Berlin 2014 (Suhrkamp)
Vorlesungen Foucaults am Collège de France zwischen 1979 und 1980
"(...) so glaube ich trotzdem, dass man wohl Schwierigkeiten hätte, ein Beispiel für eine Macht zu finden, die ausgeübt wird, ohne in der einen oder anderen Weise von einer Wahrheitsmanifestation begleitet zu sei. " (18)
"Es ging in erster Linie darum, aus dem Verborgenen, dem Unsichtbaren, dem Unvorhersehbaren heraus das Wahre selbst aufscheinen zu lassen. (...) Ich sage Ritual der Wahrheitsmanifestation, weil es sich hier nicht schlicht und einfach um das handelt, was man als einen mehr oder weniger rationalen Erkenntnisvorgang bezeichnen könnte." (21)
"Die Wissenschaft, die objektive Erkenntnis ist nur ein möglicher Fall all dieser Formen, mittels derer man das Wahre zum Ausdruck bringt." (23)
"Wo es Macht gibt, wo es Macht geben muss, wo man wirkungsvoll zeigen möchte, dass die Macht hier liegt, muss das Wahre sein. Und wo das Wahre nicht wäre, wo es keine Manifestation des Wahren gäbe, wäre keine Macht oder sie wäre schwach oder sie wäre unfähig, Macht zu sein. Die Stärke der Macht ist von etwas wie der Manifestation des Wahren nicht unabhängig und geht weit über das hinaus, was nützlich oder notwendig ist, um gut zu regieren." (25)
"Wie Sie sehen, geht es im Großen und Ganzen darum, den Begriff der Regierung der Menschen durch die Wahrheit etwas auszuarbeiten." (27)
"(...) wenn die Menschen gemäß den Regeln der Evidenz regieren, dann wären es nicht die Menschen, die regieren, sondern die Dinge selbst. Dies könnte man das Prinzip Quesnays nennen, das trotz seines anscheinend abstrakten und utopischen Charakters in der Geschichte des politischen Denkens in Europa eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat." (32)
"(...) wenn alle über die Gesellschaft, in der sie leben, alles wissen, könnte die Regierung schlichtweg nicht regieren, und man hätte sofort die Revolution. Bringen wir die Masken zum Fall, finden wir heraus, wie die Dinge sich abspielen, machen wir uns bewusst, was die Gesellschaft ist, in der wir leben, die ökonomischen Prozesse, deren Akteure und Opfer wir unbewusst sind, machen wir uns die Mechanismen der Ausbeutung und der Herrschaft bewußt, und sogleich stürzt die Regierung." (33)
"Der Terror ist keine Regierungskunst, die ihre Ziele, ihre Motive und ihre Mechanismen geheim hält. Der Terror ist exakt die Gouvernementalität in nacktem Zustand, in zynischem Zustand, in obszönen Zustand. (34)
"(...) und ich möchte Ihnen zu zeigen versuchen, (...), dass man die Menschen nicht führen kann, ohne Operationen der Ordnung des Wahren zu vollziehen, (...).
Man sagt oft, dass allen Machtbeziehungen letztlich so etwas wie ein Kern der Gewalt innewohnt und dass man auf das nackte Spiel auf Leben und Tod trifft, wenn man die Macht ihrer Deckmäntel beraubt. Vielleicht. Aber kann es eine Macht ohne Deckmäntel geben? Anders gesagt, kann es tatsächlich eine Macht geben, die auf das Spiel von Licht und Schatten, Wahrheit und Irrtum, wahr und falsch, Verheimlichten und Gezeigtem, Sichtbarem und Unsichtbarem verzichtet? Kann es eine Machtausübung ohne einen Ring der Wahrheit geben, ohne einen alethurgischen Kreis, der sie umgibt und der sie begleitet? (36)
"Wenn Sie in den archaischen griechischen Texten, (...), die rituellen, kanonischen Formen des Wahrsprechens betrachten, legitimiert sich das Wahrsprechen, um sich als Darlegung, Formulierung, Manifestation der Wahrheit zu präsentieren, mit einer Macht, die dem, der spricht, immer vorausliegt oder auf jeden Fall außerhalb von ihm liegt. (...) Wenn Sie so wollen, gibt es in einer ganzen Reihe von Kulturen (...) diese starke Neigung, den Hang, das Wahrsprechen dadurch auftreten zu lassen und das Wahrsprechen dadurch zu beglaubigen, dass derjenige, der spricht, nicht derjenige ist, der die Wahrheit besitzt. Und die Wahrheit, die durch seine Worte hindurchscheint, ist eine Wahrheit, die von woanders zu ihm kommt.
