Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

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Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft

Deutsche Ausgabe: München 1986 (Piper); Deutsche Erstausgabe: Frankurth am Main 1955 (Europäische Verlagsanstalt); Originalausgabe: New York 1951 (Harcourt Brace Jovannovich)

Es liegt auf der Hand, dass ohne diesen Wandel in der Einschätzung der Andersartigkeit des jüdischen Volkes - ein Wandel, der erst viel später, im Zeitalter der Aufklärung, auf Nichtjuden übergriff - der Antisemitismus schlechterdings nicht hätte entstehen können, (...) (20/21)

(...) immer hing ihr nacktes Überleben von dem Schutz durch nichtjüdische Mächte ab, auch wenn den Juden in Frankreich und Deutschland bis weit ins 13. Jahrhundert hinein, gewisse Voraussetzungen eines wirksamen Sebstschutzes, so das Recht, Waffen zu tragen, zuerkannt wurden. (23)

Dieses Buch stellt den Versuch dar, zu verstehen, was auf den ersten und selbst den zweiten Blick nur ungeheuerlich erschien. (...) Begreifen bedeuten, sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit, was immer sie ist oder war, zu stellen und entgegenzustellen. (25)

Die antisemitischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts hatten nur eine direkte, unmittelbare Folgeerscheinung, und das war nicht der Nazismus, sondern im Gegenteil der Zionismus, der zumindest in seiner wesentlichen, ideologischen Gestalt eine Art Gegenideologie war, eine Antwort auf den Antisemitismus. (27)

Die Nazis haben ihre ursprüngliche Verachtung des Nationalismus, ihre Geringschätzung des Nationalstaates, der ihnen eng und provinziell erschien, nimals wiederrufen; dafür sind sie nicht müde geworden, zu betonen, dass ihre B ewegung, gleich der kommunistischen, internationale Ausmaße und Bedeutung habe und als solche wichtiger sei als jeder, auch der eigene, Staat, der seinem Wesen nach an ein bestimmtes begrenztes Territorium gebunden ist. (30)

Reichtum ist wirklich nur eine Angelegenheit von einzelnen, auch wenn eine ganze Klasse reich ist; Macht ist stets gemeinschaftsbildend, auch wenn sie verderblich ist. (31-32)

Mit anderen Worten, was als unerträglich empfunden wird, sind selten Unterdrückung und Ausbeutung als solche; viel aufreizender ist Reichtum ohne jegliche sichtbare Funktion, weil niemand verstehen kann, warum er eigentlich geduldet werden soll.
Für diese Regel gibt es kaum ein besseres Beispiel als die Geschichte des Antisemitismus, der seinen Höhepunkt erreichte, als die Juden ihre Funktion im öffentlichen Leben und ihren Einfluss eingebüßt hatten und nichts mehr besaßen als ihren Reichtum. (32)

Die Ideologien haben unter anderem den Zweck, die nicht mehr gültigen Regeln des gesunden Menschenverstandes zu ersetzen; die Ideologieanfälligkeit der modernen Massen wächst in genau dem Maß, wie gesunder Menschenverstand (...) offenbar nicht mehr zureicht, die öffentlich politische Welt und ihre Ereignisse zu verstehen. (41)

Das Hofjudentum begann schon im 17. Jahrhundert zu einer allgemeinen Regel zu werden. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gehörten Juden zu dem Hofstaat nahezu aller Fürstentümer Europas. (...), Hofjuden genossen alle Privilegien: sie konnten Wohnsitz nehmen, wo es ihnen beliebte, reisen, so weit der Machtbereich ihrer Fürsten reichte, Waffen tragen und speziellen Schutz der lokalen Behörden fordern. Ihr Lebensstil pflegte sehr viel höher zu sein als der des Mittelstandes der Zeit. (...) Hofjuden waren bevorrechtet vor der Majorität der Bevölkerung ihrer Heimatländer, und es wäre ein großer Irrtum, zu glauben, dass dies den zeitgenössischen Beobachtern entgangen wäre. (48)

Als eine Gruppe konnte man sie weder zu den Arbeitern noch zu der Bourgeoisie, noch zu den Bauern oder den Großgrundbesitzern rechnen. Zwar gehörten sie, was ihren Wohlstand anlangte, zweifellos den gehobenen Schichten des Bürgertums an, aber sie hatten an dessen wesentlichster Funktion, dem kapitalistischen Unternehmertum, keinen Teil und waren im Industriekapital kaum vertreten. (...) Obwohl also ihre gesellschaftliche Stellung dadurch bestimmt war, dass sie Juden waren, war sie ganz unabhängig von einer Beziehung zu einer der Klassen der Gesellschaft. Ihre Funktion im Staatsapparat, (...) verhinderte sowohl ihr Verschwinden in einer der bestehenden wie ihre Etablierung als eine eigene Klasse innerhalb der Gesellschaft. (51)

Nur die vereinigten Mittel der wohlhabenden Schichten des gesamten mittel- und westeuropäischen Judentums, die es den ihnen bekannten Bankies zur Verfügung stellte, konnten ausreichen, um die neuen, vergrößerten Staatsbedürfnisse zu befriedigen. (55)

Diese Generalisierung der Privilegien auf die gesamte einheimische Judenschaft aber stieß überall auf die offene Opposition der privilegierten Juden. (62)

Von der Mitte des vorigen Jahrhunderts beginne sich die Fäden, welche die Staatswirtschaft mit der Privatwirtschaft verbinden, immer fester und entschiedener zu knüpfen. Es ist selbstverständlich, dass in dieser Entwicklung die Juden nach und nach mit automatischer Gewissheit ihre Monopolstellung im Staatsgeschäft und damit ihre Position innerhalb des Nationalstaates verlieren mussten. (63-64)

Von der Mitte des vorherigen Jahrhunderts konnten daher Juden sich nur deshalb noch in ihrer prominenten Stellung halten, weil sie mehr in das Staatsgeschäft hineingebracht hatten als ihren Reichtum und ihr Risiko, nämlich ihre internationalen Beziehungen. (64)

Das Interesse, das die Juden für ihre Fürsten hatten, war das Interesse für einen Geschäftspartner, für den man Lebensmittel einkauft, Armeen einkleidet und ihre Ernährung organisiert (...).
Aus ihr zog vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts der liberale Antisemitismus seine Argumente, wenn er behauptete, die Juden und die Aristokratie stünden in einem Bündnis gegen die Ansprüche der aufsteigenden bürgerlichen Klasse. (66)

Hinzu kam, dass Juden seit Mitte des 18. Jahrhunderts häufig geadelt wurden und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein eine Vorliebe für adlige Titel behielten, durch die sie sich eine gesellschaftliche Auszeichnung vor den anderen Juden sicherten. (...)
(...) - der letzte von einem Juden finanzierte Krieg war der preißisch-österreichische von 1866, (...). So spielen die Juden, die so viel zur Finanzierung des Krieges gegen Napoleon beigetragen hatten (mehr als die Hälfte aller englischen Subsidien an die Kontinentalmächte ging druch die Hände der Rothschilds), auf den Friedensverhandlungen des Wiener Kongresses noch keine Rolle. (67)

Bismarck wiederum ist der letzte Staatsmann, der mit der Unbefangenheit des 18. Jahrhunderts den Juden ihre besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte bescheinigte. Der letzte Friedensvertrag, in dem Juden als finanzielle Berater auf beiden Seiten eine wichtige Rolle spielten, war der Friedensvertrag von Versailles, (...). (68)

So trifft auch das oft gehörte Argument, dass die Juden ebenso leicht und in genau dem gleichen Prozentsatz Nazis geworden wären wir ihre Mitbürger, wenn man es ihnen nur erlaubt hätte, nicht den Kern der Sache. (69)

Der Zusammenbruch des deutschen Judentums begann mit seiner Zersplitterung in unzählige Fraktionen, von denen jede glaubte, dass besondere Privilegien die Bürgerrechte schützen könnten. (...) Der furchtbar blutigen Vernichtung von jüdischen Individuen war die unblutige Ausrottung des jüdischen Volkes vorangegangen. (70)

(...) nicht das Großartige vergessen, das darin liegt, dass die Juden sich von Anfang bis Ende unbeirrbar geweigert hatten, sich nationalisieren und assimilieren zu lassen, dass sie immer ein nichtnationales Element in der europäischen Nationalfamilie blieben.
(...) nur weil sie darauf bestanden, ein innereuropäisches Volk zu bleiben, konnten sie die Kriegslieferanten, Staatsbankiers, Nachrichtenübermittler und Friedensverhändler der europäischen Nationen werden. (71)

Als Fremde und aufgrund ihrer politischen Traditionslosigkeit wussten die Juden weder etwas von dem Unterschied zwischen Volk und Regierung noch von der nationalstaatlichen Spannung zwischen Staat und Gesellschaft. (...)
Bis zur Katastrophe von 1933 hat es keine Periode in der mitteleuropäischen Geschichte gegeben, in welcher die Regierung die juden nicht unterstützt und beschützt hätte gegen die kurzsichtigen Erpressungsmaßnahmen von Sonderinteressen und nationalistischen Vorurteilen. Was die Juden nicht sahen, war, das der fortschreitende Demokratisierung diese Art von Schutz unsicher machte, weil der Staat ihrer Hilfe nicht mehr bedurfte; (73)

Die Geschichte der großen jüdischen Bankhäuser ist reich an Beispielen für die außerordentliche Schnelligkeit, mit der sie ihre Loyalität von einer Regierung auf die andere übertragen konnten, ohne sich die Tragweite dieser Umstellung auch nur wirklich bewusst zu werden. (74)

Dass die Juden weder je wirklich wussten, was Macht war, auch nicht, als sie sie fast in Händen hatten, noch je wirklich Interesse an Macht hatten, gehört zu den wesentlichen Bestandteilen ihrer Geschichte in diesem Zeitraum. (75)

Die Änderung symbolisiert und vollzieht sich in dem Aufstieg einer Familie, des Hauses Rothschild, und sie kommt in dem Augenblick zustande, als der Hofjude Mayer Amschel Rothschild (...), sondern beschließt seine Familie als eine internationale Finanzdynastie zu etablieren, indem er seine fünf Söhne in Frankfurt, Paris, London, Neapel und Wien gleichzeitig etabliert. So besorgte eine Familie gleichzeitig und in engster Verbindung miteinander die Geschäfte, oder einen Teil der Geschäfte, von fünf verschiedenen Staaten. (79)

Der große Vorteil der Rothschilds war, dass sie in Frankfurt, dem einzigen städtischen Zentrum, lebten, von dem die Juden durch das ganze Mittelalter nie vertrieben worden waren und wo Juden bereits im frühen 19. Jahrhundert beinahe zehn Prozent der Bevölkerung stellten. (80)

In welchem Ausmaß das Haus Rothschild im vorigen Jahrhundert das jüdische Kapital des Kontinents durch seine geschäftlichen Transaktionen kontrollierte und wie viel der jüdischen Bankiers in allen Ländern mehr oder minder ihre Agenten und Mittelsmänner waren, kann man bis auf den heutigen Tag nicht feststellen, da die Familie den Zugang zu ihren Archiven verweigert. (81)

Das Manchaster-System hatte, je mehr es die Wirtschaft des Landes eroberte, dies Kleinbürgertum einer Gesellschaft von Konkurrenten ausgeliefert und es zudem allen besonderen Schutzes wie seiner alten Privilegien beraubt. (100)

Entscheiden hierbei ist, das der völkische Volksbegriff die Teilung der Völker in Nationen nie anerkannt hat, sonder Spuren des eigenen Volkes immer quer durch Europa entdecken und reorganisieren wollte. (...) Ein solches, auf völkischer Grundlage beruhende Volk schienen die Juden zu sein, und ihre innerhalb der Kategorien des Nationalstaates unfassbar und daher anscheinend geheim Macht beruhte in der Tat auf einer dem Nationalstaat widersprechenden Organisation. (108)

In keinem Staatsapparat haben die Juden eine so entscheidende Rolle gespielt wie in der Doppelmonarchie des Hauses Habsburg, (...). Österreich ist das einzige Land, in welchem der jüdische Staatsbankier bis in unser Jahrhundert gewirkt und selbst den Sturz der Monarchie nach dem verlorenen Krieg überlebt hat. (113)

