John Bowlby: Frühe kindliche Bindung und Entwicklung

Veröffentlicht von

Ernst Reinhardt Verlag, München 2016

Diese komplexe, reich und lohnende Beziehung zur Mutter während der ersten Lebensjahre ist es, die dann auf zahllose Weisen durch Beziehungen zum Vater und zu Geschwistern bereichert wird und von der die Kinderspychiater und viele andere heute glauben, dass sie die Grundlage für die seelische Gesundheit und die Charakterentwicklung bildet. (11)

Die Schäden der Deprivation variieren mit ihrem Ausmaß nach ihrer Intensität. Die Folgen partieller Deprivation sind Angst, exzessive Liebesansprüche, kraftvolle Hassgefühle, und als Folge der letzteren Schuld und Depression. (...)
Natürlich gibt es neben der Deprivation, die durch Trennung oder eindeutige Ablehnung entsteht, viele andere krankmachende Mutter-Kind-Beziehungen. Am häufigsten sind:
a) eine liebevolle Einstellung, unter der sich eine unbewusst ablehnende verbirgt,
b) ein exzessives Verlangen nach Liebe und Geborgenheit bei der Mutter und
c) die Befriedigung, die eine Mutter durch das Verhalten des Kindes unbewusst erzielen kann, während sie meint, es zu tadeln. (12)

Vom Standpunkt des kleinen Kindes betrachtet, spielt der Vater nur die zweite Geige, uns seine Bedeutung vergrößert sich nur in dem Maße, als es lernt, selbständig zu werden. (13)

Die einem Kind normalerweise entgegengebrachte Liebe und Freude der Mutter sind Nahrung für seine Seele. (...)
Erstens müssen wir anerkennen, das es immer eine ernste Angelegenheit ist, ein Kind unter drei Jahren von seiner Mutter zu trennen; (...) Auf keinen Fall darf das Kind zu Menschen gebracht werden, die ihm unbekannt sind. (15)

Die beider Großmutter verbrachten Ferien, auf die viele Eltern so großen Wert legen, sollten nicht länger als ein bis zwei Wochen dauern.
Wenn das Kind dann älter als drei Jahre ist, können gefahrlos längere Trennungen überstanden werden, vorausgesetzte, dass es von jemand versorgt wird, den es gern hat und dem es vertraut, und dass die unvermeidlich mit der Trennung verbundenen Ängste erkannt und respektiert werden. (16)

Kinder dieser Altersgruppe [zwischen eineinhalb und zweieinhalb Jahren] können plötzliche Veränderungen und Trennungen für die Dauer eines Tages ohne jede sichtbare Wirkung ertragen. Aber wenn es länger dauert, neigen sie dazu, ihre gefühlsmäßigen Bindungen zu verlieren, in frühere Triebphasen zurückzufallen und in ihrem Verhalten zu regredieren. (24)

In welchem Alter, so möchte man fragen, hört die Neigung des Kindes auf, infolge Mangels an mütterlicher Fürsorge Schaden zu leiden? Alle auf diesem Gebiet Erfahrenen sind der Ansicht, dass die Gefahr zwischen drei bis fünf Jahren noch besteht, jedoch weniger stark als früher. (27)

Während der späten dreißiger Jahre waren mindestens sechs verschiedene Forscher von der Häufigkeit beeindruckt, mit der bei Kindern, die zu kriminellen Handlungen neigten und den Eindruck machten, niemanden zu lieben und schwer lenkbar zu sein, festgestellt werden konnte, dass ihre Beziehung zur Mutter in der frühen Kindheit hochgradig gestört gewesen war. (29)

Diese Mädchen hatten offensichtlich keinerlei Möglichkeit gehabt, in ihrer frühen Kindheit eine liebevolle Beziehung zu erleben, uns sind deshalb nur wenig oder gar nicht fähig, mit anderen Menschen in gefühlsmäßigen Kontakt zu gelangen. (31)

Viele liebesunfähige Charaktere sind gierig nach Liebe, aber dennoch fast völlig unfähig, sie zu geben oder zu empfangen. (36)

