Gusel Jachina: SULAIKA ÖFFNET DIE AUGEN

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Aufbau Verlag, Berlin 2017

Die Geschichte der Tartarin Sulaika, die nach Sibirien verschleppt wurde.

  • Im Hof legen sich Tausend Flocken auf den roten Schnee und decken ihn zu, bis alles ringsum wieder in reinem Weiß erstrahlt. (70)
  • Ist es also nicht besser, es geschieht sofort? Ihre Mutter hätte gesagt, solche Gedanken seien Sünde. Es geschieht alles nach Allahs Wille, und nicht wir haben darüber zu urteilen, was besser ist und wann geschehen soll. Aber den Kopf kann man sich doch nicht abreißen. Er denkt und denkt, füllt sich mit Gedanken wie das Netz mit Fischen. (214-215)
  • Ihr Leben zu retten erschien ihm als einzige Möglichkeit, für das Sterben der Übrigen je Vergebung zu erlangen. (265)
  • Hin und wieder gab es allerdings Momente, da sich Leibe gezwungen sah ..., die Schale zwar nicht abzunehmen, Gott bewahre, aber seine Nasenspitze ganz kurz aus der Schale herauszustecken und eine Blick auf die reale Welt zu werfen. (281)
  • In dieser Nacht finde Suleika keinen Schlaf. Sie liegt da uns lauscht in die Dunkelheit - auf den gleichmäßigen Atem des Sohnes an ihrer Schulter, auf das leise Schnarchen des Arztes in der Ecke, auf das Heulen des Windes im Ofen. Es ist heiß und schwül.
    Sie steht auf, schluckt gierig Wasser aus einer Kelle, wirft sich die Jacke über die Schultern und schlüpft zur Tür hinaus. Die Nacht ist sternenklar, der Mond hängt wie eine Laterne am Himmel. Ihr Atem gefriert zu weißem Dunst.
    Sie geht zur Angara hinunter. Lange betrachtet sie das über das Wasser hingegossene, in ölig-gelben Splittern  glitzernde Mondlicht. lauscht dem leisen Plätschern der Wellen, dem Kläffen eines Tieres am fernen anderen Ufer. Sie flicht ihre Zöpfe fester, wirft sie auf den Rücken uns spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht. Zeit, nach Hause zu gehen. (470)
  • Es schien ihr, als schlafe sie in diesem Herbst überhaupt nicht. Wenn ihr Sohn eingeschlummert war, küsste sie ihn auf den warmen Kopf, und dann rasch fort aus dem Lazarett und den Pfad hinauf, wo jeden Abend der glühend rote Punkt beharrlich und fordernd nach ihr rief. In den Nächten taten beide kein Auge zu, denn sie waren ihnen nie lange genug. Am Morgen dann - ans Bett des noch schlafenden Sohnes und auf die Jagd, am Abend das Lazarett putzen ... Zum Schlafen hatte Sulaika einfach keine Zeit. Und sie wollte auch nicht. Dieses Leben raubte ihr nicht die Kraft, sonder schien ihr immer mehr, immer neue zu geben. Sie ging nicht, sonder flog, sie jagte nicht, sondern nahm sich von der Taiga, was ihr zustand, und wartete den ganzen Tag lang auf die Nacht.
    Dabei empfand sie keine Scham. Alles, was man ihr seit der Kindheit beigebracht und was sie verinnerlicht hatte, war von ihr abgefallen, war verschwunden. Das Neue, das an seine Stelle getreten war, hatte ihre Angst fortgespült, wie das Hochwasser im Frühling Äste und Laub des Vorjahres mit sich reißt. (472)
  • Jusuf und Suleika sind schon lange unterwegs. Alte Fichten strecken ihnen ihre Zweige entgegen, stechen mit den Nadeln in Schultern, Arme und Wangen. Unter ihren Füßen tönt, plätschert und tost die Tschischme. Auf der runden Lichtung wogt hohes Gras um ihre Knie. (538-539)
  • Es schmerzt, wenn die Möwen mit den Flügelspitzen das Wasser streifen, es schmerzt, wenn der Wind die zottigen Wipfel der Fichten niederbeugt, es tut weh, als Jusufs Ruder durch das Wasser pflügen und ihn dem Horizont entgegen zum Jenisseij tragen. (...)
    Der Schmerz, der eben noch die ganze Welt erfüllte, ist zwar nicht vergangen, aber er lässt sie wieder atmen. (541)