Seit der Restauration aber, von den Bourbonen über Louis Philippe bis zu Napoleon III., hat das Haus Rothschild den Staatsbankier in Frankreich gespielt, so ass von da ab alles, was antimonarchis und republikanisch gesonnen war, notwendigerweise auch antisemitisch wurde. (124)

(...) weil die Juden das Sinnbild aller derer wurden, die auf französischem Boden lebten und doch dem Nationalverband nicht angehörten. (126)

Nur in Wien, wo alles Politische zum reinen Theater geworden war, konnte das Theater sich wirklich an die Stelle aller Realitäten setzen. (132)

Die imperialistische Entwicklung hatte an sich nur zur Folge, dass mehr und mehr Juden das Bankgeschäft verließen und unabhängige Geschäftsleute wurden, dass sich die Zentralisierung des jüdischen Reichtums auflöste, (...). (133)

Die Söhne der begüterten jüdischen Häuser drängten unaufhaltsam aus dem Geschäftsleben in die reinen Kulturberufe, so dass in wenigen Jahrzehnten (...) in Deutschland sowohl wie in Österreich ein großer Teil des Kulturbetriebs, (...), in jüdische Hände geriet. (134)

Sie [Gleichheit] als das, was sie ist, zu erkennen, nämlich als das Prinzip einer politischen Organisation, innerhalb deren ungleiche Menschen gleiche Rechte haben, (...).
Die modernen Massengesellschaften bieten zahllose Beispiele dafür, dass es erheblich näher liegt, Gleichheit für die angeborene Eigenschaft eins jeden Individuums zu halten, das normal genannt wird, (...). (139)

Allgemein ist zu sagen, dass während des ganzen 19. Jahrhunderts die außerordentliche Aversion des europäischen Adels gegen das Bürgertum uns seine noch größere Angst vor der politischen Konkurrenz der immer mächtiger werdenden Klasse dem Judentum gewisse Chancen bot. Es war immer noch angenhmer und sicher ungefährlicher, sich mit dem Gelde eins jüdischen Bankiers zu helfen, als einen Schwiegervater aus der Großindustrie zu akzeptieren, (150)

Die Ausnahmejuden der Bildung, deren Heimat immer Deutschland blieb, hätten alle voon sich dagen können, dass sie sich als Deutsch von Goethes Gnaden fühlten. (...)
Durch Bildung - und nicht durch politische Mittel wie Emanzipation - wollten sie dem gedrückten Stande ihres Volkes entkommen. (152)

Im Gegensatz zu den Ausnahmejuden des Reichtums, (...), sind die Ausnahmejuden der Bildung der ersten und zweiten Generation fast alle den Weg der Taufe gegangen. (163)

Paris war die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts (Walter Benjamin), weil die Pariser Gesellschaft von Balzac bis Proust alle Phasen des größten Kampfes zwischen dem citoyen der Französischen Revolution und dem bourgeois und der Transformation des citoyen in den bourgeois, in ihrem Spiegel auffing und in allen Schattierungen zurückreflektierte. (190)

Die Dreyfus-Affäre (212 ff)

Ende des Jahres 1894 wurde in Frankreich der jüdische Generalstabsoffizier Alfred Dreyfus von einem militärischen Gerichtshof der Spionage zugunsten des Deutschen Reiches angeklagt und zu lebenslänglicher Deportation auf die Teufelsinseln verurteilt. (213)

Im Dezember erschienen die ersten Artikel Zolas, dessen berühmtester: J'Accuse im januar 1898 (...)
Wenige Tage darauf gestand ein anderes Mitglied der französischen Spionageabteilung, (...), dass er mehrere Stücke des geheimen Dreyfus-Dossiers gefälscht habe, und nahm sich das Leben. (...)
Im Juni 1899 kassierte der Kassationshof das Urteil von 1894, (...). Dreyfus wurde im September zu zehn Jahren Gefängnis und Zubilligung mildernder Umstände verurteilt und eine Woche später vom Präsidenten der Republik, Loubet, begnadigt. Im April des Jahres 1900 fand die Eröffnung der Pariser Weltausstellung statt, im Mai, (...), beschloss das Parlament mit überwältigender Mehrheit, jede nochmalige Revision des Prozesses zu verhindern. (214)

So ist die Dreyfus-Affäre niemals zu einem Ende gekommen und das Urteil, das den Justizirrtum reparieren sollte, niemals vom ganzen Volk anerkannt worden. (...)
Als im Jahre 1908, neun Jahre nach der Begnadigung, zwei Jahre nach Freispruch und Rehabilitierung, das Ministerium (...) Zolas Leiche ins Pantheon überführen ließ, wurde Dreyfus auf offener Straße von einem Attentäter verwundet. Das Schwurgericht sprach den Attentäter frei und kassierte so auf seine Weise den Freispruch. Als 1931 das Theaterstück Die Affäre Dreyfus in Paris zur Uraufführung kam, war es, also ob an den Parisern zweiunddreißig Jahre nicht anders als im Traum vorbeigegangen waren: Krawalle im Theater und auf der Straße (...). (215)

Das Unrecht, angetan einem einzigen jüdischen Hauptmann in Frankreich, hat die Welt zu einer vehementeren und einheitlicheren Reaktion veranlasst als alle Verfolgungen der deutschen Juden ein Menschenalter später. Erst die Ausrottungen in den Gaskammern haben dann noch einmla eine ähnliche Empörung gezeitigt. (216)

Geblieben war von der Dreyfus-Affäre der Hass auf die Juden und mehr noch die Verachtung für die Republik, das Parlament, den gesamten Staatsapparat, den ein großer Teil des Volkes erfuhr, mit dem Einfluss der Juden und der Macht der Banken zu identifizieren. (218)

Immerhin unterlag Frankreich der deutschen Aggression in der nationalsozialistischen Form so leicht, weil die Hitler-Propaganda eine ihm sein langem vertraute Sprache sprach. (221)

Denn die Vorgeschichte des nationalsozialistischen Deutschland spielt in ganz Europa und ist schwer aufzuspüren unter der breiten Oberfläche offizieller Dokumente und bekannte Autoren. (222)

Der Bau des Panama-Kanals wurde allgemein als eine öffentliche und nationale Angelegenheit und nicht als ein Privatgeschäft betrachtet. Der Bankrott der Gesellschaft versetzte dann auch der Republik eine empfindliche außenpolitische Niederlage. (...) Erst einige Jahre später stellte sich heraus, dass schwerwiegender als die außenpolitische Schlappe der Republik die Tatsache wog, dass in Frankeich über eine halbe Million mittelständischer Existenzen ruiniert worden waren. (223)

Der Panama-Skandal, (...), offenbarte zweierlei: erstens, dass Parlamentarier und Staatsbeamte innerhalb der Dritten Republik zu Geschäftsleuten geworden waren. Und zweitens, dass die Vermittlung zwischen dem privaten Geschäft, in diesem Fall der Compagnie und dem Staatsapparat, so gut wie ausschließlich in den Händen von Juden gelegen hatte. (225-226)

Aus dem direkten Anleihengeschäft und den Kriegslieferungen des 18. Jahrhunderts hatte sich das Emissionsgeschäft der Staatsanleihen entwickelt, das praktisch darauf beruhte, dass staatliche Anleihen vom Publikum nur dann gezeichnet wurden, wenn jüdische Bankäuser sie garantierten. Seit der Restauration der Bourbonen, durch die Zeit des Bürgerkönigtums hindurch bis in das zweite Kaiserreich hatte die Famile Rothschild diesen Zweig der Staatswirtschaft nahezu monopolisiert. (...)
Der Friedensvertrag von 1870/71 war in seinem finanziellen Teil noch auf deutscher wie französischer Seite von jüdischen Bankiers verhandelt worden. (226)

Die Regierungen der Republik wiederum brauchten die Juden nicht mehr so notwendig, weil sie durch das Parlament deine breitere Finanzierugsmöglichkeit hatten, als es absolute und konstitutionelle Monarchen der Vergangenheit sich je hätten träumen lassen. (228)

(...) Grundirrtum, zu glauben, der Mob sei identisch mit dem Volk. (...)
Der Mob setzt sich zusammen aus allen Deklassierten. In ihm sind alle Klassen der Gesellschaft vertreten. Er ist das Volk in seiner Karikatur und wird deshalb so leicht mit ihm verwechselt. Kämpft das Volk in allen großen Revolutionen um die Führung der Nation, so schreit der Mob in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann. Der Mob kann nicht wählen, er kann nur akklamieren oder steinigen. (247)

Es war offenbar, dass in den Juden alles, was der Mob hasste, personifiziert war: die Gesellschaft, weil Juden in ihr nur geduldet waren, und der Staat, weil Juden seit Jahrhunderten von ihm direkt vor der Gesellschaft geschützt wurden und daher leicht mit staatlicher macht identifiziert werden konnten. (248)

Als der Mob sich außerparlamentarisch organisierte und begann, das kleine Häuflein der Dreyfusards zu terrorisieren, fand er die Straßen frei. Der Pariser Arbeiter, (...), hatte sich an der Frage desinteressiert. (259)

Dass das Schauspiel, das Frankreich in der Dreyfus-Affäre der Welt bot, doch keine Tragödie, sondern nur eine Farce war, zeigte sich erst an seinem Ende. Der deus ex machina, der das in sich gespaltene Land einigte, den Burgfrieden erzwang und alle, von der äußersten Rechten bis zu den Sozialisten, unter einen Hut brachte, war die Weltausstelltung des Jahres 1900. (269)

II Imperialismus

Denn der Imperialismus, der aus dem Kolonialismus hervorging, und zwar aufgrund der wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, durch welche das Nationalstaatensystem überholt wurde, setzte mit einer Politik der Expansion um der Expansion willen nicht vor 1848 ein, und dies neue Art von Machtpolitik unterschied sich von den nationalen Eroberungskriegen ebenso wie von dem klassischen Aufbau eines Imperiums durch die Römer. (275)

Es gibt keinen Grund, an der Feststellung von Allen W. Dullen zu zweifeln, dass der CIA seit 1947 mehr Einfluss auf unserer Regierung als sonst ein Nachrichtendienst auf irgendeine Regierung der Erde hat, noch gibt es einen Grund anzunehmen, dass sich dieser Einfluss seit 1958, als er seine Feststellung traf, verringert hätte. (280)

(...) aber die Taten und Worte, welche die heutige Politik so bedrohlich machen, zeigen eine viel verhängnisvollere Ähnlichkeit mit den Tatgen und verbalen Rechtfertigungen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als ein Funke in einem Randgebiet, das für keinen der Beteiligten von sonderlichem Interesse war, genügte, um die ganze Welt in Brand zu setzen. (283)

Das Zeitalter des Imperialismus pflegte man jene drei Jahrzehnte, von 1884 bis 1914, zu nennen (...). (284)

In Europa selbst war die politische Emanzipation der Bourgeoisie, die bis dahin trotz wirtschaftlicher Vormachtstellung politische Herrschaft nicht einmal angestrebt hatte, das zentrale innenpolitische Ereignis des imperialistischen Zeitalters. (....)
(...) als sich erwies, dass der Nationalstaat unfähig war, den Rahmen für die der kapitalistischen Wirtschaft notwendige Ausdehnung zur Verfügung zu stellen, (...). (285)

Dies änderte sich erst, als die deutsche Bourgeoisie alle ihre Karten auf die Hitlerbewegung setzte in der Hoffnung, dass der Mob ihr die Herrschaft verschaffen werde. (...) aber dies war ein Pyrrhussieg, denn der Mob bewies sehr schnell, dass er willens und fähig war, selbst zu regieren, und entmachtete die Bourgeoisie zusammen mit allen anderen Klassen und staatlichen Institutionen. (286)

(...) imperialistischen Bewegungsprinzip, für dessen Expansion die Grenze des Erdballs nur ein Störungsfaktor ist. (...)
Das nationale Prinzip konnte nur noch als provinzielle Beschränktheit erscheinen, und der Kampf gegen den Wahnsinn einer Politik, die sich nur halten konnte, wenn sie in ständiger Ausbreitungsbewegung begriffen blieb, war verloren. (287)

