Jürgen Todenhöfer: Du sollst nicht töten

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Bertelsmann Verlag, München 2015 (Taschenbuchausgabe)

  • Ende 1972 war ich in den Bundestag gewählt worden und entwicklungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion geworden. (45)
  • Der französische Philosoph André Glucksmann fragte im Spiegel 2005: Sind Unterdrückte, die es ablehnen, unterschiedslos zu töten, etwa Feiglinge? Für mich sind sie Helden. Terroristische Methoden haben die Ziele fast aller Befreiungsbewegungen vergiftet, von Algerien bis Vietnam. Wenn die Mittel furchtbar werden, zerstören sie die besten Ziele." (49)

Afghanistan

  • Selbst die Taliban-Regierung signalisierte, dass man über eine Auslieferung an ein neutrales Land sprechen könne, wenn die USA schlüssige Beweise für die Täterschaft Bin Ladens vorlegten. Doch der amerikanische Präsident hatte längst beschlossen Afghanistan anzugreifen. Egal, was die Afghanen mit Bin Laden machten. Die Pläne dazu lagen seit Jahren in den Schubladen der Neokonservativen. Afghanistan ist geostrategisch eines der interessantesten Länder Zentralasiens. (61)
  • Kriege sind Terrorzuchtprogramme. Für jedes getötete Kind stehen über zehn neue Kämpfer auf, um es zu rächen. Nach 9/11 stieg die Zahl der Selbstmordanschläge - selbst wenn man die Kriegsgebiete Afghanistans und Irak herausrechnet - um das Vierzehnfache. Vor allem im Mittleren Osten wimmelt es inzwischen von nationalen Terroristen und ausländischen Wanderterroristen, die der Westen gezüchtet hat. Wir selbst haben den internationalen Terrorismus großgezogen." (63)
  • Finanziert wird der weltweite Terrorismus vor allem durch Privatpersonen und Privatorganisationen in Saudi-Arabien. Sie versprechen sich davon als Nebeneffekt eine schnellere Verbreitung ihres wahabitisch-salafistischen  Radikalislam, dem zu ihren Leidwesen weltweit nur zwei Prozent der Muslime anhängen. Dass die überwiegende Mehrheit der 1,5 Milliarden Muslime der Welt an ihrem maßvollen und friedfertigen Islam festhält, ist diesen saudischen Wohltätigkeitsorganisationen ein Dorn im Auge. (...) Dieses komplizenhafte Verständnis für Saudi-Arabien als Schutzraum und Zentrum des internationalen Terrorismus ist der eigentliche Skandal des westlichen Antiterrorkampfes. Keine amerikanische Regierung legt sich mit Saudi-Arabien an. Afghanisches Blut ist billiger." (64)
  • Der Westen hat zur Begründung des Afghanistankrieges eine ganze Armee von Lügen aufgestellt:
    > Die erste Lüge des Westens lautete, er kämpfe in Afghanistan gegen den internationalen Terrorismus. (...) Die angebliche Führung des internationalen Terrorismus war schon im Dezember 2001  - kurz nach 9/11 - über die Berge des Hindukusch nach Pakistan geflohen.
    > Die zweite Lüge hieß, wir verteidigen dort die Werte unserer Zivilisation.
    > Die dritte Lüge spricht vom Vorrang des zivilen Wiederaufbaus vor dem militärischen Einsatz. (...) Doch die USA gaben 2011 in Afghanistan 100 Milliarden US-Dollar für den Krieg aus, aber nur fünf Milliarden für Entwicklungshilfe.
    > Die vierte Kriegslüge lautete lange, die NATO kämpfe in Afghanistan, um die Rückkehr der Taliban zu verhindern. Doch nicht erst jetzt, sondern schon seit einiger Zeit wird mit diesen verhandelt.
    Viele unserer Soldaten sind Löwen - geführt von Eseln. (65-67)

