Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2011 (Originalausgabe: Editorial Anagrama, Barecelona 1999)
Als Ich-Erzählung verfasster Bericht über die Tage der Mexikanischen Revolution. Die Erzählerin heißt Auxilio Lacouture und stammt aus Uruguay (Montevideo). Angekommen in Mexiko im Jahr 1965 berichtet sie von ihrem Leben unter den jungen Dichtern bis hin zur Besetzung der UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México) durch das Militär 1968.
"Und ich dachte: Weiß Perdrito Garfias, was sich da drin verbirgt? Wissen die Dichter eigentlich, was sich in den unergründlichen Schlünden ihrer Blumenvasen verbirgt? Und wenn sie es wissen, warum zerstören sie die Dinger nicht und übernehmen selbst die Verantwortung?" (14)
"Haben sich die Bücher und die Figürchen, die ich verloren habe, in die Luft der Hauptstadt verwandelt? Sind sie zur Asche geworden, die die Hauptstadt von Süden nach Norden und von Osten nach Westen durchzieht? Die Dunkle Nacht der Seele wandert durch die Straßen der Hauptstadt und fegt alles beiseite. Schon sind alle Gesänge verstummt, hier, wo eben noch alles sang. Die Staubwolke hat alles zu Staub werden lassen. Erst die Dichter, dann die Liebe und dann, als es schon scheint, als sei sie satt, da kommt die Wolke wieder und hängt sich ganz oben über deine Stadt und dein Gemüt und teilt dir mit geheimnisvollen Bewegungen mit, daß sie sich nicht mehr hinweg zu bewegen gedenkt." (18)
"Ein Woche darauf hängte sich López Azcaráte an einen Baum, und die Nachricht lief wie ein vor Angst rasendes Tier durch die gesamte Fakultät. Ich wurde ganz klein, als ich davon hörte, mich fröstelte, und zugleich mußte ich mich unendlich wundern, denn es war eine schlechte, gleichzeitig aber ganz phantastische Nachricht, als flüsterte mir die Wirklichkeit zu: Ich kann immer noch Großes zustande bringen, und dich bringe ich immer noch zum Staunen, du dummes Ding, dich und alle anderen, ich kann immer noch Himmel und Erde in Bewegung setzen, um der Liebe willen." (23)
"Ich glaube, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben, daß das Leben voller rätselhafter Dinge ist, voller kleiner Begebnisse, die nur auf eine hautnahe Berührung warten, oder auf unseren Blick, um sich in einer Serie kausaler Tatsachen zu entladen, die nachher, durch das Prisma der Zeit betrachtet, nichts als fassungsloses Staunen oder Entsetzen hervorrufen können. (26)
"(...) und während ich darauf wartete, daß der Soldat eines nach den anderen die Klos inspizierte, bereitete ich mich darauf vor, moralisch und körperlich, auf keinen Fall die Tür zu öffnen, sondern das letzte Refugium der Autonomie der Universidad Nacional Autonoma de México, der UNAM, zu verteidigen, ich, eine armselige Dichterin aus Uruguay, die aber mit all ihrer Liebe an Mexiko hing, (...) (310)
"Als erstes sagte ich zu seiner Mutter: Senora, ich bin nicht mir Ihrem Sohn ins Bett gegangen. Ich bin immer gern offen und ehrlich zu Leuten, die das auch sind (obwohl ich mir wegen dieser unverbesserlichen Angewohnheit schon endlos viel Ärger eingehandelt habe). ich hob beide Hände, grinste und dann nahm ich die Hände wieder runter, und sie sah mich an wie jemand aus einem der Manuskripte ihres Sohnes Arturito Belano, der längst schlief wie ein Murmeltier, in der Höhle, die sein Zimmer war." (38)
"Und ich folgte ihnen. Leichten Schritts liefen sie die Calle Bucareli hinunter bis zum Paseo de la Reforma (...). Die Avenida ähnelte um diese Stunde vor allem einem Friedhof, aber weder einem Friedhof von 1974 noch einem von 1968 oder 1975, sondern einem Friedhof des Jahres 2666, einem Friedhof, vergessen hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, dem wässerigen Rest eines Auges, das etwas vergessen möchte und alles vergessen hat." (78)
"Die Jungs hier, sagte ich eins Abends zu Lilian, haben ein Anrecht darauf zu wissen, wie der Che gevögelt hat. War so ein Schwachsinn von mir, ohne Hand und Fuß, aber kam einfach so aus mir heraus." (108)
"Ich erinnere mich, daß ich von diesem Moment an, als hätte ich in der Ferne den Schuß gehört, der das Ende der Schonzeit verkündet, redete, was mir gerade einfiel. Bis mir die Worte ausgingen." (123)
"War auch die Rede vom Krieg in diesem Lied, von heldenhaften Abenteuern einer ganzen Generation junger geopferter Lateinamerikaner, so wußte ich doch: Es sang vor allem von der Tapferkeit, den Spiegeln, der Sehnsucht, der Freude.
Dieses Lied, es ist das Zeichen unserer Erinnerung, unser Amulett. (163)