Nicht Nationalstaaten, sonder Staatsformen, die wie die römische Republik wesentlich auf dem Gesetz beruhten, konnten Weltreiche gründen, die Bestand hatten, weil in Ihnen der Prozess der Eroberungen eine wirkliche Integration der verschiedenartigen Volksgruppen durch die Autorität einer für alle gültigen Gesetzgebung folgte, in der ich die tragende politische Institution des Gesamtreiches verkörperte. Der Nationalstaat besaß kein derart einigendes Prinzip, weil er von vorneherein mit einer homogenen Bevölkerung rechnete und eine aktive Zustimmung (...) zur Voraussetzung hat. Die Nation kann keine Reiche gründen, weil ihre politische Konzeption auf einer historischen Zusammengehörigkeit von Territorium, Volk und Staat beruht. Im Falle der Eroberung bleibt dem Nationalstaat nichts übrig, als fremde Bevölkerungen zu assimilieren und ihre Zustimmung zu erzwingen; (289)

Im rein ökonomischen Bereich hatte sich Expansion als ein angemessenes Prinzip bewährt, weil es dem Bewegungsrhythmus der ständig steigenden industriellen Produktion entsprach. (...)
Der Imperialismus entstand, als die Industrialisierung der kapitalistisch bewirtschafteten Länder Europas sich bis an die eigenen Landesgrenzen ausgebreitet hatte und es sich herausstellte, dass die Landesgrenzen nicht nur einer weiteren Expansion im Wege stehen würden, sondern damit den gesamten Industrialisierungsprozess aufs schwerste bedrohen könnten. Die Wirtschaft selbst zwang die Bourgeoisie, politisch zu werden; das kapitalistische System, (...), konnte nur gerettet werden, wenn es gelang, die Außenpolitik der Nationalstaaten im Sinne der für die Wirtschaft notwendigen Expansion zu bestimmen. Der Geist des Großbetriebs und der überstaatlichen Organisation hatte die Politik erfasst (Friedrich Naumann). (290-291)

Friedlich miteinander konkurrierende Imperien sind ein Unding, weil Konkurrenz so wenig wie Expansion ein politischen Prinzip enthält; beide bedürfen der politische Macht, die sie kontrolliert und dirigiert und ohne die sie maßlos und zerstörerisch werden müssen.
Im Gegensatz zur Struktur der Wirtschaft und der Produktion, die dauernde Erweiterung zulässt, sind politische Strukturen und Institutionen immer begrenzt. (292)

Darum weckte der Nationalstaat, wo immer er als Eroberer auftrat, das Nationalbewusstsein in den eroberten Völkern und mit ihm einen Anspruch auf Selbstherrschaft, gegen den die Nation prinzipiell wehrlos war; alle nationalen Versuche, Reich von Bestand zu bilden, sind an diesem Widerspruch gescheitert und haben die Nationalstaaten in tödliche Widersprüche verwickelt. (293)

Das Commonwealth entspricht ursprünglich den Bedürfnissen einer über die Erde verstreuten Nation, (...). (295)

Frankreich ist die einzige Nation Europas, die im Zeitalter des Imperialismus immerhin versucht hat, ius und imperium miteinander zu verbinden und ein Reich im römischen Sinne zu gründen. (...) So konnten farbige Delegierte ihre Sitze im französischen Parlament in Paris einnehmen, und darum wurde Algerien zur Provinz Frankreichs erklärt. (296)

Imperialismus ist nicht Reichsgründung und Expansion ist nicht Eroberung. (299)

(...) typisch für den Imperialismus, dass die koloniale Verwaltung von den nationalen Institutionen des Mutterlandes stets getrennt wurde, wenn ihnen auch ein gewisses Recht zur Kontrolle zugestanden blieb. (300)

Überall fühlten die imperialistischen Verwaltungsbeamten, dass die Kontrolle der Nation und des Mutterlandes eine unerträglich Last und Bedrohung ihrer Herrschaft darstelle. (307)

Der unbegrenzte Prozeß der Kapitalakkumulation bedarf zu seiner Sicherstellung einer unbegrenzten Macht, (326).

Erst als sie [Eigentümer überflüssigen Kapitals], belehrt von der Ära der Finanzskandale, begriffen, dass ohne juristisch-polizeiliche Sicherungen das gesamte Anlage- und Börsengeschäft zu einem Spiel am Roulettetisch werden würde und dass nur die Regierung selbst ihnen im Ausland Sicherheiten verschaffen konnte, die denen des Inlands halbwegs entsprechen, begannen sie, an Politik zu denken und staatliche Protektion für ihre ausländischen Geldanlagen zu verlangen. (337)

Älter als überflüssiger Reichtum war ein anderes Nebenprodukt kapitalistischer Entwicklung: Die menschlichen Abfallprodukte, die nach jeder Krise, (...) aus der Reihe der Produzenten ausgeschieden und in permanente Arbeitslosigkeit gestoßen wurden. (...). Weder Kanada noch Australien, noch die Vereinigten Staaten hätten ohne sie bevölkert werden können. Aber erst der Imperialismus bewirkte, dass diese beiden überflüssig gewordenen Arbeitskräfte, sich miteinander verbanden und gemeinsam ihre Heimat verließen. (339)

Der Anlass war, dass in den siebziger und achtziger Jahren die Diamanten- und Goldfelder entdeckt wurden, so dass sich hier [in Südafrika] zum ersten Mal der neue Wille zum Profit um jeden Preis mit der alten Jagd nach dem Glück verbinden konnte. Seite an Seite mit dem Kapital zogen aus industriell entwickelten Ländern die Goldgräber, die Abenteuer, der Mob der großen Städte in den dunklen Erdteil. (...) Die Eigentümer überflüssigen Kapitals waren die einzigen, welche die überflüssigen Arbeitskräfte gebrauchen konnten. (...) Zusammen etablierten sie das erste rein parasitäre Paradies, dessen Lebensblut Gold war. (340)

Die Beamtenschaft, wie wir sie kennen, ist ein Projekt des Nationalstaates, dessen Existenz davon abhing, eine Klasse von Menschen heranzuziehen, dir nur dem Staat und weder den wechselnden Regierungen noch der Klasse, aus der sie kamen, sich verpflichtet fühlten. (344)

Den Rassebegriff aber haben werde die Nazis noch die Deutschen entdeckt, er ist nur nie vorher mit solch gründlichen Konsequenzen in die Wirklichkeit umgesetzt worden. (351)

Das antinationale Rassedenken, und nicht die Klassenideologie, begleitete wie ein ständiger Schatten die Entwicklung des Nationalstaats und des auf ihm gegründeten Gleichgewichts Europas, bis es am Ende dieser Periode sich als die Waffe erwies, mit der man der Nation den Garaus machen konnte. (357)

Es bleibt merkwürdig, dass alle französischen Rassetheoretiker von diesen frühen Anfängen an, (...), die Überlegenheit der germanischen Rassen gepredigt haben auf Kosten ihre eigenen Volkes und der römisch-lateinischen Tradition Frankreichs. (...)
Jedenfalls ist es paradoxerweise eine historische Tatsache, dass weder die Engländer noch die Deutschen als erste die Überlegenheit der germanischen Völker behauptet und für sich in Anspruch genommen haben, sonder gerade die Franzosen, gegen die sich diese Rassedoktrinen von Beginn an gerichtet haben. (364)

Die deutschen Patrioten, welche nach 1814 den deutschen Nationalismus zu einer Waffe für die Errichtung eines gesamtdeutschen Nationalstaates entwickelten, waren liberal und bekämpften die preußischen Junker. (366)

Die Entwicklung des deutschen Nationalgefühls blieb entscheidend an der Tatsache der Fremdherrschaft und nationalen Unterdrückung orientiert, es bliebe ein Reaktionsgefühl, (...) (368)

Was immer das deutsche Bürgertum (...) an gesellschaftlichen Selbstbewusstsein aufzuweisen hatte, verdankte es seinen Intellektuellen, unter denen die Romantiker eine hervorragende Stellung einnahmen. (...)
Die Erhebung der Bildung zu einer gesellschaftlichen Qualität erzeugte jenes Bildungsphilistertum , das es nur in Deutschland gegeben hat und das den deutschen Intellektuellen und den deutschen Bürgern eigentlich gleichermaßen schlecht bekommen ist. (372-373)

Gobineaus Essai (...) erschien im Jahre 1853 und brauchte fünzig Jahre, um berühmt zu werden. (...)
niemand vor Gobineau ist auf den Gedanken gekommen, die gesamte Geschichte als eine sich immer wiederholende Geschichte des Verfalls und des Untergangs zu interpretieren, (...). Es ist auffallend, dass alle Rassendoktrinen eine starke Affinität zu Untergangslehren haben. (376)

Es ist mit Recht gesagt worden, dass Gobineau das Phänomen der Dekadenz dreißig Jahre vor Nietzsche entdeckt habe. (377)

Die Degeneration der Rasse selbst führte er, und dies ist in der Tat ein neuer Einfall, auf Rassenmischung zurück, bei der sich wiederum notwendigerweise das minderwertige Blut stets durchsetzte. (380)

Die Politik, die Gobineau selbst vorschlug, bestand in der Neudefinition und Neuschöpfung einer Elite, welche die untergehende Aristokratie ersetzen sollte. (381)

Das 18. Jahrhundert glaubte eben, in den herrlichen Worten Tocquevielles, an die Verschiedenheit der Rassen, aber an die Einheit des Menschengeschlechts. (389)

Auch der Darwinismus beruht wesentlich auf Vererbungstheorien, fügt diesen aber das politische Prinzip des 19. Jahrhunderts, den Glauben an den Fortschritt, hinzu, (...). (391)

Auf der Grundlage dieser Vererbungslehre konnte man ebensogut an eine Rassenherrschaft wie eine Klassenherrschaft glauben oder daran, dass die Geschichte ein Kampf der Rassen ist dass sie ein Kampf der Klassen sei. Man konnte sich des Darwinismus für nahezu jegliche ideologische Einstellung bedienen, (392)

(...) die Eugeniker glaubten allen Ernstes, dass es ihnen gelingen würde, aufgrund der Vererbungstheorie Genies zu züchten, so dass die Entstehung einer Aristokratie wiederum auf natürlichem und nicht auf politischem Wege zustande kommen sollte. (395)

Der moderne Wissenschaftsaberglaube fing mit der Biologie in der Form der Eugenik an, (...) (396)

Was England brauchte, war ein Nationalbegriff, der, territorial nicht mehr gebunden, ein über die Welt in festen eigenen Siedlungen verstreutes Volk einigen konnte. Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten war für England ein politischer Schock gewesen, von dem es sich nur schwer erholte. (399)

Die Expansionspolitik des imperialistischen Zeitalters (...) setzte an die Stelle der vorimperialistischen, erobernden und ausraubenden Kolonialherrschaft die geregelte Unterdrückung auf dem Verordnungswege, wie wir Bürokratie nennen. (...)
Bürokratie ist eine Herrschaftsform, in welcher Verwaltung an die Stelle der Regierung, die Verordnung an die Stelle des Gesetzes und die anonyme Verfügung eines Büros an die Stelle öffentlich-rechtlicher Entscheidungen tritt. (405)

Die Idee der Verwaltungsmassenmordes, mit der die Nazis die Judenfrage lösten und mit der sie hofften, alle noch verbleibenden demographischen Probleme der Welt zu lösen, wurde zum ersten male in den zwanziger Jahren von einem britischen Verwaltungsbeamten zur Lösung der indischen Frage halb ironisch vorgeschlagen. (408)

Kein Gebiet der Erde hätte der Entstehung der modernen Mobmentalität und dem ihr so gemäßen Rassenwahn günstiger sein können als die Kapkolonie. (...) Holländische Siedler waren hier in der Mitte des 17. Jahrhunderts abgesetzt worden, um die Schiffe auf ihrer Reise um das Kap nach Indien mit Frischgemüse und Fleisch zu versehen. (...) Das ganz 18. Jahrhundert hindurch hatten sie Zeit, sich durch großen Kinderreichtum zu einem kleinen Volk zu vermehren, das in vollkommener Abgeschiedenheit von dem Strom europäischer Ereignissse ein Sonderdasein führte und ein dem Abendland bislang unbekanntes soziales und wirtschaftliches Leben entwickelte. (...)

