München 2013 (Deutsche Verlags-Anstalt) - deutsche Ausgabe
Dabei muss jedem Leser aus dem 21. Jahrhundert, der den Verlauf der Krise von 1914 aufmerksam verfolgt, deren Aktualität ins Auges springen. Alles fing mit deinem Kommando von Selbstmordattentätern und einem Autokorso an. Hinter der Gräueltat von Sarajewo stand eine erklärte Terrororganisation, die einen Opfer, Todes- und Rachekult pflegte; überdies war diese Organisation extraterritorial und kannte keinen eindeutigen geographischen Ort. (15)
Wenn der Putsch von 1903 einige alte Fragen beantwortete, so schuf er auch neue Probleme, die sich massiv auf die Ereignisse von 1914 auswirken sollten. Vor allem Dingen löste sich das konspirative Netzwerk, das sich zum Mord an der Königsfamilie gebildet hatte, nicht einfach auf, sondern blieb weiterhin eine wichtige Kraft in der serbischen Politik und im öffentlichen Leben. (37)
Im Juni 1881 einigten sich Österreich-Ungarn und Serbien auf ein Handelsabkommen. (...) Darin hieß es, dass Österreich-Ungarn Serbien nicht nur in seinem Bestreben, den Status eines Königreichs zu erlangen, beistehen werden, sondern auch serbische Gebietsansprüche in Makedonien unterstützen werde. (...)
Diese Vereinbarungen waren freilich ein wackliges Fundament für gute österreichisch-serbische Beziehungen: Sie waren nicht im Gefühlsleben der serbischen Bevölkerung verwurzelt, die tief antiösterreichisch eingestellt war. (55)
Es lohnt sich, die Bedeutung des französischen Kredits näher zu untersuchen. Wie alle jungen Balkanstaaten war Serbien ein unverbesserlicher Kreditnehmer, der völlig auf internationale Geldgeber angewiesen war. (...) Durch dieses Arrangement blieb der serbische Statt in den achtziger und neunziger Jahren zwar zahlungsfähig, es trug jedoch nicht dazu bei, die Verschwendungssucht der Regierung in Belgrad zu zügeln. Bis zum Jahr 1895 hatte sie es geschafft, Schulden in Höhe von 350 Millionen Francs anzuhäufen. (...)
Mit anderen Worten, fragwürdige Schuldner wie Serbien (...) konnten sich zu akzeptablen Bedingungen Kredite verschaffen, wenn sie sich auf Zugeständnisse bei der fiskalen Kontrolle einließen, die einer teilweisen Pfändung der Funktionen eines souveränen Staates gleichkamen. Nicht zuletzt aus diesem Grund waren internationale Kredite in jener Zeit eine politische Angelegenheit von höchster Bedeutung, die untrennbar mit Diplomatie und Machtpolitik verflochten war. (...)