Irak

  • Die Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg geht von über 1,5 Millionen Kriegstoten aus. (...) In keinem Land der Welt mussten mehr Fußballplätze in Friedhöfe umgewandelt werden als im Irak. (89)
  • Ich frage den jungen Scheich, ob es wenigstens den Schiiten nach der Befreiung von Saddam Hussein besser gehe. Zornig schüttelt er den Kopf. Selbst unter den Sunniten Saddam habe es nie ein solches Chaos gegeben. Die sechseinhalb Jahre Krieg und Besatzung hätten mehr Iraker das Leben gekostet als die 35 harten Saddam-Jahre. Weit über eine Million Iraker seien getötet worden. (96)

Droge Krieg

  • An der Dämonisierung von Gegnern wird oft jahrelang systematisch gearbeitet. vor allem, wenn das Hauptverbrechen des Feindes darin besteht, dass er sich nicht den strategischen Zielen des US-Imperiums unterwirft. Wenn er zur Achse der Ungehorsamen gehört, die die USA Achse des Bösen oder Reich der Finsternis nennen. (...) Obwohl kein muslimisches Land in den letzten 200 Jahren jemals den Westen angegriffen hat, gelingt es westlichen Propagandastrategen mit verblüffender Leichtigkeit, muslimische Länder wie den Irak oder Iran als gigantische Gefahr für den Weltfrieden darzustellen.
    Dass wir christliche Europäer seit einem halben Jahrtausen - seit Christoper Kolumbus - große Teile der Welt überfallen und niedergemetzelt haben, kommt in unserer Wahrnehmung gar nicht vor. (....) Wir sehen immer nur den Splitter im Auge des anderen. Den Balken in eigenen Auge sehen wir nicht. (114/115)
  • Die nützlichsten Schurken unserer Zeit jedoch sind muslimische Terroristen. Praktischerweise gibt es sie - dank unserer Antiterrorkriege - inzwischen in fast jedem Land des Mittleren Ostens. (115)
  • Kriege sind der Terrorismus der Reichen. Die USA sind um ein Vielfaches gewalttätiger als die muslimische Welt. (116)
  • Die Damonisierung der muslimischen Welt ist eine der erfolgreichsten Propagandaleistungen des Westens. (117)
  • Humanitäre Interventionen sind eine besonders raffinierte Art der Umgehung des lästigen Kriegstabus. Es gibt keine humanitären Bomben. Bombing for peace is like fucking for virginity, stellten  junge Demonstranten schon vor Jahrzehnten fest. (130)
  • Das Reich des Bösen liegt nicht im Nahen oder Fernen Osten. Seit 500 Jahren ist der Westen selbst für unzählige Länder und Völker der Welt das Reich des Bösen. Wenn wir das Böse bekämpfen wollen, müssen wir bei uns anfangen. Und bei der Heuchelei, mit der wir unsere imperialen Kämpfe als edle Taten darstellen. (132)

Ägypten und Lybien

  • Als der Westen Arabien nicht mehr kolonisieren konnte, unterstützte er dort bedenkenlos skrupellose Monarchen und autoritäre Herrscher. Falls sie bereit waren sich der westlichen Vorherrschaft unterzuordnen. Dafür durften sie jede oppositionelle, jede demokratische Bewegung im Keim ersticken. Bis Anfang 2011 hat der Westen befreundete arabische Diktatoren systematisch bei der Unterdrückung ihrer Völker geholfen. (138)
  • Doch ganz plötzlich führte der sprichwörtliche Flügelschlag eins Schmetterlings - hier der Selbstmord eines tunesischen Gemüsehändlers - zu einem vulkanartigen Ausbruch, brach sich jahrhundertealte Bitterkeit Bahn. Die Hoffnung war auf einmal größer als die Angst. Wie durch ein Wunder entstand in der Gemeinschaft von ein paar hundert, tausend oder zehntausend Machtlosen eine rauschartige revolutionäre Stimmung, ein nie gekanntes, mit dem Verstand nicht erklärbares Gefühl unwiderstehlicher kollektiver Macht. Wie einst in der französischen Revolution. (...) Obwohl ich sonst nie fernsehe, saß ich jeden Abend staunend vor meinem Gerät. Das war Gandhi, das war Gandhis Revolution! Machtvoll und gewaltfrei! (139)
  • Ganz in der Nähe sehen wir ein großes Transparent in den Nationalfarben Ägyptens. In seiner Mitte sind die Symbole der beiden ägyptischen Religionen abgebildet: der muslimische Halbmond und das christliche Kreuz. Darunter steht: Wir gehören zusammen. Wir sind alle Ägypter. (141)
  • Eine Gruppe fröhlich bemalter Kopten und Muslime stürzt auf uns und ruft: Bitte helfen Sie mit, die Propaganda im Westen zu stoppen. Ägyptische Muslime und Christen gehören zusammen. Seit über 1000 Jahre. Glauben Sie nicht, was manche schreiben! (143)
  • Ich sehe koptische Christen die einen Kreis um die betenden Muslime bilden, um sich vor Störern zu schützen. (144)

