München 2012 (Random House GmbH)
Wir schenkten allzu bereitwillig Forschungsergebnissen Glauben, die auf unzureichenden Datengrundlagen basierten, und neigten dazu, bei unseren Forschungsarbeiten zu wenig Beobachtungsdaten zu erheben. Mit unserer Studie wollten wir herausfinden, ob andere Forscher an der gleichen Schwäche litten. (16)
(...) nach der Leichtigkeit beurteilten, mit denen uns die Beispiele einfielen. Wir nannten diese Orientierung an der Leichtigkeit der Gedächtnissuche Verfügbarkeitsheuristik (avalability heuristic). (18)
Menschen neigen dazu, die relative Bedeutung von Problemen danach zu beurteilen, wie leicht sie sich aus dem Gedächtnis abrufen lassen - und diese Abrufleichtigkeit wird weitgehend von dem Ausmaß der Medienberichterstattung bestimmt. (20)
Im Großen und Ganzen aber ist die Idee, dass unser Denken anfällig ist für systematische Fehler, heute allgemein anerkannt. (21)
Zu richtigen Intuitionen kommt es dann, wenn Experten gelernt haben, vertraute Elemente in einer neuen Situation wiederzuerkennen und in einer Weise zu handeln, die ihr angemessen ist. (24)
Das ist das Wesen intuitiver Heuristiken: Wenn wir mit einer schwierigen Frage konfrontiert sind, beantworten wir stattdessen oftmals eine leichtere, ohne dass wir die Ersetzung bemerken. (25)
Die intensive Konzentration auf eine Aufgabe kann Menschen tatsächlich blind für Stimuli machen, die normalerweise ihre Aufmerksamkeit erregen würden. [unsichbare Gorilla!] (36)
System 2 wird mobilisiert, wenn eine Frage auftaucht, für die System 1 keine Antwort bereitstellt, (...). (37)
Ganz ähnlich wie der Stromzähler außerhalb ihres Hauses oder Ihrer Wohnung geben die Pupillen zuverlässig Aufschluss über die laufende Verbrauchsrate mentaler Energie. (...)
System 2 schützt die wichtigste Aktivität, sodass Aufmerksamkeit erhält, die sie braucht; freie Kapazität wird in Sekundenrythmus anderen Aufgaben zugewiesen. (49)
Das System der hochdifferenzierten Aufmerksamkeitssteuerung wurde über lange evolutionäre Zeiträume immer weiter ausgefeilt. Es erhöhte die Überlebenschancen, wenn man die schwerwiegendsten Bedrohungen oder die vielversprechendsten Gelegenheiten schnell erkannte und umgehend darauf reagierte, und diese Fähigkeit ist zweifellos nicht auf Menschen beschränkt. (50)
In der Ökonomie der Handlungen ist die Anstrengung ein Kostenfaktor, und hinter dem Erwerb von Fähigkeiten steht das Streben nach einem ausgewogenen Kosten-Nutzen-Verhältnis. Faulheit ist tief in unserer Natur angelegt. (...) Welche Ergebnisse müssen wir mit der Währung der Aufmerksamkeit kaufen? (.51)
Der Psychologe Roy Baumeister und seine Kollegen haben (...) den schlüssigen Nachweis erbracht, dass alle Spielarten willentlicher Anstrengung - kognitive, emotionale oder physische - zumindest teilweise aus einem gemeinsamen Pool mentaler Energie schöpfen. (58)
Das Nervensystem verbraucht mehr Glukose als die meisten anderen Körperteile, und anstrengende mentale Aktivität scheint in der Glukose-Währung besonders teuer zu sein. (59)
Ein Schläger und ein Ball kosten 1,10 Dollar.
Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball.
Wie viel kostet der Ball? (61)
Viele Tausend Studenten haben die Schläger-Ball-Denkaufgabe beantwortet, und die Ergebnisse sind erschreckend. Über 50 Prozent der Studenten an der Universität Harvard, MIT und Princeton geben die intuitive - falsche - Antwort. Bei Universitäten mit weniger strengen Auslese lag die Rate derjenigen, die nachweislich die intuitive Antwort nicht überprüften, bei über 80 Prozent. (...) Viele Menschen vertrauen ihrer Intuition allzu sehr. Offensichtlich erleben sie kognitive Anstrengung zumindest als leicht unangenehm und meiden sie möglichst.
Wir nennen dies einen Priming-Effekt (Bahnungs-Effekt) und sprechen davon, dass die Vorstellung essen die Vorstellung Suppe bahnt, während waschen die Vorstellung Seife bahnt. (72)
(...) gingen junge Leute, die einen Satz aus alterbezogenen Wörtern gebildet hatte, erheblich langsamer durch den Flur als die anderen.