Den Franzosen gehörten am Ende über drei Viertel der gesamten serbischen Staatsschulden. Das war eine enorme Belastung für den serbischen Staat - der Tilgungsplan erstreckte sich bis ins Jahr 1967 (...). (56-57)
Im Jahr 1900 gab es in ganz Serbien immer noch nur vier Hochschulen für Lehrer, die Hälfte der Grundschullehrer hatte keine pädagogische Ausbildung, der größte Teil des Unterrichts fand nicht in Gebäuden statt, die für diesen Zweck gedacht waren, und nur etwa ein Drittel der Kinder besuchte tatsächlich eine Schule. (59)
In einer Wirtschaft, die ehrgeizigen und begabten jungen Männern kaum Chancen bot, war die Armee die Hauptattraktion. (60)
Es entstand eine Kluft zwischen der Regierung und nationalistischen Kreisen. (...) Das Ergebnis war die Gründung von Ujedinenje ili smrt! (Vereinigung oder Tod!) am 3. März 1911 in einer Belgrader Wohnung, die gemeinhin unter dem Namen Schwarze Hand bekannt war. (67)
Bei ihrer Arbeit für die nationale Sache sahen sich diese Männer zunehmend als Gegner des demokratischen parlamentarischen Systems in Serbien (...). (68)
Drei Türkenkriege (72 ff)
Das Königreich dehnte sich von gut 47.500 Quadratkilometer auf über 86.760 qm aus, und die Bevölkerung wuchs um über 1,5 Millionen. Der Erwerb des Kosovo, des Schauplatzes der serbischen Volksdichtung, gab Anlass zu großer Freude, und da das Königreich im Westen nunmehr eine gemeinsame Grenze mit Montenegro hatte, bestand Aussicht, dass Serbien über eine politische Union mit seinem Nachbarn dauerhaften Zugang zur Adria erhielt. (...) Die serbische Armee war mittlerweile (...) ein Faktor, mit dem man rechnen musste, und Serbien selbst eine starke Regionalmacht. (73)
Es kam zu unzähligen Fällen willkürlicher Zerstörung von türkischen Gebäuden wie Schulen, Badehäusern und Moscheen. (74)
Dieser Aufenthalt am Grab eines Selbstmörders ist bemerkenswert und vielsagend, weil er bestätigt, welche Faszination die Figur des Selbstmordattentäters ausübte, der in der Kosovo-Legende und generell für das Selbstbewusstsein des panserbischen Milieus eine so zentrale Rolle spielt. (83)
Nur ein großer europäischer Konflikt, an dem die Großmächte beteiligt waren, würde ausreichen, um die beeindruckenden Hindernisse zu beseitigen, die der serbischen Wiedervereinigung im Weg standen. (97)
In den letzten Jahren vor dem Krieg war Österreich-Ungarn, und insbesondere Ungarn (...), eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in Europa. (106)
Sowohl Russland als auch Österreich-Ungarn fühlten sich historisch berufen, eine Hegemonie in jenen Territorien auszuüben, aus denen sich die Osmanen zurückzogen. (117)
In den Jahren nach der Bosnienkrise legten die Russen ein so umfangreiches militärisches Investitionsprogramm auf, dass es ein europäisches Wettrüsten einleitete. (128)
Die Balkankriege machten Österreichs Sicherheitsstrategie auf der Balkanhalbinsel zunichte und schufen ein größeres und stärkeres Serbien. (143)
Franz Ferdinand war immer noch der größte Hemmschuh für eine Kriegspolitik. (...) Der Erzherzog wolle, (...), unter keinen Umständen einen Krieg gegen Russland... Er will von Serbien nicht einen Zwetschgenbaum, nicht ein Schaf, es fällt ihm nicht ein. (164)
Der am 20. Mai 1882 geschlossene Dreibund zwischen Deutschland, Österreich und Italien verhinderte, dass die Spannungen zwischen Rom und Wien zu einem offenen Konflikt eskalierten. (169)
Die Polarisierung des geopolitischen Systems in Europa war eine entscheidende Voraussetzung für den Krieg, der 1914 ausbrach. (170)
Seit dem Krieg von 1870 gestaltete sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich außerordentlich schwierig. (172)
Nach 1871 musste Frankreich notgedrungen nach jeder sich bietenden Chance Ausschau halten, die neue, Angst einflößende Macht an der östlichen Grenze einzudämmen. (...) Der attraktivste Kandidat für eine derartige Partnerschaft war, trotz des völlig andersartigen politischen Systems, Russland. (173)
Das Hauptziel der deutschen Außenpolitik in der Ära Bismarcks war es, die Entstehung einer feindlichen Koalition der Großmächte zu verhindern. (...) Und solange Großbritannien, Frankreich und Russland Rivalen blieben, war Berlin immer imstande, sie gegeneinander auszuspielen. (194)
(...) weil es [Deutschland] immer in der Position eines Emporkömmlings mit leeren Taschen bliebe, der verzweifelt versuchte, einen Platz an dem bereits überfüllten Tisch zu ergattern. Seine Versuche, zumindest einen Anteil an den mageren Positionen zu bekommen, die noch erhältlich waren, stießen in der Regel auf energischen Widerstand seitens des etablierten Clubs der Weltmächte. (195)
Das durch Bismarcks unvermittelten Abschied entstandene Vakuum wurde nicht gefüllt. (196)
Statt der Isolation durch eine Politik der Annäherung zu begegnen, erhoben die deutschen Politiker das Streben nach Autonomie zum Leitgedanken. Am deutlichsten zeigte sich diese Entwicklung an der Entscheidung, eine große Flotte zu bauen. (202)
In der Nacht von 8. auf 9. Februar 1904 griff Admiral Togo Heichairos Flotte von Port Arthur an der chinesischen Küste russische Kriegsschiffe an, die vor Anker lagen, uns versenkte sie allesamt - der Auftakt zum russisch-japanischen Krieg. (...)