Syrien

  • Ich frage auch sie, wo es hier zur Revolution gehe. Sie lachen. Ahmad, ein zwanzigjähriger Jurastudent, erklärt mir, in Syrien sei vieles nicht in Ordnung. Das Land brauche dringend Reformen. Jeder wisse das. Aber Syrien sei nicht Tunesien, Ägypten oder Libyen. Zwar gebe es ein einigen Städten und den Vororten von Damaskus heftige Demonstrationen oppositioneller Teile der Bevölkerung. Aber das sei kein Volksaufstand wie in Ägypten oder Libyen. Nur völlige Ignoranten könnten das übersehen.
    Das Problem der Syrer sei nicht ihr Präsident, sondern das ungerechte bürokratische System der Baath-Partei. Assad sei der bessere Teil des überholten Systems. Er habe noch immer die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. In jedem Fall habe er mehr Anhänger als die Opposition. (159)
  • Die meisten Politiker des Westens aber hätten von Syrien leider nur wenig Ahnung. Sie fassten ihre Beschlüsse auf der Basis von YouTube-Videos, deren Herkunft niemand kenne. (160)
  • Ich frage ihn, ob Assad stürzen werde wie Ben Ali oder Mubarak. Er schüttelt den Kopf. Er sei zwar gegen das Regime, aber nicht gegen Assad. Der müsse erst mithelfen, den Konflikt zu lösen. Dann könne er gehen. Die Bevölkerung sei gespalten. Auch die Regierung habe viele Anhänger. Das unterscheide Syrien von Tunesien, Ägypten und Libyen. (165)
  • Leider habe sich das Ausland früh eingemischt. In Daraa beispielsweise seien die Aufständischen schon nach wenigen Tagen bewaffnet gewesen. Von da an hätten die Kundgebungen zunehmend ihren Charakter verändert. Demokratie stehe nicht mehr im Vordergrund. Die Waffen seine aus Katar, Saudi-Arabien und der Türkei ins Land geschmuggelt worden. Die meisten Syrer und die Mehrzahl der demokratischen Demonstranten seien gegen diese Einmischung des Auslands. Sie wollen auch nicht den Sturz Assads. Der Präsident sei nicht das Problem. Tunesien, Ägypten und Libyen seien für die Syrer kein Vorbild.  (....)
    Syrien hat in der jüngeren Vergangenheit großzügig immer wieder Flüchtlinge aufgenommen. 400 000 Palästinenser und 1,5 Millionen Iraker haben hier zeitweise Asyl gefunden. Die meisten in Damaskus.
    (171)
  • An irgendetwas muss ich meine Wut auslassen. Darüber, dass dieses wunderbare Land ins Chaos getrieben wird und viele seiner Nachbarn sich die Hände reiben. Dass keine führender westlicher Politiker einmal selbst nach Damaskus fliegt, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Jetzt, wo man die Katastrophe noch verhindern könnte. Wir schreiben Mai 2011. (173)
  • Wieder einmal ist alles anders als in den arabischen und westlichen Medien berichtet. Homs ist nicht total abgeriegelt, wie Al-Dschasira täglich kriegstreiberisch vermeldet. (182)
  • Damaksus war noch immer ruhig. Zwar berichteten die Botschafter aller Länder in grotesker Verzerrung der Wirklichkeit, wie gefährlich ihr Leben hier sei. Doch in Wahrheit war zumindest das Zentrum von Damaskus nach wie vor eine Oase des Friedens. (188)
