Götz Eisenberg: Zwischen Amok und Alzheimer

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Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus; Frankfurt am Main 2015 (Brandes & Apsel Verlag GmbH)

Der Begriff Vernetzung ist aus der Kybernetik in die Systemtheorie eingewandert, deren Entstehung sich militärisch-ökonomischen Planungsbedürfnissen im Zweiten Weltkrieg verdankt. (...)
Wer herausfinden will, was eine Katze ist, sollte auch die Mäuse fragen! Auf unseren Kontext übertragen würde das heißen: Wer wissen möchte, was Vernetzung ist, sollte auch die Fische fragen. (...)Die Leidenschaft, mit der die Leute gegenwärtig ihre Vernetzung und Selbstenthüllung via soziale Netzwerke  betreiben, ist für ich einer der rätselhaften Züge der Gegenwart. (11)

Es geht um die Etablierung neuer und universaler Überwachungssysteme. Vernetzung ist der Zentralbegriff einer geschmeidigen Herrschaft, die sich als Technik und Sachzwang tarnt. (...)
Die Menschen haben das Bewusstsein ihrer Entfremdung eingebüßt und fühlen sich in ihr heimisch. Damit ist die Entfremdung auf eine zynisch-perverse Art aufgehoben. (12)

Die sozialen Netzwerk erweisen sich als eine ungeheure Gleichschaltungsmaschine. Nichts standardisiert und homogenisiert so perfekt, wie die Kommunikation über diese Medien. (...) Die Persönlichkeit (...) wird zur Ware, und die Sprache zu einem Instrument ihrer Anpreisung. (...)
Ich weiß, dass vom Arabischen Frühling bis hin zu Stuttgart 21, (...) sich viele Bewegungen der Vernetzung bedienen. Hier erhält der Begriff der sozialen Netzwerks endlich einen Hauch von Wahrheit und Realität. (...)
Brüderlichkeit und Solidarität entstehen von Angesicht zu Angesicht, indem ich mich im anderen erkenne, und alle gemeinsam die Erfahrung einer Kraft machen, (...) - nicht in der Einsamkeit vor der Tastatur oder dem Touchscreen. (13/14)

Dem diagnostischen Blick ist der Gefangene lediglich "ein Fall von ..." . Gefangene verwandeln sich in reparaturbedürftige Mängelwesen, aus ihren Tagen werden Krankheitszeichen, Symptome psychischer Störungen.
Straffällig geworden Menschen werden als defekte Maschinen begriffen. (...)
"Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören", sagte Hegel in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosopie. Die Vorstellung der Mess und Lesbarkeit des Menschen ist eine solche Abstraktion und zerstört dessen komplexe und vieldimensionale Wirklichkeit. (19)

Die behavioristisch orientierten Psychologen überbrücken die Abgründe, in die sie nicht schauen mögen, mit einer mechanisch-maschinellen Denk- und Sprechweise, die sie für den Zugriff erschließen. (20)

Vor Jahren hab eich den amerikanischen Starkoch Antonty Bourdain gesehen, der beim Gang über die Frankfurter Buchmesse vor einem Fastfood-Lokal stehen blieb und sagte: "Was ist eine Pershing-Rakete gegen diesen Fraß? Damit verwandeln die US-Konzerne die ganze Menschheit in verfettete, hirnlose Idioten!" Hamburger und Chicken NcNuggets seine Teil einer biologischen Kriegsführung, gewissermaßen kulinarische Massenvernichtungswaffen, keine Lebensmittel. Der König Herodes war jedenfalls ein Stümper im Vergleich zu diesen Fastfood-Ketten. (25)

Inzwischen hat die Bourgeoisie ihre historisch progressiven und produktiven Funktionen eingebüßt. (...) An die Stelle der bürgerlichen Kultur tritt eine Massenunterhaltung im Dienst von Zynismus, Brutalität und Dummheit. (28)

Immer wieder komme ich auf die Gefährdung demokratischer Errungenschaften durch das zu sprechen, was Angela Merkel in erstaunlicher Offenheit als marktkonforme Demokratie bezeichnet hat und im Kern darauf hinausläuft, unser aller Schicksal den losgelassenen und außer Kontrolle geratenen Finanzmärkten auszuliefern. (32)

