Karin Leukefeld: Flächenbrand

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Syrien, Irak, die Arabische Welt und der Islamische Staat - PapyRossa, Köln 2016 (2. Auflage)

In westlichen Redaktionsstuben übernahm man Berichte der arabischen Kollegen von Al Arabiya und Al Jazeera und griff zu wackeligen Handyaufnahmen, Twitter, Facebook und Blogs, ohne prüfen zu können, ob die Absender auch waren, wer sie angaben zu sein. Man sparte Geld für Vorortrecherche und schmückte sich mit Bürgerjournalisten, die sich für eine Top-Story oft in tödliche Gefahr begaben. (19)

Der neuerliche Vorschlag für einen Waffenstillstand im Januar 2013 verhallte bei den Freunden Syriens ungehört. Die besagte Gruppe westlicher und arabischer Staaten hatten die USA im Herbst 2011 um sich geschart und eine Art Parallelstruktur zum UN-Sicherheitsrat geschaffen. Deutschland gehörte zu den elf Staaten der Kerngruppe dieses Freundeskreises. (31)

Alle Beobachter bestätigten allerdings, dass es moderate bewaffnete Gruppen in Syrien nicht mehr gibt. Kämpfer der Freien Syrischen Armee haben längst aufgegeben und lokale Waffenstillstände geschlossen. Andere haben sich - teilweise auch als Flüchtlinge nach Europa - abgesetzt. Wieder andere haben sich der Nusra-Front oder ISIL angeschlossen. Diese beiden Gruppen bezahlen und bewaffnen ihre Kämpfer dank mächtiger Geldgeber.
Wer diese Geldgeber sind, machte US-Vizepräsident Joe Biden Anfang Oktober 2014 bei einer Rede an der Universität Harvard klar. (...)
"Die Türken seien wie die Saudis, die Emirate usw, (...) so entschlossen (gewesen), Assad zu stürzen und einen sunnitisch-schiitischen Stellvertreterkrieg zu starten, dass sie Hunderte Millionen Dollar und mehrere Tausen Tonne Waffen in jeden gesteckt (haben), der geben Assad kämpfen wollte. Nur dass die Leute, die sie ausgerüstet haben, al-Nusra und al-Quaida waren, und die extremistischen Typen von Gotteskriegern, die aus allen Teilen der Welt kommen." (38/39)

Israelische Luftwaffe und Artillerie griff wiederholt zu Gunsten der Nusra-Front gegen die syrische Armee ein. Im Dezember 2014 flog die israelische Luftwaffe mehrere Angriffe im Umland von Damskus, (...). (40)

Das Jahr 2015 begann für Syrien mit der Ankündigung aus Washington und Ankara, so genannte moderate Rebellen auszubilden. (...) Der US-Kongress bewilligte 500 Millionen US-Dollar, um die Kosten für das erste Ausbildungsjahr zu tragen. (41)

Die Europäische Union verschärfte auch 2015 mehrere Male ihre Sanktionen gegen Syrien (...) und trug damit erheblich zu Armut und Arbeitslosigkeit in Syrien und einem gezielten Brain Drain (...) bei. (43)

Jenseits humanitärer Maßnahmen finanziert die Bundesregierung beispielsweise ein Interventionsprojekt der besonderen Art. Sie kommt für einen kleinen Taschenradiosender auf, der die syrische Medienrevolution anspornen soll. (44)

Die syrische Mittelschicht verlässt das Land seit 2012, Familien verkaufen Eigentum, um zumindest ihren Söhnen den Weg nach Europa oder in andere Länder zu ebenen, damit dies dort ihre Ausbildung beenden oder Arbeit finden. Eine offensichtlich organisierte Fluchtwelle brachte 2015 Hunderttausende Syrer über das Mittelmeer nach Europa. (...) In nordirakischen und türkischen Flüchtlingslagern beobachteten Mitarbeiter humanitärer Hilfsorganisationen, dass die Menschen plötzlich in Scharen aufbrachen, um nach Europa zu gehen. (45)

Die Zahl der Menschen, die in Syrien auf Hilfe angewiesen waren, wurde mit  13,5 Millionen angegeben.
Wenig Aufmerksamkeit fand allerdings die Tatsache, dass entgegen vorheriger Zusagen viele Geberländer ihre Zahlungen an die Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen 2015 drastisch reduzierten. (...) Insgesamt reduzierten bis auf die Niederlande alle EU-Staaten 2015 ihre Zahlungen an das WFP [Welternährungsprogramm]  - zumeist in drastischen Ausmaß. (...) Der Hilfsplan für 2015 (...) ist nur zu 41 Prozent finanziert. (...) Viele Flüchtlinge in Jordanien haben den UNHCR berichtet, dass diese Kürzungen der letzte Anstoß waren, das Land zu verlassen. (46/47)

