Fischer Taschenbuch Verlag, Oktober 2011 (2. Auflage März 2013) / Spanisches Original: Editorial Anagrama Barcelona 2004
Süchtig machendes Opus Magnum von Bolano, das er vor seinem Tod leider nicht mehr komplett abschließen konnte. Sicherlich eine der ganz großen Entdeckungen der letzten Jahre. Einfach umwerfend! Große Literatur aus großem Leid!
Der Roman besteht aus 5 Teilen: Der erste Teil handelt von vier Germanisten, Pelletier (Franzose), Morini (Italiener), Espinoza (Spanier) und einer Engländerin mit dem Namen Liz Norton. Den Vier gemeinsam ist die Begeisterung für einen deutschen Schriftsteller mit dem fiktiven Namen Benno von Archimboldi. Auf zahlreichen Kongressen und Reisen lernen sich die vier immer besser kennen. Neben der Literaturwissenschaft gibt es zwischen Ihnen bald aber auch noch eine andere Bande: Die Liebe zu Liz, die letztlich alle drei teilen. Am Ende beschließen sie, gemeinsam nach Archimboldi in Mexiko zu suchen. In Santa Teresa lernen sie Professor Amalfitano kennen, der angeblich ein Fachmann für Archimboldi sein soll.
Im zweiten Teil (219) geht es dann um Amalfitano, dem Universitätsprofessor. Wie erfahren von seiner Tochter Rosa, mit der er zusammenlebt, und seiner geschiedenen Frau Lola, die ihn verlassen hat. Vor seiner Tätigkeit an der Universität von Santa Teresa war er in Barcelona. Merkwürdige Dinge passieren mit Amalfitano in Santa Teresa: er hört eine Stimme und er hängt ein Buch auf die Wäscheleine. Gleichzeitig gehen die merkwürdigen Frauenmorde weiter und Amalfitano beginnt sich Sorgen um seine Tochter zu machen.
Im dritten Teil erfahren wir von Quincy Williams, einem schwarzen amerikanischen Journalisten, der allerdings von allen Oscar Fate genannt wird. Er soll eine Reportage über einen "Prediger" mit Namen "Barry Seaman" schreiben. Dabei erfährt er von den zahlreichen Frauenmorden, die in "Santa Teresa" begangen wurden. Schließlich fährt Fate auf eigene Faust nach Santa Teresa, um über die Morde zu recherchieren. In Santa Teresa lernt er auch Rosa Amalfitano (412) kennen, von deren Vater der zweite Teil handelte. Es kommt zu einem kurzen Treffen und Amalfitano rät Ihnen, Mexico zu verlassen.
Der vierte Teil heiß einfach Der Teil von den Verbrechen. Auf über 350 Seiten erfahren wir von den zahlreichen Morden in Santa Teresa. Der Erzähler berichtet, wo die Frauen lebten, arbeiteten und wo sie gefunden wurden. Im Mittelpunkt stehen aber zweifellos die zahllosen Versäumnisse der Polizei und die völlig stümperhaft durchgeführten Ermittlungen. Man gewinnt den Eindruck, dass eigentlich gar nicht richtig ermittelt wird. Warum, bleibt völlig im unklaren. Jedenfalls ist es für einen Europäer sehr schwer nachzuvollziehen, warum sich die Polizisten so ignorant und amateurhaft verhalten. Ein vermeintlicher Hoffnungsschimmer, ein junger Polizist mit dem Namen Lalo Cura scheint die Ermittlungen ernster zu nehmen und eine zeitlang hofft man als Leser, dass er Licht in die unerträgliche Situation bringen möge. Allerdings vergeblich! Am Ende taucht allerdings eine Abgeordnete auf, die offenbar will, dass nochmals komplett alles neu untersucht wird. Vom Ausgang der Sache erfahren wir jedoch nichts. Kurz danach endet der Teil mit dem Weihnachtsfest 1997.
Der fünfte und letzte Teil handelt von Archimboldi. Wir erfahren, dass er eigentlich Hans Reiter heißt und 1920 zur Welt kam. Seine gesamte Kindheit und danach seine Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg wird ausgebreitet. Immer wieder durchsetzt mit diversen Episoden von anderen Menschen, auf die Archimboldi in seinem Leben gestoßen ist. Eine wichtige Rolle in diesem Teil spielt auch die Geschichte seines Verlegers bzw. der Verlegerswitwe, die auch im ersten Teil vorkommt. Der Teil endet damit, dass Archimboldi - achtzigjährig - sich ins Flugzeug setzt und nach Mexiko fliegt, um offensichtlich seinen Neffen (den Sohn seiner geliebten Schwester), den wir als Klaus Haas bereits aus dem 3. Teil kennen, zu helfen.
Teil 1
"Als Pelletier Ende 1994 aus Avignon zurückkehrte, als er die Tür seiner Pariser Wohnung öffnete, die Koffer abstellte und die Tür hinter sich schloss, als er sich ein Glas Whisky eingoss, die Vorhänge aufzog und die altbekannte Aussicht vor sich sah, (...) als er das Jackett auszog, das Whiskyglas in der Küche abstellte und den Anrufbeantworter abhörte, als er sich müde fühlte, die Lider schwer, aber anstatt sich ins Bett zu legen und zu schlafen sich auszog und duschen ging, als er den Computer anschaltete, in einem weißen Bademantel gewickelt, der ihm fast bis zu den Knöcheln reichte, da wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass er Liz Norton vermisste und alles dafür gegeben hätte, jetzt mit ihr zusammen zu sein, nicht nur, um mit ihr zu reden, sondern um mit ihr zu schlafen, um ihr zu sagen, dass er sie liebe, und um aus ihrem Mund zu hören, dass sein Liebe erwidert wurde.
