Hans-Joachim Maaz: Die Liebesfalle

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München 2018 (dtv)

So ist Verliebtheit der drängende und aus der Kontrolle laufende Wunsch, endlich jemanden gefunden zu haben, der alles gut werden lässt und ausgleicht, was Vater und Mutter offengelassen oder gar verbrochen haben. Mit dieser frühen Last ist jede gegenwärtige Beziehung überfrachtet und letztlich zur Enttäuschung verdammt. (14)

Das Opfer schlechter Behandlung hat ein tieferes, ihm selbst allerdings in aller Regel unbewusst bleibendes Interesse daran, im Hier und Jetzt unglücklich zu sein. Mit dem gegenwärtigen realen Leid wird das schon längst erlittene frühe Leid überdeckt. Die gegenwärtige Gewalt soll von der Kindheitsnot ablenken und weist zugleich auf das verdrängte und tabuisierte frühe Schicksal hin. (16)

So ist die schlechte Partnerschaft die Rettung des seelisch Verletzten, weil sie ihm ermöglicht, das unerträgliche und bedrohliche frühe Leid in einem halbwegs erträglichen - wenn auch noch so schlimmen - Rahmen abzureagieren. (...)
Es sind die inneren Elternbilder, die entmachtet werden müssen, und dies geht nur über Erinnerung und die emotionale Verarbeitung der erinnerten Wahrheit. (...)
Hätten die Eltern etwas von ihrer Schuld verstanden, dann hätten sie schon von sich aus Bedauern gezeigt und ihre Kinder um Vergebung gebeten. (17)

Dies bedeutet allerdings auch, dass bereits vor der Geburt ein schwerwiegender Konflikt zwischen Mutter und Kind beginnen kann: Hat die Mutter eine bestimmte Erwartung, wir ihr Kind sein so, oder besitzt sie die Freiheit und Größe, neugierig, fasziniert und tolerant ihr Kinder erfahren und entdecken zu wollen? Die Einstellung der Mutter zu ihrem Kind entscheidet über dessen wesentliche existenzielle Grunderfahrung: sich in seinen Einmalig- und Anderssein berechtigt zu fühlen oder dies nur geknüpft an bestimmte Bedingungen und Erwartungen zu dürfen. Dies ist der Grundkonflikt der individuellen Existenz: Ich bin, und das ist gut so - ohne Wenn und Aber - oder Ich darf nur sein, wenn ... (20)

Väterlichkeit steht für den anderen Pol elterlicher Funktionen. Vätertliche Aufgaben sind Zeugen, Führen, Fördern und Fordern, Begleiten, Entdecken, Ermutigen, Bestärken. Mit diesen Fähigkeiten hilft der Vater dem Kind, die Mutter allmählich verlassen zu können. Der Vater öffnet die dyadische Beziehung und weist den Weg aus der Zweisamkeit über die Dreisamkeit in die Authonomie. Von der Mutter zum Vater zum Ich in der Welt - so ließe sich der Entwicklungsweg des Menschen umschreiben. (25)

Die notwendige Emanzipationsbewegung der Frauen hat einen verhängnisvollen Schwachpunkt: Sie hat die Mütterlichkeit diskriminiert und Frauen bestenfalls zu mehr Väterlichkeit geführt. (27)

Nach allem, was wir heute entwicklungspsychologisch wissen, bleibt die reale Mutter mit ihren Mütterlichkeitsqualitäten in den ersten drei Lebensjahren des Kindes die wichtigste Bezugsperson. Zwar lassen sich Mütterlichkeitsdefizite bereits von Anfang an durch andere Personen ausgleichen, aber ein Ersatz der Mutter bedeutet in dieser frühen Zeit immer eine belastende Erfahrung für das Kind. (28)

Die Gefahr ist, dass die frühe Bedrohung durch die Mutter später immer wieder äußere Feinde suchen lässt, die dann bekämpft werden können, ohne dass dadurch je innerer Frieden möglich wird. Dies ist die psychologische Wurzel jedes Kriegs. (33)

