Die Geschichte einer Großmacht
Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 2016
Die Türken züchteten hauptsächlich Reitpferde, keine Zugpferde. Sie reisten mit Vorliebe im Sattel, bis in ein hohes Alter. (...) Die Zuchtpferde aus Anatolien waren grazil, sie bewegten sich leicht und außerordentlich schnell. (21)
Denn, was die - schon vom Islam vorgeschriebene - Sauberkeit des Körpers anbelangt, waren die Türken den Westeuropäern weit überlegen. Dies dürfte u.a. dazu beigetragen haben (...), dass ihre Krieger von Seuchen eher verschont blieben las ihre mitteleuropäischen Gegner: Ein Bonus, welcher das Kriegsgeschehen direkt beeinflusste, wie übrigens auch der Verzicht der Türken auf Alkoholgenuß! (34)
Arabern, Nomaden, auch schiitischen Moslems und allen anderen gegenüber galt jedoch dieselbe Maxime wie auf dem Balkan, nämlich daß man diese Menschen nach ihren alten Gewohnheiten leben ließ, wenn das die Oberherrschaft nicht gefährdete. Die Osmanen waren eben keine Missionare des sunnitischen Islam. (48)
Es lag den Sultanen fern, die besetzten Gebiete allesamt türkisieren zu wollen. Verschiebungen anderer Art gab es allerdings: Ein Teil der Albaner und der Südslawen nahm den moslemischen Glauben an. (...) Seitdem ist etwa die Hälfte der Albaner moslemisch, die Bosnier von heute sind zum Islam übergetretene Serben und Kroaten. (51)
Die heutige südslawische und die ungarische Küche sind weitgehend von der türkischen geprägt. Ihren Paprika verdanken die Ungarn ihren Besatzern. (52)
[Die Juden] Bei den Osmanen durften sie allen Berufen nachgehen; wenn sie zum Islam übertraten, konnten sie alle anderen, auch Spitzenbeamte werden. (53)
Obwohl die osmanisch-französische Freundschaft zu einer Konstante der Weltpolitik werden sollte, vereinbarten Franz I, und Suleiman keine formelles Bündnis im militärischen Sinn, kein Beistandspakt wurde unterzeichnet. (57)
Mittel- und langfristig war Österreich der Hauptgegner, eine Macht, die es zu bezwingen galt, wann man nach Mitteleuropa vorzudringen beabsichtigte, (...). (60)
Es gibt Mediävisten udn Philologen, welche die Ungarn einfach als Turkvolk mit finno-ungrischer Sprache bezeichnen. (63)
Während im dreitgeteilten Ungarn der östliche Teil, Siebenbürgen, sein eigenes Leben lebte, während der westliche Teil, auf den schmalen Gebietsstreifen unter des Habsburgerkönigs effektiver Kontrolle reduziert worden ist, wurde der größte, der mittlere Teil, zum türkischen Okkupationsgebiet. (65)
ZWEITER TEIL: DIE GESCHICHTE DES OSMANISCHEN REICHES
Die Osmanen erhielten ihren Namen nach Osman (1258-1326), dem ersten Herrscher ihres Stammes, dessen Leben und Wirken historisch belegt ist und der die Grundlage des späteren Großreiches gelegt hat.
Mit dem semitischen Volk der Araber sind die Turkvölker ebensowenig verwandt wie mit dem indogermanischen Volk der Iraner. Allerdings nehmen die Turkvölker im 10/11. Jahrhundert allmählich den sunnitischen Islam an, den die arabischen Glaubenskrieger in allen Himmelsrichtungen zu verbreiten bemüht gewesen waren. (92)
Osman war also nicht daran interessiert, bereits eroberte Siedlungen dem Erdboden gleichzumachen. Er nutzte sie vielmehr, ums seine Leute dort anzusiedeln und unterstützte deren Bemühen um den Bau von Dörfern, Städten und Moscheen, um die Schaffung einer Justiz. (97)
Manchmal wird der Beginn der Neuzeit nicht ab Kolumbus' Entdeckung von Amerika gerechnet, sondern bereits ab Mehmeds Eroberung Konstantinopels. (...)
