Gerald Hüther - Christoph Quarch: RETTET DAS SPIEL

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Hanser Verlag, München 2016

Wer spielt, konsumiert nicht. Wer spielt, benutzt nicht. wer spielt, begegnet dem anderen als Gegenüber auf Augenhöhe. Deshalb ist das Spiel in einer von der instrumentellen Vernunft des Ökonomismus beherrschten Welt eine subversive Kraft. (...)
Wer dem Leben nicht spielerisch begegnet, den erstickt es mit seinem Ernst. Das Leben ist ein Spiel, aber wenn wir nicht spielen können, dann können wir auch nicht mehr leben. (17)

Was die Hirnforscher dann, beispielsweise mittels funktioneller Kernspintomografie, im Gehirn eines in dieser Weise spielenden Menschen messen können, ist eine Verringerung des Sauerstoffverbrauchs aufgrund einer verminderten Aktivität der Nervenzellenverbände im Bereich der Amygdala. Das ist diejenige Hirnregion, die immer dann besonders aktiv wird, wenn wir Angst haben.
Im Spiel verlieren wir also unsere Angst. (19)

Kinder (...) hören sofort auf zu spielen, wenn sie unter Druck geraten (beispielsweise wenn sie spüren, dass sie beobachtet werden) (...). (21)

Das Spiel ist also nicht einfach  nur ein Merkmal des Lebendigen, es hat die Entstehung von Leben und vor allem von lebendiger Vielfalt auf unserem Planeten erst ermöglicht. (26)

Je schärfer der Wettbewerb, desto schneller kommt es zu solchen fortschreitenden Spezialisierungen. Bei uns Menschen entstehen dadurch am Ende bestenfalls Leistungssportler und Fachidioten. Aber wirkliche Weiterentwicklung erfordert etwas anderes als die fortwährende Auslese derjenigen, die irgendetwas am besten können. (...)
Weiterentwicklung findet nur statt, wenn Lebensformen imstande sind, etwas - zumindest als Anlage - herauszubilden, was es bisher noch nicht gab. (...) Das alles waren tatsächlich kreative Neuerfindungen, breakthrough innovations, wie es die Innovationsforscher nennen.
Und die entstehen - wie übrigens auch alle kreativen Leistungen bei uns Menschen - niemals unter Druck. (30)

(...) linear innovations lassen sich durch Wettbewerbsdruck erzwingen. (31)

Kreativität scheint vielmehr ein Potenzial zu sein, über das alle Lebewesen verfügen. Es kommt nur nicht überall und immer zur Entfaltung. Und weshalb nicht? Weil sich diese in allen Lebewesen angelegte Kreativität ebenso wie bei uns Menschen nur unter bestimmten, besonders günstigen Bedingungen entfalten kann. Eben nur dort, wo es einen Spielraum gibt. (33)

Wirklich entfalten kann sich dieses kreative Potenzial allerdings nur dann, wenn wir als Kinder nicht zu früh unter Druck geraten. (35)

Explorationsverhalten nennen das die Entwicklungsbiologen und sind sich einig, dass es mit der gleichen Lust und Begeisterung einhergeht, die auch Menschenkinder immer dann empfinden, wenn sie sich als kleine Entdecker und Gestalter ihrer jeweiligen Lebenswelt auf den Wege machen und spielerisch erkunden, wie die Welt beschaffen ist und welche Möglichkeiten sie ihnen bietet. (38)

Angelegt ist dieses Potenzial im Gehirn all jener Tiere, die erst noch lernen müssen, sich in ihrer jeweiligen Lebenswelt zurechtzufinden. 838)

Deshalb können wir Menschen vor allem während der Kindheit auch so viel lernen. Aber eben nicht, indem uns schon früh Druck gemacht und Leistung abverlangt wird. Und erst recht nicht, wenn wir zum Lernen gezwungen werden und uns vorgeschrieben wird, was wir zu lernen haben. (39)

ES ist viel zu kurz gegriffen, wenn man glaubte, Spiel und Feier seien im Barock ein Monopol der High Society gewesen. Weit gefehlt. Das Volk feierte und spielte munter mit - zumindest da, wo es katholisch war. So kann man davon ausgehen, dass es in in ländlichen Regionen Südeuropas pro Jahr bis zu 90 Feiertag gab, an denen Spiel und Lustbarkeit der Menschen Herz erfreute. (...)
Ganz anders war es bei den Protestanten: Die Calvinisten hatten ihren Festkalender auf fünf oder sechs hohe Feste zusammengeschmolzen, die Lutheraner hatten immerhin noch 15, manchmal 20 Feiertage. (...)
Die ganz Geisteshaltung der Renaissance war Spiel, sagt Huizinga - die ganze Haltung der Reformation hingegen war deine dem Spiel feindliche. (...)
Letztlich war es der sorgenvolle Ernst der Reformation, der sich auf Umwegen in den Geist der modernen Ökonomie schlich, wie Max Weber gezeigt hat, uns so zur Entstehung desjenigen Menschentypus beitrug, der später als Homo oeconomicus Epoche machte. (60-61)