Eine wahrheitsvergessene Spaßkultur bringt ständig neue Trends und Moden hervor. Man will Spaß haben, sich zeigen und vor allem gesehen werden. Erst im Auge der Kamera, unter den Scheinwerfern des Studios, in der Aufmerksamkeit der Zuschauer wird aus einem Nichts ein wahrgenommener Jemand. Mann kann von einer zeitgenössischen Furcht sprechen, nicht gesehen zu werden und einer atomisierten, anonymen Gesellschaft verloren zu gehen. Man muss, um wahrgenommen zu werden, auffällig sein und sich unterscheiden. Soziales Überleben in der Aufmerksamkeitsökonomie (Georg Franck) von heute hängt mit Sichtbarkeit zusammen. Wer nicht gesehen wird, existiert nicht. (...)
Nur wer Geld hat, wer einkauft und über bestimmte Konsumartikel verfügt, gehört wirklich dazu und fällt nicht aus dieser Welt. (...)
Der Sozialstaat hatte aus der kapitalistischen Welt immerhin so etwas wie eine bewohnbare Behelfsheimat gemacht,  aus der wir nun in die Kälte der Märkte und der entfesselten Konkurrenz vertrieben werden. Im Zuge der Ökonomisierung aller Lebensbereiche dringt die soziale Kälte tief in die Poren des Alltagslebens ein und es beginnt kräftig zu ziehen in unseren Behausungen. Bindungen an Orte, Firmen, Nachbarn, Freunde werden im Namen von Flexibilität und Mobilität gelockert oder aufgerieben. (36)

Dem gelangweilten, angsterfüllten, unglücklichen, im Grund depressiven Mensch der heutigen Gesellschaft wird suggeriert, dass er glücklich, vergnügt und anerkannt ist, wenn er sich den Zerstreuungen und dem Spaß hingibt, den die Warenwelt ihm anbietet, ja quasi verordnet. (37)

Die sogenannte Räum- oder Schutzzeit, die in die Ampelschaltungen als Sicherheitsmarge eingebaut ist, wird gnadenlos genutzt, um einen kleinen zeitlichen Vorteil im täglichen Rattenrennen zu erzielen. (42)

Moral sei so lange nötig, sagte Horkheimer, bis die Individuen sich zu Automaten entwickelt haben, die auf Zeichen zuverlässig reagieren. "Für das Funktionieren eines Ameisenhaufens bedarf die einzelne Ameise keiner Moral ..." (43)

Was gegenwärtig überhandnimmt, sind Nicht-Erziehung, rabiate Vergleichgültigung und zeitgenössische Praktiken der Kindsaussetzung vor Geräten. (48)

Die Apparate werden immer intelligenter, die Menschen im gleichen Maß dümmer. Wie die Navigationsgeräte den geographischen Orientierungssinn verkümmern lassen, die Internet-Suchmaschinen das Erinnerungsvermögen obsolet werden lassen, so untergräbt die Apparate-Moral das kritische Urteilsvermögen und die moralische Substanz im Menschen. (...) Warum soll ich mich mühsam selbst orientieren, wenn ich mich von Geräten orientieren lassen kann. (50)

Das Auto ist das nach außen verlagerte Aggressionspotential seines Besitzers, dient als Entlastungsmittel von inneren Spannungen und Konflikten. Das Gaspedal ist der einzige Hebel, den der heutige Mensch noch betätigen kann. Hier kann er sich als Herr der Lage empfinden, hier übt er die Kontrolle über die Maschine aus, die seinen Befehlen gehorcht. (52)

Das verbreitete Ignorieren von Regeln und das Roulette an den Ampeln ist Ausdruck einer allgemeinen Enthemmungstendenz. Es ist neoliberale Deregulierung - angewandt auf den Straßenverkehr. (...) Nirgends zeigen sich die folgen der systematisch betriebenen Entgesellschaftung uns asozialen Individualisierung so deutlich wie im Straßenverkehr. (55)

Der Wochenmarkt ist eine Enklave der Ungleichzeitigkeit, ein bunter Fleck in einer verödeten und total kommerzialisierten städtischen Lebenswelt. (...) Umso dringender benötigen wir Orte, an denen das Unzeitgemäße und Nicht-Fuktionale gedeihen kann. (60)