Die Buren haben keine Literatur hervorgebracht, und so können wir die Stadien der Entwicklung eines europäischen Volkes zu Stammeshäuptlingen von barbarischen Völkern nur erraten. (422)

Es war das Übermaß an billiger, eingeborener Arbeit, das darüber entschied, dass der südafrikanische Goldrausch im Unterschied zu anderen keine flüchtige Epoche blieb, sonder die Gold- und Diamantenindustrie einleitete, die bis heute die wirtschaftliche Physiognomie des Landes bestimmt. (429)

So war das Goldfieber Südafrikas von vornherein der euopäischen Ökonomie verbunden, und zwar vorerst mit Hilfe jüdischer Finanzleute, die die Anlagen europäischen Kapitals in die Gold- und Diamantenindustrie vermitteln. (430)

Für die Elemente jüdischen Reichtums und jüdischer Armut, sie sich in Südafrika in diesen Jahrzehnten zusammenfanden, war die Entdeckung der Goldminen und Diamantenfelder ein ähnlicher Glücksfall wie für die Mob-Elemente aller anderen europäischen Völker. (434)

Lawrence [von Arabien] wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges in das Große Spiel mit dem Auftrag hineingezogen, die arabischen Stämme des Nahen Ostens zur Rebellion gegen ihre türkischen Herren aufzuwiegeln. (...) Lawrence hatte die Aufgabe, einen jener romantisch-gelehrten Engländer zu spielen, die ihr Leben wie um eines Spleens willen einem fremden Volk opfern. (465)

Unter den Führern der Panbewegungen wie unter den Mitgliedern der von ihnen gegründeten Verbände und Vereine finden wir daher so gut wie keine Geschäftsleute oder Unternehmer, dafür aber alle freien Berufe sowie andere Gruppen des gebildeten Mittelstandes wie Lehrer und Beamte. (478)

In dem Bündnis zwischen Mob und Kapital, das das imperialistische Zeitalter kennzeichnet, hatte die Initiative, mit Ausnahme Süfafrikas, bei den Vertretern des Kapitals gelegen. In den Panbewegungen lag umgekehrt die Initiative von Anfang an ausschließlich beim Mob, der damals wie später von einer Intelligenzschicht geführt wurde. (480)

(...) so verbreitete sich der völkische Nationalismus überall da, wo europäischen Völkern eine nationale Emanzipation gar nicht oder nur halb gelungen war. (483)

Von den absoluten Königtümern und Kaiserreichen und den aufgeklärten Despotien erbten die nationalen Republiken und konstitutionellen Monarchien ihre legale Struktur, derzufolge die höchste Funktion des Staates der gesetzliche Schutz aller Einwohner des Territoriums ist, ohne Rücksicht auf deren nationale Zugehörigkeit. (488)

Das einzig verbindende Band zwischen den Bürgern eines Nationalstaates, in dem kein Monarch mehr das allen gemeinsam Interesse symbolisch und faktisch repräsentierte, war nun das Nationale, die gemeinsame Abstammung. (489)

Die gleichen Grundrechte wurden einmal als das unveräußerliche Eigentum alles desssen, was Menschenantlitz trägt, erklärt, um im selben Atemzug als die spezifisch nationalen Rechte eines souveränen Volkes, das diese Reche seinem Befreiungskampf und seiner nationalen Geschichte verdankt, hingestellt zu werden. (490)

Nationalismus erwies sich in diesem Zusammenhang als ein unentbehrliches, einzigartiges Bindemittel zwischen dem zentralisierten Staat und einer atomisierten Gesellschaft, während er gleichzeitig offenbar das einzige lebendige und Notzeiten funktionierende Zusammegehörigkeitsgefühl zwischen den der gleichen Nation angehörenden Menschen darstellte. (...) Dass dem Staate seiner Natur nach der Schutz und die Garantie der Rechte aller Einwohner auf dem von ihm beherrschten Territorium oblag, unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit, war dem 19. Jahrhundert ibs zum Ausbruch des ersten Weltkrieges noch selbstverständlich. (491)

Denn hier im Osten und Süden gab es keine festen Grenzziehungen zwischen den Völkern, und die Völkerwanderung war hier niemals zu einem wirklichen Ende gekommen. Hier gab es gar keine Gelegenheit, zu erfahre, was patria und Patriotismus eigentlich bedeuteten, (...)
Der völkische Nationalismus entstammt der Bodenlosigkeit dieser Völker. Er verbreitete sich nicht nur unter den Völkern Österreich-Ungarns, sonder ergriff, wenn auch auf einem wesentlich höheren Niveau, die Intelligenzschichten des zaristischen Russland. (493)

Die Panbewegungen lehrten den göttlichen Ursprung ihrer Völker und stellten sich damit gegen den überlieferten jüdisch-christlichen Glauben an einen göttlichen Ursprung des Menschen. (496)

(...) Protokolle der Weisen von Zion (...). Dieses sind bekanntlich eine Fälschung, die von Agenten der russischen Geheimpolizei um die Jahrhundertwende in Paris fabriziert wurde, (...).
Interessant ist, dass diese zu Propagandazwecken der russischen Regierung, als Rechtfertigung der Pogrome zu Anfang des Jahrhunderts, fabrizierte Fälschung vollkommen unbeachtet blieb und bereits völlig vergessen war, als sie plötzlich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eine phänomenale Wiederauferstehung feierte. (511-512)

Denn in einem abstrakten, aber gerade darum logisch plausiblen Sinn ist der völkische Nationalismus die Perversion, die als Möglichkeit in jeder Nationalreligion steckt, in der Gott ein Volk auserwählt und dies Volk das eigene ist. (513)

Juristisch gesprochen und im Gegensatz zur Gesetzesherrschaft ist Bürokratie das Regime der Verordnungen. (516)

Menschen, die unter dem Regime der Verordnungen leben, wissen niemals, was oder wer sie eigentlich regiert, weil Verordnungen an sich immer unverständlich sind und die Umstände und Absichten, die sie verständlicher machen könnten, von der Bürokratie immer sorgfältig, als handele es sich gerade hier um die höchsten Staatsgeheimnisse, verschwiegen werden. (518)

Wenn es das Interesse ist, was eine Klasse konstituiert, so ist diese französische Administration vielleicht die ausschlaggebende, herrschende Klasse Frankreichs, (...). (519)

In einer bürokratischen Herrschaft, wo an die Stelle des Gesetzes die Verordnung getreten ist, wird dauernd gehandelt, bevor Recht gesprochen worden ist, werden dauernd vollendete Tatsachen geschaffen, gegen die es dann einen Einspruch entweder überhaupt nicht gibt oder nur auf einem so komplizierten, eben bürokratisierten Wege, dass ihm praktisch keine Bedeutung mehr zukommt. (527)

9 Der Niedergang des Nationalstaates und das Ende der Menschenrechte.

Nichts, was seit dem Ersten Weltkrieg sich wirklich ereignete, konnte wieder repariert werden, (...). (560)

Diese Atmosphäre des Zerfalls hing zwischen den beiden Weltkriegen über ganz Europa; aber sie war dichter und spürbarer in den besiegten als in den Siegerländern und voll ausgebildet wohl nur in den Staaten, die durch die Friedensverträge nach dem Auseinanderfallen von Österreich-Ungarn und dem zaristischen Reich neu errichtet worden waren. (...) trat die Nationalitätenfrage des Ostens und Südens Europas zum ersten Male in das Zentrum europäischer Politik. Damit aber trat der Völkerhass in Europa selbst in ein neues Stadium. Denn hier war jeder gegen jeden und vor allem gegen seinen Nachbarn, die Slowaken gegen die Tschechen, die Ungarn gegen die Slowaken, die Kroaten gegen die Serben, die Ukrainer gegen die Polen, die Polen gegen die Juden (...). (561)

Die Friedenskonferenz von Versailles nahm das Problem der Staatenlosen, das sich schließlich sogar als das viel ernstere enthüllen sollte, noch nicht zur Kenntnis; (562)

Die Minderheiten waren Völker ohne Staaten, die ein Ausnahmegesetz brauchten, weil sie auf das Wohlwollen der Staaten, unter denen sie lebten, angewiesen waren. (563)

Das bloße Wort Menschenrechte wurde überall und für jedermann, in totalitären und demokratischen Ländern, für Opfer, Verfolger und Betrachter gleichermaßen, zum Inbegriff eines heuchlerischen oder schwachsinnigen Idealismus. (...)
Ungleich den Staatenlosen, die ein Nebenprodukt der politischen Ereignisse selbst waren, sind die Minderheiten das Ergebnis der Friedensverträge von 1919 und 1920, (...). (564)

(...) versuchte man, bei der Definition des Begriff Minderheit auf jeden Falls das Wort national zu vermeiden und darauf zu bestehen, das es nur rassische, religiöse und sprachliche Minderheiten gebe. (565)

In der Tat, ein Blick auf die Siedlungskarte Europas (hätte lehren müssen), dass sich das nationalstaatliche Prinzip im Osten Europas unmöglich verwirklichen lässt. Die Friedensverträge errichteten keine Nationalstaaten, sondern eine Reihe von Nationalitätenstaaten im Zwergmaßstab, wobei sie mehr oder minder willkürlich eine dieser Nationalitäten zum Staatsvolk avancieren ließen (...). (567)

In den Augen der Minderheiten und der nationalen Gruppen, also aller Völker, welchen in Versailles kein Staat zugebilligt worden war, waren die Verträge das Resultat eines willkürlichen oder parteiischen oder intriganten Spiels, das den einen die Herrschaft und den anderen die Knechtschaft zuspielte. (...) Mehr den je waren die nationalen Grenzen zu etwas Willkürlichem und Zufälligem geworden, durch das kein Volk und keine Nationalität zu begrenzen war. Es hätte in dieser Ecke Europas wahrlich nicht Hitlers bedurft, um alles gegen alle zu hetzen. (568)

Man rechnet, dass es vor 1914 etwa100 Millionen Menschen in Europa gab, für die das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht galt. (570, Anmerkung 9)

Die Repräsentanten der großen Nationen waren sich wohl bewusst, dass innerhalb des Nationalstaates nationale Minderheiten füher oder später assimiliert oder liquidiert werden müssen. (571)

Im Nachkriegseuropa lebten offiziell zwischen 25 und 30 Millionen Menschen unter Minderheitenstatuten. (572)

Die deutschen Minderheiten in Rumänien und der Tschechoslowakei stimmten selbstverständlich mit den deutschen Minderheiten in Polen und Ungarn, und das gleiche galt von allen Gruppen. (573)

Die Minderheit als eine permanente Institution, als ein permanenter Modus vivendie zwischen Völkern auf dem gleichen staatlichen Gebiet war jedenfalls in der Geschichte der Nationalstaaten etwas ganz Neues. (574)

(...) die Staatenlosen sind die neueste Menschengruppe der neueren Geschichte. Entstanden aus den ungeheuren Flüchtlingszügen, welche unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg einsetzten und in deren Verlauf eine europäische Nation nach der anderen Teile ihrer Bevölkerung über die Grenzen des Territoriums jagte und aus ihrem Staatenverband entließ, sind die Staatenlosen das traurigste Produkt der europäischen Bürgerkriege und das deutlichste Zeichen für die Zerrüttung der Nationalstaaten. Weder das 18. noch das 19. Jahrhundert kannte Menschen, die obgleich sie in zivilisierten Ländern leben, sich einer Situation absoluter Recht- und Schutzlosigkeit befinden. Seit dem Ersten Weltkrieg hat jeder Krieg und jede Revolution mit einer Monotonie sondergleichen die Masse der Recht- und Heimatlosen vermehrt und das Problem der Staatenlosigkeit in neue Länder und Kontinente verschleppt. (578)