Die Allianz der US-Streitkräfte mit den Demokratischen Kräften Syriens, bei der die Kurden eindeutig die stärkste Kraft stellen, stärkte das kurdische Autonomiebestreben im Norden Syriens und provozierte in der Türkei eine aggressive Militäroffensive sowohl gegen die PKK als auch gegen kurdische Einheiten in Nordsyrien. [48]

Unter Berufung auf die Anschläge im Paris (13. November) beschlossen die Regierungen von Frankreich, Deutschland und Großbritannien Anfang Dezember 2015, sich dem Krieg in Syrien militärisch anzuschließen. (51)

Die Lage in Syrien

Im Laufe seiner Mandatszeit (1922-1946) hinterließ Frankreich deutliche Spuren. Zunächst wurde der Libanon von Syrien abgetrennt, später das Verwaltungsgebiet Alexandrette an die Türkei übergeben, die daraus die türkische Provinz Hatay machte. Frankreich versuchte, Syrien in weiter Kleinstaaten zu zersplittern: im Süden sollte ein Drusenstaat entstehen, an der Mittelmeerküste ein Staat der Alawiten. (55)

1943 endete die Mandatszeit, doch erst 1946 erzwangen die Briten schließlich durch ihr  Eingreifen den Abzug der Franzosen. (...)
Syrien gehörte der Bewegung der Blockfreien an, hatte aber enge Beziehungen zur Sowjetunion. (56)

Ein in der mehrheitlich muslimischen syrischen Gesellschaft schwelender Konflikt war die genannte Niederschlagung der sunnitischen Moslembruderschaft in Hama 1982. die Organisation hatte (1979-1982) den Aufstand gegen Hafez al-Assad und die Baath-Partei geprobt und eine blutige Niederlage erlitten. (60)

Doch trotz all dieser Probleme, von denen Bashar al-Assad etliche von seinem Vater Hafez geerbt hatte, herrschte keine direkte Not in Syrien,

. Es gab eine kostenlose Gesundheitsversorgung, Kinderkrankheiten wie Masern und Kinderlähmung (...) waren gestoppt. Die überwiegende Mehrheit der Syrer konnte lesen und schreiben, niemand musste Hunger leiden. Syrien war ein Entwicklungsland, das stets über eine Getreidereserve für zwei Jahre im Voraus verfügte. 2010 war Syrien ein Land, das Fortschritte machte und schuldenfrei war. Heute - nach vier Jahren Krieg - ist es hoch verschuldet, vielerorts fehlt es am Nötigsten. (61)

Zur historischen Tragik gehört: Im Zweistromland, dem historischen Mesopotamien, liegt der Ursprung auch der europäischen Zivilisation. Die westlichen Kernländer Europas zerstören heute jene Regionen, der sie ihr Wissen und ihre Wohlstand verdanken. (65)

Die "größte Flüchtlingskatastrophe seit dem 2. Weltkrieg" (UN Hochkommissar für Flüchtlinge Antonio Gutiérrez) scheint dafür benutzt zu werden, um neue strategische Pläne im Umgang mit Flüchtlingen zu entwickeln. Das schwedische Möbelhaus IKEA hat eine Bausatz für "mobile Flüchtlingsunterkünfte"  entwickelt, der "von zwei Personen" getragen und "vor Ort innerhalb  von vier Stunden zu einem Haus" zusammengebaut werden kann. Und weil angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme die "Aufnahmestaaten  an ihre Grenzen gekommen sind", brauchte die UNO "eine neue Architektur für die Hilfe", so Gutiérrez. Ziel sei "die Unterstützung für die Flüchtlinge mit dem zu verbinden, was für die Stabilisierung der Gemeinschaften getan wird, die die Flüchtlinge aufnehmen." (...)
Eine ganze Region soll an den Tropf internationaler Hilfsgelder gehängt werden, während vom Ausland finanzierte Söldnerheere in Syrien und im Irak die nationalen politischen Strukturen und Ökonomien (...) zerstören. (...)
Das Internetportal The Intercept rechnete aus, dass die Kosten eines Tages Kampfeinsatz in Syrien und Irak ausreichen würden, um Millionen Flüchtlinge zu versorgen.  (66/67)