Von Heimat wird erst geredet, wenn man sie verloren hat, wenn man aus ihr vertrieben wurde. Solange die Menschen blieben, wo sie geboren worden sind, hat diese Kategorie keinen Sinn. Erst die Wanderungsbewegungen, die mit der Industrialisierung einhergingen, und die Verstädterung haben Heimat zu einer Sehnsuchtskategorie und zum Fluchtpunkt der Phantasie gemacht. (69)

Ein erfülltes, gelebtes Leben in Solidarität und aufrechtem Gang wäre einem Leben inmitten der Überfülle allemal vorzuziehen. Auch das wäre Heimat. (76)

Warum sollte die der kapitalistischen Gesellschaft innewohnende Tendenz, alles in Ware zu verwandeln, ausgerechnet vor der Krankheit halt machen? (86)

Ganze Sektoren der Gesellschaft, ganze Lebensbereiche müssen von der ökonomischen Vernunft freigehalten werden und verschont bleiben, wenn sie denn nicht in ihrem Kern zerstört oder beschädigt werden sollen. Diese Bereich sind: Sozialisation im weitesten Sinne, Lernen, Bildung, Krankenpflege, Therapie und zwischenmenschliche Hilfe bis hin zu gutem Kochen und Gastfreundschaft. (87)

Vielleicht ist die Verwandtschaft von Krebs und Kapital mehr als eine formale Analogie, und der Krebs ist so etwas wie das verinnerlichte und verkörperlichte Kapitalprinzip. (...) Kapitalismus ist die Herrschaft des Toten über das Lebendige. (88)

(...) die Dynamik des gekränkten Stolzes (...).
Es gibt Institutionen, die gleichsam Stolz-Vernichtungs-Maschinen sind und deswegen immer dicht an der Kränkungswut siedeln. In ihnen wird aus Verzweiflung erbrüteter Sprengstoff gelagert, und manchmal genügt eine kleine Reibung oder Erschütterung, um ihn scharf zu machen. (107)

Sie haben, wie Heinrich Heine bemerkte, den Stock, mit dem man sie geschlagen hat, verschluckt und wenden die Aggressionen, die das niedergedrückte und an der Entfaltung gehinderte Leben in ihnen hervorruft, gegen die eigene Person. (108)

In Zeiten gesellschaftlichen Wandels werden schamlose Menschen größere Überlebenschancen haben, (...). Vagabunden, Schieber und Geschäftemacher, Schwarzarbeiter und Kleinkriminelle hingegen verfügen über die bessere Innenausrüstung und sozialen Techniken, um in einer sich auflösenden Gesellschaft überleben zu können. (109)

Es gibt allerdings Formen der Erinnerung, die in Wahrheit eher das Vergessen befördern. man schafft, salopp gesagt, Kranzabwurfstellen, Orte, an denen man an Jahrestagen Blumen niederlegt, Kerzen anzündet und sich einer ritualisierten Gedächtnisübung unterzieht, um hinterher umso schneller vergessen zu können und über die Ursachen der Gewalt nicht reden zu müssen. (...) wenn aber Massenmörder nicht, (...), von einem fremden Stern stammen, sondern unserer Normalität entspringen, ist die Rückkehr dieser Normalität eher ein Grund zur Besorgnis. (115)

Am 18. Juli 2002 veröffentlichte die Frankfurter Rundschau einen Aufruf Erfurter Schüler und Studierender, in dem gefordert wurde, sich verstärkt mit den gesellschaftlichen Ursachen dieser Tat auseinanderzusetzen (...). Insbesondere müsse der Leistungsbegriff hinterfragt werden, der das Bildungssystem beherrsche und dafür verantwortlich sei, das unablässig Verlierer produziert würden, die den vorherrschenden Idealen nicht entsprächen und in der Folge leicht in eine Position abseitiger Verzweiflung gerieten. (...)
Wer denkt, es ist alles in Ordnung, obwohl nichts in Ordnung ist, der will auch denken, es sei alles in Ordnung, weil er angesichts der erahnten Unordnung resigniert hat, (...).
Die Bereitschaft, sich umeinander und vor allem um Kinder zu kümmern, lässt sich nicht dekretieren, und solange mächtige Tendenzen, die in der Gesellschaft verankert sind, daran arbeiten, die Menschen in gegeneinander isolierte und miteinander konkurrierende Sozialatome zu verwandeln, werden viele Familien nicht mehr sein als das bloße Nebeneinander von sprach- und lieblosen Einsamkeiten. (116)