Espinoza empfand etwas Ähnliches wie Pelletier, mit zwei kleinen Unterschieden. Erstens wartete er nicht, bis er in seiner Madrider Wohnung stand, um das dringende Bedürfnis zu spüren, mit Liz Norton zusammen zu sein. Schon im Flugzeug wusste er, dass sie die ideale Frau war, die Frau, die er immer gesucht hatte, und begann zu leiden. Der zweite war, dass sich unter die idealischen Vorstellungen von der Engländerin, die mit Überschallgeschwindigkeit durch seinen Kopf schossen, während er mit siebenhundert Stundenkilometern gen Spanien flog, öfter Sexszenen mischten, nicht viele, aber mehr als in Pelletiers Phantasie.
Morini dagegen, der im Zug von Avignon nach Turin fuhr, verbrachte die Stunden der Reise damit, den Kulturteil von IL Manifesto zu lesen und anschließend zu schlafen, bis ihm zwei Schaffner (die im helfen sollten, in seinem Rollstuhl auf den Bahnsteig zu gelangen) mitteilten, das man am Ziel sei.
Was Liz Norton durch den Kopf ging, lässt man besser unkommentiert." (28/29)
"In dieser Woche klingelte das Teleefon von Liz Norton drei- oder viermal jeden Abend und ihr Handyzwei- oder dreimal jeden Morgen. Die Anrufe kamen von Pelletier und Espinoza, und obwohl beide sich sorgfältig mit archimboldianischen Vorwänden wappneten, hatten diese sich in kürzester Zeit erschöpft, und dann gingen die beiden Professoren zu dem über, was sie eigentlich interessierte. (...) Liz Norton war ein leidenschaftliche Geliebte, wenn ihre Leidenschaft auch zeitlich begrenzt war. Nicht sehr phantasievoll, überließ sie sich während des Liebesspiels allen Anregungen ihres Partners, ohne sich je entscließen zu können oder die Mühe zu machen, selbst die Initiative zu ergreifen. Diese Liebesspiele währten in der Regel nicht länger als bestenfalls drei Stunden, worüber Pelletier manchmal traurig war, der, wäre es nach ihm gegangen, bis zum Morgengrauen weitergevögelt hätte.
Nach dem Liebestakt, und das frustrierte Pelletier am meisten, sprach Norton mit Vorliebe über wissenschaftliche Themen (...)" (48/49)
"... wenn sie ihren Exmann traf, einen Typ von ein Meter neunzig und ungewisser Zukunft, ein potenzieller Selbstmörder oder oder potenzieller Totschläger, vermutlich ein Kleinkrimineller oder Hooligan, dessen kultureller Horizont sich auf die Popsongs beschränkte, die er in irgendeinem Pub zusammen mit Kumpels aus Kindertagen grölte, ein Holzkopf, der ans Fernsehen glaubte, dessen atrophischer Zwergenverstand dem eines hergelaufenen religiösen Fundamentalisten glich, jedenfalls und ohne Umschweife gesagt: Der schlimmste Ehemann, den eine Frau sich einbrocken konnte." (52)
"An den Türrahmen gelehnt, sah Norton sie an wie zwei seit langem tote Freunde, die als Gespenster aus dem Meer zurückgekrochen kamen." (93)
"Der erst Eindruck, den die drei Kritiker von Amalfitano bekamen, fiel eher negativ aus und passte perfekt zu der Mittelmäßigkeit des Ortes, nur dass der Ort, die ausufernde Stadt in der Wüste, als etwas Typische angesehen werden konnte, voller Lokalkolorit, ein weiterer Beweis für die oft grässliche Vielfalt der menschlichen Landschaft, während man Amalfitano nur als einen Gestrandeten ansehen konnte, einen nachlässig gekleideten Typen, einen unbedeutenden Professor an einer unbedeutenden Universität, Fußsoldat einer von vornherein verlorenen Schlacht gegen die Barbarei oder, weniger melodramatisch, als den, der er letztlich war, ein melancholischer Philosophieprofessor, auf seinem Fleckchen Weide grasend, dem Rücken einer launischen und kindischen Bestie, die Heidegger kurzerhand verschlungen hätte, wenn ihm das Pech widerfahren wäre, an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten zur Welt zu kommen." (158/159)
"Warum habe ich erst so spät gemerkt, dass du mich liebst?, sagte ich später zu ihm. Warum habe ich erst so spät gemerkt, dass ich dich liebe?