Das Problem ist, zu wissen, wie und aus welchen Gründen der Moment gekommen ist, in dem das Wahrsprechen seine Wahrheit dadurch belegen und sich als Manifestation der Wahrheit behaupten konnte, dass derjenige, der spricht, sagen kann: Ich besitze die Wahrheit deshalb, weil ich sie gesehen habe, und weil ich sie gesehen habe, sage ich sie. Diese Gleichsetzung des Wahrsprechens mit dem Gesehen-haben-des-Wahren, diese Gleichsetzung dessen, der spricht, mit der Quelle, dem Ursprung, der Wurzel der Wahrheit ist zweifellos ein vielschichtiger und komplexer Prozess, der für Geschichte der Wahrheit in unseren Gesellschaften überaus wichtig war." " (75-76-77)
"Folglich besteht das Problem des Ödipus darin, zu wissen, wie er sich verwandeln kann - vom dem Mann, der nicht wusste, in jemanden, der weiß. Wie Sie wissen, war die Verwandlung von jemandem, der wusste, in jemanden, der weiß, das Problem der Sophisten, Das Problem von Sokrates, uns wie wird noch das Problem von Platon sein. Das ist das ganze Problem der Erziehung, der Rhetorik, der Überredungskunst. Das ist letztlich das ganze Problem der Demokratie. Muss man, um eine Stadt zu regieren, die, die nicht wissen, in die, die wissen verwandeln?" (86)
"Man muss letztlich zur Anwesenheit selbst gelangen und zum Blick selbst, zu dem Blick der Leute, die selbst dabei waren.
Das wird also Ödipus von dem, der nicht weiß, in den, der weiß verwandeln." (89)
"Ödipus ist bereit, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, doch hauptsächlich, weil es um seine Macht geht und insoweit es um seine Macht geht. Für ihn ist das Spiel keine Wahrheitsspiel. Es ist ein Machtspiel. Er spielt das Wahrheitsspiel nur insoweit, als seine Macht in Frage steht." (91)
"Es ist ein Haltung, die zuerst darin besteht, sich zu sagen, dass sich keine Macht von selbst versteht, dass keine Macht ,welche es auch sei, evident oder unvermeidbar ist, dass folglich keine macht es verdient, von vornherein akzeptiert zu werden. Es gibt keine intrinsische Rechtmäßigkeit der Macht. (...), da alle Macht lediglich auf der Kontingenz und Fragilität der Geschichte beruht, wenn der Gesellschaftsvertrag ein Bluff und die Zivilgesellschaft ein Ammenmärchen ist, wenn es kein universales, unmittelbares und evidentes Recht gibt, das überall und immer irgendeine Machtbeziehung stützten könnte. Sagen wir, wenn der große philosophische Ansatz darin besteht, einen systematischen Zweifel einzuführen, der alle Gewissheiten suspendiert, besteht der kleine, quer zur Hauptrichtung liegende Ansatz, den ich Ihnen vorschlage, in dem Versuch, nicht die Suspendierung jeglicher Gewissheiten, sonder die Nicht-Notwendigkeit jeglicher Macht systematisch zur Geltung zu bringen." (114)
"Zweitens geht es nicht darum, zu sagen, dass alle Macht schlecht ist, sondern darum, davon auszugehen, dass keine macht, welche es auch sei, mit vollem Recht akzeptierbar und absolut und definitiv unvermeidlich ist. (...) Es handelt sich um eine theoretisch-praktische Haltung, die die Nicht-Notwendigkeit jeglicher Macht betrifft." (115)
"Wenn man im Bezug auf das Christentum die Frage der Regierung der Menschen und des Wahrheitsregimes stellt, denkt man (...) an die Tatsache, dass das Christentum im Vergleich zur alten Welt, im Vergleich zur griechischen, hellenistischen und römischen Welt, tatsächlich ein höchst erstaunliches, höchst neues und zugleich höchst paradoxes Wahrheitsregime einführt." (121)
"Anders gesagt, gibt es im Christentum ein Wahrheitsregime, das sich nicht so sehr um den Wahrheitsakt als Glaubensakt herum aufbaut als vielmehr um den Wahrheitsakt als Geständnisakt." (122)
"Mithin ist das Christentum im Grunde, im Wesentlichen die Religion der Beichte, insofern diese sich an der Nahtstelle des Regimes des Glaubens und des Regimes des Geständnisses befindet, und diese beiden Wahrheitsregime bilden - unter diesem Blickwinkel - die Grundlage des Christentums."