Die Medien erweisen sich als mächtige Komplizen von Tätern, die auf Anerkennung aus sind. Der Täter produziert den Schrecken in der sicheren Gewissheit, das die Medien ihn verbreiten.
Im Zeitalter des Narzissmus besteht nur dann Hoffnung auf eine Eindämmung des School Shootings, wenn die mediale Resonanz möglichst gering ausfällt und jeder Heroisierung des Täters unterbleibt. (117)

Das Gros der amokartigen Taten wird von Männern um die vierzig begangen, die im Vorfeld der Tat einen sozialen Tod gestorben sind und nun ihre verlorene Gesellschaftlichkeit nur noch tödlich wiederherstellen zu können glauben, indem sie in ihren Untergang so viele Menschen wie möglich mitreißen. (118)

Ganze Sektoren der Gesellschaft, in enden es um Lernen, Heilen, die Entwicklung lebensgeschichtlicher Identität geht, müssen ihrer inneren Logik nach, die eine des Lebendigen ist, von der betriebswirtschaftlichen Logik, die eine des Maschinellen und Toten ist, ausgespart und verschont bleiben!
Seit die Bildungs-Ratingagentur Pisa das deutsche Bildungssystem quasi auf Ramschniveau heruntergestuft hat, wird ständig an der Leistungsschraube gedreht. (...)
Bereits im Alter von 10 Jahren wird ein ungeheurer Notenstress erzeugt, dessen Bewältigung darüber entscheidet, ob ein Schüler auf Gymnasium oder wenigstens auf die Realschule wechseln darf, oder auf die Hauptschule und damit auf ein Abstellgleis geschoben wird. Eine boomende Nachhilfebranche hat inzwischen die Grundschulen erobert, ehrgeizige Eltern treiben ihre Kinder bereits in einem Alter, in dem wir früher noch gänzlich sorglos und zweckfrei spielen durften, zu Höchstleistungen an. Kein Wunder dass der Psychopharma-Konsum von Kindern in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Sie stehen unter einem enormen familiären und schulischen Druck, den sie oft ohne Hilfsmittel nicht bewältigen können. (119)

Manche Eltern wollen, dass ihre Kinder "brav" sind und funktionieren, aber sie sind nicht bereit, durch Bereitstellung geschützter Räume  und persönlichen Einsatz von Nerven und Lebenszeit dazu beizutragen. Sie überlassen die anstrengende Erziehungsarbeit Erzieherinnen und Lehrern und vertrauen ansonsten auf den Bravmacher Ritalin, der den Kinder wie in der Form zeitgenössischer Schulspeisung täglich verabreicht wird - wie uns seinerzeit Lebertran und Rotbäckchen-Saft. (...)
Sie lernen, dass sie nur dann nicht zu den Losern gehören, wenn sie bestimmte Konsumgüter vorweisen können und aktiv dazu beitragen, andere auszugrenzen und zu Verlierern zu stempeln.
(...) frei flottierende, diffuse Aggressivität, (...). Deren bevorzugtes Medium sind die sogenannten sozialen Netzwerke, in denen der Sozialdarwinismus sich austobt, und die sich mehr und mehr zu einem digitalen Pranger entwickeln.
In dem Maße, wie Schulen sich als effiziente Zulieferbetriebe für Industrie und Markt begreifen, werden sie verschärft zu Orten der Konkurrenz, der Selektion und damit auch der Kränkung und Beschämung. (...)
Wenn wir solche Entwicklungen zulassen oder gar fördern, werden wir in Zukunft immer damit rechnen müssen, dass eines Tages ein bis dato stiller, unauffälliger Junge einen schwarzen Kampfanzug anzieht, die Waffe seines Vaters aus dem Schrank holt, in Epizentrum seiner Kränkungen - die Schule - zurückkehrt und sich in aller Öffentlichkeit rächt für seiner erlittenen Demütigungen und den Raub seiner Kindheit.
Gegenwärtig wächst eine Generation heran, die schon in der Wolle mit Sozialdarwinismus eingefärbt ist. Die hinter uns liegenden, von der Praxis des Neoliberalismus geprägten eisigen Jahre haben die Menschen selbst eisig werden lassen und ihre Innenwelt vergletschert. (120/121)