Die Russen waren unablässig in den Norden Chinas, auf die Halbinsel Liaodong und in den Norden Koreas vorgestoßen und waren damit in die japanische Interessensphäre eingedrungen. (...) Der anschließende Krieg bescherte Russland eine so verheerende Niederlage, wie niemand sie im Vorfeld für möglich gehalten hätte. (209)
Die britisch-französische Entente wurde durch die deutsche Initiative gegen Frankreich eher gestärkt als geschwächt. (...) Die östliche Option wurde im Sommer 1907 auf absehbare Zeit zunichtegemacht, als Großbritannien und Rußland ein Abkommen unterzeichneten, mit dem sie alle ihre Streitigkeiten im Bezug auf Persien, Afghanistan und Tibet beilegten. (215)
Mit anderen Worten: Das neue internationale System, das sich seit 1907 herauskristallisierte, benachteiligte zwar hauptsächlich das Deutsche Reich, aber man darf nicht davon ausgehen, dass dieses Ergebnis getreu die Pläne wiedergab, die es herbeiführten. (...)
Die einst von vielen vertretene Anschauung, dass Deutschland sich die eigene Isolation durch sein ungeheuerliches internationales Auftreten selbst zuzuschreiben habe, wird durch eine breitere Analyse der Prozesse nicht bestätigt (....). (216)
Im November 1909 bezeichnete Sir Charles Hardinge Deutschland als die einzige aggressive Macht in Europa. Derartige Behauptungen, die wie ein Mantra bei jeder sich bietenden Gelegenheit (...) wiederholt wurden, verschmolzen zu einer neuen virtuellen Realität, einer Deutung des Weltgeschehens. (220)
In den Jahren von 1860 bis 1913 vervierfachte sich der deutsche Anteil an der weltweiten Industrieproduktion, während der britische Anteil um ein Drittel sank. Noch beeindruckender war der wachsende deutsche Anteil am Welthandel. (...)
Wohin man auch blickte, waren die Konturen eines Wirtschaftswunders zu erkennen: Von 1895 bis 1913 schnellte die deutsche Industrieproduktion um 150 Prozent in die Höhe, die Metallproduktion um 300 Prozent, die Kohleproduktion um 200 Prozent. (224)
Schon allein ihre außergewöhnliche Fülle ist bemerkenswert: Der Kaiser sprach, schrieb, telegrafierte, kritzelte und schwadronierte in den dreißig Jahren seiner Herrschaft fast untunterbrochen (...). (240)
Wenn Willhelm eine klare und in sich stimmige Politik verfolgt hätte, könnte man die Wirkung einfach am Ergebnis messen, aber seine Intentionen waren stets unbestimmt, und der Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit wechselte ständig. (241)
Es ist kein Wunder, dass unzähligen europäischen Monarchen das kalte Grausen kam bei der Aussicht, auf einem Bankett in die Fänge des Kaisers zu geraten, wo sie keine Fluchtmöglichkeit hatten. (245)
Ein knapper Überblick über die Monarchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt auf einen schwankenden und letztlich geringen Einfluss auf die tatsächlichen politischen Ergebnisse schließen. (246)
Die Folge war eine Kultur der Grabenkämpfe und rhetorischer Exzesse, die im Juli 1914 gefährliche Früchte tragen sollte. (248)
Es war nicht ungewöhnlich, dass hohe Funktionäre selbst den höchsten Politikern Informationen vorenthielten, sogar dem Präsidenten der Republik persönlich. (255)
In Großbritannien haben wir ein völlig anderes Bild. (...) hatte der britische Außenminister Sir Edward Grey keinen Grund, unerwünschte Einmischungen des Souveräns zu fürchten. König Georg V. war absolut glücklich darüber, dass sein Außenminister ihm auf dem internationalen Parket sagte, wo es lang ging. (265)