Im September 2013 veröffentlichte die New York Times einen Artikel über der Überschrift "Wie aus 5 Staaten 14 werden könnten". Beigefügt war eine Landkarte des südöstlichen Mittelmeerraumes und der arabischen Halbinsel. Aufgeteilt wurden auf der Karte Syrien und der Irak, Libyen, der Jemen und - nach einem Sturz der saudischen Monarchie - auch Saudi-Arabien. Die neuen Grenzlinien verlaufen ausschließlich entlang religiöser und ethnischer Zugehörigkeiten. (...) Säkulare und fortschrittliche Kräfte kommen ein einem solchen Modell nicht vor. (74)

Es ist kein interner Konflikt. Alle, auch die ausländischen Medien, wissen, dass mehr als 70 Prozent der Kämpfer hier in Syrien Ausländer sind, sie kommen aus 83 verschiedenen Ländern. (79)

Die Türkei

Die völkerrechtswidrige Übergabe der Provinz Antiochien (heute Hatay) durch die französische Mandatsmacht an die Türkische Republik (1939) wurde bis heute von keiner syrischen Regierung anerkannt. Die NATO-Mitgliedschaft der Türkei und anhaltende Konflikte über die Nutzung des Euphratwassers  charakterisierten  die Distanz  beider Staaten über Jahrzehnte. (85)

Mit dem Beginn der Unruhen in Tunesien und Ägypten um die Jahreswende 2010/11, die schließlich zum Rücktritt der langjährigen Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali (Tunesien) und Hosnie Mubarak (Ägypten) führten, änderte sich die türkische Außenpolitik gegenüber Syrien schlagartig. (...)
Die AKP ist eine Schwesterpartei der arabischen Muslimbruderschaft (...) die 1928 in Ägypten als Widersacher der britischen Mandats- bzw. Kolonialherrschaft gegründet worden war. (...) 1947 kandidierte die Muslimbrüderschaft zu den ersten freien Parlamentswahlen nach dem Abzug der Franzosen und zog mit drei Abgeordneten ins Parlament in Damaskus ein. (...) Ende der 1970er Jahre startete die Muslimbruderschaft eine bewaffnete Kampagne gegen die herrschende Baath-Partei, 1982 wurde der Aufstand in Hama blutig niedergeschlagen. (...) Die Spitze der Organisation (...) erhielt in Deutschland politisches Asyl und ließ sich in München und Aachen nieder. (89/90)

Die direkte Verbindung der Ereignisse in Syrien 2011 mit der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes der Muslimbruderschaft in Hama (1982) machte deutlich, dass Erdogan seiner Regierung nicht die in den zwischenstaatlichen Beziehungen gebotene Neutralität verordnete, sondern eindeutig auf Seiten der syrischen Brüder - der Muslimbrüderschaft - Partei ergriff. (91)

Präsident Assad erklärte, man wisse, dass die türkische Regierung direkt in das Morden am syrischen Volk verwickelt  sei. Der türkische Geheimdienst würde die Kämpfer ausbilden, ausrüsten und sie mit den notwendigen Kommunikationsmitteln versorgen. (93)

Nach den Ereignissen in Tunesien, Libyen und Ägypten schien die Türkei als NATO-Verbündeter prädestiniert, den Mediator für eine Machtwechsel in Syrien zu spielen. (95)

Von den Flughäfen in der Türkei uns in Jordanien wurden die Rüstungsgüter per Lastwagen ins syrische Grenzgebiet gebracht. Dort wurden die Waffen unter Kontrolle der CIA an bewaffnete Gruppen aller Art verteilt. (99)

Das türkisch-syrische Grenzgebiet wurde derweil zu einem unübersichtlichen Umschlagplatz für die Kriegsindustrie, die mit der zunehmende Militarisierung des Konfliktes in Syrien entstanden war. (...) Umgekehrt strömten Flüchtlinge mit bezahlter Hilfe von Schlepper in die Türkei, wo sie von internationalen Hilfsorganisationen versorgt wurden. Das Geschäft mit der Hilfe blüht mit der Kriegsindustrie  ebenso auf, wie Drogen- und Menschenhandel. (104)

