Oder: Die Notwenigkeit einer umfassenden Verkehrswende
ISW Report Nr. 112/113 (März 2018)
2017 gab es dann mit 80 Millionen Pkw-Einheiten und mit 98 Millionen Kfz-Einheiten einen neuen Weltrekord in der Welteautofertigung. (11)
Elektroautos verbrauchen pro Kilometer zwischen 50 Prozent (Vielfahrer) und 400 Prozent mehr Primärenergie als vergleichbare Autos mit Verbrennungsmotoren. (13)
In diesem Jahr wird die chinesische und indische Autofertigung bereits bei knapp 40 Prozent der Weltautoproduktion liegen. (15)
China - zusammen mit Norwegen - leistet sich weltweit die höchsten absoluten und prozentualen Subventionen für Elektro-Kraftfahrzeuge. (...)
Ein großer Teil der Elektrofahrzeuge wird von öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen gekauft. Der eigentliche Zweck, den privaten Pkw-Verkehr auf E-Pkw umzustellen wird damit völlig verfehlt. (18)
Noch immer wird in Deutschland weit über die Hälfte des Stroms aus fossilen Quellen gewonnen, an erster Stelle aus Kohle. Das führt dazu, dass das Elektroauto in Hinblick auf klimaschädliche Emissionen beim Fahren nicht viel besser abschneidet als herkömmliche Autos (...). (21)
Neben dem Energieverbrauch bei Fahren ist vor allem der Energiebedarf für die Produktion von Autos enorm. Ein Elektroauto benötigt nochmals doppelt so viel Produktionsenergie wie ein Auto mit Verbrennungsmotor. Ursache dafür ist vor allem die Batterie. (22)
Die Dimensionen, in denen Lithium eingesetzt wird, sind gespenstisch: Während in einem Smartphone "nur" drei Gramm Lithiumkarbonat verbaut sind, kommen auf einen Laptop bereits 30 Gramm und auf ein Tesla-Modell 50 Kilogramm. Um eine Tonne Lithium zu gewinnen, müssen 1,9 Millionen Liter Wasser eingesetzt werden - und dies in Regionen mit oft extremer Wasserknappheit. 50% der globalen Reserven konzentrieren auf das Lithium-Dreieck Chile, Argentinien und Bolivien. (...)
Noch beängstigender sind die Rahmenbedingungen im Fall der Kobalt-Förderung. 60 Prozent der globalen Vorräte konzentrieren sich auf die Demokratische Republik Kongo, eine extreme Krisenregion. (24)
Wer sich ein E-Auto anschafft, legt in der Regel ab diesem Zeitpunkt sehr viel mehr Fahrten mit dem eigenen Auto zurück. Der Anteil der Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr geht massiv zurück. (27)
Es ist vor allem der Lobby der deutschen Automobilwirtschaft gelungen, bei der EU-Gesetzgebung zu den Grenzwerten für CO2 durchzusetzen, dass Elektroautos nicht mit ihrem realen Emissionsverhalten, das heißt, mit den CO2-Emissionen, die bei der Stromerzeugung entstehen, in die Berechnung des Flottenemissoinsgrenzwertes eingehen, sondern mit einer angeblichen Null-Emission. (...) Wenn man das durchrechnet, ergibt sich, dass mit jedem gekauften Elektroauto die Automobilwirtschaft die Grenzwertüberschreitung von etwa sieben großen SUVs kompensieren kann und ohne Strafzahlungen davonkommt.
Bilanz: Der Wechsel des Antriebssystems löst die Verkehrsproblem durch den Autoverkehr nicht. (28)
Dir irrlichternde Tesla-Saga und die unsägliche Musk-Ideologie
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Alle Musk-Projekte sind geprägt von einem männlichen Machbarkeitswahn, von dem fanatischen Glauben an Naturbeherrschung, ja, Naturbezwingung. Sie sind aggressiv, voller Tempowahn. Und sie sind das Gegenteil von umweltfreundlich: Die Aggresssion reichtet sich gegen die Natur und gegen elementare menschliche Bedürfnisse wie Ruhe, Erholung, Naturgenuss. Das gesamte geistige, ja literarische Umfeld, das Musk umgibt, ist von diesem Geist durchweht. (...)