Während Edward Grey im Foreign Office in den Jahren vom Dezember 1905 bis Dezember 1916 das Sagen hatte, kamen und gingen im selben Zeitraum in Frankreich 15 Außenminister. (...) Grey war zweifellos der einflussreichste Außenminister im gesamten Vorkriegseuropa. (266)
(...) große Paraden waren ein fester Bestandteil der öffentlichen Manifestationen der Macht; prächtig erleuchtete Flottenschauen zogen riesige Menschenmengen an und füllten die Seiten der Illustrierten: die Armeen aus Wehrpflichtigen wuchsen zu einem männlichen Mikrokosmos der Nation heran; die Zurschaustellung von Militaria hielt in das öffentliche und private Leben selbst der kleinsten Gemeinschaft Einzug. (284)
Man kann mit Sicherheit von einer Auseinandersetzung zwischen Soldaten und Zivilisten innerhalb der Regierungen vor dem Krieg sprechen: Es ging schlichtweg um Geld. Die Kosten für Verteidigung machten einen beträchtlichen Teil der Staatsausgaben aus. (285)
Nach einer langen Phase relativen Stillstands katapultierte das Wehrgesetz vom 3. Juli 1913 die deutschen Militärausgaben auf ungeahnte Höhen. (289)
Die meisten Konflikte, welche die Welt im Lauf der letzten Jahrzehnte gesehen hat, erklärte der deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow im März 1909 vor dem deutschen Parlament, sind nicht hervorgerufen worden durch fürstliche Ambitionen oder ministerielle Umtriebe, sondern durch leidenschaftliche Erregung der öffentlichen Meinung, die durch Presse und Parlament die Exekutive mit sich fort riss. (298)
In Frankreich herrschte eine besonders enge Beziehung zwischen Diplomaten und Journalisten: Fast die Hälfte der Außenminister der Dritten Republik ware ehemalige Autoren oder Journalisten, und die Kommunikationskanäle zwischen Außenministern und der Presse waren fast immer offen. (304)
Der Erste Weltkrieg war genau genommen der dritte Balkankrieg, bevor er zum Weltkrieg wurde. (...) Im Herbst 1911 begann Italien einen Eroberungskrieg in einer afrikanischen Provinz des Osmanischen Reiches und löste dadurch eine Kette opportunistischer Überfälle auf smanische Territorien auf der Balkanhalbinsel aus. (318)
Anders als Ägypten (...) und Marokko (...) waren die drei Provinzen (...) , die später unter dem Namen Libyen bekannt wurden, feste Bestandteile des osmanischen Reiches. Der völlig grundlose Angriff auf diese letzten somanischen Besitzungen in Afrika brach das Eis, wie ein zeitgenössischer britischer Beobachter schrieb, für die Balkanstaaten. (320)
Der heute fast vergessene italienisch-türkische Krieg störte das europäische und internationale System in mehrfacher Hinsicht empfindlich. Der libysche Kampf gegen die italienischen Besatzung zählte zu maßgeblichen frühen Katalysatoren beim Aufkommen des modernen arabischen Nationalismus. Die Mächte der Entente hatten Italien zu diesem kühnen unprovozierten Eroberungszug ermuntert, während sich Italiens Partner im Dreibund widerwillig fügten. (327)
Um den serbisch-bulgarischen Kern sammelte sich nunmehr ein geheimer Balkanbund, dessen Ziel es war, die Türken von der Halbinsel zu vertreiben. (330)
(...) der Erfolg der Verbündeten war schon jetzt außergewöhnlich: In nur sechs Wochen hatten sie fast die Hälfte der ganzen europäischen Türkei erobert. (333)
Was sich auf dem Balkan abspielte, war nicht weniger als die Aufhebung der alten Bündnismuster. In der Vergangenheit hatte Russland Bulgarien unterstützt, während Österreich-Ungarn nach Belgrad und Bukarest geblickt hatten. Im Jahr 1914 war dieses Arrangement auf den Kopf gestellt worden. (362)