Irak

Während der blutigen Jahre 2004 bis 2007 flohen Hunderttausende Iraker nach Syrien, wo viele von ihnen eine neue Heimat fanden. (105)

Die irakische Regierung wurde von der Europäischen Union (...) unterstützt. Zwischen 2005 und 2010 kostete die Mission, bei der rechtsstaatliche Prinzipien und die Einhaltung der Menschenrechte ein zentrales Anliegen sein sollen, 40 Millionen Euro. 2010 wurde sie um weitere zwei Jahre verlängert. (...)
Die Erdölförderung war nach der Machtübernahme durch die Baath-Partei 1968 verstaatlicht worden. Unmittelbar nach der Machtübernahme der von den US-Amerikanern geführten Übergangsbehörde (....) hatte der als Zivilverwalter eingesetzte US-Diplomat Paul Bremer nicht nur staatliche Strukturen wie Ministerien und Armee aufgelöst und die Baath-Partei verboten, er setzte auch alle bisherigen irakischen Gesetze außer Kraft. Per Dekret verordnete Bremer eine politische und ökonomische Neuordnung des Zweistromlandes und machte den Weg frei für Großunternehmen und Konzerne. (110/111)

Die Kontakte zwischen Israel und der nordirakischen Demokratischen Partei Kurdistans reichen zurück in die 1960er Jahre. Israel sah die ethnische Minderheit der Kurden als möglichen Bündnispartner gegen die arabischen Staaten an. (115)

Tatsache ist, dass etliche der ISIL-Anführer viele Jahre in den Gefangenenlagern von USA und Großbritannien in der Provinz Basra verbrachten und nach und nach wieder freigelassen worden waren. (116)

Auf 2,12 Millionen Menschen schätzen die Vereinten Nationen die Zahl der Inlandsvertriebenen im Irak Anfang 2015. (121)

Der damalige US-Vizepräsident Dick Cheney entwickelte die Idee des "kreativen Chaos" (...)  mit Prinz Bandar bin Sultan fort, wie Anfang 207 der kenntnisreichen US-amerikanische Jornalist Seymour Hersh in der Zeitschrift The New Yorker schrieb. (...) Cheney und Bandar wollten den infolge des Libanonkrieges 2006 gewachsenen Einfluss des Irans, Syriens und der Hisbollah im Nahen Osten zurückdrängen, dafür sollten religiöse und ethnische Gruppen in der Region gegeneinander ausgespielt werden. Basierend auf einem jahrhundertealten Religionsstreit unter den Muslimen, sollten Sunniten und Schiiten aufgewiegelt werden. (124)

Jordanien

Mit der Neuaufteilung der ehemaligen arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg entstand 1922 im südlichen Palästina Transjordanien, ein neuer Staat unter britischem Mandat. (125)

1946 endete das britische Mandat, aus Transjordanien wurde Jordanien, das Königreich der Haschemiten.
Unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel 1948 strömten palästinensische Flüchtlinge nach Jordanien, wo sie heute etwa 50 Prozent der Bevölkerung (6,5 Millionen) ausmachen.(...)
Nach 2001 wurde das Land in den von den USA 2001 ausgerufenen Krieg gegen den Terror eingebunden, der  - bis heute - vor allem vom jordanischen Militär und den Geheimdiensten geführt wird. (126)

Jordanien wurde zur Basis ausländischer Militärbeobachter und zum Mitglied der Kerngruppe der Freunde Syriens. Die USA schickten rund 700 Spezialkräfte nach Jordanien, die CIA organisierte Ausbildungslager in Jordanien und bildete Kämpfer für Syrien aus. (129)

Die erwähnte Langzeitstudie der New Yourk Times, die im März 2013 veröffentlicht wurde, belegte Militärtransporte aus Kroatien nach Amman seit Dezember 2012. (..)
Im November 2012 berichteten US-amerikanische Medien, dass sowohl in der Türkei als auch in Jordanien bereits im Juni 2012 von CIA und US-Spezialtruppen Trainingslager für die Kämpfer eingerichtet worden seien. (130)

Jordanien wurde an der Südgrenze Syriens zum Hinterland einer Allianz von mehr als 50 Kampfverbänden, die sich - im Februar 2014 zumindest teilweise - in der Südfront zusammenschlossen. Westliche Medien bezeichneten sie als moderate Rebellen. (...)
Hinter den bewaffneten Verbänden stehen weiterhin regionale und internationale Sponsoren. Vieles deutet darauf hin, dass Katar besonders gute Verbindungen zur Nusra-Front (Al-Quaida) unterhält. (...) Für alle Kampfverbände, die südlich und westlich von Damaskus aktiv sind, ist Jordanien Aufmarschgebiet und Hinterland. (133)