Die Nachkriegsbezeichnung diplaced persons wurde bereits während des Krieges ausdrücklich zu dem Zwecke erfunden, um die Staatenlosigkeit ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Solche Nichtanerkennung von Staatenlosigkeit heißt immer Repatriierung, Rückverweisung in ein Heimatland, das entweder den Repatriierten nicht haben uns als Staatbürger nicht anerkennen will oder umgekehrt ihn nur allzu dringend zurückwünscht, weil er ein Flüchtling ist. (579)

Vor dem Ersten Weltkrieg war Staatenlosigkeit nicht mehr als ein Kuriosum, ein nur den Juristen interessierendes, unerhebliches Nebenprodukt der großen Wanderungen der europäischen Völker nach der Neuen Welt. (580)

Die Friedensverträge, die Auflösung Österreich-Ungarns, die Errichtung der baltischen Staaten und die endlosen Grenzstreitigkeiten zwischen ihnen und dem wiedererstandenen Polen (...) haben den Staatenlosen eine Kategorie hinzugefügt, die sogenannten Heimatlosen, deren Heimat aus irgendwelchen Gründen nicht zu bestimmen war (...). (580-581)

Zu einem politischen Problem allererster Ordnung wurde die Staatenlosigkeit erst nach der russischen Revolution, als die sowjetische Regierung den Millionen geflüchteter Russen die Staatsbürgerschaft entzog. (582)

In gewissen Sinne bedeutet die Verwandlung der Flüchtlinge in Staatenlose, (...), als nicht mehr einzelne, verfolgte Individuen über die Grenze kamen, sondern ganze Volkssplitter, den Zusammenbruch des Asylrechts. (583)

Die Liga [für Menschenrechte] die trotz gelegentlicher revolutionärer Töne ganz in den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts befangen blieb, hat niemals auch nur zur Kenntnis genommen, dass ihre Klientel nach 1920 nicht mehe aus Individuen bestand, die für diese oder jene politische Überzeugung verfolgt wurden. (...) Zudem konnte die Tatsache, dass eine Wohltätigkeitsorganisation sich des Asylrechts und der Menschenrechte annahm, diese Ideen nur noch mehr diskreditieren. (584 - Anmerkung 22)

Das Asylrecht gerät also dauernd mit den internationalen Rechten der Staaten in Konflikt, (...) (585)

Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten staatenlose Emigranten genau wie alle anderen behandelten, hat nichts mit Asylrecht zu tun, sondern damit, dass Amerika die Gesetzgebung eines Einwanderungslandes hat und in jedem Neuankömmling den zukünftigen Bürger begrüßte. (586 - Anmerkung 26)

Zur Zeit der Envian-Konferenz im Jahre 1938 gab es (...) ein Million Juden in Polen, die der polnische Außenminister als für Polen überzählig, also potentiell staatenlos erklärt hatte, und ein nicht abschätzbare Zahl rumänischer Juden, die plötzlich von der rumänischen Regierung als naturalisierte Bürger betrachtet wurden, die man also jederzeit in beliebiger Anzahl denaturalisieren und staatenlos machen konnte;
(...) ganze Gruppen von Flüchtlingen freiwillig aus dem Staatsverband ausschieden, um über alle nationalen Grenzen hinweg sich an ideologischen Kämpfen in gleich welchen Ländern zu beteiligen uns sich so von Armeen fremder Länder anwerben zu lassen. Dies, und nicht die Angst vor dem Kommunismus, war der Grund, warum die internationale Brigade im spanischen Bürgerkrieg so sehr in Schrecken versetzte. (589)

Für den Staatenlosen, im Gegensatz um Immigranten und Heimatlosen, war gerade die Zähigkeit, mit der er an seine Nationalität festhielt, bezeichnend. (590)

Der Nationalstaat kann auf das Recht der Ausweisung schon darum nicht verzichten, weil er im Prinzip überhaupt nur aufgrund dieses Rechts Fremde auf sein Territorium lässt. (592)

Alle Versuche, dem Staatenlosen durch ein international garantiertes Statut zu helfen, sind vorläufig daran gescheitert, dass kein internationaler Status das Territorium ersetzen kann, auf das man einen unverwünschten Ausländer abschiebt. (593)

Als Verbrecher kann selbst der Staatenlos den Gesetzesschutz erlangen, der in allen zivilisierten Ländern den Strafvollzug regelt: Wenn er sich gegen das Gesetz, das ihn verfolgte, solange er unschuldig war, vergeht, wird plötzlich das Gesetz sich seiner wieder annehmen. (...)
Der gleiche Mann, der gestern noch im Gefängnis saß, nur weil er überhaupt auf der Welt war, der vollkommen rechtlos war, dauernd vor der Deportation zitterte oder vor dem Internierungslager, ist plötzlich im Genuß aller bürgerlichen Rechte, nur weil er sich endlich wirklich etwas hat zuschulden kommen lassen. (595)

In Nazideutschland hatten die Nürnberger Gesetze mit ihrer Scheidung zwischen Reichsbürgern (Vollbürgern) und Staatsangehörigen (Bürgern zweiter Klasse ohne politischen Rechte) den Weg für eine Entwicklung freigelegt, in der schließlich alle Staatsangehörigen artfremden Blutes ihre Staatsangehörigkeit auf dem Verordnungsweg verlieren konnten. (598)

Die Flüchtlinge und Staatenlosen sind seit den Friedensverträgen von 1919 und 1920 wie der Fluch, der sich an alle neuen, im Bild des Nationalstaates errichteten Staaten der Erde heftet. (601)

Da die Menschenrechte als unabdingbar und unveräußerlich proklamiert wurden, so das ihre Gültigkeit sich auf kein anderes Gesetz oder Recht berufen konnte, sie vielmehr axiomatisch allen anderen zugrunde gelegt werden sollten, bedurfte es anscheinend auch keiner Autorität, um sie zu etablieren. (...)
So schien es eigentlich fast selbstverständlich, dass diese beiden Dinge: Volkssouveränität und Menschenrechte, einander bedingten und sich gegenseitig garantieren. (603)

Die Paradoxie, die von Anfang an in dem Begriff der unveräußerbaren Menschenrechte lag, war, dass dieses Recht mit einem Menschen überhaupt rechnete, den es nirgends gab (...).
Nur die emanzipierte Souveränität des Volkswillens, und zwar des eigenen Volkes, schien imstande, die Menschenrechte zu verwirklichen. Insofern die Französische Revolution die Menschheit als eine Familie von Nationen begriff, richtete sich der Begriff des Menschen, der den Menschenrechten zugrunde lag, nach dem Volk und nicht nach dem Individuum. (604-605)

Nun stellte sich plötzlich heraus, dass in dem Augenblick, in dem Menschen sich nicht mehr des Schutzes einer Regierung erfreuen, keine Staatsbürgerrechte mehr genießen und daher auf das Minimum an Recht verweisen sind, das ihnen angeblich eingeboren ist, es niemanden gab, der ihnen dies Recht garantieren konnte, und keine staatliche oder zwischenstaatliche Autorität bereit war, es zu beschützen. (605)

(...) so verlangten kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 75 Prozent der im italienischen Tirol ansässigen deutschen Minderheit, nach Deutschland repatriiert zu werden, und genau die gleichen Forderung einer gleichsam freiwilligen Deportation erhob der deutsche Volkssplitter in Jugoslawien, der seit dem 14. Jahrhundert unter dem slowenischen Volksstamm gesiedelt hatte, um im 20. Jahrhundert plötzlich zu entdecken, dass er hier gerade nicht zu Hause sei; (...)
Worum es in Wahrheit geht, ist, dass keine dieser Menschengrupppen ihrer elementaren Menschenrechte sicher sein kann, wo diese nicht von einem Staate geschützt sind, dessen Oberhoheit man durch Geburt und internationale Zugehörigkeit untersteht. (...)
Nicht eine einzige Gruppe von Flüchtlingen ist je auf die Idee gekommen, an die Menschenrechte zu appellieren; wo immer sie sich organisierten, haben sie für ihre Rechte als Polen oder als Juden oder als Deutsche gekämpft. (606-607)

Das Asylrecht setzte voraus, dass der Verfolgte etwas getan hatte, was im Asyllande nicht außerhalb des Gesetztes lag; (...) Das Asylrecht setzte ferner voraus, dass der Flüchtling wirklich und nachweisbar etwas getan hatte, womit er sich gegen die gerade geltenden Gesetze seine Landes vergangen hatte. (..) Die modernen Flüchtlinge sind nicht verfolgt, weil sie dies oder jenes getan oder gedacht hätten, sondern aufgrund dessen, was sie unabänderlicherweise von Geburt sind hineingeboren in die falsche Rasse oder die falsche Klasse oder von der falschen Regierung zu den Fahnen geholt (wie im Falle der spanischen republikanischen Armee). (609-610)

Die Nazis haben mit der ihnen eigenen Gründlichkeit im Falle der Juden einen solchen langwierigen Prozess der Präparierung für die Ausrottung von Menschen aller Welt vordemonstriert; er begann mit der Erklärung, dass Juden Staatsbürger zweiter Klasse sind, ging über den Entzug der Staatsbürgerschaft auf dem Wege der Deportation in die Ghettos und Konzentrationslager, von wo sie nochmals, nun bereits als absolut Rechtlose, aller Welt öffentlich angeboten wurden, um zu sehen, ob sich einer fände, der sie reklamiere; erst als ihre Überflüssigkeit oder Standlosigkeit in der gesamten Menschenwelt als erwiesen gelten konnte, ging man dazu über, sie auszurotten. Mit anderen Worten, das Recht auf Leben wird erst in Frage gestellt, wenn die absolute Rechtlosigkeit (...) eine vollendete Tatsache ist. (612)

Zu solchen lebenden Leichnamen machte die Sowjetunion die Millionen von Flüchtlingen aus Russland in den zwanziger Jahren, deren einziges Verbrechen darin bestanden hatte, zufällig in die falsche Klasse hineingeboren zu sein, und das gleiche tat Nazideutschland, als es die Juden zu Feinden erklärte, ohne ihnen Gelegenheit geben zu haben, selber Partei zu ergreifen. (614)

Dass man in der Formulierung der Menschenrechte gerade auch die Freiheit für ein angeborenes Recht erklärte, ist nur der letzte Rest dieser Theorie [als wären Menschen entweder als Freie oder als Sklaven geboren]; die angeborene Freiheit wurde nun auf jedermann, selbst auf Sklaven, erstreckt, und man übersah, dass beides, Freiheit wie Unfreiheit, ein Produkt menschlichen Handelns ist und mit der Natur gar nichts zu tun hat. (615)

(...) das, was macht, dass ein Mensch ein Mensch ist, und was die Philosophie des 18. Jahrhunderts die Menschenwürde nannte, kann er nur verlieren, wenn man ihn aus der Menschheit überhaupt, und das heißt konkret aus jegliche politischen Gemeinschaft, entfernt. (616)

Schon die Terminologie der Déclaration des Droits de i'Homme (...), die von unabdingbaren unveräußerlichen, angeborenen Rechten und axiomatischen Wahrheiten sprechen, beinhaltet den Glauben an eine Natur des Menschen, (...).
Die Natur selbst ist uns unheimlich geworden, seit ein tieferes Wissen von natürlichen Vorgängen gerade den Zweifel an der Existenz von Naturgesetzen überhaupt gezeitigt hat. (...)
Der Mensch des 20. Jahrhunderts hat sich von der Natur genauso emanzipiert wie der Mensch des 18. Jahrhunderts von der Geschichte. (617)

Denn entgegen allen noch so gutwilligen humanitären Versuchen, neue Erklärungen von Menschenrechten von internationalen Körperschaften zu erlangen, muss man begreifen, dass das internationale Recht mit diesem Gedanken seine gegenwärtige Sphäre überschreitet, nämlich die Sphäre, die über den Nationen stünde, gibt es vorläufig nicht. Auch würde sich diese Kalamität keineswegs durch die Errichtung einer Weltregierung ändern. (...) (618)

Denn es ist durchaus denkbar und liegt sogar im Bereich praktisch politischer Möglichkeiten, dass eines Tages ein bis ins letzte durchorganisiertes, mechanisiertes Menschengeschlecht auf höchst demokratische Weise, nämlich durch Majoritätsbeschluss, entscheidet, dass es für die Menschheit im ganzen besser ist, gewisse Teile derselben zu liquidieren. (618)