Der Homo oeconomicus sucht den Gewinn, der Homo ludens will gewinnen. Der Homo oeconomicus fragt nur, was er am Endes seines - falschen - Spiels in Händen hält, der Homo ludens möchte nur erfolgreich spielen, beim Spiel sein Bestes geben und Freude daran haben. Ihm geht es um das Spiel ans sich - ihm geht es ums Spielen -, während dem Homo oeconomicus  das Spiel an sich egal ist, da es ihm alleine um den Output geht. (96)

Der Homo ludens tickt ganz anders: Er will das Spiel und braucht dafür einen Gegner. Der Gegner ist sein MItspieler, denn ohne ihn kann er nicht spielen. (97)

Abhängig werden nur diejenigen, für die das, was sie im Drogen- oder Spielrausch erleben, eine besondere Bedeutung besitzt, weil es ein Bedürfnis befriedigt, das sie draußen, im realen Leben, nicht stillen können. (103)

Dies ist die unheilvolle Frucht einer umfassenden Ökonomisierung. Sie konvertiert die Spiele zunächst zu Waren, zu Konsumartikeln, und führt so zu Abhänigigkeiten bei den dafür empfänglichen Konsumenten - und all das im Dienste des Profits. (105)

Brot und Spiele - panem et circenses - wurde nach dem Zeugnis des römischen Satirikers Juvenal mithin zu einem bewährten Propaganda- und Bespaßungsprogramm, (...). (106)

Nicht nur gut gemeint, sondern gut wäre es, die Kinder einfach spielen zu lassen, ihnen den Freiraum zu geben, den sie zur Entfaltung der in ihnen angelegten Potenziale brauchen, anstatt ihre Spiele vorzuformatieren und für jeweils vorherrschende Erziehungsziele zu vereinnahmen. (...)
Mit dem Konkurrenzdenken aber schleicht sich heimlich, still und leise der Geist des Homo oeconimicus mit seinem Seelengift in unsere Schulen ein - vor allem aber in die Denk- und Fühlbahnen der Kinder, die Spiele möglicherweise bald schon nur noch im Format des Wettkampfes kennen werden, bei dem sie sich gegenüber den anderen behaupten müssen. (108)

Für Erste gilt es festzuhalten, dass der Triumph des Homo oeconomicus derzeit darin gipfelt, dass Spiele in der Schule, im TV und überhaupt in der Geselleschaft nur dann noch eine Chance auf Anerkennung haben, wenn sie als Wettkampfspiele inszeniert werden. Menschen, die einfach nur gemeinsam spielen, findet man bei uns immer seltener. (109)

Entweder man spielt oder man konsumiert. Beides zusammen geht nicht. (112)

Konsum ist jedem Spiel ein Gift.
Bedauerlicherweise aber werden wir alle immer mehr zu Konsumenten. Das hat viel damit zu tun, dass wird die Dinge dieser Welt immer mehr vermittelt durch die Medien wahrnehmen. (113)

Wir sitzen heute meistens vor dem Monitor uns lassen uns vorn ihm mit Spielen aller Art berieseln (...). Allein das Setting Mensch vor Monitor ist dem Geist des Spiels zuwider. (114)

Wer selbstvergessen spielt, ist wunschlos glücklich. Wer wunschlos glücklich ist, hört auf zu konsumieren. Wer nicht mehr konsumiert, der ist dem Homo oeconomicus suspekt. (115)

Eine zeitgemäße und zukunftsfähige spielerische Lebenskunst ist keine Selbstverwirklichungstechnik oder Selbstbehauptungsmethode, bei der man mit anderen seine Spielchen spielt. Ganz im Gegenteil: Sie ist das Wagnis, sich auf das ernste Spiel des Lebens einzulassen, um im Zusammenspiel mit der Welt und im spielerischen Miteinander mit anderen Menschen die Bejahrbarkeit uns Schönheit des Lebens zu feiern. (172)

Wo wir die Kunst erlernen, frei von Kalkül und Berechnung, frei von Nützlichkeiterwägungen und Zwecksetzungen, frei von Was hab ich davon? und Was bringt mir das? mit andern Menschen ins Gespräch zu kommen, da bildest sich der Mutterboden, auf dem eine echte Kultur des Miteinanders gedeihen kann. (176)

So paradox es zunächst klingen mag: Wer wirklich und dauerhaft in der Geschäftswelt Erfolg haben möchte, muss eine innovative Unternehmenskultur aufbauen und pflegen. Dazu hört es auch, Räume zu schaffen, in denen es nicht um Erfolg geht - in denen es um gar nichts geht - , Spielräume eben, zweckfreie Räume, schöne Räume, Räume des MIteinanders und der Begegnung. Vor allem: Räume der Kokreation. Am Endes werden es solche Unternehmen sein, in denen - gleichsam als Nebenwirkung - Höchstleistungen erbracht und Innovationen möglich werden. (192)

Spielräume uns Spielzeiten in Unternehmen sind kein Luxus. (193)

Übereiltes Denken führt zu Irrtum, übereiltes Handeln zur Gewalt.
Wie lässt sich dieser unheilvollen Tendenz wehren? Indem avancierte Unternehmer und Führungskräfte Inseln der Lebendigkeit im Business schaffen: Orte, die wirklich frei von wirtschaftlichen Denken sind. (194)