Serbien war jetzt Russlands Vorposten auf dem Balkan. (364)
Unsere Leute, räumte ein hoher Beamter des Foreign Office Anfang Dezember 1912 ein, als die erste Albanienkrise ihren Höhepunkte erreicht hatte, haben vor allem Angst, das Deutschland nach St. Petersburg geht und vorschlägt, Österreich zurückzuhalten, wenn Russland die Entente verlässt. Das ist die eigentliche Gefahr der Situation nicht ein Konflikt der Mächte. Wir haben wirklich Angst, dass Russland nach dem Chaos der Krise womöglich an der Seite des Dreibundes stehen wird. (420)
In Wirklichkeit war das wirtschaffliche Engagement der Deutschen im internationalen Vergleich keineswegs unverhältnismäßig stark. Deutsche Unternehmen investierten massiv in die Stromversorgung, die Landwirtschaft, den Bergbau und das Verkehrswesen; der Handel zwischen Deutschland und dem osmanischen Reich blühte. (...) Die Franzosen investierten immer noch rund fünfzig Prozent mehr als die Deutschen. Man konnte auch nicht behaupten, dass das deutsche Kapital aggressiver auftrat als die kontinentaleuropäischen und britischen Mitbewerber. (437-438)
Im Frühjahr 1914 hatte das fränzösisch-russische Bündnis entlang der österreichisch-serbischen Grenze einen geopolitischen Zündmechanismus konstruiert. Paris uns St. Petersburg hatten die Verteidigungspolitik von drei der größten Mächte mit dem unsicheren Schicksal der gewaltsamsten und instabilsten Region Europas verknüpft. (454)
Der Umstand dass das Trachten nach Stärke die Nachbarn des Deutschen Reichs zu Feinden machen und potenzielle Bündnispartner abschrecken könnte, war ein Problem, dem sich eine ganze Reihe Politiker nicht gebührend widmete. (463)
Teil III: KRISE
Für serbische Ultranationalisten, sowohl in Serbien selbst als auch im ganzen irredentistischen Netwerk in Bosnien, war die Ankunft des Thronerbens an diesem Tag in Sarajewo ein symbolischer Affront, der nicht unbeantwortet bleiben durfte. (...) Die offiziellen Sicherheitsvorkehrungen glänzten durch Abwesenheit. Trotz der Warnungen, das ein Terroranschlag wahrscheinlich sei, fuhren der Erzherzog und seine Frau im offenen Wagen eine einer Menschenmenge vorbei, noch dazu auf einer Route, die alles andere als eine Überraschung war. (477)
Nach den Anschlägen vom 28. Juni kristallisierte sich unter ihnen binnen weniger Tage der Konsens heraus, dass nur deine militärische Aktion das Problem der Beziehungen zu Serbien lösen könnte. (504)
Wenn Franz Ferdinand seine Bosnienreise1914 überlebt hätte, hätte er wie schon so oft weiterhin vor den Risiken eines militärischen Abenteuer gewarnt. (509)
Aus alldem folgte, in den Augen russischer Politiker, selbstverständlich, dass Österreich kein Recht habe, wie auch immer geartete Maßnahmen gegen Serbien zu ergreifen. (524)
Die französische Regierung hatte St. Petersburg im Falle eines österreichisch-serbischen Konflikts bereits einen Blankoscheck ausgestellt. (525)
Der Kaiser und der Kanzler waren überzeugt, dass die Österreicher das Recht hätten, gegen Serbien aktive zu werden, ohne Angst vor russischen Einschüchterungsversuchen haben zu müssen. (533)
Die österreichische Note war beispielsweise deutlich zurückhaltender als das Ultimatum, das die NATO in der Form des im Februar uns März 1999 verfassten Rambouillet-Abkommens Serbien-Jugoslawien vorlegte, um die Serben zur Einhaltung der NATO-Linie im Kosovo zu zwingen.