Und das die Weltgeschichte mit keiner ihrer einzelnen Katastrophen endet, (...), war die Eroberung Konstantinopels schließlich der Ausgangspunkt für die Schaffung von Istanbul (aus griechisch is ten polin = in die Stadt), d.h. für die Kapitale des an macht und Vitalität zunehmenden Osmanischen Reiches. Der Sultan zollte dem griechischen Element, das er nun fast vollständig beherrschte, auch nach dem Falls von dessen staatlicher Form durchaus Anerkennung. Er setzte den Patriarchen Konstantinopel ein (...), der in seinem Zuständigkeitsbereich volle Autonomie behielt. (...) Auf diese Weise überlebte das Griechentum kulturell (...).
Überden beständigen griechisch-türkischen Gegensatz, der seit Griechenlands erneuter Unabhängigkeit im 19. jahrhundert eine Konstante levantinischer Politik darstellt, darf man also nicht vergessen, dass die osmanischen Sieger die Voraussetzung dafür, dass er einst wieder aufbrechen würde, durch ihre tolerante Politik überhaupt erst geschaffen haben - natürlich unabsichtlich. (164-165)
Als Mehmed 1481 verschied, gehörte die ganze Balkanhalbinsel bis auf wenige venezianische Enklaven (...) dem Osmanischen Reich an. (170)
Der Großherr schuf seine Hauptstadt Istanbul neu, mit einer neuen Gesellschaft und islamischer Architektur. Den Griechen, die überlebt hatten und aus der Stadt nicht in die Sklaverei verschleppt worden waren, wurde die Pax Osmanica zuteil, das heißt die Zusicherung von gesetzlichem Schutz, von Glaubensfreiheit und von günstigen Bedingungen für die Ausübung ihres Gewerbes. (...) Zahlreiche Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt, so auch die Hagia Sophia. (...)
In Istanbul wurden 9000 von Türken, 3000 von Griechen, 1500 von Juden - dies waren nur die größten Gruppen - bewohnte Häuser registriert. Die Einwohnerzahl der Metropole betrug 60.000 - 70.000, eine riesige Zahl für jene Zeit. (178-179)
Die gesamte abendländische Geschichtsschreibung betrachtet Mohács [1526] als eine wichtige Entscheidungsschlacht, und dies zu Recht: Brachte Mohács doch die Zerschlagung des ungarischen Staates, eines der stabilsten Faktoren in Europa über ein halbes Jahrtausend, und die darauffolgende Ausdehnung des osmanischen Machtbereichs bis an die Grenze der habsburgischen Lande und damit bis zur deutschen Mitte des Kontinents. (222)
Der Sultan erreichte schon am 10. September die Hauptstadt: Die Schlüssel von Buda (Ofen) wurden ihm freiwillig übergeben.
Am 17. September trat Sulaiman den Rückzug an. Das Land zu besetzen oder gar zu anektieren, lag nicht in seinem Interesse: Der Okkupation des großen Flächenstaates zogen die Osmanen den ungarischen Verbündeten der Zukunft vor. (227)
Die Österreicher begannen am 4. Mai 1541 mit der Belagerung von Buda. (...) Die österreichischen Belagerer wurden vor Buda von Suleimanns Heer vernichtend geschlagen. (...) Buda wurde von den Osmanen zu ihrem Machtzentrum und Bollwerk ausgebaut. (230)
Der weitaus stärkste Gegner des Osmanischen Reiches im Mittelmeer war Spanien, das etwas gleichzeitig mit diesem zu Weltmacht aufstieg. (235)
Der Kleinkrieg, welcher auch während der Periode relativer Ruhe (1568-1590) längs der türkisch-österreichischen Demarkationslinie in Ungarn nie aufhörte, eskalierte schon Anfang der neunziger Jahre. (256)