Ein durch Marktwirtschaft dominierte Gesellschaft lebt im großen Stil von Muttervergiftung. Durch Fülle und Vielfalt, durch Reklame und Werbung wird die Außenorientierung weiter konditioniert.  (...) Nur ein guter Kunde ist wie das brave, angepasste und gehorsame Kind ein geschätzter Mensch. (36)

Mütterlichkeit steht symbolisch für das Haus, den Hafen, die Heimat, für Schutz, Geborgenheit, Verbundenheit und Gemeinschaft - Väterlichkeit hingegen für den WEg, das Schiff, die Freunde, für Risiko, Gefahr, Eigenständigkeit und Alleinsein. Die Mutter ist verantwortliche für den Anfang - für Empfangen und Geburt, der Vater ist verantwortlich für das Ende - für Abschied und die Akzeptanz des Todes. So zeichnen die Eltern mit ihren unterschiedlichen Funktionen die Lebenskurve ihre Kindes vor, und gemeinsam bestimmen sie die Spannung zwischen den Polen des Lebens. (38)

Die Reife von Beziehungen und damit ihre Qualität wird im Wesentlichen davon bestimmte, wie gut die Beziehungspartner ihre frühen Beziehungserfahrungen von den gegenwärtigen Beziehungen unterscheiden können. (...)
Auf dem Weg der Übertragung werden unbewusste Wünsche und Erwartungen, die aus frühkindlichen Erfahrungen resultieren, in aktuellen Beziehungen wiederbelebt, ohne dass die Herkunft einer solchen innerseelischen Verbindung bekannt wäre. Übertragungen verzerren also die Wahrnehmung der Realität. (91)

Übertragungswünsche sind Ausdruck unerfüllt gebliebener Bedürfnisse in der frühen Entwicklung. Es ist unmöglich, sie nachträglich zu befriedigen. Weil sie aber ehemals keine Erfüllung gefunden haben, liefern sie die Energie für ewige Wiederholungen. (92)

Ganz harmlose Bemerkungen können im anderen tiefe seelische Verletzungen aktivieren, von deren Vorhandensein der Partner nichts weiß. (93)

Jede Äußerung eines Menschen hat eine individuelle Geschichte und auch unbewusste Motive, mit der Folge, dass ihre spezifische Bedeutung für einen anderen nicht unmittelbar verständlich ist. (...)
Um wirklich miteinander zu kommunizieren, muss man dies Unterschiedlichkeit respektieren, und es muss darüber hinaus das beiderseitige Bemühen vorliegen, die Bedeutung des Gesagten möglichst aus der Sicht des Sprechers verstehen zu wollen. Das gelingt nur, wenn den jeweiligen Partnern die eigenen Empfindlichkeiten und erlittenen Kränkungen halbwegs bewusst sind und sie die Begrenztheit ihrer Erfahrungen akzeptieren. (95)

Besonders tragisch ist es, wenn liebeshungrige Menschen Eltern werden und die Kompensation des erlittenen Liebesdefizits dann von ihren Kindern erwarten.  (97)

Um im Sinne einer Beziehungskultur beziehungsfähig zu werden, ist Einsicht in das erlittene Liebesdefizit und die eingeschüchterte oder beraubte Liebesfähigkeit die wichtigste Voraussetzung.  (98)

Es gibt keine größere Befriedigung, als sich frei und unverstellt zeigen zu können und zu dürfen. Das reicht vom Blickkontakt bis zur orgiastischen Entladung. Authentische Mitteilungen und Ausdrucksformen sind immer lustbetont. (...)
So, wie ein Kind gesehen und behandelt wurde, so sieht und behandelt es sich als Erwachsener später selbst, (...) (103)

Die Bereitschaft und die Fähigkeit, über sich selbst, über das eigenen Leben, die Art und Weise des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens immer wieder zu reflektieren und ein tieferes Verständnis dafür zu erreichen, bilden die wichtigsten Voraussetzung, um mit anderen Menschen wirklich in Kontakt kommen zu können. (105)