Das ist meine Schuld, sagte Morini im Dunkeln, ich bin so ungeschickt. (214)
Teil 2
"Er hatte eine Tochter, die Rosa hieß und immer bei ihm gelebt hatte,. Schwer vorstellbar, aber so war das. In manchen Nächten erinnerte er sich an Rosas Mutter, und mal lachte er dann, mal musste er weinen. Er erinnerte sich an sie,während er in senem Arbeitszimmer hockte und Rosa in ihrem Zimmer schlief. Das Wohnzimmer war leer und still und es brannte kein Licht. Hätte draußen auf der Veranda jemand die Ohren gespitzt, hätte er gehört, wie ein paar Mücken summten. Aber niemand spitzte die Ohren. Die Nachbarhäuser lagen stumm und dunkel da." (219/220)
"-, konnte er sich an jenem Nachmittag, da er wie ein mittelalterlicher Feudalherr die Brache seenes geschrumpften Grund und Bodens abschritt, während seine Tochter wie eine mittelalterliche Prinzessin vor dem Badezimmerspiegel ihre Toilette verrichtete, auf keine erdenkliche Weise erinnern, warum und wo er das Buch gekauft hatte, oder wie er es eingepackt und zusammen mit anderen, vertrauteren und lieberen Exemplaren in diese bevölkerungsreiche Stadt gesandt haben könnte, die an der Grenze von Sonora und Arizona der Wüste trotzte." (254)
"Zur selben Stunde fand die Polizei von Santa Teresa die Leiche einer weiteren jungen Frau, halbherzig vergraben auf einer Grundstücksbrache in einem Außenbezirk der Stadt, und ein kräftiger Wind aus Westen rannte gegen die Flanken der Berge im Osten an, fegte auf seinem Weg durch Santa Teresa Staub, Zeitungsseiten und herumliegende Kartons vor sich her und brachte Bewegung in die Wäsche, die Rosa im Hintergarten aufgehängt hatte, als würde er, der so junge, so energische und kurzlebige Wind, Amalfitanos Hemden und Hosen anprobieren und in die Unterwäsche seiner Tochter schlüpfen und einige Seiten im Geometrisches Vermächtnis lesen, als wollte er sehen, ob dort nicht etwas stünde, das ihm von Nutzen sein, das ihm die interessante Landschaft der Straßen und Häuser, durch die er galoppierte, erklären oder ihm Aufschluss über sich selbst als Wind geben konnte." (272)
"(...) während am maulbeerfarbenen Himmel, maulbeerfarben wie die Haut einer totgeprügelten Indianerin, rotschwänzige Bussarde kreisten." (282)
"Einmal während des Essens war ihm, als hätte er einen ziemlich finsteren Blickwechsel zwischen dem Rektor und seiner Frau bemerkt. Während er in ihren Augen etwas wahrnahm, das dem Hass nicht unähnlich war, huschte über das Gesicht des Rektors eine plötzliche Angst. Das dauerte nicht länger als der Flügelschlag eines Schmetterlings, aber Amalfitano bemerkte es, und für einen Augenblick (die Flügelschlagsekunde) drohte die Angst des Rektors auch seine Haut zu streifen. Als er sich davon erholt hatte und die andren Gäste musterte, stellte er fest, das niemand ihn bemerkt hatte, diesen winzigen Schatten wie ein hastig ausgehobenes Grab, das einen beunruhigenden Gestank verströmte." (296)
Teil 3
"Gut, sagte der Weißhaarige. Ich werde dir drei Überzeugungen mitteilen. A: Diese Gesellschaft steht außerhalb der Gesellschaft, alle, wirklich alle dort sind wie die ersten Christen im Zirkus. B: Die Verbrechen tagen verschiedene Handschriften. C: Diese Stadt wirkt vital, wirkt irgendwie fortschrittlich, aber das Beste wäre, ihre Bewohner würden eines Nachts hinaus in die Wüste und über die Grenze gehen, alle, ohne Ausnahme." (357)
"Während die Mexikaner gegrilltes Fleisch mit Pommes frites aßen, dachte Fate an die Tätowierung von García. Dann verglich er die Einsamkeit jener Ranch mit der Einsamkeit der Wohnung seiner Mutter. Er dachte an ihre Asche, die dort noch herumstand. Dachte an die tote Nachbarin. Dachte an das Viertel von Barry Seaman. Und alles, was in den LIchtschein seiner Erinnerung geriet, während die beiden Mexikaner aßen, kam ihm trostlos vor." (371)
"An keinem Ort der Welt gibt es mehr dumme Hühner pro Quadratmeter als an einer kalifornischen Universität." (383/384)
"Einen Moment lang sahen sich beide wortlos an, als würden sie schlafen, und ihre Träume wären in einem gemeinsamen, aber völlig geräuschfreien Territorium ineinandergeflossen. Fate erhob sich und nannte seinen Namen, Amalfitano fragte, ob er kein Spanisch spreche. Fate entschuldigte sich und lächelte, und Amalfitano wiederholte die Frage auf Englisch.
Ich bin ein Freund Ihrer Tochter, sagte Fate, sie hat mich hereingebeten.
(...) Ich würde gern wissen, was los ist. Seine Stimme klang jetzt rauh.