Wir werden also nicht umhin kommen, den betriebswirtschaftlichen Imperialismus insgesamt zu bekämpfen und der Ökonomie vernünftige gesellschaftliche Ziele vorzugeben, denen sie zu dienen und sich unterzuordnen hat. (...)
Kinder und Jugendliche brauchen Zuwendung  am meisten, wenn sie sie am wenigsten verdienen. (122)

"Erst merkt man es selbst, dann auch die anderen, dann nur noch die anderen", hat Walter Kempowski in einem seiner Tagebücher diesen Prozess lakonisch zusammengefasst. Man darf den Zeitpunkt vor dem Eintritt in Phase drei nicht versäumen, muss handeln, bevor es nur noch die anderen merken und man selbst zu keiner Willensanstrengung mehr in der Lage ist. (139)

Die Medien- und Informationsgesellschaft mit dem Computer als Taktgeber und den schnellen Schnitten und Schauplatzwechseln ihrer Filme versetzt unsere Gehirne in einen Daueralarm und zermürbt unsere Aufmerksamkeit. Die Demenz gedeiht auf dem Nährboden einer Gesellschaft, die den Gedächtnisverlust  treibhausmäßig züchtet, indem sie ihre soziale Integration über den Modus des Konsums regelt und die Erinnerung in Apparate auslagert. Ihr Motto lautet: "Speichere es ab und vergiss es!" (142)

Wir werden später noch sehen, dass die Tendenz, alles Wissen ins Internet auszulagern, der Unfähigkeit zur Erfahrungsbildung und einer strukturellen Halbdemenz in die Hände arbeitet. (144)

Sie  [die Kinder] schreien sich die Seele aus dem Leib, weil die erfahrene Bindungslosigkeit sie in einen Zustand der Angst versetzt. (...) Der Säugling erfährt sich selbst über das Gesicht der Mutter, das sein erster Spiegel ist. (...) Der Augenkontakt der Mutter zu ihrem Baby stellt die intersubjektive Urform bereit, eine Art Matrix für alle späteren Beziehungen und Kommunikationen. Eine Mutter, die ihre Augen hinter einer Sonnenbrille verbirgt und ständig anderswo ist, beraubt das Kind seines Realitätsbezuges und damit seiner Wahrheit. (...) Kleinkind-SUVs. Sie sinid auf die Bedürfnisse der Erwachsenen ausgerichtet, und sollen das eilige Gehen oder sogar Joggen mit Kinderwagen ermöglichen. Bei dieser Variante des Kinderwagens sitzt oder liegt das Kind in Fahrtrichtung und der Blick des Kindes kann nur unter extremen Verrenkungen den der Mutter finden. (148-150)

Auch wenn das Kind selbst mit dem Geflimmer der Bildschirme, die es umgeben, noch nichts anfangen kann, erlebt es, wie der Bildschirm die Aufmerksamkeit seiner Bezugspersonen absorbiert, wie die elterliche Zuwendung unter den Aufmerksamkeitsansprüchen, die dieses Kulisse permanent erhebt, flach und unwirklich wird. (...) Geteilte Aufmerksamkeit und triadisches Verhalten werden systematisch zerstört oder kommen nicht zustande, wenn die Mutter mir ihrem Smartphone beschäftigt ist oder das Kind den Blick nicht gemeinsam mit der Mutter auf etwas Drittes richten kann, weil es falsch herum im Kinderwagen sitzt. Dies Praktiken fügen Kindern Schaden zu und schädigen ihre Entwicklung und Menschwerdung. (151)

Zur gegenwärtigen Gesellschaft gehört der Imperativ, flexibel zu sein, was letztlich nichts anderes heißt, als ohne Bindungen zu existieren, weil Bindungen hindern. Bindungslosigkeit droht zum allgemeinen Zustand zu werden. (154)

Wer driftet, das heißt sich von wechselnden Strömungen des Marktes treiben lässt, kann nirgends dauerhaft vor Anker gehen und stabile Bindungen eingehen. Bleibt die Frage: Wieviel Drift verträgt der Mensch? (155)

