Ethik im Zeitalter der genetischen Technik - Aus dem Amerikanischen von Rudolf Teuwsen - Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas, Berlin University Press 2008
Der in Harward lehrende Sandel hat eine geniale Art Grundprobleme der Moral und Ethik in unserer heutigen hochtechnisierten Gesellschaft auf die wesentlichen Fragen zurückzuführen. Ein Buch, das mit großen Gewinn all jene lesen sollten, die ein gewisses Unbehagen gegenüber moderner Methoden der Gentechnik im Bauch verspüren. Eine kurze Zusammenfassung:
Genetische Zurichtung
- "Die Unterscheidung zwischen Heilen und Verbessern schein einen moralischen Unterschied zu machen, aber es ist nicht klar, worin dieser Unterschied besteht." (33)
- "Das eigentliche Problem ist nicht, wie man gleichen Zugang zur Optimierung gewährleistet, sondern ob wir überhaupt danach streben sollen." (37)
- "Die eigentliche Frage ist aber, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der sich Eltern gezwungen sehen, ein Vermögen dafür auszugeben, völlig gesunde Kinder ein paar Zentimeter größer zu machen." (39)
Bionische Athleten
- "Je mehr der Sportler sich auf Doping oder genetische Hilfe verlässt, desto weniger stellt seine Leistung seinen Erfolg dar. (47)"
- "Das wirkliche Problem mit genetisch veränderten Athleten ist, dass sie den sportlichen Wettbewerb als eine menschliche Aktivität, die die Pflege und Vorführung natürlicher Talente belohnt, verderben." (50)
Entworfene Kinder, Entwerfende Eltern
- "Kinder als Gabe zu schätzen, heißt sie zu akzeptieren, wie sie sind, nicht als Objekte unseres Entwerfens oder als Produkte unseres Willens oder als Instrumente unserer Ambitionen." (67)
- "Das Problem besteht im Hochmut der entwerfenden Eltern, in ihrem Anspruch, das Geheimnis des Geborenwerdens zu beherrschen." (68)
- "Eltern haben eine Pflicht, die Qualitäten ihres Kindes zu fördern. Heutzutage sind überambitionierte Eltern jedoch anfällig dafür, es mit der verwandelnden Liebe zu übertreiben..." (71)
- Der elterliche Übereifer, der heutzutage überall anzutreffen ist, verkörpert einen ängstlichen Auswuchs der Beherrschung und Dominanz, der kein Verständnis für das Leben als Gabe hat." (82)
Alte und Neue Eugenik
- "Auch wo keine Zwangsmaßnahmen beteiligt sind, stimmt etwas nicht mit dem Anspruch, sei er individuell oder kollektiv, durch absichtliches Design die genetischen Eigenschaften unseres Nachwuchses zu bestimmen." (91)
- "Liberale Eugenik schreckt vor kollektiven Ambitionen zurück. Sie keine soziale Reformbewegung, sondern vielmehr ein Weg für privilegierte Eltern, die Sorte von Kindern zu bekommen, die sie wollen, uns sie für den Erfolg in einer Wettbewerbsgesellschaft zu rüsten." (98)
- "Das Bestreben, Kontingenz zu eliminieren und das Geheimnis der Geburt zu beherrschen, erniedrigt die entwerfenden Eltern und verdirbt die Elternschaft als soziale Praxis, die vom Standard voraussetzungsloser Liebe bestimmt ist - unabhängig von der Wirkung auf die Autonomie des Kindes." (103)
Embryo-Ethik: die Stammzellendebatte
- "Wenn es unmoralisch ist, Embryonen um des Heilens und Behandelns schrecklicher Krankheiten willen herzustellen und zu opfern, warum ist es nicht ebenso abzulehnen, überzählige Embryonen bei der Behandlung von Unfruchtbarkeit herzustellen und zu verwerfen? (...) Schließlich dienen beide Behandlungen wertvollen Zielen, und das Heilen von Erkrankungen wie der Parkinsonschen Krankheit und Diabetis ist wenigstens so wichtig wie die Behandlung der Unfruchtbarkeit." (130)
- "Diejenigen, die Embryonen für die Forschung herstellen, bezwecken nicht mehr deren Zerstörung und Ausbeutung als diejenigen, die Embryonen für Fruchtbarkeitsbehandlungen erzeugen, das Verwerfen der überzähligen bezwecken." (131)
- "Das moralische Argument für das Forschungsklonen und das für die Stammzellenforschung an übrig gebliebenen Embryonen stehen oder fallen zusammen." (133)
- "...beweist die Tatsache, dass jeder Mensch das Leben als Embryo begann, nicht, dass Embryonen Personen sind." (138)
- "Menschliches Leben entwickelt sich Schritt für Schritt" (138)
- "Die Schwierigkeit, den exakten Beginn des Peronenseins entlang des Entwicklungskontinuums zu bestimmen, zeigt noch nicht, dass Blastozysten Personen sind." (139)
- "Welche Anzahl von Haaren markiert den Übergang von Kahlköpfigkeit zum vollen Haarschopf? Obwohl es auf diese Frage keine bestimmte Antwort gibt, folgt daraus nicht, dass es zwischen Kahlköpfigkeit und einem vollen Haarschopf keinen Unterschied gibt." (140)
- "Wenn der Tod früher Embryonen eine verbreitete Erscheinung natürlicher Fortpflanzung ist, sollten wir uns vielleicht weniger Gedanken über den Verlust von Embryonen bei Fruchtbarkeitsbehandlungen und in der Stammzellenforschung machen." (145)
- "Genetische Zurichtung zur Herstellung von Designer-Babys ist der krasseste Ausdruck des Hochmuts, der den Verlust der Ehrfurcht für das Leben als Gabe kennzeichnet.Aber Stammzellenforschung unter Verwendung von nicht eingepflanzten Blastozysten und mit dem Ziel, schwere Krankheiten zu heilen, ist ein hochrangiges Unterfangen unseres menschlichen Einfallsreichtums bei der Förderung von Heilung und der Leistung unseres Beitrags zur Wiederherstellung der gegebenen Welt." (148)