Bringen Sie meine Tochter aus dieser Stadt, und dann vergessen Sie das alles. Oder besser: Vergessen Sie nichts, aber zuerst und vor allem bringen Sie meine Tochter von hier fort." (456/457)
Teil 4
"Das Traurigste aber war, das der Drogenhändler oder der bekleidete Rücken deds mutmaßlichen Drogenhändlers sie kaum beachtete, sonder sich auf das Gespräch mit einem mangustengesichtigen Typen und einer katzengesichtigen Trulla konzentrierte." (502)
"Das war der letzte Mord an einer Frau im Jahr 1993, dem Jahr, in dem in diesem Teil der mexikanischen Republik die Frauenmorde ihren Anfang nahmen, zu der Zeit, als José Andrés Briceno von der Partei der Nationalen Aktion (PAN) der Gouverneur der Bundesstaates Sonora war und José Refugio de las Heras von der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) der Oberbürgermeister von Santga Teresa, fähige, aufrechte Männer, die brach ihren Job machten, ohne Angst vor Repressalien, immer auf Unerfreuliches gefasst." (520)
"In Elsas Zimmer war alles rot, die Wände, die Bettdecke, die Laken, das Kopfkissen, die Lampe, die Glühbirnen, sogar die Hälfte der Fliesen. Durch das Fenster sah man auf das Gewühl von Madero-Norte, um dies Zeit ein Strom von Autos, die sich im Schritttempo vorwärtsbewegten, und Menschenmassen auf den Gehwegen zwischen Imbiss- und Getränkeständen und Billigrestaurants, die einen Preiskampf um ihre auf großen, ständig aktualisierten schwarzen Tafeln angeschlagenen Menüs führten." (550)
"In der Küche entdeckte er unter einem Wandschrank einen Umschlag mit vier Polaroidfotos. (...) Auf dem zweiten sah man zwei Mädchen, die einander die Arme um die Schultern gelegt hatten und mit nach links geneigten Köpfen einem ähnlichen Ausdruck von atemberaubender Selbstsicherheit in die Kamera schauten, als wären sie gerade auf diesem Planeten gelandet oder hätten bereits ihre Koffer zur Abreise gepackt." (555)
"Manchmal dachte Juan de Dios Martínez, wie gerne er mehr über das Leben der Anstaltsleitern gewusst hätte. Etwas über ihren Freundeskreis. Wer waren ihre Freunde? Er kannte keinen einzigen, nur einige Angestellte der Nervenheilanstalt, zu denen die Leiterin ein liebenswürdiges, aber doch distanziertes Verhältnis pflegte. Hatte sie Freunde? Er nahm es an, auch wenn sie nie darüber sprach. Eines Nachts, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, sagte er, dass er gern mehr über ihr Leben erfahren würde. Die Leiterin sagte, er wisse bereits mehr als genug. Juan de Dios Martínez hackte nicht nach." (559)
"Ebenfalls in jenen Tagen erschien im Fernsehen eine Hellseherin namens Florita Almada, die von ihren nicht sehr zahlreichen Anhängern La Santa genannt wurde. Florita Almada war siebzig und hatte vor nicht allzu langer Zeit, vor zehn Jahren, die Erleuchtung erlangt. Sie sah Dinge, die sonst niemand sah. Sie hörte Dinge, die sonst niemand hörte. Und sie wusste für alles, was ihr geschah, eine vernünftige Erklärung zu finden. Bevor sie zur Hellseherin wurde, war sie Kräuterfrau, ihr eigentlicher Beruf, wie sie sagte, denn Hellseherin bezeichnet doch jemanden, der sehend war, und sie sah manchmal nichts, die Bilder waren verschwommen, das Gehörte gestört, als wäre die innere Antenne, die ihr gewachsen war, falsch ausgerichtet oder bei einer Schießerei durchlöchert worden oder bestünde aus Alufolie, mit der der Wind sein Spiel triebe." (565)
"Einmal fragte er einen älteren Journalisten, was er von den Frauenmorden im Norden halte. Der Reporter erwiderte, das sei Drogenhändlergebiet, mit Sicherheit gebe es dort nichts, was nicht auf die eine oder andere Weise mit dem Drogenhandel zusammenhänge." (615)
"Das Haus lag in der von Angehörigen der Mittelschicht bewohnten Siedlung El Cerezal, einem Viertel mit vorwiegend ein- und zweistöckigen Häusern, von denen nicht alle Neubauten waren, wo man auf ruhigen, baumbestandenen Fußgängerwegen Brot und Milch einkaufen konnte, in sicherer Entfernung vom Lärm der Siedlung Medero, die weiter außerhalb lag, und vom lauten Trubel der Innenstadt." (630/631)
"Der Hof hatte die Form eines großen V, der Boden war zur Hälfte betoniert, die andre Hälfte war bloße Erde, und seitlich wurde er von zwei Mauern mit Wachtürmen begrenzt, aus denen gelangweilte, Marihuana rauchende Wachtposten schauten." (639/640)
"Haas verstand nicht, wie sich ein Schwanz vor dem Loch in Farfáns oder Gómez Hintern aufrichten konnte. Es mochte vielleicht noch angehen, dachte er, dass ein Mann bei einem Jüngling oder Knaben in Wallung geriet, aber nicht, das ein Mann oder das Hirn eines Mannes Signale aussandte, die seine Schwellkörper veranlassten, sich einer nach dem anderen mit Blut zu füllen, was schon kompliziert genug ist, ohne andere Stimulanz als das Arschloch eines Farfán oder Gómez." (645)