Fühlen braucht Übung, wie Sprechen und Lesen. Gefühlskunde wäre eines der wichtigsten Schulfächer, um Grundlagen für Beziehungskultur schaffen zu helfen. (109)

Seit über 30 Jahren sammle ich Erfahrungen mit dem Prozess des Gefühlsausdrucks und bin dabei auf unzählige Widerstände, Abwertungen, Verhöhnungen und Missverständnisse gestoßen. Ich musste erkennen und begreifen, dass in einer Kultur, die von Anfang an Kinder dazu anlernt, sich zu beherrschen und zu kontrollieren, (...) - dass in einer solchen Zivilisation mit dem Gefühlsstau auch Krankheiten und Gewalt entstehen, ja geradezu gezüchtet werden. (111)

Die Kommunikation inneren Erlebens ist ein Wert an sich, eine Entäußerung des Lebendigen. (...)
Das absichtslose, nur dem eigenen Lebensausdruck verpflichtete Kommunizieren hat jedoch eine enorme beziehungsdynamische Wirkung. Wie jeder echte Ausdruck berührt und ansteckend wirkt, findet auch eine authentische Mitteilung im Gegenüber Resonanz. (112)

Der kommunikative Austausch ist Geben und Nehmen und nicht Fragen und Antworten. (113)

Echte Aussagen stecken emotional an, und an ihrem Ende steht eine befreiende und entspannende Wirkung - auch wenn gerade etwas sehr Belastendes oder Trauriges mitgeteilt wurde. (126)

Man muss nicht antörnen, zudröhnen und enthemmen, um in Stimmung zu kommen und alles super und geil zu finden. Stimmungsmache ist praktische das Gegenteil von Lust. Es ist aufgesetztes und simuliertes Vergnügungsgehabe, das zur Erschöpfung mit Katerstimmung, aber nicht zur leibseelischen Entspannung mit Befriedigung führt. (138)

Im Wesentlichen geht es darum, den Partner so wenig wie möglich zur Übertragung und damit zur Wiederholung alter Erfahrungen zu missbrauchen oder sich in dieser Hinsicht missbrauchen zu lassen. (162)

Partnerschaft ist die Institution, in der Übertragungen  - Beziehungsreinszenierungen aus der prägenden Frühgeschichte mit Mutter und Vater - aufblühen können. (182)

Übertragungsarme Beziehungen finden sich kaum spontan, sondern bedürfen ständiger Bemühungen. Reife Partnerschaft ist eine Arbeitsbeziehung. (187)

Der Übertragung verdächtig sind alle großen Affekte, vor allem wenn sie deutlich über den jeweiligen Anlass hinausreichen. Die Realität im Allgemeinen und partnerschaftliche Wirklichkeit im Besonderen verursachen bis auf selten Ausnahmen (dramatische Ereignisse) nur durchschnittliche Gefühle, die der großen und tiefen Erregung entbehren. (188)

Partnerschaft auf der Ebene einer Beziehungskultur bedeutet Entwicklung zur Eigenständigkeit, Akzeptanz der Begrenzung, emotionale Verarbeitung und redliche Verhandlungsfähigkeit. (208)

Du musst dich bei jeden Konflikt fragen, was dein Anteil daran ist (225)

Wir sind jedoch keineswegs dazu gezwungen, die Grenzen des Wachstums oder sogar das Absinken des materiellen Lebensstandards zuerst und ausschließlich als Verlust und Verzicht zu erleiden und uns im Kampf um Besitzstände zu verhärten. Vielmehr können wir diese Realität als Chance begreifen, zu anderen Lebensformen zu finden. (233)

Erst Begrenzung macht Lust wirklich möglich. (...)
Der Wunsch nach permanenter Steigerung des Lusterlebens spricht dafür, dass es auch hier um Kompensation geht, darum, innere Behinderung durch äußere Bemühungen vergessen zu machen oder sie auf diese Weise gar nicht erst spüren zu müssen. (237)