Ab 1606 herrschte Frieden zwischen Istanbul und Wien, ein Frieden, der mehrfach verlängert wurde und bis 1652 andauerte. Auf diese Periode entfiel das tödliche Ringen des Habsburgerreiches gegen eine große protestantische Kriegskoalition, der sich später Frankreich anschloss: der Dreißigjährige Krieg (1618-1648). Das Osmanische Reich ließ sich die einmalige Chance entgehen, den habsburgischen Erbfeind zu einem Zweifrontenkrieg zu zwingen, welchem der Kaiser und die mit ihm verbündete katholische Liga in keinem Fall gewachsen gewesen wären. (267)
In der Jahrhundertperspektive der osmanisch-französischen Freundschaft gab es Perioden, die als wärmer, andere, die als kühler bezeichnet werden können. Doch intensiv waren die Kontakte allemal. (273)
[1683] Die Osmanen begegneten vor Wien einer vorzüglich bewaffneten, tapferen, durch den Gedanken an die Befreiung des Abendlandes stark motivierten, zahlenmäßig kaum unterlegenen Streitmacht. (283)
Im Sommer 1686 unternahmen die christlichen Verbündeten eine gewaltige Anstrengung, um der Stadt und Festung Buda Herr zu werden. (285)
1688 fiel Belgrad in die Hände der Christen, Max Emanuel kämpfte wieder in der vordersten Reihe mit. (...) Die Türkenkriege kosteten Bayern 30.000 Menschenleben. (286)
Eine endgültige Wende brachte das Jahr 1697. Das setzte die kaiserliche Heerführung eine Wunderwaffe ein, (...): Der wohl größte Feldherr zwischen Wallenstein und Napoleon, Eugen von Savoyen-Carignan, 1663 in Paris geboren, 1736 in Wien gestorben, schenkte Habsburg sein militärisches Genie.
Der Frieden von Karlowitz 1699
Am 26. Januar 1699 schloß das Imeperium im serbischen Karlowitz Frieden mit seinen Feinden. Es verlor die ungarischen Territorien, (...) an Österreich, Teile Dalmatiens, Stützpunkte in Albanien und auf dem Pelopones an Venedig, die Festung Asow an Rußland. (288)
Endete das 17. Jahrhundert für das Osmanische Reich im Zeichen des Kampfes gegen Prinz Eugen von Savoyen, so ging das nächste Jahrhundert mit einem Krieg gegen Napoleon Bonaparte zu Ende (1799). Dennoch blieb es auf der diplomatischen Ebene eine geachtete, militärisch noch gefürchtete Großmacht. Allerdings: Die Jahrhunderte der territorialen Expansion waren endgültig vorbei, (...)
Neben die traditionelle osmanisch-österreichische Erbfeindschaft trat nunmehr auch das Ringen mit dem erstarkten Zarenreich, ein Konflikt, dessen Schatten die Osmanen bis zum Untergang ihres Reiches im 20. Jahrhundert begleitete. In den letzten beiden Kriegen Österreichs mit den Osmanen handelte daher Wien nicht mehr allein, sonder im Bündnis mit St. Petersburg. (290)
- Abstieg des Reiches (1800 - 1913)
Es steht fest, dass das Reich der inneren Kräfte entbehrte, die es ihm ermöglicht hätten, den Erfordernissen der Epoche der industriellen Revolution gerecht zu werden. Die islamische Theokratie war letztendes unfähig und zu wenig lernwillig, um sich auf moderne Zeiten einzustellen. (...)
Auf der Arabischen Halbinsel wrude das Reich Anfang des Jahrhunderts mit der gefährlichen religiösen Bewegung der Wahabiten konfrontiert. (311)
(...) englische Konsul von Aleppo 1812: Man kann eine Parallele zwischen ihrer Denkart und derjenigen der christlichen Reformation des 15. Jahrhunderts (!) herstellen, welche die Religion zu ihrer ursprünglichen Schlichtheit zurückzuführen gedachte. (...)
Der Abstand in der Denkweise zwischen Türken und Arabern wurde dabei wieder einmal deutlich: hier politische Nüchternheit, dort religiöser Fanatismus auf den Spuren des Propheten, (...).