Die einzige Rechtsquelle, die bleibt, wenn die Gesetzte der Natur wie die Gebote Gottes nicht mehr gelten sollen, scheint in der Tat die Nation zu sein; aus der Nation also, und nirgendwo sonst, entspringen Rechte, sicher nicht aus Robespierrres Menscheit, dem Souverän der Erde. (619)

Gleichheit ist nicht gegeben, und als Gleiche nur sind wir das Produkt menschlichen Handelns. Gleiche werden wir als Glieder einer Gruppe, in der wir uns kraft unserer eigenen Entscheidungen gleiche Rechte gegenseitig garantieren. (622)

Sie sind, nachdem sie aufgehört haben, als Deutsche oder Russen oder Armenier oder Griechen anerkannt zu sein, nichts als Menschen; jedoch sofern sie von aller Teilhabe an der von Menschen errichteten und von ihren Künsten ersonnen Welt ausgeschaltet sind, besagt dies Menschsein nicht mehr, als dass sie dem Menschengeschlecht in der gleichen Weise zugehören wie Tiere der von ihnen vorgezeichneten Tierart. (623)

Es ist die alte Vogelfreiheit, welche die Staatenlosigkeit heute über die Flüchtlinge in aller Welt verhängt, nur dass die alte Voraussetzung, dass Vogelfreiheit Folge einer Handlung ist, mit der sich der Betroffene selbst und freiwillig aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen hat, nicht mehr zutrifft. (624)

Es ist, als ob eine globale, durchgängig verwebte zivilisatorische Welt Barbaren aus sich selbst heraus produzierte, indem sie in einem inneren Zerstörungsprozess ungezählte Millionen von Menschen in Lebensumstände stößt, die essentiell die gleichen sind wie die wilder Volksstämme oder außerhalb aller Zivilisation lebender Barbaren. (625)

III Totale Herrschaft

Zu den schätzungsweise 9-12 Millionen Opfer des ersten Fünfjahresplans (1928-1933) muss man noch die Opfer der Großen Säuberung hinzuzählen: 3 Millionen wurden schätzungsweise hingerichtet, 5-9 Millionen deportiert. (439)

Darüber hinaus beweisen die Maßnahmen, die Stalin 1928, als er die Partei fast restlos kontrollierte, bei der Einführung des des Fünfjahresplans ergriff, dass die Umwandlung der Klassen in Massen und die damit einhergehende Beseitigung jeder Gruppensolidarität die conditio sine qua non totaler Herrschaft ist. (643

(...) dass diese in grotesken Maß amorphe Struktur durch dasselbe Führerprinzip, den sogenannten Personenkult, zusammengehalten wurde wie in Nazideutschland; (644)

Der Terror hatte keine der behaupteten Wirkungen. Die Ergebnisse (...) sind weder Fortschritt noch rapide Industrialisierung, sondern Hungersnot, chaotische Zustände in der Nahrungsmittelerzeugung und Entvölkerung. (646)

Denn augenscheinlich muss, wer die ganze Erde als sein künftiges Territorium betrachtet, das Gewicht auf das Instrument der innenpolitischen Gewaltausübung legen und das eroberte Territorium betrachtet, das Gewicht auf das Instrument der innenpolitischen Gewaltausübung legen und das eroberte Territorium weniger mit den Methoden und dem Personal der Armee als mit denen der Polizei zu regieren suchen. (649)

Die baltischen Staaten wurden der Sowjetunion direkt einverleibt und fuhren erheblich schlechter dabei als die Satelliten: über eine halbe Million Menschen wurde aus den drei kleinen Ländern deportiert, und ein riesiger Zustrom russischer Siedler brachte die einheimische Bevölkerung in Gefahr, in ihren eigenen Ländern zur Minderheit herabzusinken. (653)

Das dramatischste neue Element in dieser letzten Säuberung, die Stalin in den letzten Jahren seines Lebens plante, war ein entscheidender ideologischer Umschwung: die Einführung einer jüdischen Weltverschwörung. (...), hielt sich immer enger an das nazistische Vorbild einer jüdischen Weltverschwörung im Sinne der Weisen von Zion. (655)

Totale Herrschaft ist ohne Massenbewegung und ohne Unterstützung durch die von ihr terrorisierten Massen nicht möglich. (658)

So haben die antiparlamentarischen und halbfaschistischen, halbtotalitären Bewegungen, die nach dem Ersten Weltkrieg ganz Zentral-, Süd- und Osteuropa überfluteten, doch nur in Deutschland und in Russland, den bevölkerungsstärksten Ländern des Kontinent, zu totalitären Regimen geführt, und selbst Mussolini, der das Wort totalen Staat zum ersten mal gebrauchte, musste sich mit der Diktatur eines Einparteienstaates begnügen, die sich nicht wesentlich von den ebenfalls nichttotalitären Militärdiktaturen in Rumänien, Polen, den baltischen Staaaten, Ungarn, Portugal und schließlich Spanien unterscheidet. (663-664)

Es war charakteristisch für den Aufstieg der totalitären Bewegungen in Europa, der faschistischen wie der kommunistischen, dass sie ihre Mitglieder aus der Masse jener scheinbar politisch ganz uninteressierten Gruppen rekrutierten, welche von allen anderen Parteien als zu dumm oder zu apathisch aufgegeben worden waren. (668)

Die Bewegungen bewiesen, dass politisch neutrale und indifferente Massen die Mehrheit der Bevölkerung auch in einer Demokratie bilden können und dass es also demokratisch regierte Staaten gibt, die zwar im Sinne des Mehrheitsprinzips funktionieren, in denen aber dennoch nur eine Minderheit herrscht oder überhaupt politisch repräsentiert ist. (670)

Gerade Gleichheit vor dem Gesetz kann es nur für Ungleiche, als, politisch gesprochen, nur für Menschen geben, die entweder von Geburt oder durch ihren Beruf oder durch ihren politischen Willen sich in Gruppen scheiden und differenzieren. (671)

Mit dem Wegfall der Klassenstrukturen verwandelten sich die potentiellen, apathischen Mehrheiten, die bisher hinter jeder Partei gestanden hatten, in eine unorganisierte, unstrukturierte Masse verzweifelter und hasserfüllter Individuen, (...). (677)

Die Masse verzweifelter und ressentimentgefüllter Individuen wuchs sehr rasch nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Österreich, wo Inflation und Arbeitslosigkeit in kurzen Abständen der militärischen Niederlage und ihren Konsequenzen gefolgt waren; (678)

Selbstlosigkeit, nicht als Güte, sonder als Gefühl, dass es auf einen selbst nicht ankommt, dass das eigene Selbst jederzeit und überall durch ein anderes ersetzt werden kann, wurde ein allgemeines Massenphänomen, (...). (679)

Denn die Anziehungskraft der Massenbewegungen wirkte auf die europäische Bildungsaristokratie mindestens ebenso stark wie auf alle anderen Schichten der Bevölkerung; (681)

Das Hauptmerkmal der Individuen in einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sonder Kontaktlosigkeit und Entwurzeltsein. (682)

Die Nationalsozialistische Partei, die in ihren Anfängen fast ausschließlich aus gescheiterten Existenzen und Abenteurern, denen das bürgerliche Leben zu langweilig war, bestand, (...). (683)

In wenigen Jahren verschwanden alle Reste kommunaler oder anderer Selbstverwaltung, und um 1930 war Russland von dem Parteiapparat in Moskau so zentralisiert wie unter dem Zaren; (...)
die Enteignung der sogenannten Kulaken (und Kulaken waren Ende der zwanziger Jahre die Mehrzahl der russischen Bauern) und die Kollektivierung der Landwirtschaft wurden mit Hilfe einer künstlich erzeugten Hungersnot und von Massendeportationen durchgeführt, die in einem einzigen Jahr in der Ukraine allein acht Millionen Menschenleben kosteten, wobei die Deportierten noch nicht einmal mitgezählt sind. (689)

Man schätzt, dass Russland in vier Jahren Kriege zwischen 12 und 21 Millionen Menschen verloren hat. (Anmerkung 24, S. 698)

Das in der Revolution geborene Klassenbewusstsein der Bauernschaft war erst einmal wieder ausgerottet. (690)

Ohne Besitz und ohne jede Möglichkeit, die Macht wirklich zu ergreifen, haben die Arbeiter es auch im vorstalinistischen Russland niemals auch nur bis zur herrschenden, geschweige denn zur regierenden Klasse gebracht. Die herrschende Klasse war natürlich die Bürokratie und die mit ihr aufs engste verbundene Intelligenzija, (...)
Der Prozess der Liquidation der Arbeiterklasse ging langsamer und unblutiger vor sich als der der Bauernschaft; er war 1938 an sein Ende gelangt, als die Einführung des Arbeitsbuches, ohne welches kein Arbeiter mehr in Russland arbeiten oder reisen oder Lebensmittel beziehen kann und in dem alle Einzelheiten seiner Berufstätigkeit vermerkte werden, die gesamte Arbeiterschaft in eine einzige gigantische Zwangsarbeiterschaft verwandelte, der alle Freiheiten kollektiv entzogen worden waren. Von nun an dienten die Gewerkschaften, die Lenin als vom Staate und der Parteibürokratie unabhängige Organe aufgebaut hatte, dazu, die Arbeiter zu bespitzeln und anzutreiben, die festgesetzten Normen zu erfüllen. (691)

(...) Moskauer Prozesse im Jahre 1936, in denen den Überlebenden der Oktoberrevolution der Prozess gemacht wurde. (...) nahezu die Hälfte des gesamten Verwaltungsapparates der Partei wie aller anderen Instanzen wurde auf die Straße gesetzt, fünfzig Prozent aller Parteimitglieder und mindestens acht Millionen Menschen, die nicht Parteimitglieder waren, wurden liquidiert - das heißt entweder in die Konzentrationslager abgeschleppt oder direkt erschossen. (692)

Die russischen Säuberungsprozesse, die der Klassen- und Gruppenliquiditierung unweigerlich vorangehen, dienen dem Zweck nicht nur eine strukturlose klassenlose Gesellschaft sondern eine atomisierte Massengesellschaft herzustellen. (...)
Sobald gegen jemand Anklage erhoben wird, müssen sich sein Freund über Nacht in seine erbittertsten und gefährlichsten Feinde verwandeln, weil sie dadurch, dass sie ihn denunzieren und dabei helfen, das Aktenstück der Polizei und der Staatsanwaltschaft gehörig anzureichern, sich ihrer eigenen Haut erwähren können. (...) Während der großen Säuberungswelle gibt es überhaupt nur ein Mittel, die eigene Zuverlässigkeit zu beweisen, und das ist die Denunziation seiner Freunde. (696)

Die totalitären Bewegungen sind Massenorganisationen atomisierter und isolierter Individuen, von denen sie eine, verglichen mit andern Parteien und Bewegungen, unerhörte Ergebenheit und Treue verlangen und erhalten können. (697)

Totale Treue ist eine der wesentlichen psychologischen Grundlagen für das Funktionieren der Bewegung. Und sie wiederum kann nur von absolut isolierten Individuen geleistet werden, deren Bindung weder an die eigenen Familie noch an Freund, Kameraden oder Bekannte einen gesicherten platz in der Welt garantiert. (698)

In Himmlers schlagender Formulierung des Spruches für die SS "Meine Ehre heißt Treue" kommt eine Mentaliät zum Ausdruck, die für den Nazismus wie für den Bolschewismus gleich charakteristisch ist; während die Ehre eines Menschen sonst in dem Begründet ist, dem er die Treue hälat, ist hier die Treue selbst, in abstraktester Gehaltlosigkeit und gerade darum ein einem nicht überbietbaren Fanatismus, zu dem gemacht, was jeden einzelnen überhaupt zusammen - und in der Welt hält. (700)

Die totale Herrschaft gibt sich niemals damit zufrieden, von außen, durch den Staat und einen Gewaltapparat, zu herrschen; in der ihr eigentümlichen Ideologie und der Rolle, die ihr in dem Zwangsapparat zugeteilt ist, hat die totale Herrschaft ein Mittel entdeckt, Menschen von innen her zu beherrschen und zu terrorisieren. (...)
Ohne den Führer sind die Massen ein Haufen, ohne die Massen ist der Führer ein Nichts. (701)

Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver, so drückte er nur die Stimmung, mit der die Frontgeneration bereits in den Krieg gezogen war, auf seine Weise aus. (705)

(...) in der Zeit zwischen den beiden Kriegen war es von sehr viel größerer Bedeutung, zu den Generationen der Schützengräben auf ganz gleich welcher Seite gehört zu haben, als ein Deutscher oder ein Franzose zu sein. Die Nazis haben ihre ganze europäische Propaganda um diese Schicksalsgemeinschaft zentriert und mit ihr die Sympathien einer sehr großen Anzahl von Kriegerverbänden in allen europäischen Ländern gewonnen (...). (708)

Der Aktivismus der totalitären Bewegungen äußert sich vor allem in der ausgesprochenen Vorliebe für terroristische Aktionen, die allen anderen Arten politischen Handelns als überlegen gelten. (711)

(...) war der Anspruch der totalitären Bewegungen, die Trennung zwischen privaten und öffentlichem Leben aufgehoben und eine mysteriöse irrationale Ganzheit im Menschen wiederhergestellt zu haben. (718)

Den Himmler, der nach 1936 potentiell mächtigste Mann Deutschlands, gehörte weder zu den bewaffneten Bohemiens (...) noch eigentlich zum Pöbel. Der Organisator der Vernichtungsfabriken war normaler als irgendeiner der ursprünglichen Führer der Nazibewegung, war ein Spießer (...).
Der Spießer ist der Bourgeois in seiner Isolierung, in seiner Verlassenheit von der eigenen Klasse. Als solcher, als ein atomisiertes Individuum, entstand er in Massen erst durch den Zusammenbruch der Bourgeoisie als Klasse. Der Massenmensch, den Himmlers Organisationskünste unschwer zum Funktionär und willigen Komplizen der größten Verbrechen, welche die Geschichte kennt, machten, trug deutlich die Züge des Spießers, nicht die Züge des Mobs; (722-723)

Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft. (723)

Totale Beherrschung kann frei Initiative in keinem Lebensbereich erlauben, weil sie kein handeln zulassen dar, das nicht absolut voraussehbar ist. (724)

11 Die totalitäre Bewegung

Auf die Mob- und Eliteelemente der Gesellschaft üben die totalitären Bewegungen eine Anziehungskraft aus, die von Propaganda nahezu unabhängig ist und vor allem jener Trieb- und Schwungkraft ihre Wirkung verdankt, die zu versprechen scheint, alles Bestehende ein einem Sturm von Umwälzungen und Terror hinwegzufegen. Massen hingegen können nur durch Propaganda gewonnen werden. (726)

(...) Terror bleibt grundsätzlich die Herrschaftsform totalitärer Regierungen, wenn seine psychologischen Ziele längst erreicht sind; (...). Wo immer Terror seine Perfektion erreicht hat, wie in den Konzentrationslagern, verschwindet Propaganda völlig; (731)

Die Bolschewisten lassen angeblich nur die Millionen in Arbeitslagern verrecken, die vorher bereits abgestorben waren, während die Nazis nur diejenigen in die Gaskammern schickten, die es nach den ewigen Gesetzen der Natur gar nicht hätte geben dürfen. (733)

Für sie [die totalitären Bewegungen] ist vielmehr nur die eigentümliche Form wichtig, in welche alle Ideologien ihre Aussagen einkleiden, die Form der unfehlbaren, allwissenden Voraussage. (740)

Die mitteleuropäischen Juden assimilierten sich nach dem Ersten Weltkrieg mit der gleichen Rapidität wie die französischen Juden in den ersten zwei Jahrzehnten der Dritten Republik. (751)

(...); der Staat war Hitler zufolge nur ein Mittel zum Zweck der Erhaltung der Rasse - genauso wie der Staat bolschewistischer Propaganda zufolge nur ein Instrument des Klassenkampfes ist. (756)

Die Fiktion einer gegenwärtigen jüdischen Weltherrschaft bildete die Grundlage für die Illusion einer zukünftigen deutschen Weltherrschaft. (759)

Was sie [totalitäre Führer] auszeichnet, ist die unbeirrbare Sicherheit, mit der sie sich aus bestehenden Ideologien die Elemente heraussuchen, die sie für die Etablierung einer den Tatsachen entgegengesetzten, ganz und gar fiktiven Welt eignen. (762-763)

Totalitäre Propaganda ist keine Propaganda im üblichen Sinn und kann daher nicht durch Gegenpropaganda widerlegt oder bekämpft werden. Sie ist Teil der totalitären Welt und wird nur mit ihr zusammen vernichtet. (...)
Mit dem Zusammenbruch ihrer fiktiven Heimat kehren die Massen wieder in die Welt zurück, vor deren Realität die Bewegung sie geschützt hatte, (...), und übernehmen entweder neue Aufgaben in einer veränderten Welt oder fallen in die verzweifelte Überflüssigkeit zurück, von der die Fiktion sie für einen Moment erlöst hatte. (...)
In aller Stille, als handele es sich um nichts als einen dummen Reinfall, werden sie ihre Vergangenheit aufgeben und, wenn es not tut, verleugnen, sich nach einer neuen vielversprechenden Fiktion umsehen oder warten, bis die alte Ideologie wieder an Stärke gewinnt und einen neue Massenbewegung ins Leben ruft. (765)

Einfügung immer neuer Schichten mit erneuten Radikalitätsstufen ist möglich und verhinder das Erstarren des Parteiapparats durch Bürokratisierung. Man könnte die ganze Geschichte der Nazipartei in der Geschichte von Neuformationen innerhalb der Bewegung darstellen. Die SA, 1922 gegründet, war die erste Formation, die bestimmt war, radikaler zu sein als die Partei selbst, Die SS wurde im Jahre 1926 als Eliteformation, das heißt als militärischer Flügel der SA, gegründet. (774)

Im Zentrum der Bewegung, als der Motor gleichsam, der sie in Bewegung setzt, sitzt der Führer. Er lebt innerhalb eines intimen Kreises von Eingeweihten, die ihn von den Eliteformationen trennen und um ihn eine undruchdringliche Aura des Geheimnisses verbreiten, (...). (784)

Die bolschewistische Bewegung in ihrer totalitären Entwicklung nahm ihren Ausgang von einer revolutionären Partei, die mit Hilfe der Eliteformationen - der Agenten der Geheimpolizei und des konspirativen Apparats - in eine Massenorganisation verwandelt wurde. (798)

Dass totalitäre Regierungen die Polizei, und nicht die Armee, als ihre zuverlässigsten Stützen betrachten und sie zu dem eigentlichen Sitz der Gewalt ausgestalten, (...). (799)

(...) die alte Einteilung Deutschlands in Provinzen und Bundesstaaten nicht einfach abgeschafft, sonder durch die Einteilung in Gaue überlagert wurde, wobei die Grenzen noch nicht einmal miteinander übereinstimmten, so das jeder beliebige Ort des Reiches selbst geographisch zwei diametral verschiedenen Verwaltungsinstanzen unterstellt war. (828)

Vergleicht man den totalen Herrschaftsapparat mit einem der vielen uns aus der Geschichte bekannten Staatsapparate, so kann man ihn nur als strukturlos bezeichnen. (832)

So viel die territoriale Zuständigkeit der SA weder mit den Gauen noch mit den Provinzen zusammen und war außerdem nochmals von derjenigen der SS geschieden; zu den SA- und SS-Territorien trat dann noch die Zone, die für die Hitlerjugend maßgebend war und die mit keiner der erwähnten Einteilungen zusammenfiel. (...)
Der Einwohner des Dritten Reiches lebte nicht nur unter den gleichzeitigen und zumeist miteinander konkurrierenden Instanzen von Partei uns Staat, von SA und SS, von SS und Sicherheitsdienst, er wusste niemals im gegebenen Augenblick, welche dieser Instanzen gerade die Fassade und welche die wirkliche Macht repräsentierte. (833)

Macht beginnt immer dort, wo die Öffentlichkeit aufhört. (840)

Was immer wir von der Hitler- und der Stalin-Diktatur wissen, deutet darauf hin, dass die Isolierung und Atomisierung, welche der totalen Herrschaft ihre Massenbasis verschaffen, sich bis in die Spitze der Führung fortsetzen und dass der Führer auch im intimsten Kreise niemals als ein Primus inter pares auftritt. (846)

Gerade das Fehlen einer Clique hat die Frage der Nachfolgeschaft in totalitären Regimen zu einem so schwierigen Problem gemacht. (848)

Die außerordentlichen Einbußen an Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten, welche das System totaler Herrschaft unweigerlich zur Folge hat, haben sich in Nazideutschland erheblich weniger fühlbar gemacht, weil die zwölf Jahre, die das tausendjährige Reich dauerte, nicht genügten, um mit der großen deutschen Arbeits- und Leistungstradtion fertig zu werden. (851)

Weil die totale Herrschaft ein völlig neues Macht- und Realitätsprinzip in das Leben der Völker geworfen hat, ist es dem an der Vergangenheit geschulten gesunden Menschenverstand der nichttotalitären Welt noch nicht einmal möglich, die objektive Stärke dieser neuen Gebilde zu beurteilen oder zu berechnen. (867)

Alle wirklichen Machtpositionen liegen in den Institutionen der Bewegung, außerhalb des Staats- und Militärapparats. (...)
In totalitär regierten Ländern wird der Staat zu der Fassade, die das Land nach außen in der nichttotalitären Welt repräsentiert. (...)
Die einzige Institution, in der Staatsmacht und Parteiapparatur zusammenzufallen scheinen und die gerade darum sich als das eigentliche Machtzentrum im totalitären Herrschaftsapparat entpuppt, ist die Geheimpolizei. (869)

Der spezifisch totalitäre Terror und die eigentliche Herrschaft der Geheimpolizei beginne erst, wenn eine solche Opposition nicht mehr vorhanden ist. (872)

Das die Bewegung ohnehin eine Massenbewegung ist, sind Denunziation aus der Bevölkerung in der ersten Phase sehr viel häufiger als Berichte von Geheimagenten, so dass der Nachbar sich bald gefährlicher erweist als die Polizei. (874)

Es ist einer der wesentlichen Unterschied zwischen dem deutschen und dem russischen Konzentrationslagersystem, dass die Arbeitskraft der Häftlinge von den Nazis aus ideologischen Gründen nicht ausgebeutet wurde. Arbeit in den Lagern war ein wesentlicher Bestandteil der Folterung und durfte gerade darum nicht zweckhaft sein. Erst in de letzten Jahren des Krieges (...) änderte sich dies. (889)

Im Sinne rationaler wirtschaftlichen Denkens sind Geheimpolizei wie Sklavenarbeit überflüssig und ihre ökonomische Leistung mehr als fragwürdig. (891)

Es sieht aus, als schaffe eine die ganze Nation erfassende Säuberungswelle alle zehn Jahre Platz für eine neue, auf Posten hungrige Generation. (894)

Dies erreichte das Naziregime gleich zu Beginn durch die Beseitigung der Juden und die dadurch geschaffenen Aufstiegsmöglichkeiten für Nichtjuden. (895)

Nur Verbrecher kann man bestrafen, Unverwünschte und Lebensuntaugliche lässt man von der Erdoberfläche verschwinden, als hätte es sie nie gegeben; (898)

Der moderne Traum der technisierten Polizei unter totalitären Bedingungen ist ungleich furchtbarer; sie träumt davon, mit einem Blick auf die Riesenkarte an der Bürowand ausfindig machen zu können, wer zu wem Beziehungen hat; er ist nur etwas schwierig in seiner technischen Ausführbarkeit. (...)
Die russische Geheimpolizei ist, wenn man den Berichten verhafteter NKWD-Beamten trauen dar, diesem Ideal totaler Herrschaft bereits recht nahe gekommen. Die Polizei besitzt geheime Aktenstücke von jedem Einwohner des Riesenreiches; in diesen sind vor allem die vielfältigen Beziehungen, die zwischen Menschen existieren, von der zufälligen Bekanntschaft über wirkliche Freundschaften zu den Familienbeziehungen, sorgfältig notiert. (899)

