Harald Haarmann: Mythos Demokratie

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Frankfurt am Main 2013  (Peter Lang GmbH - Internationaler Verlag der Wissenschaften)

Die Athener Demokratie war eine direkte Demokratie. Alle wichtigen Entscheidungen wurden in der Volksversammlung und im Staatsrat getroffen. Zugang zur Volksversammlung hatten alle mündigen (männlichen) Bürger des Athener Staats (die Thetes allerdings erst im Verlauf des 4. J ahrhunderts v. Chr.).
Die Mitglieder des Rats wurden unabhängig von der Versammlung in direkter Wahl aus dem Kreis der Demen-Vertreter rekrutiert. Obwohl beide Organe aufs Engste interagierten, war die Konstellation der Volksvertreter in der einen Institution nicht aufgrund sekundärer Zuweisung von Befugnissen abhängig von der anderen. Das Athener Modell von direkter Demokratie ist in dieser Hinsicht wesentlich „demokratischer“ als etwa in modernen Demokratien, wo zwar die Vertreter des Parlaments über eine Direktwahl ihr Mandat erhalten, wo aber die Bildung einer Regierung nicht mehr direkt, sondern „sekundär“ in Verhandlungen der parteilich organisierten Gruppen der Abgeordneten erfolgt. An diesem Prozess haben die Wähler keinen Anteil mehr. (201)

Während bei Solon der Areopag die Instanz mit der höchsten Autorität im Staat war (Mitglieder des Areopag als Wächter der Gesetze), kommt diese Rolle dem Rat der 500 im Verfassungsmodell des Kleisthenes zu. Der Vorsitzende (epistates) der geschäftsführenden Prytanie im Rat war gleichzeitig Vorsitzender der Volksversammlung. Beide Organe waren mit eigenen Kompetenzen verantwortlich für die Ausgabe von Gesetzen. Man spricht auch von einer „Personalunion“ beider Institutionen. (202)

Die Pnyx war keine von Menschenhand geschaffene Konstruktion, sondern eine natürliche Landschaftsformation, rund 500 m in westlicher Richtung von der Akropolis entfernt und etwa 200 m vom Areopag. Die Pnyx ist die mittlere einer Formation von Felskuppen, und sie unterscheidet sich in ihrer geologischen Beschaffenheit von den anderen durch ihr breites Plateau. Von dort aus war die Akropolis gut zu sehen. Deren Silhouette war aber in der Anfangszeit der Verwendung der Pnyx als Versammlungsort noch nicht durch die Bauten geprägt, die erst Jahrzehnte später dort errichtet wurden, wie der monumentale Parthenon Tempel (s.u.). Als Landmarke war die Pnyx, die damals etwas außerhalb des Stadtgebiets lag, beeindruckend, und von dort aus hat man einen weiten Rundblick, ein geeigneter Ort für Demokraten, um den Überblick zu behalten. Von der Pnyx konnte man auf den Areopag blicken, und man sah zumindest einen Teilausschnitt der Agora, des kommerziellen Zentrums der Stadt (Abb. 26).
Die besondere, naturgegebene Formation der Pnyx konnte auch denen nicht verborgen bleiben, die vor den Griechen in der Region gelebt hatten. Der Name Pnyx ist nicht griechisch und er lässt sich auch nicht mit irgendwelchen Wortstämmen in anderen indoeuropäischen Sprachen vergleichen. Dieser Name stammt aus vorgriechischer Zeit, aus der Sprache der Alteuropäer (Chantraine 2009: 888). Mit pnyx/pnux (Gen. puknos) wurde ursprünglich entweder der allgemeine Begriff ‚Felsen‘ oder speziell diese bestimmte Felsformation (‚flache, breite Felskuppe‘) bezeichnet. Diese Namensgebung ähnelt in ihrer Typik dem Namen, den die Polynesier der Osterinsel gegeben haben, Rapa Nui (‚flaches‚ steiniges Hochplateau‘). Wenn die Athener nicht die direkten Nachkommen der alteuropäischen Bevölkerung Attikas gewesen sind, dann müssen die Hellenen von Athen mit der vorgriechischen Bevölkerung interagiert haben. (207)