  • Ich schaue ihn verblüfft an. Al-Khayyer hat die besten Jahre seines Lebens in den Gefängnissen des Familienregimes Assad verbracht. Trotzdem sagt er, ohne Baschar Al-Assad gebe es in Syrien weder Demokratie noch Frieden? (194)
  • Noch mehr erstaune ich allerdings, dass man im Westen Diktaturen wie Saudi-Arabien und Katar glaube, sie kämpften in Syrien für Demokratie. (...) Der Konflikt mit dem Westen sei im Grund bedauernswert. Als säkulares Land, das alle Religionen und ethnischen Gruppen respektiere, habe Syrien mit dem Westen 80 Prozent Gemeinsamkeiten. (199)
  • Eine besondere Rolle in der einseitigen  Berichterstattung über Syrien spielt die berühmte Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in England. (...) Sie ist die am häufigsten zitierte Quelle von Berichten über Opferzahlen und Massaker in Syrien. (...) In Wirklichkeit besteht dieses so bedeutungsvoll auftretende Obervatorium aus einer Person mit dem Kunstnamen Rami Abdul Rahman und dem Echtnamen Osama Ali Suleiman. Assistiert wird er mal von einer mal von zwei Zeilzeithilfen. (...)
    Keiner übertreibt und fälscht so wirkungsvoll wie Osama Ali Suleiman. Vor allem vor großen internationalen Konferenzen zur Syrien. Selbst exilsyrische Menschenrechtgsorganisationen , die wie er gegen das Assad-Regime oponieren, haben sich öffentlich vor dieser Beobachtungsstelle distanziert. Sie sagen, Osama Ali Suleiman verbreite erfundee Zahlen und unwahre Geschichten. Doch seine Kritiker haben keinen Erfolg. Osama  ist und bleibt der Star der Desiniformation." (217)
  • Wir besuchen das Oberhaupt der melkritischen-katholischen Kirche, Gregorios III. Als Patriarch ist er zuständig für Antiochien und den ganzen Orient, für Alexandrien und für Jerusalem. Er spricht perfekt deutsch.
    Er sei weder für noch gegen Assad, sagte er. Aber Syrien sei unter Baschar Al-Assad zum tolerantesten und insoweit auch demokratischten Land des mittleren Ostens geworden. Wer Baschar mit seinem Vater Hafiz verwechsle, zeige nur, dass er nichts von Syrien wisse. Er habe bei seiner Europareise vor einigen Monaten festgestellt, dass fast alle hochrangigen Gesprächspartner den gleichen Unsinn über Syrien erzählten. (264)
  • Der leise argumentierende Kirchenführer mit der langen schwarzen Robe (...) versteht sich als Anwalt religiöser Toleranz. Das Miteinander von Christen, Sunniten, Schiiten, Alawiten, Drusen, Ismailiten und der einigen hundert Juden sein ein hoher Wert.  Auch im demokratischen Sinn. Es sei erstaunlich, dass der Westen das nicht erkenne. Durch die vom Ausland unterstützte Revolution sei dieses Miteinander in seinen Grundlagen erschüttert.  (...)
    Auf welcher moralischen Grundlage zerstört der Westen dieses Land? , fragte er zum Abschluss verzweifelt. Können Sie mir das sagen? (265)
