am Aralsee. (61)
Und auch die Ozeanrettung der Modeindustrie ist nichts weiter als eine grüne Lüge: den zum einen machen die Meeresturnschuhe nur ein halbes Prozent aller jährlich von Adidas hergestellten Kunststofftreter (mehr als 300 Millionen) aus. Bei H&M ist ein mageres Prozent des Angebots aus wiederverwerteten Materialien. (65)
Unsere Verschwendung ist nur möglich, weil die Modeindustrie genau auf das Material setzt, vor dem sie uns neuerdings angeblich retten möchte: Plastik. Zwei Drittel aller hergestellten Kleidungsstücke enthalten Polyester. Die Kunststofffäden sind billig und jederzeit in großen Mengen verfügbar. 60 Millionen Tonnen Chemiefasern werden jedes Jahr aus Erdöl hergestellt, der Großteil davon, 80 Prozent, ist Poyester. (67)
1,53 Millionen Tonnen Mikroplastik gelangen jedes Jahr in die Ozeane. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN hat berchenet, dass 35 Prozent davon ausgewaschene Fasern aus synthetischen Kleidungstücken sind. (...)
(...) Ideologie der Green Economy. Dahinter verbirgt sich die Idee, Wachstum und Naturzerstörung mithilfe von sogenannten neuen Technologien voneinander zu entkoppeln (...). (68)
"Cradle-to-Cradle"-Prinzip (...). Mit diesem Namen insinuieren sie, dass alle Produkte nach ihrer Nutzung wieder vollständig in den Stoffkreislauf zurückkehren können, in intelligenten technischen und biologischen Kreisläufen. (70)
Tatsächlich haben vor allem jene Milieus mit der besten Bildung, einem guten Einkommen und dem höchsten Umweltbewusstsein gleichzeitig den höchsten Ressourcenverbrauch. (72)
Ulrich Brand (...) Markus Wissen (...), in ihrem Buch Imperiale Lebensweise. Der Begriff umschreibt, dass der Alltag in den wohlhabenden Ländern seit dem Kolonialismus dadurch geprägt ist, dass systematisch und in überproportionalem Umfang auf billige Ressourcen und billige Arbeitskräfte in andern Regionen der Welt zurückgegriffen wird, damit wir einen Lebensstandard erreichen können, den wir als normal betrachten. (74)
(...) alles zu jeder Zeit und möglichst billig - das ist die DNA unserer Gesellschaft. (75)
Doch letztlich ist es nur ein Ablasshandel: Mit dem T-Shirt kauf er sich das Recht auf Dreckmachen, während er sich selbst als Meeresaktivist inszenieren kann, wann immer er das T-Shirt trägt. (77)
Die grüne Konsumeuphorie ist nicht nur antiaufklärerisch, sonder un- bis antipolitisch. (81)
Die Fläche, auf dem Palmöl für europäischen Biodiesel wächst, ist sechseinhalb mal so groß wie die Ferieninsel Mallorca. (104)
Der WWF ist keine Organisation, die aus der Zivilgesellschaft heraus entstand. Er wurde 1961 von Adligen, Großwildjägern, Industriellen und Millionären gegründet, um für genau diese Klientel vermeintlich unberührbare Naturparadiese zu schützen. (113)
Der WWF hat (...) gemeinsam mit der Industrie neben dem RSPO eine Reihe Siegelinitiativen für hochproblematische Rohstoffe mitbegründet: das Forest Stewartship Council mit dem FSC-Siegel für nachhaltige Forstwirtschaft, das Marine Stewardship Council, das nachhaltige Fischerei mit dem MSC-Siegel zertifiziert, Das Aquaculture Stewardship Council mit dem ASC-Siegel für Fische und Shrimps aus Zuchtbecken sowie Runde Tische für Rindfleisch (...). (115)
(...) Südostasienwissenschaftler Oliver Pye. Diese Vorstellung, man könne von innen heraus etwas ändern, entsteht aus Machtlosigkeit. Aber aus Sicht der NGOs ist das super. (...) Es ist kein Widerstand, sondern eine Top-down-Strategie. Man redet mit Managern, damit sie ihre Ausbeutungspraxis verändern. Aber das ist nicht die Strategie der transnationalen und lokalen sozialen Bewegungen. (122)
(...) dann handelt es sich bei www.siegelklarheit.de um staatlich finanziertes Greenwashing. (...) Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit: denn die kruden Bewertungskriterien bilden die Grundlage für die steuerfinanzierte öffentliche Beschaffung. Für Büromaterial, Dienstkleidung, Parkbänke, Kantinenkaffee bis hin zu Stadtbussen gibt die Regierung 260 Milliarden Euro pro Jahr aus. (129)
Corporate Social Responsibility (...)