"Unter den Zuschauern der Pokerrunde befand sich Kommissar Ortiz Rebolledo, der, als er Juan de Dios Martínez sah, aufstand und ihn fragte, was ihn um diese Zeit hierherführe. Ich bin gekommen, um jemanden zu verhaften, sagte Juan de Dios, und Ortiz Rebolledo sah ihn an und grinste von einem Ohr zum anderen. Du und die zwei da?, fragte er. Und dann: Sei kein Arsch, warum holst du dir nicht woanders einen runter?" (660/661)
"Den Fall bearbeitete Kommissar Lino Rivera, der seine Ermittlungen mit der Befragung ihrer Arbeitskolleginnen und der Suche nach einem inexistenten Verlobten beginnen und enden ließ. Weder wurde die Umgebung der Fundstelle genauer untersucht noch Abrücke von den zahlreichen, am Tatort vorhandenen Spuren genommen." (667)
"Die Leiterin der Nervenklinik von Santa Teresa spürte plötzlich Lust, Juan de Dios Martínez nach Einzelheiten zu den Morden zu fragen, wusste aber, dass die Beziehung dadurch enger werden und sie mit ihm ein verschlossenes Zimmer betreten würde, zu dem sie allein den Schlüssel besaß. Manchmal dachte Elvira Campos, das Beste wäre, aus Mexiko fortzugehen. Oder sich umzubringen, bevor man fünfundfünfzig wurde. Oder vielleicht sechsundfünfzig?" (678)
"Was genau konnte die Lehrerin nicht ertragen?, fragte sich Elvira Campos. Das Leben in Santa Teresa? Die Morde in Santa Teresa? Dass minderjährige Mädchen ums Leben kamen, ohne dass jemand etwas dagegen unternahm? Reichte das aus, um eine junge Frau in den Selbstmord zu treiben? Würde sich ein studierter Mensch wegen so etwas umbringen? Würde sich eine Frau vom Land, die hart hatte arbeiten müssen, um Lehrerin zu werden, wegen so etwas umbringen? Eine unter tausend? Eine unter hunderttausend? Eine unter einer Million? Eine unter hundert Millionen Mexikanern?" (687)
"Als er mittags Besuch von seiner Anwältin bekam, sagte Haas, dass er die Ermordung der Kaziken miterlebt habe. Der ganze Gang war da, sagte Haas. Die Wärter schauten durch eine Art Luke von einem oberen Stockwerk aus zu. Machten Fotos. Niemand griff ein. (...) Die Henker traten zurück, damit die Wärter gute Fotos schießen konnten. (...) Weißt du zufällig, weswegen man die Kaziken umgebracht hat? Keine Ahnung sagte Haas, ich weiß nur, sie waren hier nicht auf Rosen gebettet. Die Anwältin lachte. Wegen Geld, sagte sie. Diese Bestien haben die Tochter eines reichen Mannes ermordet. Alles andere ist Beiwerk. Leeres Gerede, sagte die Anwältin." (693/694)
"Während sie also auf den Vater der Mädchen warteten, dachte die Nachbarin (um die Zeit und die Angst totzuschlagen), dass sie gern einen Revolver haben und auf die Straße laufen würde. Und was dann? Dann würde sie ein paar Schüsse in die Luft abgeben, um sich abzureagieren und Viva Mexiko zu schreien, um sich Mut zu machen oder um eine letzte Wärme zu spüren und dann in rücksichtsloser Geschwindigkeit mit den Händen ein Loch in die festgestampfte Lehmstraße zu graben und sich, durchweicht bis auf die Knochen, darin für immer und ewig zu begraben." (698)
"Wochenlang dachte Joan de Dios Martínez an die vier Herzinfarkte, die Herminia Noriega vor ihrem Tod erlitten hatte. Manchmal dachte er daran, wenn er beim Essen saß, oder wenn er in der Toilette einer Cafeteria oder eines von Kommissaren frequentierten Schnellrestaurants sein Wasser abschlug, oder kurz vorm Einschlafen, wenn er gerade das Licht löschen wollte, oder Sekundenbruchteile vorher, und in so einem Fall konnte er unmöglich das Licht löschen, stand dann auf, trat ans Fenster uns sah auf die Straße, eine gewöhnliche, hässliche, stille, spärlich beleuchtete Straße, ging in die Küche, setzte Wasser auf und kochte Kaffee, und manchmal, wenn er den heißen, ungesüßten Kaffee trank, einen beschissenen Kaffee, stellte er den Fernseher an und zappte sich durchs Nachtprogramm, das aus allen Himmelsrichtungen der Wüste hereinkam, er empfing um diese Zeit mexikanische und US-amerikanische Programme, Programme, in denen hirnverbrannte Idioten unter Sternen ritten und einander mit unverständlichen Worten begrüßten, auf Spanisch, Englisch oder Spanglisch, aber kein einziges verfluchtes Wort davon verständlich, und dann stellte Juan de Dios Martínez die Kaffeetasse auf den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen, und seinen Lippen entschlüpfte ein schwaches, deutliches Jaulen, als würde er weinen oder mit den Tränen kämpfen, aber wenn er schließlich die Hände wieder sinken ließ, kam nur seine alte, von der Mattscheibe erleuchtete Visage zum Vorschein, sein alte unfruchtbare, trockene Haut, und nicht die Spur einer Träne.