Der australische Psychologe Mark Dadds hat inzwischen den Nachweis geliefert, dass fehlender Blickkontakt zwischen Eltern und Kind eine wesentliche Rolle in der Ätiologie der Psychopathie spielt. (....) Dadds vermutet, dass spätere Psychopathen im Babyalter keinen Augenkontakt zu ihren Bezugspersonen herstellen konnten. Es schient so zu sein, das wichtige emotionale und moralische Botschaften über den Sehstrahl ins Innere der Kinder rutschen und sich dort festsetzen. Dieses Gesellschaft tut alles, um die Psychopathen-Produktion anzukurbeln. (156)

Spaß zu haben wird zum kategorischen Imperativ, der Tanz ums goldene Selbst zum Lebensinhalt. (...) Den entscheidenden Wert, der heute produziert wird, hat Gernot Böhme den Inszenierungswert genannt: Die Ware enthält zusätzlichen Wert durch den Beitrag, den sie zur Inszenierung uns Steigerung dessen erbringt, was man - euphemistisch genug - Leben nennt. (170)

Der zeitgenössische Umgang mit dem, was man Informationen nennt, funktioniert nach dem Prinzip: Speicher es und vergiss es gleich darauf! Man speichert alles ab, fotografiert alles. In Aleksander Hermons Roman Lazarus stieß ich auf folgende Bemerkung: "Ich habe den Eindruck, wenn Leute Bilder von etwas machen, vergessen sie das, was sie fotografiert haben, auf der Stelle. (181)

Literatur stiftet Identität, die nicht mehr gefragt ist, die in einer effizienten Technokratie verhindert werden muss, das sie die Disponibilität des Menschen einschränkt. Ständiger Identitätswechsel ist heute gefragt, man dar sich nicht länger auf eine einzige Identität festlegen lassen. Das Individuum muss sich für mehrere Identitäten offenhalten, muss ständig verfügbar und flexibel sein. Der Umgang mit Literatur behindert genau diese Disponibilität. (181)

Wir leben in einer Gesellschaft, (...), die das Vergessen systematisch fördert. Eine Halbdemenz scheint ironischerweise das Prinzip der sogenannten Wissensgesellschaft zu sein. Die virtuelle Kommunikation  mit dem Bildschirm schädigt das Gedächtnis und leistet damit der Ausbildung einer spezifischen Variante der Demenz Vorschub. (183)

Das menschliche Gedächtnis, bislang geübt im Umgang mit selbst hergestellten Assoziationen und Einsichten und fähig, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden und das Wesentliche zu erinnern, dankt ab zugunsten von elektronischen Speicherkapazitäten und Suchmaschinen. (184)

Der digitale Mensch entwickelt die Neigung, sich nichts mehr zu merken, sondern nur den elektronischen Ort, an dem die betreffenden Informationen aufzufinden und jederzeit abrufbar sind. Diesen Vorgang kann man getrost als kulturelle Zäsur betrachten. Gedächtnisinhalte werden in Apparate ausgelagert, die uns die Mühen des Sich-Erinnerns abnehmen. (185)

Die sozialpsychologische Situation der Gegenwart ist dadurch gekennzeichnet, dass immer mehr Menschen ein eine anomische Position gedrängt werden, in eine objektive Kränkungs- und Entwertungssituation. Gleichzeitig wird die Fähigkeit, mit Kränkungen angemessen und reif umzugehen, immer weniger erworben. Genau daraus resultiert der immer häufiger zu beobachtende Ausbruch narzisstischer Wut und raptusartiger Gewalt. Die jungen Leute leben im Zustand einer permanenten Frustration: Sie werden tageintagaus  mit Bildern des Luxus vollgestopft und gleichzeitig verwehrt man ihnen die Mittel, um die Gegenstände auf legalen Weg erwerben zu können. (214)

Es ist die real erfahrene Ohnmacht, die die virtuelle Allmacht so anziehend und verlockend erscheinen lässt. Der Computer erweist sich in dieser Anwendungsform als narzisstisches Ladegerät für einen schwächelnden Selbstwert-Akku, an das der immer häufiger angeschlossen werden muss, bis er eines Tages kaum noch oder gar nicht mehr ohne existieren kann. (220)