Generalstabsmäßig werden im jordanisch-syrischen Grenzgebiet die Flüchtlingsströme verwaltet. Empfang an der Grenze, Transport zu einem der Lager, wo sie von internationalen  betreut werden. Für die Geberländer, die Helfergemeinde, auf deren Geld man angewiesen ist, werden exzellente Übersichtskarten entworfen und regelmäßig im Internetportal Relief Web eingestellt. (135)

Die USA, Großbritannien, Frankreich, die EU, Kanada und die Golfmonarchien senden so genannte humanitäre Hilfe an Jordanien. Das US-Außenministerium zahlte dafür zwischen 2012 und 2014 insgesamt 444,8 Millionen US-Dollar, Kanada überwies im gleichen Zeitraum an das Königreich 48, 26 Millionen US-Dollar an humanitärer Unterstützung. (136)
Das macht deutlich, dass die humanitäre Hilfe tatsächlich in militärische und sicherheitspolitische Projekte fließt. (137)

Das Al-Zaatari-Lager wurde im Juli 2012 aus dem Wüstensand gestampft. Inzwischen leben dort mehr als 120.000 Menschen, damit ist Zaatari die fünftgrößte Stadt Jordaniens, umgeben von einem Zaun. (138)

Israel

Dem Vormarsch der inzwischen hochgerüsteten israelischen Armee auf die Golanhöhen 1967 hatten die syrischen Streitkräfte nicht viel entgegenzusetzen. 130.000 Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben und flohen nach Damaskus. (140)

Syriens Position hinsichtlich der Golanhöhen entspricht bis heute dem in verschiedenen UN-Resolutionen bekräftigten völkerrechtlichen Anspruch. Danach ist die Besetzung und die 1981 erklärte Annexion der Golanhöhen durch Israel völkerrechtswidrig. (...) Die Resolution 242 der UN-Sicherheitsrats fordert zudem eindeutig ein Ende der israelischen Besatzung und stellt fest, dass alle israelischen Siedlungen und baulichen Veränderungen auf dem besetzten Golan illegal sind. (141)

Seit Januar 2013 hat die israelische Luftwaffe sechs Mal Einrichtungen der syrischen Streitkräfte in der Umgebung von Damaskus und bei Lattakia bombardiert. (...) In jedem Fall habe es sich um einen Akt der Selbstverteidigung gehandelt. (151)

Auf dieser Linie liegt auch die genannte Theorie des kreativen Chaos, von der die damalige Außenministerin Condoleezza Rice angesichts des Israel-Libanon-Krieges 2006 sprach. Ziel ist eine Neuordnung des Mittleren Ostens nach ethnischen und religiösen Kriterien, was ganz dem Selbstverständnis von Israel als jüdischem Staat entspricht. (154)

Der Reichtum [Israels] basiert im Wesentlichen auf der Exportwirtschaft im internationalen Rahmen, vor allem mit der EU. (154)

(...) Export von Nahrungsmitteln, die allerdings vielfach aus illegalen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten stammen. (155)

Der Libanon

Syrien und der Libanon waren von der Mandatsmacht Frankreich in den 1940er Jahren aus ihre ursprünglichen geographischen und sozialen Gefüge der Levante/Groß-Syriens herausgeschnitten worden, was die Syrer nie akzeptierten und auch viele Libanesen bis heute nicht anerkennen. (157)

Im Libanon leben rund vier Millionen Menschen, die 18 verschiedenen Religionen angehören. Allein unter den Christen gibt es ein gutes Dutzend verschiedener Kirchenzugehörigkeiten, die größte Gruppe sind die Maroniten. Um die Religionen gleichmäßig an der politischen Macht zu beteiligen, ist der Präsident immer ein Christ, der Ministerpräsident ein sunnitischer Muslim und der Parlamentspräsident ein schiitischer Muslim. (162)

Qusair war ein Beispiel des jahrhundertelangen problemlosen Zusammenlebens von Muslimen unterschiedlicher Strömungen und Christen in Syrien. Erst die französische Mandatsmacht hatte den Ort in den 1930er Jahren durch willkürliche Grenzziehungen vom Libanon abgetrennt. (166)