CSR ist ein Moral-Tool, mit dem sich Firmen als Problemlöser inszenieren uns sich so aus der Schusslinie von Politik und Gesellschaft bringen. Kein Wunder, dass alle großen Konzerne eine CSR-Abteilung haben, in der Marketing- und PR-Profis am grünen und sozialen Image basteln. Hierbei werden sie von Regierungen, der EU und den Vereinten Nationen fleißig unterstützt. (130)
So überrascht es kaum, dass selbst Konzerne, denen schwere Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, unter dem blauen Mantel der UN ihr schädliches Kerngeschäft fröhlich fortsetzen (...). (131)
Der Nachhaltigkeitsrat, dessen Mitglieder sich unter anderem aus Mitarbeitern der Bertelsmann-Stiftung, Coca Cola, des Gesamtverbandes der Kunstoff verarbeitenden Industrie, Henkel und Rewe zusammensetzt, ist außerdem Partner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, der wiederum ein Teil der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist. (133)
Ähnlich verhält es sich mit dem Forum Nachhaltiger Kakao. Zu dessen Mitglieder gehören Aldi, Bayer Crop Science, Cargill, Ferrero, Lidl, Mars, Mondelez, Nestlé und Rewe, der Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie (...).
Einige wenige Unternehmen (...), die alle auch im Kakaoforum sitzen - kontrollieren achtzig Prozent des globalen Kakaohandels. (135)
Sozialaudits sind ein gutes Geschäft für die meist privatwirtschaftlichen Prüffirmen wie den TÜV Rheinland. (146)
Deutschland steht weltweit auf Rang fünf bei der Verletzung von Menschenrechten durch seine Unternehmen. Eine Studie der Universität Maastricht (....). (147)
Laut der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (....) richten sich zwei Drittel dieser Klagen gegen Schwellen- und Entwicklungsländer. 85 Prozent der Kläger kommen aus den reichen Ländern des Nordens, ein Drittel davon wiederum aus der EU. (149)
In der Hoffnung, mit der Elektromobilität Klimaschäden, Feinstaubemissionen und den Verbrauch von fossilen Rohstoffen zu verringern und trotzdem am wachsenden Individualverkehr festzuhalten, will die Bundesregierung bis 2030 sechs Millionen Elektrofahrzeuge auf die Straße bringen. Dafür gibt es Steuererleichterungen und seit 2016 Fördergeld in Höhe von insgesamt 1,2 Milliarden Euro, um den Kauf eines Elektroautos mit je 4 000 Euro zu unterstützen.
Unter dem Deckmäntelchen des Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutzes legitimiert und finanziert die deutsche Bundesregierung einmal mehr Menschenrechtsverletzungen in den Ländern des Südens. Auch das ist ein wesentliches Element der Externalisierungsgesellschaft: Damit der Himmel hierzulande blau bleibt, während die Wirtschaft wäichst, werden auch die Folgeschäden scheinbar umwelt- und klimafreundlicher Technologien in die Länder des Südens exportiert. (156)
Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße.