Auch wenn alle Autos in Los Angeles, in dieser Mega-Stadt, die die höchste Pkw-Dichte und zugleich die größte Highway-Dichte aufweist, Tesla-Autos wären: Es ändert sich nichts daran, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit im lokalen Autoverkehr bei rund 12 bis 15 Stundenkilometer liegt.
Was ein weiteres Argument gegen diejenigen ist, die ernsthaft glauben, die Umpolung der Automotorisierung von Pkw mit Verbrennungsmotoren auf Pkw mit Elektromotorren würde irgendwas an der Irrationalität eines auf dem Auto basierenden Verkehrssystems ändern. (34)
Die Weltautoproduktion
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Entscheidend ist, dass im Jahr 2025 der Gesamtbestand an Pkw weltweit nochmals um rund eine halbe Milliarde oder um 500 Millionen Einheiten größer sein wird als heute. Die E-Autos in Abzug gebraucht, wird es dann in diesem Weltbestand an Pkw rund 350 Millionen oder ein gutes Drittel mehr Autos mit Verbrennungsmotoren geben, (...).
(...) und es zu neuen Konstellationen bei den führenden Kapitalfraktionen kommt - unter anderen zu einem Bündnis der Autokonzerne mit den weltweit führenden Energieunternehmen (und Stromerzeuger), unterstützt von großen Teilen der Finanzindustrie. (39)
Diese [chinesische Politik] verfolgt (...) in diesem Bereich eine Durchbruchstrategie, dem Setzen auf E-Pkw endlich auch in der Schlüsselbranche Auto den Global-Player-Status zu erhalten. (...) Es geht in keiner Weise um Umwelt, Klima, Mobilität uns menschliche Gesundheit. Es geht ausschließlich um die Frage: Wie wird ein Maximum an Profit erzielt.
Weltweit werden gigantische staatliche Subventionen abgerufen.(...)
Verkehrspolitisch läuft der denkbare, beschriebene Umbau der Weltautoflotte auf eine neue innere Reform einer grundsätzlich falschen, weil das Klima immer mehr belastenden und Stadtqualität weiter zerstörenden Verkehrspolitik hinaus. (40)
Notwendigkeit einer umfassenden Verkehrswende
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(...) muss eine systematische Struktur- und Steuerpolitik der kurzen Wege verfolgt werden. (...) Alle Wege in den Bereichen Beruf, Ausbildung, Verwaltung, Freizeit müssen verkürzt werden. (...) Die Zauberworte heißen: Priorisierung von Nähe. Dezentralisierung von Strukturen. (41)
Ein Straßenbahnkilometer kostet maximal ein Viertel eines U-Bahn-Kilometers - bei gleicher Transportkapazität. (42)
(...) muss die Eisenbahn zu einer Flächenbahn zu einer Bürgerbahn ausgebaut werden. Die EU-weit betriebene Konzentration auf Hochgeschwindigkeitszüge ist ein Irrweg; wichtig sind integrierte Netze, in denen die maximale Geschwindigkeit 220 km/h nicht überstiegen werden sollte (...). (43)
Drei Totschlagargumente
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Weltweit gibt es derzeit rund zehn Millionen Autojobs. Das sind weniger als ein Prozent aller Arbeitsplätze. Bezieht man es auf Industriejobs (...), dann entspricht dies (...) rund fünf Prozent aller Arbeitsplätze in der globalen Industrie. (...) Selbst in der EU machen die rund 2,2 Millionen Autoindustrie-Arbeitsplätze nur einen Bruchteil der rund 150 Millionen Lohnabhängigen-Jobs aus. (...)
Beispielsweise haben wir in Deutschland mit 1, 8 Millionen Jobs mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze in den Bereichen Kindergarten, Schulen und Hochschulen wie Autobranche. (45)
All diese Tendenzen zum Abbau von Autojobs werden sich mit dem Trend hin zum Elektroauto noch verstärken. Mit diesem neuen Auto-Typ wird die Produktion deutlich vereinfacht. Was erst recht Rationalisierung und Verlagerung begünstigt. (46)