Als er Elvira Campos davon erzählte, was ihm widerfahren war, hörte die Leiterin der Nervenklinik ihn schweigend an, und dann, sehr viel später, als beide nackt im Dämmerlicht des Schlafzimmers ausruhten, gestand sie ihm, dass sie manchmal davon träume, alles aufzugeben. Das heißt, radikal alles aufzugeben, ohne alle mildernde Umstände." (706/707)
"Bei dem Verhör, dem sie unterzogen wurden, verlor Carlos Camilo Alonso, angeblich infolge eines versuchten Selbstmords, sämtliche Zähne und erlitt einen Bruch der Nasenscheidewand. Roberto Aguilera trug vier gebrochene Rippen davon." (711/712)
"Am nächsten Tag führen Epifanio Galindo, mehrere Polizisten und zwei Kommissare in Begleitung der Entdecker der Leiche zum Ort des Geschehens, einem Ort, der als El Pajonal, Grasland, bekannt war, eine Bezeichnung, die mehr dem Wunsch als der Wirklichkeit Ausdruck verlieh, denn es gab dort weder Gras noch etwas Ähnliches, nur Wüste und STeine und hin und wieder ein paar graugrüne Sträucher, bei deren bloßem Anblick sich die Miene desjenigen verdüsterte, der solcher Trostlosigkeit ansichtig wurde." (725)
"In dieser Einöde zu leben, dachte Lalo Cura, während der Wagen mit Epifanio am STeuer das einsame Gelände hinter sich ließ, ist, als würde man auf dem Meer leben. Die Grenze zwischen Sonora und Arizona ist eine Kette geisterhafter oder verzauberter Inseln. Die Städte und Dörfer sind Schiffe. Die Wüste ist ein unendliches Meer. Ein guter Ort für Fische, vor allem für jene Fische, die in Tiefseegräben leben, nicht für Menschen." (739)
"Mit Vorliebe setzte sich Haas mit dem Rücken zur Wand im schattigen Teil des Hofes auf den Boden. Und mit Vorliebe dachte er nach. Mit Vorliebe darüber, dass es keinen Gott gab. Drei Minuten, mindestens. Mir Vorliebe auch darüber, wie unbedeutend die Menschen waren. Fünf Minuten. Wenn es den Schmerz nicht gäbe, wir wären vollkommen. Unbedeutend und frei von Schmerz. Vollkommen, Himmelarsch. Aber der Schmerz war da und versaute alles. Schließlich dachte er an den Luxus. Den Luxus, ein Gedächtnis zu haben, eine oder mehrere Sprachen zu sprechen, zu denken und nicht auf und davon zu laufen." (744)
"Leitern der Abteilung war Yolanda Palacio, eine Frau von Anfang dreißig mit heller Haut und kastanienbraunem Haar, die immer etwas förmlich wirkte, obwohl unter ihrer Förmlichkeit die Sehnsucht nach Glück durchschimmerte, die Sehnsucht nach dem nie endenden Fest." (745)
"So ist diese verdammte Land, sagte Azucena, dann schwieg sie minutenlang und betrachtete ihr Tequilaglas im durchscheinenden Licht einer Tischlampe oder schaute zu Boden oder hatte die Augen geschlossen, denn all das und noch mehr konnte sie im Schutz ihrer Brille tun." (777)
"Hätte sie zu entscheiden gehabt, wären alle um sie herum, die Schatten an den Rändern des Fotos, auf der Stelle verschwunden, auch der Raum und die Strafanstalt mit Strafvollzugsbeamten und Sträflingen, die hundertjährigen Gefängnismauern von Santa Teresa, und übrig geblieben wären nur ein Krater, und im Krater nichts als Schweigen und die undeutlichen Umrisse von ihr und Haas, aneinandergekettet in der Tiefe." (782)
"Es war ihre gleichnamige sechzehnjährige Tochter, mit der sie in der Siedlung Álamos zusammenwohnte, die sie identifizierte. Die junge Rosa Gutiérez Centeno sah die Leiche ihrer Mutter in den Räumen des Leichenschauhauses und sagte, das sei sie. Um auch letzte Zweifel auszuräumen, erklärte sie, dass die rosa Jacke mit den schwarzen und weißen Längsstreifen ihr gehöre, ihr Eigentum sei; wie vieles andere habe sie sie sich mit ihrer Mutter geteilt." (783)
"(...), der größten wilden Mülldeponie von Santa Teresa, größer als die städtische Mülldeponie, auf der nicht nur die Lastwagen der Maquiladoras Müll abluden, sondern auch die Müllahrzeuge, die im Auftrag der Stadt unterwegs waren, sowie Last- und Lieferwagen privater Unternehmen, die als Subunternehmen die Müllabfuhr in Gebieten ersetzten, die keine öffentlichen Dienste bereitstellten, (...)" (797)
"Jetzt möchte ich, dass sie alles, was Loya und ich zusammengetragen haben, verwenden und ins Wespennest stechen. Sie werden selbstverständlich nicht allein sein. Ich bin immer an Ihrer Seite, auch wenn Sie mich nicht sehen, und unterstütze Sie in jeder Sekunde.