Henry Kissinger hatte zweifellos Recht, wenn er den Rambouillet-Vertrag als Provokation, eine Entschuldigung dafür, mit den Bombardierungen beginnen zu können, bezeichnete. Verglichen damit waren die Forderungen der österreichischen Note harmlos. (585)
Wenn Sasonow seinen Ministerkollegen das Deutsche Reich als den angeblichen Urheber der aktuellen Krise präsentierte, lässt sich daran ablesen, wie sehr er die Logik des französisch-russischen Bündnisses verinnerlicht hatte, nach der Deutschland und nicht Österreich der Hauptgegner war. Dass es sich hier eher um eine österreichische als um eine deutsche Krise handelte, spielte keine Rolle, weil Österreich nur als Strohmann für eine heimtückische deutsche Politik angesehen wurde. (609)
Mit den von ihnen veranlassten Maßnahmen verschärfte Sasonow und seine Kollegen die Kriese und erhöhten die Wahrscheinlichkeit eines allgemeinen europäischen Krieges drastisch. Zum einen verändere die russische Vorbereitung der Mobilmachung die politische Stimmung in Serbien grundlegend, sodass es nunmehr undenkbar geworden war, dass sich die Belgrader Regierung, die eine Annahme des Ulimatums ernsthaft in Betracht gezogen hatte, dem österreichischen Druck noch beugen könnte. (...)
Vor allem aber erhöhten die Maßnahmen massiv den Druck auf Deutschland, das bislang von militärischen Vorbereitungen abgesehen hatte und immer noch mit einer Lokalisierung des österreichisch-serbischen Konflikts rechnete. (615)
In diesem Kampf, der nicht um den Besitz Serbiens geht, sondern bei dem es sich um das Ziel Deutschland, seine politische Vorherrschaft in Europa zu errichten, und um den Wunsch der Mächte handelt, ihre individuelle Freiheit zu erhalten - in diesem Kampf sind unsere [Großbritanniens] Interessen mit denen Frankreichs und Russlands verknüpft. (635)
Die russische Generalmobilmachung zählte zu den schwerwiegendsten Entscheidungen während der Julikrise. Es war bislang die erste Generalmobilmachung. Sie kam zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Regierung noch nicht einmal den Status der drohenden Kriegsgefahr ausgerufen hatte, (...) . Österreich-Ungarn steckte seinerseits noch miten in einer Teilmobilmachung mit dem Ziel, Serbien niederzuwerfen. (651)
In einem Zirkular vom 21. Juli an die deutschen Botschafter in Paris, London und St. Petersburg erklärte Kanzler Thobald von Bethmann Hollweg: Wir wünschen dringend die Lokalisierung des Konflikts, weil jedes Eingreifen einer anderen Macht infolge der verschiedenen Bündnisverpflichtungen unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen würde. (659)
Als die russische Regierung sich weigerte, den eigenen Mobilmachungsbefehl zu widerrufen, erklärte das Deutsche Reich Russland am 1. August 1914 den Krieg. (673)
Der Kriegsausbruch von 1914 ist kein Agatha-Christie-Thriller, (...). In dieser Geschichte gibt es keine Tatwaffe als unwiderlegbaren Beweis, oder genauer: Es gibt sie in der Hand jedes einzelnen wichtigen Akteurs. So gesehen war der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen. (716)
So gesehen waren die Protagonisten von 1914 Schlafwandler - wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten. (718)