  • Wie kommt es, dass Muslime, Christen und Juden vergessen haben, dass sie ein und denselben Gott anbeten? Manchmal mit denselben Worten. (273)
  • Die UNO komtm in ihrem Untersuchungsbericht zu einem anderen Ergebnis als ich. Ihr Bericht ist allerdings in vielen Punkten nicht überzeugend. Das sich die Gutachter angeblich nicht selbst nach Hula begeben konnten, interviewten sie sechs Bewohner Hulas telefonisch. Über Skype. Zur Organisation dieser Skype-Interviews bedienten sie sich der Rebellen von Hula. Konnte man da erwarten, dass die ausgewählten Zeugen die Rebellen als Mörder enttarnten? Und dadurch ihr Leben riskierten? Kein rechtsstaatliches Gericht der Welt würde eine solchen Zeugenvernehmung auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenken. (283)
  • Eine Stunde später ist Omran da. Er ist ein würdiger, hochgewachsener älterer Herr, ausgezeichnet mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Er spricht ein derart erlesenes Deutsch, dass ich froh bin, dass das Interview auf Englisch stattgefunden  hatte. Wir hätten durch seine gewählte Sprache viel Zeit verloren. Er ist Alawit, verheiratet mit einer Sunnitin. Der Hausarzt seines Sohnes ist Jude. Den sektiererischen Bürgerkrieg findet er absurd. (292)
  • Auf der zweiten Ebene setzen die USA und Russland auf dem Rücken der Syrer den Ost-West-Konflikt fort. Die USA wollen Russland, das im syrischen Tartus seinen einzigen Marinestützpunkt im Mittelmeer hat, aus dem Mittleren Osten verdrängen. Die russische Regierung will eine weitere Verringerung ihres einst globalen Einflusses nicht hinnehmen. (303)
  • In der Phase zwei vom Mai bis August 2011 traten immer mehr bewaffnete Kämpfer auf. Manche von ihnen waren Scharfschützen, die merkwürdigerweise auf beide Seiten schossen. Auf Demonstranten und Sicherheitskräfte. Sie heizten die Lage dramatisch auf. Dass es diese perversen, schießenden Provokateure in Syrien gab und gibt, ist unter Experten unstrittig. (305)
  • Die USA sind über ihre saudisch-katarischen Verbündeten inzwischen de facto zu Al-Quaida-Unterstützern geworden. (307)
  • Die heutigen Rebellen haben mit den legitimen demokratischen Demonstranten der ersten Stunden nichts mehr gemein. (308)
  • Die Weltöffentlichkeit wird im Syrienkonflikt vor allem durch folgende Unwahrheiten des Westens manipuliert:
    > Durch die Behauptung, in Syrien kämpfe wie in Tunesien, Ägypten und Libiyen ein ganzes Volk gegen seinen Diktator. (...)
    > Durch die Behauptung, Rebellen kämpften für Demokratie. (...)
    > Durch die Behauptung, die geschätzten 100 000 Toten des Krieges seine Opfer der staatlichen Sicherheitskräfte. (310)
  • Peter Bergen, Amerikas Al-Quaida-Experte Nummer ein, nennt Al-Nusra die effektivste und disziplinierteste Kampftruppe gegen Assad. Fähig, eines Tages auch den Westen anzugreifen. (316)