(Heiner Müller, Die Hamletmaschine)
Brasilien ist der größte Fleischexporteur der Welt. Allein zwei Millionen Tonnen Rindfleisch werden von hier aus jedes Jahr exportiert. Die zu erzeugen braucht es eine Menge Platz: Fast drei Viertel des brasilianischen Agrarlandes werden zur Viehzucht genutzt. Fünfmal so groß wie die Bundesrepublik ist die Fläche, auf der Rinder grasen. Hinzu kommen 230 000 Quadratkilometer Acker, auf denen Futtersoja angebaut wird. Wald und Menschen mussten von dieser riesigen Fläche weichen. (157)
Ein Drittel der eisfreien Erdoberfläche und 70 Prozent des landwirtschaflich genutzten Landes der Welt werden für die Viehzucht verwendet. Auf 33 Prozent der globalen Ackerflächen wird Tierfutter angebaut, vor allem Soja. (...)
90 Prozent des Amazonasregenwaldes, der seit 1970 gerodet wurde, viel Rinderweiden zum Opfer. (161)
Faktisch ist es allerdings so, dass fast drei Viertel des landwirtschaftlichen Landes auf diesem Planeten für die Fleischproduktion genutzt werden - als Weideland und Anbauflächen für Tierfutter. (170)
Und wenn in den OECD-Ländern nur ein Drittel weniger Fleisch konsumieren würde, waäre Ackerland von der Größe Deutschland frei, um auf ihm Nahrung für Menschen anzubauen. Während nach wie vor fast eine Milliarde Menschen Hungern, fressen die rund zwanzig Milliarden Tiere, die weltweite geschlachtet werden, die Hälfte des weltweit geernteten Getreides. (173)
Kein anderer Kontinent konsumiert derart auf Kosten der Länder im globalen Süden wie Europa. Die EU beansprucht für ihre Grundnahrungsmittel und andere Konsumgüter aus landwirtschaftlicher Produktion anderswo in der Welt eine Fläche, die mit 6,4 Millionen Quadratkilometer eineinhalb mal größer ist als alle 28 Mitgliedstaaten zusammen. (183)
Die Internationale Resoureces Panel des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) hat berechnet, wie viel Ackerland wir nutzen dürften, wenn dieses global fair verteilt würde: 0,2 Hektar pro Person und Jahr - das ist weniger als ein Sechstel dessen, was jeder Europäer derzeit verbraucht.
Besonders großzügig am Land anderer Länder bedient sich, wie anders, die Bundesrepublik. Sie kauft jährlich Essen und Waren, die mehr als die doppelte Fläche Deutschlands andernorts beanspruchen. Nach den USA und China ist Deutschland der drittgrößte Importeur von Agrarprodukten der Welt. (...)
Dabei könnte sich das flächenmäßig fünftgrößte Land Europas fast komplett selbst mit Essen versorgen. (184)
Deutschland ist gleichzeitig auch der drittgrößte Agrarexporteur der Welt: Mehr als ein Viertel aller Erlöse erzielt die deutsche Landwirtschaft aus dem Export von Fleisch und Milch. (...)
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich alleine die Produktion von Fleisch in Deutschland verdoppelt. Sie erreichte 2015 einen Rekord von 8,25 Millionen Tonnen. Mehr als eineinhalb Millionen Tonnen davon werden exportiert, vor allem in EU-Ländern nach China. (...)
Nur ein Fünftel des hier angebauten Getreides wird zum Nahrungsmitteln für Menschen verarbeitet, der Rest wandert in Futtertröge, Autotanks oder Biogasanlagen. Zwei Dirtte des Gemüses muss Deutschland importieren, weil im Inland auf weniger als einem Prozent der landwirtschaftlichen Fläche noch Gemüse angebaut wird. (185)
Allein für den Fleischkonsum in der Europäischen Union werden in Lateinamerika Äcker der Größe Englands mit Soja bebaut. (186)