Die Serben, dieses zahlenmäßig relativ große Volk, das zusammen mit den Walachen und Modlauern von den Osmanen auf dem Balkan nur unter besonderen Schwierigkeiten gebändigt werden konnte, erhob sich 1806 gegen die Pforte. Es begann mit der Forderung nach serbischer Autonomie, die vom Übervater in Sankt Petersburg, dem Zaren, unterstützt wurden. (312)
Beginnend mit der Zeit des hier erwähnten Aufstandes von Kara Djordje gegen die Osmanen Anfang des 19. Jahrhunderts wurde um Serbien stets im Viereckverhältnis Instanbul-Belgrad-Wien-St. Petersburg gerungen. (313)
Allerdings haben die modernen Griechen weder ethnisch noch kulturell viel Gemeinsam mit den Hellenen der Antike. Ethnische Spuren der alten Griechen sind höchstens noch auf den Inseln vorzufinden. Die heutigen Griechen sind ein weitgehend slawisiertes, auch mit Albanern und Walchen vermischtes Volk. Da kann keine Parallele zu den Italienern gezogen werden, die sich höchstens im Frühen Mittelalter mit Germanen mischten und ansonsten ihre Eigenschaften als Nachfahren der antiken Römer bewahrt haben. (320)
Mittlerweile spielten England und Frankreich ihre Rolle als Griechenbeschützer weiter. Eine Londoner Konferenz tagte 1829-1830 mit dem Ziel, den Osmanen die Anerkennung eines griechischen Staates abzutrotzen und dessen Grenzen festzulegen. (323)
[Dardanellenkonvention] Der Vertrag wurde durch die fünf Großmächte am 13. Juli 1841 verabschiedet und sah vor, daß - außer dem Fall, dass sich das Osmanenreich im Kriegszustand befand - keine Kriegsschiffe die Meerenge passieren durften. Der Status des Bosporus und der Dardanellen wurde dann 1856 (nach dem Krimkrieg) und 1871 bekräftigt. (327)
Im Gleichberechtigungsprozess der vierziger und fünfziger Jahre sollten jetzt die Privilegien für Moslems aufgehoben, alle Ämter auch Andersgläubigen zugänglich gemacht werden. Das galt auch für die militärische Laufbahn. (330)
1867 konnte Serbien erreichen, dass die Osmanen das Land militärisch räumten - ohne die Serben aus ihrem Staatsverband zu entlassen. Die in früheren Jahrhunderten zum Islam übergetretenen Serben verließen massenhaft serbisches Gebiet, um sich in Bosnien niederzulassen, wo sie zu ihren ethnischen Brüdern stießen, die zusammen mit den islamischen Kroaten als Bosniaken bezeichnet wurden. (338)
- Der Berliner Kongress (1878)
Serbien, Montenegro und der aus der Walachei und der Moldau entstandene neue Staat Rumänien hörten auf, dem osmanischen Staatsverband anzugehören. (...)
Nominell verblieb Bosnien und Herzegowina im Osmanischen Staatsverband, jedoch erteilte der Kongreß der Habsburgermonarchie ein Mandat über diese Gebiete (...). (345)
Die radikale oppositionelle Bewegung, welche ihren Name von einer in Paris erscheinenden Emigrantenzeitung, La Jeune Turquie, die junge Türkei, erhielt, entwickelte eine, dem Osmanischen diametral entgegengesetzte Ideologie -, sie basierte auf türkischem Nationalismus und trieb diesen auf die Spitze.
Die Bewegung formierte sich Anfang der neunziger Jahre im Untergrund: Studenten, junge Offifziere, verschiedene andere Intellektuelle und Staatsbedienstete schlossen sich zusammen. (352)
- Balkan-Kriege 1911-1913
1911 war der afrikanische Kuchen unter den Kolonialmächten praktisch verteilt. Die traditionellen Kolonialmächte Spanien und Portugal behielten ihren Altenteil, England und Frankreich herrschten im größten Teil des Kontinents, Deutschland hatte seine Kolonien - nur die Mittelmeermacht Italien ging leer aus. (...)
So entschied sich die italienische Regierung, den letzten osmanischen Besitz in Nordafrika zu erobern und erklärte der Pforte am 29. September 1911 kurzerhand den Krieg.
(353)
- Die Osmanen im Ersten Weltkrieg
Das längst unter britischer Herrschaft stehende Ägypten löste sich jetzt offiziell aus dem Osmanischen Staatenverbund heraus, dem es nominell noch angehört hatte.