Die Ergebnisse zeigen, dass drei verschiedene Erfahrungen unabhängig voneinander den gefühlsarmen und kriminellen Charakter einiger Kinder hervorbringen können:
a) der völlige Mangel an Gelegenheit zur Bildung irgendeiner  Mutterbeziehung in den ersten drei Lebensjahren.
b) eine begrenzte Zeit der Mutterentbehrung - wenigstens drei Monate und wahrscheinlich mehr als sechs - in den ersten drei Lebensjahren.
c) häufiger Wechsel von einer Mutterfigur zur anderen in diesem Zeitraum. (44)

Der relative Erfolg bei vielen Säuglingen, die zwischen sechs und neun Monaten adoptiert wurden, nachdem sie das erste Halbjahr einer Deprivation ausgesetzt waren, lässt es theoretisch als gesichert erscheinen, dass zumindest bei vielen Säuglingen, wenn sie rechtzeitig gute mütterliche  Fürsorge erleben, die früh erlittenen Schädigungen weitgehend rückgängig gemacht werden können. (45)

Eine andere Reaktionsweise äußerst sich durch übermäßige Ansprüche an einen Menschen, der dazu ausersehen ist, die Deprivation früher Kindheit zu kompensieren. Das Problem ist immer das Gleiche - extrem hohe Ansprüche bezüglich Essen, Geld, Vergünstigungen. (46)

Erwachsenen fällt es oft schwer, sich vorzustellen, dass der Zeitbegriff eines kleinen Kindes noch recht vage ist. Ein dreijähriges Kind kann sich an Ereignisse erinnern, die einige Tage zurückliegen, uns sich solche vorstellen, die morgen oder übermorgen stattfinden werden. Begriffe wie letzte Woche oder letzten Monat oder nächste Woche oder nächsten Monat sind unvorstellbar. Selbst für ein fünf- bis sechsjähriges Kind sind Wochen unendlich lang und Monate fast eine Ewigkeit. Dies sehr begrenzte Zeitgefühl muss man kennen, wenn man die Verzweiflung eines kleinen Kindes verstehen will, das an einem fremden Ort allein gelassen wird. (...)
Fast alle Psychotherapeuten sind schon Kinder begegnet, die fest glaubten, dass man sie zur Strafe für Ungezogenheit weggeschickt habe, ein Missverständnis, das oft dadurch noch erschreckender und niederdrückender wird, das es unausgeprochen wird. (55)

2. Teil: Maßnahmen, um der Mutterentbehrung vorzubeugen

Ein Kind braucht die Gewissheit, für seine Mutter ein Gegenstand der Freude und des Stolzes zu sein; eine Mutter braucht das Erlebnis einer Erweiterung ihrer eigenen Persönlichkeit zum Kind hin: beide haben das Bedürfnis, sich intensiv mit dem Anderen zu identifizieren. (...)
Für eine richtige Ernährung brauchen wir nicht nur Kalorien und Vitamine: nur wir wenn unsere Nahrung auch genießen, bekommt sie uns gut. Ähnlich kann die mütterliche Fürsorge nicht nur nach der Zahl der Stunden beurteilt werden, die dem Kind pro Tag gewidmet werden, sondern allein an dem Grad der Freude und Befriedigung, die beide im Zusammensein erleben. (...)
Eine solche ständige Bereitschaft, Tag und Nacht, sieben Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr, ist einer Frau nur dann möglich, wenn sie dadurch eine tiefe Befriedigung gewinnt, dass sie erlebt, wie ihr Kind sich entwickelt, vom Säugling durch alle Phasen der Kindheit, um dann ein unabhängiger Erwachsener zu werden. (65)

Ein Kind kann in schlechten Wohnverhältnissen leben, es kann schlecht ernährt sein, es kann ungepflegt und krank sein, es kann schlecht behandelt werden; trotzdem - es sei denn, dass sein Eltern es vollkommen ablehnen - fühlt es sich in dem Bewusstsein geborgen, dass es jemand gibt, dem es etwas bedeutet und der sich Mühe gibt, für es zu sorgen, wenn dies auch nur unzulänglich geschieht - bis es alt genug ist, für sich selbst aufzukommen. (66)

(...) dass es etwas Schlimmeres gibt als eine schlechte Familie zu haben, nämlich keine Familie zu haben. (...) eine der Hauptaufgaben der Familie die Erhaltung der Fähigkeit zur Elternschaft. (67)

Wahrscheinlich gibt es nur dann, wenn die Großfamilie aufgehört hat zu bestehen, in größerem Umfang das Problem der vernachlässigten Kinder. (...)