Der Florida-Effekt umfasst zwei Priming-Phasen. Zunächst primt die Menge der Wörter Gedanken an hohes Alter, obwohl das Wort alt nie erwähnt wird; anschließend primen dies Gedanken ein Verhalten, langsames Gehen, das mit Betagtheit assoziiert ist. (...)
Dieses bemerkenswerte Priming-Phämomen - die Beeinflussung einer Handlung durch eine Vorstellung - wird ideomotorischer Effekt genannt. (73)
Priming-Phänomene entstehen im System I, und Sie haben keinen bewussten Zugang dazu. (78)
Wenn Sie sich in einem Zustand kognitiver Leichtigkeit befinden, sind Sie vermutlich gut gelaunt, Sie mögen das, was Sie sehen, glauben das, was Sie hören, vertrauen Ihren Intuitionen und haben das Gefühl, dass Ihnen die gegenwärtige Situation in einer angenehmen Weise vertraut ist. (82)
Wörter, die man schon einmal gesehen hat, sind leichter wiederzuerkennen - man kann sie besser identifizieren als andere Wörter, wenn sie sehr kurz dargeboten oder durch Rauschen überdeckt werden, und man kann sie (um ein paar Hundertstelsekunden) schneller lesen als andere Wörter. Kurzum, man erlebt eine größere kognitive Leichtigkeit, wenn man ein Wort wahrnimmt, das man schon einmal gesehen hat, und es ist dieses Gefühl der Mühelosigkeit, das den Eindruck der Vertrautheit hervorruft. (83)
Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben, ist häufiges Wiederholen, weil Vertrautheit sich nicht leicht von Wahrheit unterscheiden lässt. (...) Die Vertrautheit mit einem Ausdruck innerhalb der Aussage reicht aus, um die ganze Aussage vertraut und damit wahr erscheinen zu lassen. (...)
Der allgemeine Grundsatz lautet, dass alles, was Sie tun können, um die kognitive Beanspruchung des Lesers zu verringern, hilfreich ist. (85)
Eine starke kognitive Beanspruchung mobilisiert, unabhängig von ihrer Ursache, System 2, das die von System 1 vorgeschlagene intuitive Antwort eher verwirft. (89)
Die Stimmungslage wirkt sich offenkundig auf die Operation von System 1 aus: Wenn wir uns unwohl und unzufrieden fühlen, verlieren wir den Kontakt zu unserer Intuition. (...)
Wenn wir gut gelaunt sind, werden wir intuitiver und kreativer, aber auch weniger aufmerksam und anfällig für logische Fehler. (93)
Wenn System 1 unsicher ist, wettet es auf eine Antwort, und die Wetten werden von unseren bisherigen Erfahrungen bestimmt. (106)
Das Erfolgskriterium von System 1 ist die Kohärenz der Geschichte, die es erschafft. (112)
System 2 nimmt Fragen entgegen oder erzeugt sie - in beiden Fällen steuert es die Aufmerksamkeit und durchstöbert das Gedächtnis auf der Suchen nach den Antworten. (117)
System 1 wurde von der Evolution so ausgeformt, dass es die Hauptprobleme, die ein Organismus lösen muss, um zu überleben, fortwährend bewertet. (118)
Die starke Tendenz, zu glauben, dass kleine Stichproben weitgehend mit der Population übereinstimmen, der sie entnommen wurden, ist ebenfalls Teil einer allgemeinen kognitiven Verzerrung. (146
Jeder Zahl, die Ihnen als mögliche Lösung für ein Schätzungsproblem präsentiert wird, erzeugt einen Ankereffekt. (153)
Doch eine zentrale Erkenntnis der Ankerforschung besteht darin, dass offenkundig willkürlich festgesetzte Anker genauso wirksam sein können wie potenziell informative. (...)