Militärisch stand das von Feinden eingekreiste Reich auf verlorenem Posten; es war gezwungen, an den folgenden Fronten zu kämpfen: 1. Im Kaukasus griffen die Russen an. 2. Die Dardanellen waren dem Angriff der überlegenen anglo-französischen Seemacht ausgesetzt. 3. Der arabische Raum war durch englische Landstreitkräfte und arabische Aufständische gefährdet. 4. Auf dem Balkan (...) schlugen sich osmanische Truppen - Schulter an Schulter mit den Deutschen - außerhalb der Grenzen ihres geschrumpften Reiches, in Mazedonien und an der rumänischen Front. (359)
In Verbindung mit den militärischen Ereignissen an der Ostfront war es die Regierung der Jungtürken, welch die makabre Serie der drei großen Völkermorde des 20. Jahrhunderts im europäischen Raum eröffnete. (...) Völkermord an wahrscheinlich einer Million Armeniern (...) Die Armenier wruden im Jahre 1915 in ihren Städten und Dörfern grausam massakriert. (...) Der dritte große Völkermord schließlich, der der kroatischen Ustascha-Leute an den Serben während des 2. Welkkrieges, (...). (360)
Militärisch zurückgedrängt und mehrfach besiegt, aber nirgends vernichtend geschlagen, schloß as Osmanische Reich am 30. Oktober 1918 mit den Ententemächten einen Waffenstillstand in Mudros in der Ägais. (362)
In Ostanatolien entstanden noch ein armenischer Staat, der von den Überlebenden des Genozids von 1915-1916 getragen wurde, sowie eine autonome kurdische Region um Diyarbekir.
Doch war die Zerstückelung Anatolien nicht von Dauer. Aus der Niederlage heraus hat die national-revolutionäre Bewegung des Mustafa Kemal, (...) die neue Türkische Republik geschaffen, die bis heute Bestand hat. Gleichzeitig wurde das Osmanische Reich zu Grabe getragen. (363)
Mustafa Kemal (1881-1938) ist ohne Zweifel einer der größten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, der Retter der Türkei vor der Zerstückelung, Urheber eines allumfassenden, radikalen und zugleich ausgewogenen Reformwerks. Atatürk, Vater der Türken, nennt man diesen Mann (...). (367)
So war Kemals Befreiungskampf 1919-1922 (...) in erster Linie ein türkisch-griechischer Krieg. Viel Blut floß. (...) Im Spätsommer 1922 gelange es der türkischen Armee, die letzten griechischen Truppen aus Anatolien zu vertreiben und in das Ägaische Meer zu werfen. Der griechische Traum der "megali idea" (=große Idee, d.h. der Rückgewinnung Konstantinopels) war ausgeträumt. (366)
Kemals Armee hielt ihren feierlichen Einzug in Istanbul am 19. Oktober 1922. In Lausanne, am Genfer See, unterzeichneten die Ententemächte am 24. Juli 1923 einen Friedensvertrag mit dem neuen, starken türkischen Staat und anerkannten dessen Souveränität über das Gebiet, welches ihm auch heute angehört. (...)
Mit der Ausrufung der Republik am 29. Oktober 1923 endete die Geschichte des Osmanischen Reiches. (368)
Die türkische Armee hat nach Atatürks Tod dreimal die Macht übernommen (1960, 1971 und 1980), und sie hat sie dreimal ohne Kampf wieder aufgegeben. (371)
Die schon seit Jahrzehnten zu beobachtende Re-Islamisierung der Türkei, der im Staatsapparat und auch in der Armee deutliche Sympathien zugute kommen, wirft schließlich die Frage auf, ob hier nicht an die islamische Theokratie angeknüpft werden soll, als deren Haupt sich eins die osmanischen Sultane und Kalifen betrachtet haben. (372)
Der NATO-Beitritt der Türkei war die Konsequenz von Atatürks Außenpolitik, aber gerade in dieser Hinsicht eine Bestätigung des des gründlichen Bruchs mit der Außenpolitik osmanischer Zeiten. (373)
Wie überhaupt das nationalstaatliche Denken, von Atatürk als Abschied vom Imperium endgültig verbindlich gemacht, den deutlichsten Bruch zwischen osmanischen Zeiten und heutiger Türkei bezeichnet. (...)
Falls die von Atatürk mit säkularem Geist imprägnierte staatliche Elite der Türkei sich als genügend resistent erweist, dann werden wir in dieser Hinsicht osmanische Strukturen neu erleben: hier Ankara, dort die tanzenden Derwische, und beide Welten respektieren sich gegenseitig. (374)