Palästina

Die Unterstützung und der Schutz der Palästinenser gehört historisch zum nationalen Selbstverständnis Syriens. Grund ist, dass die Region Syrien/Palästina sozial, politisch, wirtschaftlich uns kulturell nicht nur von Syrern, sondern von den Arabern in der ganzen Levante über alle religiösen Unterschiede hinaus als Einheit sehen und verteidigt wurde. Das traf für die Muslime, Christen und Juden gleichermaßen zu, die seit mehr als zweitausend Jahren in der Region zusammengelebt haben. (...)
Die damals mächtigen Kolonialstaaten Frankreich und Großbritannien teilten in einem geheimen Abkommen die Region schon während des Kriegs [1. Weltkrieg] untereinander auf (Sykes-Picot-Abkommen, 1916). (...)
Seit der Balfour-Erklärung (1917) sind die Syrer - religionsübergreifend - entschieden Gegner der darin anvisierten nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. (179)

Mitte der 1950er Jahre entschied das Parlament, dass die Palästinenser in allem den Syrern gleichstellt sein sollten, (...) (182)

Anfang 2011 waren 560.000 Palästinenser in Syrien bei der UNRWA gemeldet. (183)

Die Hamas gehörte zu den ersten palästinensischen Gruppen, die den bewaffneten islamistischen Aufstand unterstützten. Grund dafür ist ihre Nähe zur Organisation der Muslimbrüderschaft, die von Anfang an bei de Kämpfen in Syrien (...) eine Rolle gespielt hatte. (184)

Im Irak und in der Levante: Der islamische Staat

Das Bündnis der Freunde Syriens hat seit 2011 mit Geheimagenten, privaten Sicherheitsdiensten und Militärspezialisten Gruppen und Stämme bewaffnet und ausgebildet, die gegen die syrische Regierung kämpfen. (224)

Ab Januar 2012 lieferten Katar, Saudi-Arabien und Jordanien nachweislich (...) Waffen über die Türkei, die letztlich den extremsten Kampfverbänden - der Nusra Front und dem Islamischen Staat im Irak  und in der Levante - in die Hände fielen. Anfang Oktober 2014 räumte US-Vizepräsident Joe Biden bei einem öffentlichen Vortrag an der Universität Harvard ein, dass unserer Verbündeten unser größtes Problem waren. Namentlich nannte Biden (...) die Türken, die Saudis, die Emirate, die so entschlossen waren, den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zu stürzen und einen Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu initiieren, dass sie Hunderte Millionen US-Dollar und Tausende Tonnen Waffen an jeden lieferten, der gegen Assad kämpen wollte. (225)

Diese Staaten wollten den schiitischen Halbmond (Iran, Irak, Syrien, Hisbollah) mit einen sunnitischen Islamischen Kalifat druchbrechen. (226)

Der IS und die Nusra-Front liefern sich in der Region einen blutigen Konkurrenzkampf um die Errichtung eines Islamischen Staatees der Kalifat oder Emirat genannt wird. Beide Gruppen haben jeweils Tausende Männer unter Waffen, darunter viele Ausländer.  (227)

Die Wurzeln des Islamischen Staates (im Irak und in der Levante) liegen bei al-Quaida. Letztere wurde bekanntlich in den 1980er Jahren von US-amerikanischen und saudischen Geheimdiensten aufgebaut, um gegen die Rote Armee in Afghanistan zu kämpfen. (228)

Mit dem Vormarsch auf Mossul und dem Versuche, auch die nordirakische Stadt Kirkuk einzunehmen, wo die zweitgrößte Ölvorkommen des Iraks lagern, hatte ISIL die rote Linien der US-Interessen in der Region überschritten. (233)

Für jeden Syrer, der mit der Protestbewegung 2011 Veränderungen erhofft hatte, sei es entwürdigend zu erleben, wie einzelne Personen darum stritten, auf einer der Listen, die von Riad, Moskau oder Washington aufgestellt wurden, genannt zu werden. Er erwarte für Syrien keine Änderungen zum Besseren, mit Syrien hat das nichts mehr zu tun. Einzelne Staaten trügen ihre Interessen auf dem Rücken der Syrer aus.
Zeitverschwendung, meint Hussam Mako, der ein kleines Familienhotel führt. Jeder komme mit eigenen Interessen und eigenen Oppositionellen nach Genf. Letztendlich würden Russland und der Westen entscheiden, was aus Syrien wird. (249)