(...) Das Weihnachtsfest wurde in Santa Teresa auf die übliche Weise gefeiert. Man veranstaltete Posadas und zerschlug PInatas, trank Tequila und Bier. Selbst in den ärmlichsten Straßen hörte man die Leute lachen. Einige von diesen Straßen waren stockfinster, schwarzen Löchern vergleichbar, und das Gelächter, das von irgendwoher erklang, war das einzige Signal, der einzige Anhaltspunkt, an dem Nachbarn und Fremde sich orientieren konnten, um sich nicht zu verlaufen." (838)
Teil 5
"1920 kam Hans Reiter zur Welt. ER sah nicht aus wie ein Säugling, sondern wie eine Alge. Canetti und ich glaube auch Borges, zwei grundverschiedene Menschen, sagten, so wie das Meer Symbol oder Spiegel der Engländer, so sei der Wald die Metapher, in der die Deutschen lebten. Von dieser Regel bildete Hans Tier eine Ausnahme. Er mochte das Land nicht und noch weniger die Wälder. Er mochte auch das Meer nicht, oder das, was Normalsterbliche Meer nennen und was in Wirklichkeit nur die Meeresoberfläche ist, die vom Wind aufgewühlten Wellen, die nach und nach zum Sinnbild für Scheitern und Wahnsinn wurden. Was er mochte, war der Meeresgrund, dieses andere Land, mit Ebenen, die keine Ebenen , Tälern, die keine Täler, und Abgründen, die keine Abgründe waren." (841)
"Wenn er wie von einem nächtlichen Tauchgang nach Hause zurückkehrte, fragte ihn seine Mutter, wo er den Tag über gewesen sein, und der junge Hans Reiter erzählte, was ihm gerade einfiel, nur nicht die Wahrheit.
Dann sah ihn die Einäugige mir ihren hellblauen Augen an, und der Junge hielt ihrem Blick mit seinen beiden grauen Augen stand, und aus der Ecke nahe des Kamins sah den beiden der Einbeinige mit seinen beiden dunkelblauen Augen zu, und für drei oder vier Sekunden schienedie Insel Preußen aus der Tiefe emporzusteigen." (849)
"Für Hans war seine Schwester das Beste, was ihm je widerfahren war, und oft versuchte er sie zu zeichnen, im selben Heft wie seine Algen, aber immer mit unbefriedigendem Ergebnis; (...) Allmählich aber, indem er seine Phantasie anspornte oder seinen Geschmack anspornte oder seine künstlerische Ader anspornte, gelange es ihm, sie wie eine kleine Sirene zu zeichnen, mehr Fisch als Mädchen, mehr dick als dünn, aber immer lächelnd, immer mit der beneidenswerten Eigenschaft, zu lächeln und in allem das Positive zu sehen, was den Charakter seiner Schwester getreulich wiedergab." (854)
"Gesunde Menschen scheuen den Umgang mit kranken Menschen. Diese Regel trifft auf fast alle Menschen zu. Hans Reiter bildete eine Ausnahme. Er fürchtete sich weder vor Gesunden noch vor Kranken. Er fühlte sich nicht Abgestoßen. Er war hilfsbereit und hielt den Begriff, den so unscharfen, so dehnbaren, so strapazierten Begriff der Freundschaft in hohen Ehren. Kranke Menschen sind übrigens interessanter als gesunde. Die Worte der Kranken, auch derer, dir nur noch stammeln können, sind bedeutsame als die Worte der Gesunden. Übrigens ist jeder Gesunde ein künftiger Kranker. Der Zeitbegriff, ach, der Zeitbegriff der Kranken, ein in einer Höhle unter der Wüste verborgener Schatz! Übrigens beißen die Kranken wirklich, während die Gesunden nur so tun, als würden sie beißen, während sie in Wirklichkeit Luft kauen. Übrigens, übrigens, übrigens." (870/871)
"Es war in jenen Tage, als sie unter der Sonne oder unter den ersten grauen Wolken, riesigen, unermesslichen Wolken, die eine denkwürdigen Herbst ankündigten, dahinmarschierten und sein Bataillon ein Dorf nach dem anderen hinter sich ließ, dass Reiter dachte, unter seine Wehrmachtsuniform trüge er ein Narrenkleid oder einen Narrenpyjama." (883)
"Mittlerweile spazierten beide Hand in Hand durch den Park, und von Zeit zu Zeit blieb Ingeborg, stehen und küsste Reiter auf den Mund, und wer immer sie sah, hätte sie für einen jungen Soldaten mit Braut gehalten, zu arm, um sich anderswo zu treffen, die sehr verliebt waren und sich viel zu erzählen hatten. Wäre der hypothetische Beobachter jedoch näher herangegangen und hätte dem Paar in die Augen geschaut, hätte er bemerkt, dass das Junge Mädchen verrückt war und der junge Soldat dies wusste, dass es ihm aber egal war." (917)
"Wir Christen holen uns einen runter, aber wir hängen uns nicht auf, sagte Wilke, und bevor er einschlief, dachte Reiter über seine Worte nach, denn er vermutete, dass sich hinter Wilkes Kalauer eine Wahrheit verbarg." (924)