Virilio hat den Vorgang, während dessen sich der Akteur aus der körperlichen Welt zurückzieht und sich zum Mittelpunkt der Welt aufschwingt, Egozentrierung genannt. Das Internet macht uns zum Mittelpunkt des Universums, die Dinge funktionieren so, wie wir es haben wollen: Narzissmus in Vollendung. (221)

Eine allumfassende Rücksichtslosigkeit, ein zur Egonomanie gesteigerter Individualismus, Zynismus, Gleichgültigkeit und Feindseligkeit prägen den zwischenmenschlichen Umgang. So geht das Zeitalter des Narzissmus bereits mit der nächsten psycho-historischen Entwicklungsstufe schwanger. (228)

Sie beschreiben den Psychopath als zur Einfühlung  in andere unfähig, oberflächlich charmant, anpassungsfähig, zynisch-kalt, bindungs- und skrupellos und auschließlich an privater Nutzenmaximierung interessiert. Das sind genau die Eigenschaften, die die Hasardeure und Gurus der New Economy und der Finanzwelt aufweisen, die uns an den Rand des Abgrunds manövriert haben und weiter manövrieren. (...)
Mit dem Triumph der Shareholder Value-Mentalität löst sich die kapitalistische Produktionsweise endgültig vom Typus des bürgerlichen Unternehmers ab und schießt in die vollkommen inhaltlose Abstraktion, die das Kapital seinem Marxschen Begriff nach immer schon war: sich selbst verwertender Wert, Geld heckendes Geld, ein automatischer Fetisch. (229)

Die entfesselt und hemmungslos, also, wenn man so will, psychopathisch gewordenen Geldwelt zieht wie ein Magnet psychopathische Menschen an und produziert sie.
Die Finanzpsychopathen und Bankster überschwemmen den Markt mit toxischen Produkten; sie spekulieren mit Grundnahrungsmitteln und agrarischen Rohstoffen und tragen so dazu bei, dass in der Dritten Welt die Lebensmittelpreise steigen und Menschen hungers sterben; (230)

Unter der befriedeten Oberfläche unseres Alltagslebens vollzieht sich ein Krieg, der umso beschwerlicher ist, als er sich nicht genau bestimmen lässt. In Form von Nervosität, Ärger und Gereiztheit werden wir vom Alltag pausenlos mobilisiert, aber für eine unsichtbare Schlacht und gegen einen Feind, der sich schwer ausmachen lässt. Herrschaft und Ausbeutung verstecken sich als Technik, Marktgesetz und Sachzwänge. Wir haben es nicht mit einem einzelnen Gegner zu tun, sondern mit tausend undeutlichen Widrigkeiten, auf die unser Körper ganz von alleine reagiert, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. (236)

Es gibt offenbar nicht nur eine Politikverdrossenheit der Bürger, sondern auch eine Volksverdrossenheit der herrschenden Klassen. (238)

Unter unseren Augen bildet sich ein neues Kindheitsmuster aus, das man als Geräte-Sozialisation bezeichnen kann. In einer Form von postmoderner Kindsaussetzung werden die Kinder zeitig vor elektronische Apparate und technische Geräte gesetzt, die ihre Sozialisierung übernehmen. Bildschirme und Displays treten zwischen Eltern und Kinder und verzerren ihre Beziehung. (239)

"Ich glaube, dass unsere heutige Gesellschaft zunehmend psychopathisch wird", sagte Dutton [Kevin Dutton]. "Es gibt mehrere Studien, die das belegen: Vor kurzem wurde in den Vereinigten Staaten eine entsprechende Umfrage unter Collegestudenten durchgeführt. Dabei kam heraus, dass sich die Werte für Empathie und Mitgefühl seit 30 Jahren in freien Fall befinden. Der stärkste Rückgang fand innerhalb der letzten zehn Jahre statt. Gleichzeitig gingen unter denselben Studenten die Werte für Narzissmus förmlich durch die Decke. (244)

Den Begriff Psychopath prägte der deutsche Psychiater J.L.A. Koch 1891 in seinem Buch mit dem richtungsweisenden Titel Die psychpathischen Minderwertigkeiten.
Das psychiatrische Konstrukt des Psychopathen dienst seither dazu, eine bestimmte Sorte Mensch aus dem sozialen Feld herauszunehmen. Sie sind nicht durch angebbare Bedingungen und Sozialisationsfaktoren so geworden, sondern sie sind physei, also von Natur aus, böse, skrupel- und gewissenlos. (246)