Israel/Palästina

  • Die Behandlung der Menschen im Gaza ist für viele Araber der tägliche Beweis, dass die Grundwerte des Westens - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für sie nicht gelten. Gaza ist eine tiefe Wunde im Selbstbewusstsein der arabischen Welt.

Iran

  • Iran ist in der westlichen Wahrnehmung das finstere unter allen Reichen der Finsternis. (325)
  • Wenige Wochen vor der UN-Vollversammlung im September 2011 wandte sich meine Gesprächspartner aus Teheran noch einmal telefonisch an mich. Ahmadindedschad werde sich mehrere Tage in New York aufhalten. Er sei bereit, mit Vertretern der amerikanischen Regierung zu sprechen. Notfalls vertraulich. Wieder informierte ich die Bundesregierung. Diese unterrichtete Washington. Doch auch dieses Mal gab es keine einziges Gespräch. Was für ein kindische, verantwortungsloses Spiel.! (337)
  • April 2012. Bei meinen Internetrecherchen zu Iran war ich mehrfach auf den iranischen Juden Ciamak Moresadegh gestoßen. Er war Parlamentsabgeordneter, Arzt und Direktor des berühmten jüdischen Sapir-Hopitals in Teheran. Sein Satz Antisemitismus ist kein islamisches, sondern ein europäisches Problem hatte sich bei mir tief eingeprägt. (339)
  • Mit Ciamak Moresadegh beginnt 2012 eine zauberhafte Reise durch den Iran. Moresadegh ist auf vieles stolz. Darauf, dass 80 Prozent seiner Patienten Muslime sind. Dass sie für ihre Behandlung nur wenig,  oft gar nichts bezahlen müssen. Und dass er Iraner ist, jüdischer Iraner. Wie etwa 25 000 Juden, deren Familien teilweise schon seit 2500 Jahren hier leben. Seite der persische König Kyros der Große sie um 530 vor Christi Geburt aus der Babylonischen Gefangenschaft befreit hatte.
    Moresadegh würde mit westlichen Besuchern gerne über die vier jüdischen Schulen in Teheran sprechen, über die jüdischen Kindergärten, die koscheren Restaurants und Metzgereien. Darüber, dass der iranische Staat auf Anweisung Ahmadinedschads sein jüdisches Krankenhaus jährlich mit einer Million Dollar unterstützt. Und dass in Iran nicht alles, aber vieles anders ist, als es im Westen geschildert wird. Von Politikern, die noch nie hier waren. (340)
  • Ihn faszinierten die bezaubernden, fröhlichen Mädchen und Frauen, die ihn mit unbeschreibbaren Charme anflirteten. Junge Frauen in engen Jeans und taillierten Kurzmänteln. Ihre Kopftücher waren nur angedeutet und ganz weit hinten am Dutt befestigt. Kopftuchzwang hatte sich Frédéric ganz anders vorgestellt. Junge Pärchen liefen Hand in Hand durch den Basar inmitten würdiger Damen im traditionellen Tschador.
    Wo war nur die Sittenpolizei, von der man bei uns so oft las? Vieles hatte sich in Iran in dieser Beziehung in den letzten sieben bis acht Jahren geändert. (...)
    Frédéric rieb sich die Augen. Das war der größte Terrorstaat der Welt, der sein eigenes Volk tyrannisiert und es auf der Straße totschießt? Das Bild des Westens von Iran war Lichtjahre von der Realität erntfernt. Der einzige Extremismus, dem wir auf den Straßen begegneten, war die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Iraner. (342)
  • In Ghom, dem geistigen Zentrum des Schiitentums, trafen wir diesmal Ayatollah Abbas Ka'bi Nasab. Er ist Mitglied des Wächterrats und des Expertenrats, das den Supreme Leader, den Religionsführer des Landes, wählt und überwacht. (...)
    Nuklearwaffen dürfe Iran selbst dann nicht besitzen, wenn seine Politiker dies wollten. Diese Frage sei durch die Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten Chameneis, theologisch abschließend entschieden. Atomwaffen seien Waffen des Völkermords, da sie unterschiedslos Menschen und Natür zerstörten. Der Koran verbiete das.  (...)
    Iran habe seit 150 Jahren kein einziges Land angegriffen, während die USA allein seit dem Zweiten Weltkrieg über 20 Länder bombardiert hätten. (344-345)
  • Seit zwei Jahrzehnten wird die iranische Atombombe alles paar Monate für  morgen angekündigt. Ab der wievielten falschen Ankündigung erkennt ein normal begabter Durchschnittbürger, dass er systematisch belogen wird? (350)
  • Noch heute gibt es im Iran unzählige Opfer der chemischen Waffen Saddam Husseins. Auch Deutschland hatte ihm Bestandteile dieser Waffen geliefert. Die Menschen im Iran wissen, was Krieg bedeutet. Andres als mancher westliche Politiker. Niemand will hier Krieg. (352)
  • Es gibt auch fröhliche Stunden in der iranischen Hauptstadt. Die Menschen hier lassen sich ihrer Lebensfreude von niemanden nehmen. Weder von ihrer sittenstrengen Regierung noch vom Westen. Freunde laden uns zu einer Hochzeit ein. Sie findet spätabends in einer kleinen Tiefgarage im Zentrum Teherans statt. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Iranerinnen haben ihre Kopftücher abgenommen. Alle Gäste tanzen zu orientalischer Popmusik. Kleinkinder, Großeltern, junge Frauen, junge Männer. (362)

 

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