Deutsche Richter (...). Diejenigen, die eine Neun gewürfelt hatten, sagten im Schnitt, dass die Diebin zu acht Monaten verurteilen würden; dienjenigen, die eine Drei gewürfelt hatten, sagten, dass sie sei zu fünf Monaten verurteilen würden; Der Ankereffekt betrug 50 Prozent. (159/160)
Wir sollten jedenfalls davon ausgehen, dass jeder Zahl, die uns dargeboten wird, einen Ankereffekt auf uns hat, und wenn viel auf dem Spiel steht, sollte man sich selbst (sein System 2) mobilisieren, um diesen Effekt zu bekämpfen. (163)
Narrative Verzerrungen gehen zwangsläufig aus unserem Bestreben hervor, die Welt zu verstehen. Die erklärenden Geschichten, die wir überzeugend finden, sind einfach; (247)
Paradoxerweise ist es leichter, eine kohärente Geschichte zu entwerfen, wenn man wenig weiß, wenn man weniger Mosaiksteinchen zusammenfügen muss. (249)
Unser Unfähigkeit, frühere Überzeugungen zu rekonstruieren, veranlasst uns zwangsläufig dazu, das Ausmaß zu unterschätzen, in dem wir durch vergangene Ereignisse überrascht wurden. (251)
Die Neigung, die Geschichte der eigenen Überzeugung im Lichter der tatsächlichen Ereignisse umzuschreiben, erzeugt eine robuste konginitive Illusion. (252)
Wir alle haben ein Bedürfnis nach der beruhigenden Botschaft, das Handlungen die gewünschten Folgen haben und dass Klugheit und Mut von Erfolg gekrönt sind. (254)
Wenn man weiß, wie wichtig der Faktor Glück ist, sollte man besonders argwöhnisch sein, wenn aus dem Vergleich von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Firmen hochkonsistente Muster hervorgehen. Wenn der Zufalls seine Hand im Spiel hat, können regelmäßige Muster nur Illusion sein. (...)
Geschichten über den Aufstieg und Fall von Unternehmen stoßen bei Lesern auf Resonanz, weil sie das anbieten, was der menschliche Intellekt braucht: eine einfache Botschaft von Sieg und Niederlage, die eindeutige Ursachen identifiziert und die bestimmende Macht des Zufalls sowie die Unvermeidlichkeiten einer statistischen Regression ausblendet. (257)
Die Illusion, wir verstünden die Vergangenheit, fördert die Überschätzung unserer Fähigkeiten, die Zukunft vorherzusagen. (270)
Wenn es keine stabilen Regelmäßigkeiten in der Umgebung gibt, kann man der Intuition nicht vertrauen. (298)
Die geeignete Methode, um Informationen von einer Gruppe zu gewinnen, besteht nicht darin, das man eine öffentliche Diskussion beginnt, sondern darin, die Einschätzung jeder Person vertraulich einzusammeln. (303)
Eine Region, die im Allgemeinen mit emotionaler Erregung assoziiert ist (die Amygdala), war mit hoher Wahrscheinlichkeit aktiv, wenn sich die Wahlen der Probanden mit dem Frame deckten. (...) Die Amygdala reagiert sehr schnell auf emotionale Reize - und sie ist wahrscheinlich am System 1 beteiligt. (...)
Eine Hirnregion, die mit Konflikt und Selbstkontrolle assoziiert ist (der Cortex cingularis anterior), war aktiver, wenn Probanden nicht das taten, was der spontanen Tendenz entspricht (...). (451)
Ein wichtiger Befund der Studie war, dass Ärzte genauso anfällig für den Framing-Effekt waren wie medizinisch ungebildete Laien. (...) Ein Medizinstudium ist offensichtlich kein Schutz gegen die Macht des Framings. (...)
Das Reframing ist anstrengend, und System 2 ist normalerweise faul. Sofern es keinen naheliegenden Grund dafür gibt, sich anders zu verhalten, nehmen die meisten von uns Entscheidungsprobleme passiv so hin, wie sie eingerahmt sind, und sie haben daher nur selten Gelegenheit, das Ausmaß zu entdecken, in dem unserer Präferenzen framegebunden und nicht realitätsgebunden sind. (452)
Das aufmerksamkeitssteuernde System 2 ist das, was wir als unser bewusstes Selbst betrachten. System 2 äußert Urteile und trifft Entscheidungen, aber es unterstützt und rationalsiert oftmals Vorstellungen und Gefühle, die von System 1 erzeugt werden.(...)
Aber System 2 ist nicht nur ein Verteidiger von System 1; es verhindert auch, dass viele verrückte Gedanken und nicht situationsadäquate Impulse offen zum Ausdruck gebracht werden. (514)
Wie können wir Urteile und Entscheidungen verbessern, sowohl unserer eigenen als auch jene der Institutionen, denen wir dienen und die uns dienen? Kurz gesagt: Ohne erhebliche Anstrengung kann nichts erreicht werden. (...)
Fehler, die aus System 1 hervorgehen, lassen sich prinzipiell leicht vermeiden: Man sollte die Anzeichen dafür erkennen, dass man sich in einem kognitiven Mienenfeld bewegt, mental einen Ganz zurückschalten uns System 2 um Verstärkung bitten. (.516)
Organisationen können Fehler besser vermeiden als Individuen, weil sie naturgemäß langsamer denken und die Macht haben, geordnete Abläufe durchzusetzen. (...) Organisationen können zumindest teilweise auch dadurch, dass sie ein ganz bestimmtes Vokabular verwenden, eine Kultur fördern, in der Menschen aufeinander aufpassen, wenn sie sich Mienenfelder nähern. (517)