Die Bevölkerung muss daran gewöhnt werden, dass der Verhaftete aus der Welt der Lebenden nicht nur so verschwindet, als wäre er gestorben, sonder als hätte es ihn nie gegeben. (900)

Die Konzentrationslager

Die Konzentrations- und Vernichtungslager dienen dem totalen Herrschaftsapparat als Laboratorien, in denen experimentiert wird, ob der fundamentale Herrschaftsanspruch der totalitären Systeme, dass Menschen total beherrschbar, zutreffend ist. Hier handelt es sich darum, festzustellen, was überhaupt möglich ist, und den Beweis dafür zu erbringen, dass schlechthin alles möglich ist. (907)

Die Lager dienen nicht nur der Ausrottung von Menschen und der Erniedrigung von Indivduen, sondern auch dem ungeheuerlichen Experiment, unter wissenschaftlich exakten Bedingungen Spontaneität als menschliche Verhaltungsweise abzuschaffen und Menschen in ein Ding zu verwandeln, das unter gleichen Bedingungen sich immer gleich verhalten wird, (...). (908)

(...) was die Nazis schon immer gewusst haben; dass es nämlich, ist man zum Verbrechen entschlossen, zweckmäßig ist, Verbrechen in allergrößten, allerunwahrscheinlichsten Maßstabe zu inszenieren. (909)

Nicht einmal Konzentrationslager sind eine Erfindung totalitärer Bewegungen. Sie tauchen zum ersten Mal zu Beginn des Jahrhunderts im Burenkrieg auf und sind dann weiterhin in Südafrika, wie in Indien für unerwünschte Elemente benutzt worden; (911)

Was soll man mit dem Begriff des Mordes anfangen, wenn man mit der Fabrikation von Leichen konfrontiert ist? (912)

Die Nazis mit der ihnen eigentümlichen Präzision pflegten die Konzentrationslager-Operationen unter der Rubrik Nacht und Nebel zu verbuchen. Die Radikalität dieser Maßnahmen, Menschen so zu behandeln, als ob es sie nie gegeben hätte, sie im wörtlichen Sinne verschwinden zu lassen, ist oft auf den ersten Blick nicht ersichtlich, (...).
Der Mord geschieht hier ganz ohne Ansehen der Person; er kommt dem Zerdrücken einer Mücke gleich. (915)

Nirgends sind bisher Konzentrationslager um der möglichen Arbeitsleistung willen eingerichtet worden; ihre einzige ökonomische Funktion war und ist die Finanzierung des sie bewachenden Apparats, und das heißt: ökonomisch sind die Konzentrationslager um ihrer selbst willen da. (917)

Die Unglaubwürdigkeit der Greuel hängt aufs engste mit ihrer ökonomischen Zwecklosigkeit zusammen. (918)

Andererseits ist gerade das, was auf die Alliierten so empörend wirkte und das Grauen der Filme ausmachte, nämlich die zu Skeletten abgemagerten Menschen, für die deutschen Konzentrationslager nicht typisch gewesen; Vernichtung wurde systematisch durch Gas, nicht durch Verhungern betrieben. Der Zustand der Lager war eine Folge der Kriegsereignisse in den letzten Monaten. (Anmerkung 122 S. 920)

Der irrsinnigen Massenfabrikation von Leichen geht die historische und politisch verständliche Präparation von Leichname voran. (921)

Der Aufstieg des Verbrechers in die Aristokratie der Lager ähnelt auffallend der Verbesserung, die in der juristischen Lage der Staatenlosen, welche ja auch ihre bürgerlichen Rechte verloren haben, eintritt, sobald sie sich zu einem Diebstahl entschließen. (923)

Worauf es ankommt, ist, dass bei den Verbrechern und den Politischen die Zerstörung der juristischen Person nicht voll gelingen kann, weil sie wissen, warum sie dort sind. (924)

Die Gaskammern waren von vorneherein weder als Abschreckungs- noch als Strafmaßnahme gedacht; (...), und sie dienten letztlich dem Beweis, dass Menschen überhaupt überflüssig sind. (926)

Sterben konnte man immer für seine Überzeugungen. Indem die Konzentrationslager den Tod selbst anonym machten (...), nahmen sie dem Sterben den Sinn, des es immer hatte haben können. (930)

Die Dokumente aus der Hitlerzeit enthalten zahlreiche Zeugnisse für die durchschnittliche Normalität derer, die Hitlers Vernichtungsprogramm ausführten. (Anmerkung 138, S. 933)

(...) mit menschlichen Gesichtern ausgestattete Marionetten, die sich alle benehmen wie der Pawlowsche Hund, die alle bis in den Tod vollkommen verlässig reagieren und nur reagieren. Das ist der größte Triumph des Systems. (...) Hierin gehört auch die erstaunliche Seltenheit der Selbstmorde in den Lagern. (....) Aus dem statistischen Material für Buchenwald (...) geht hervor, dass kaum je mehr als ein halbes Prozent Todesfälle auf Selbstmord zurückzuführen war, dass oft nur zwei Selbstmordfälle pro Jahr vorkamen, obwohl in einem solchen Jahr die Gesamtzahl der Todesfälle auf 3515 zu stehen kam. (935 und Anmerkung 140)

Der Pawlowsche Hund, das auf die elementarsten Reaktionen reduzierte Exemplar der Tierspezies Mensch, das jederzeit liquidiert und durch andere, sich identisch verhaltende Reaktionsbündel abgelöst werden kann, ist das außerhalb der Lager immer nur unvollkommen verwirklichbare Modell des Bürgers eines totalitären Staates. (...)
Ohne die Lager (...) kann eine totale Herrschaft, die nirgendwo sonst in ihren radikalsten Möglichkeiten ausprobiert werden könnte, kann eine totale Herrschaft weder ihre Kerntruppen fanatisieren noch ein ganzes Volk in kompletter Apathie erhalten. (...)
Der tragische Fehlschluss dieser noch aus einer gesicherten Welt stammenden Prophezeihung lag darin, dass man glaubte, des gebe so etwas wie eine ein für allemal festgelegte Natur des Menschen, (...). (936)

Totale Macht ist zu leisten und zu gewährleisten nur, wenn es auf nichts anderes mehr ankommt als auf absolut kontrollierbare Reaktionsbereitschaft, auf restlos aller Spontaneität beraubter Marionetten. (937)

Der Versuch der totalen Herrschaft, in den Laboratorien der Konzentrationslager das Überflüssigwerden von Menschen herauszuexperimentieren, entspricht aufs genaueste den Erfahrungen moderner Massen von ihrer eigenen Überflüssigkeit in einer übervölkerten Welt und der Sinnlosigkeit dieser Welt selbst. (938)

Die ungeheure Gefahr der totalitären Erfindungen, Menschen überflüssig zu machen, ist, dass in einem Zeitalter rapiden Bevölkerungszuwachses und ständigen Anwachsens der Bodenlosigkeit und Heimatlosigkeit überall dauernd Massen von Menschen im Sinne utilitaristischer Kategorien in der Tat überflüssig werden. (942)

Die Todesstrafe wird absurd, wenn man es nicht mit Mördern zu tun hat, die wissen, was Mord ist, sonder mit Bevölkerungspolitikern, die den Millionenmord so organisieren, dass alle Beteiligten subjektiv unschuldig sind. (945)

Die Gaskammern der Dritten Reichs und die Konzentrationslager der Sowjetunion haben die Kontinuität abendländischer Geschichte unterbrochen, weil niemand im Ernst die Verantwortung für sie übernehmen kann. (946)

Die Friedhofsruhe, die nach klassischer Theorie die Thyrannis über das Land legt (...) bleibt dem totalitär regiertem Land so verwehrt wie die Ruhe überhaupt. (953)

Die Kontinuität menschlichen Zusammenlebens wird immer wieder durch das erschüttert, was wir gemeinhin die Freiheit des Menschen nennen; und das ist politisch die Geburt jedes neuen Menschen, der in dieses Zusammenleben hineingeboren wird, weil mit jeder neuen Geburt ein neuer Anfang, eine neue Freiheit, eine neue Welt anhebt. (957)

Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt (...) einzig darin, dass die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet. (958)

Der Gebrach der Ideologien als politische Waffe ist so wenig auf totalitäre Bewegungen beschränkt, wie der Gebrauch des Terrors zum Zwecke der Einschüchterung auf totale Herrschaft beschränkt ist. (962)

Ideologien in ihrem Anspruch auf totalitäre Welterklärung haben es erstens an sich, nicht das, was ist, sondern nur das, was wird, was entsteht und vergeht, zu erklären. (964)

Ideologisches Denken ist, hat es einmal seine Prämissen, seinen Ausgangspunkt, statuiert, prinzipiell von Erfahrungen unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar. (966)

Man könnte sagen, dass es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Prämisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung für das, was sich zwangsläufig einsichtig ereignen soll. (967)

Der Selbstzwang des deduzierenden Denkens, der Ideologien zu so vorzüglichen Präperationsmitteln für den Zwang von Terrorregimen macht, kommt in dem Wer A gesagt hat, muss auch B sagen vorzüglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst, uns in Widersprüche zu verwickeln und solche Widersprüche uns selbst zu verlieren. (968)

Die Tyrannei des zwangsläufigen Schlussfolgerns, die unser Verstand jederzeit über uns selbst loslassen kann, ist der innere Zwang, mit dem wir uns selbst in den äußeren Zwang des Terrors einschalten und uns an ihn gleichschalten. Das einzige Gegenprinzip gegen diesen Zwang und gegen die Angst, sich selbst im Widersprechen zu verlieren, liegt in der menschlichen Spontaneität, in unserer Fähigkeit, eine Reihe von vorne anfangen zu können. Alle Freiheit liegt in diesem Anfangenkönnen beschlossen. Über den Anfang hat keine zwangsläufige Argumentation je Gewalt, weil er aus keiner logischen Kette je ableitbar ist, ja, von allem deduzierendem Denken immer schon vorausgesetzt werden muss, um das Zwangsläufige zum Funktionieren zu bringen. Darum beruht die Argumentation des Wer A gesagt hat, muss auch B sagen auf der rücksichtslosen Ausschaltung aller Erfahrungen und alles Denkens, das von sich aus irgendwo von neuem zu erfahren und zu denken anhebt.
Wie das eiserne Band des Terrors, der aus vielen Menschen einen Menschen machen will, verhindern muss, dass mit der Geburt eines Menschen ein neuer Anfang in die Welt kommt, eine neue Welt anhebt, so soll der Selbstzwang der Logik verhüten, dass jemand irgendeinmal neu anfängt zu denken, also anstatt B und C zu sagen uns so weiter bis zum Ende des mörderischen Alphabets, von sich aus A sagt. (969-970)

Die Grunderfahrung der Republik ist das Zusammensein mit gleich starken Mitbürgern; die republikanischen Tugenden, die das öffentliche Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude, nicht allein zu sein; denn nur weil wir von Natur gleich, mit gleicher Kraft begabt sind, sind wir miteinander zusammen. Allein sein heißt immer, zu existieren ohne seinesgleichen. (972)

Macht entspringt immer nur dort, wo Menschen zusammen handeln; (...)
Furcht ist daher eigentlich gar kein Prinzip des Handelns, sondern im Gegenteil die Verzweiflung, nicht handeln zu können; (973)

Totalitäre Herrschaft beraubt Menschen nicht nur ihre Fähigkeit zu handeln, sondern macht sie im Gegenteil, gleichsam als seien sie alle wirklich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher Konsequenz zu Komplizen aller von dem totalitären Regime unternommenen Aktionen und gegangenen Verbrechen.
Die Zerstörung der Pluralität, die der Terror bewirkt, hinterläßt in jedem einzelnen das Gefühl, von allen ganz und gar verlassen zu sein. (...)
Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit. (975)

Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. (...) Das eiserne Band des Terrors, mit der der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein letzter Halt und die eiskalte Logik, (...). (978)

Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, über die der tyrannisch-willkürliche Wille eines einzelnen herrscht. (...)
Initium ut esset, creatus est homo - damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen, sagt Augustinus. Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen. (979)