Wenn es denn Psychopathen überhaupt gibt, wie wird man zu einem? Welche frühen Verletzungen sind dafür verantwortlich, dass derart reduzierte und verkrüppelte menschliche Wesen entstehen? (...)
Ich gehe mit der Psychoanalyse von der Annahme aus, dass frühe Bindungs- und Beziehungserfahrungen die Struktur unserer Psyche und unserer Selbst prägen. (...)
Ein Kind, das mit seinen Signalen nicht ankommt, das erleben muss, wie diese uminterpretiert werden je nach den Launen, Bedürfnissen und Ängsten der Erwachsenen, kann kein gutes Selbstwertgefühl aufbauen. (247)

Im erfahrenen lebendigen Austauschprozess zwischen Eltern und Kind liegen die Wurzeln gelingender Kommunikation und des Gefühls für Menschenwürde. (...)
Wer kalte, zur Einfühlung unfähige, indifferente Eltern hat, ist genötigt, sich in die Eltern hineinzudenken, um sich zu bestimmten, für das Kind günstigen Handlungen zu bewegen. (...)
Nur, mit wen in der Phase der Abhängigkeit mitgefühlt worden ist, wird zu wirklichem Mitgefühl imstande sein. Nur, wenn man sich in mich eingefühlt hat und andere mein Leiden zu ihrem eigenen gemacht haben, werde ich zu wirklicher Einführung und zum Mitleiden fähig. (248)

Sucht ist ein verdunkelter und sprachloser Versuche der Reparatur oder Kompensation beschädigten, verkrüppelten Lebens, das sich selbst und die Gründe seines Misslingens nicht kennt. (254)

Man lenkt die Aufmerksamkeit auf Hannibal Lector-artige Verbrechen (...) Wer bilanziert eigentlich das Leiden, das Banker und Spekulanten über die Menschheit bringen? In welcher Statistik tauchen die Selbstmorde, psychosomatischen Krankheiten und die Verzweiflung auf, die die Finanz-Psychopathen zu verantworten haben?

Die von mannigfachen Erfahrungs-, Kompetenz- und Kontrollverlusten bedrohten Menschen rufen unter dem Einfluss medialer Dauermanipulation "Haltet den Dieb", und lassen die eigentlichen Diebe entkommen. Ihre Rache- und Vergeltungsbedürnisse konzentrieren sich auf den Verbrecher, in dessen Verfolgung, Festnahme und Bestrafung der Staat eine Handlungsfähigkeit demonstriert, die ihm ansonsten in immer mehr politischen und ökonomischen Feldern entgleitet. (...)
"Nur hochgradig aufgeheizte, hysteroide und paniknahe Spannungszustände", schreibt Peter Sloterdiijk," vermögen einen zerspaltenen, verängstigten und vielfältig differenzierten Volkskörper in ein in gemeinsamen Themen und Sorgen vibrierendes Schein-Ganzes zu verwandeln." (261)

In der Ersetzung des Begriffs der seelischen Krankheit durch den Begriff Störung hat sich dieser Vorgang semantisch schon länger angekündigt. Analog zu den körperlichen Störungen wird das seelische Leid katalogisiert und für den standardisierten medikamentösen Zugriff zurechtgerückt. (263)

Heute meiden die meisten, die mir begegnen, jeden noch so flüchtigen Kontakt, senken den Blick, schauen ostentativ in eine andere Richtung, verbergen ihre Augen hinter Sonnenbrillen oder spinnen sich unter Kopfhörern oder Ohrstöpseln in einen Klang-Kokon ein. Lauter berührungslose Monaden, die einen Gruß beinahe schon als Belästigung empfinden. (267)

In Wahrheit scheint es so zu sein, das eine unappetitliche Koalition aus biologischer Psychiatrie und Pharmakonzernen natürliche Lebenskrisen pathologisieren und medikamentalisieren will. (269)

In Mo Yans Buch Das rote Kornfeld stoße ich gleich auf der zweiten Seite auf den Satz: "Inmitten des Fortschritts ahne ich beunruhigt den Rückschritt der menschlichen Gattung." Kürzer und prägnanter kann man nicht ausdrücken, was auch mein Empfinden ist. (288)