Als Folge dieses Ortswechsels haben viele Familien nur so lockere Beziehungen zu ihrer näheren Umgebung, dass es für weite Kreise nicht mehr zur Tradition gehört, einem Nachbarn in Not zu helfen. Als Ergebnis dieses sozialen Umbruchs lastet auf Vater und Mutter eine viel schwerer Verantwortung in der Kindererziehung , als es bei den eng verbundenen traditionsbewussten Gruppen der Fall ist. (...) eine Familie, die eine so viel schwere Last zu tragen hat, kann sich leichter auflösen, als es unter früheren Bedingungen der Fall war. (72)

Tatsächlich ist nichts charakteristischer für die Einstellung öffentlicher oder privater Stellen gegenüber diesem Problem als die Bereitschaft, große Summen für die Unterbringung von Kindern in Institutionen aufzubringen, und in direktem Gegensatz dazu der feilschende Geiz, wenn der Familie selbst wirklich geholfen werden soll. (84)

(...) Meinung unklug, dass Brusternährung und spätere Adoption für das Wohlergehen des Kindes besser ist als frühe Adoption und liebevolle Flaschenernährung. (105)

In der Kinderfürsorge ist wohl keine Vorgehen verbreiteter und schädlicher als das von Institutionen, die Kinder aus "schlechten" Elternhäusern zu entfernen, um sie ohne festen Plan für die Zukunft vorübergehen unterzubringen. (115)

Wie gesunde Kinder müssen auch die unangepassten in ständigen Kontakt mit ihren Eltern bleiben, indem sie von ihnen besucht werden und die Ferien in ihren Familien verbringen. Darüber hinaus müssen auch die Eltern in die Therapie einbezogen werden (...), und es bedarf einer langfristigen gründlich durchdachten Zukunftsplanung, an der das Kind uns seine Eltern mitwirken sollten. (141)

Nachwort

(...) er [Bowlby] sich nicht nur dafür ausgesprochen, dass eine Haupt-Mutterfigur wünschenswert sei (die nicht unbedingt die leibliche Mutter sein muss), sondern auch dafür, das ihre Betreuung durch die anderen Personen, einschließlich des Vaters, ergänzt werden sollte. (174)

Die psychoanalytische Theorie besagt, das frühe traumatische Erfahrungen bestimmte dynamische Prozesse auslösen, die sich festsetzen und einwurzeln und daher weiterlaufen, auch wenn die Situation sich später geändert hat. So kann man annehmen, dass eine frühe Deprivation Abwehrprozesse hervorruft, mit denen das Kind sich vor der quälenden Frustration schützt, die entstehen würde, wenn es versuchte, mit einer Umwelt, die weder Anregung noch Entgegenkommen bietet, Kontakt aufzunehmen. Diese Abwehrprozesse bleiben, wenn sie sich einmal festgesetzt haben, meist bestehen und machen das Kind kontaktunfähig, selbst wen sich die neue Umgebung als fördernd, entgegenkommend und hilfreich erweisen würde und das Kind dafür empfänglich wäre. Nach dieser Theorie hängt die Heilung davon ab, ob es gelingt, die Abwehrprozese abzubauen. (186)

Vernachlässigte Kinder, ob sie innerhalb oder außerhalb ihrer eigenen Familien leben, stellen eine Infektionsquelle für die Gesellschaft dar, die genau so real und ernst zu nehmen sind wie die Träger von Diphterie- und Typhusbazillen. (199)