"Während der Zeit, die er in seiner Zelle saß, freundete sich Iwanow mit einer Ratte an, der er den Namen Nikita gab. Nachts, wenn die Ratte erschien, führte Iwanow lange Gespräche mit ihr. Anders, als man hätte meinen können, sprachen sie nicht über Literatur, erst recht nicht über Politik, sonder über ihre Kindheit. Iwanow erzählte der Ratte von seiner Mutter, an die er oft denken musste, und von seinen Geschwistern, vermied es aber, über seinen Vater zu sprechen. Die Ratte erzählte ihm ihrerseits in einem eben nur hingehauchten Russisch von der Moskauer Kanalisation, vom Himmel in der Kanalisation, an dem wegen detritischer Wucherungen oder unerklärlicher Phosphoreszenzbildung immer Sterne funkelten." (959)
"Hinter jeder Antwort verbirgt sich eine Frage, sagen die Bauern von Kostekino, erinnert sich Ansky. Hinter jeder unanfechtbaren Antwort verbirgt sich eine noch komplexere Frage. Die Komplexität aber reizt ihn zum Lachen, und manchmal hört seine Mutter ihn in der Dachkammer lachen, wie damals, als er zehn war." (971)
"Reiter ging allein. Manchmal sah er sowjetische Geschwader vorbeifliegen, und manchmal zogen am Himmel, der noch vor einer Minute strahlend blau gewesen war, plötzlich Wolken auf, und es gab einen Wolkenbruch, der Stunden andauerte. Von einem Hügel aus sah er eine Kolonne deutscher Panzer Richtung Osten rollen. Sie sahen aus wie Särge einer außerirdischen Zivilisation." (976)
"Dieses Land, sagte er zu Reiter, der sich womöglich an diesem Nachmittag in Archimboldi verwandelte, hat versucht, im Namen der Reinheit und und des Willens etliche Länder in den Abgrund zu stürzen. Reinheit und Wille, das werden Sie verstehen, sind in meinen Augen reiner Blödsinn. Dank der Reinheit und des Willens haben wir alle - haben Sie gehört? -, wir alle uns in eine Bande von Feiglingen und Totschlägern verwandelt, was beides letztlich dasselbe ist." (1036)
"Spiel und Selbsttäuschung sind die Augenbinde und die Triebkraft zweitklassiger Schriftsteller." (1040)
"Ich habe nicht viel Zeit, ich muss Leichen von oben nach unten karren. Ich habe nicht viel Zeit, ich muss atmen, essen, trinken, schlafen. Ich habe nicht viel Zeit, ich muss mich im Takt unzähliger Rädchen bewegen. Ich habe nicht viel Zeit, ich lebe. Ich habe nicht viel Zeit, ich sterbe." (1044)
"Am Abend, während seines Dienstes am Eingang der Bar, dachte er über eine Zeit der zwei Geschwindigkeiten nach, davon die eine so langsam war, dass Menschen und Gegenstände sich in ihr fast unmerklich bewegten, die andere so schnell, dass alles, selbst das Schwerfälligste und Behäbigste, vor Geschwindigkeit flimmerte. Die eine Zeit hieß Paradies, die andere Hölle, und Archimboldi wünschte sich nur, in keiner der beiden jemals leben zu müssen." (1058)
"Später erholte sich Frau Gottlieb auch gesundheitlich ein wenig, und sie nutzte das, um um in eine kleine Wohnung zu ziehen, die Ausblick auf einen kleinen Park bot, dem die Natur, die dem Treiben der Menschen meist gleichgültig gebenüberstand, im nächsten Frühjahr aber wieder frisches Grün schenken würde." (1064)
"Pack deinen Koffer aus, sagte die Baroness, und mach dich etwas frisch, heute Abend essen wir gemeinsam mit meinem Mann.
Während Archimboldi damit beschäftigt war, die Paar Socken, ein Hemd und eine Unterhose in einer Kommode zu verstauen, stellte die Baroness im Radio einen Sender mit Jazzmusik ein. Archimboldi ging ins Bad, rasierte sich, feuchtete die Haare an und kämmte sich. Als er herauskam, waren bis auf die Nachttischlampe alle Lichter im Zimmer gelöscht, und die Baroness befahl ihn, sich auszuziehen und ins Bett zu legen. Zugedeckt bis zum Kinn und mit einem Gefühl wohliger Müdigkeit, betrachtete er von dort aus die Baroness, die mit nichts als einem schwarzen Höschen bekleidet vor dem Radio stand und am Radioknopf drehte, bis sie einen Sender mit klassischer Musik fand." (1074)
"Die Träume, die Lotte auf dem Land hatte, waren beunruhigend. Sie träumte von toten Eichhörnchen, toten Hirschen, toten Kaninchen, und manchmal glaubte sie im Dickicht ein Wildschwein zu sehen, näherte sich ihm ganz langsam, und wenn sie die Zweige zur Seite bog, sah sie eine riesige Bache sterbend daliegen,, ums sie herum Hunderte von toten Wildschweinferkeln. Wenn das geschah, schreckte sie hoch, und nur der Anblick von Werner, der friedlich neben ihr schlief, vermochte sie zu beruhigen. Eine Zeitlang spielte sie mit dem Gedanken, Vegetarierin zu werden. Stattdessen gewähnte sie sich das Rauchen an." (1150)
"Diesmal jedoch kaufte sie, vielleicht aus Versehen oder wegen der Eile, ein Buch mit dem Titel Der König des Waldes von einem gewissen Benno von Archimboldi. Es war ein schmales Bändchen von nicht mehr als hundertfünfzig Seiten, das von einem Einbeinigen und einer Einäugigen und ihren beiden Kindern handelte, einem Jungen, der gern schwamm, und einem Mädchen, das ihrem Bruder bis in die Klippen nachlief. Während das Flugzeug den Atlantik überquerte, stellte Lotte mit Erstaunen fest , dass sie einen Teil ihrer Kindheit las." (1174)