"Was war der Protestantismus am Ende, wenn nicht eine bestimmte Art der Wiederaufnahme des Glaubensaktes als Bekenntnis zu einem dogmatischen Inhalt in Form einer Subjektivität, die es dem Individuum erlaubt, in sich selbst, in seinem Innersten, gemäß dem Gesetz und dem Zeugnis seines Bewusstseins, diesen Inhalt zu entdecken?" (124)
"Zusammengefasst ist ein Wahrheitsregime, wenn Sie so wollen, das, was die Pflichten der Individuen bezüglich der Verfahren zur Manifestation des Wahren definiert." (133)
"Oder man könnte bei Verfahren wie beispielsweise dem Unterricht oder der Belehrung, die, egal ob es sich um Wahrheiten, Lügen oder Irrtümer handelt, exakt dieselben sind, vom Wahrheitsregime, Wahrheitszwang sprechen. Der Unterricht ist exakt derselbe und die Pflichten, die er umfasst, sind exakt dieselben, wenn er Unsinn lehrt oder wenn er die Wahrheit lehrt. (135)
"Sie sehen also, dass der Begriff des Wahrheitsregimes allenfalls beibehalten, aufrechterhalten werden kann, wenn es um etwas anderes als die Wahrheit geht oder wenn es um Dinge geht, bei denen wahr oder falsch im Grund gleichgültig ist, wenn es aber um das Wahre selbst geht, ist kein Wahrheitsregime notwendig." (136)
"Bei der Logik werden das Wahrheitsregim und der Selbstaufweis des Wahren gleichgesetzt, so dass das Wahrheitsregime als solches nicht erscheint." (139)
"Das heißt, es ist notwendig, dass es ein Subjekt gibt, das nicht verrückt ist. Der Ausschluss des Wahnsinns ist damit der Grundakt bei Aufbau eines Wahrheitsregimes, (...)." (140)
"Die Wissenschaft wäre ein Familie von Wahrheitsspielen, die all dem gleichen Regime gehorchen, selbst wenn sie nicht der gleichen Grammatik folgen; und dieses sehr spezifische, sehr charakteristische Wahrheitssystem ist ein System, bei dem die Macht der Wahrheit so aufgebaut ist, dass der Zwang, hier durch das Wahre selbst gewährleistet wird. Es ist ein Regime, bei dem die Wahrheit zwingt und bindet, weil und insofern sie wahr ist. Und davon ausgehend glaube ich, dass man begreifen muss, dass die Wissenschaft nur ein mögliches Wahrheitsregime ist und dass es sehr wohl andere gibt. " (141)
"(...) das Wahre die Menschen sukzessiv nötigt, ihre Überheblichkeit dämpft, mit ihren Träumen aufräumt, ihre Wünsche zum Verstummen bringt, ihren Bildern die Wurzeln entzieht. Bei der archäologischen Geschichte, die ich Ihnen vorschlage, würde es im Gegenteil darum gehen, im Bezug hierauf ein klein wenig gegen den Strom zu schwimmen, und dies würde somit darin bestehen, nicht davon auszugehen, dass das Wahre mit vollem Recht und unhinterfragt gegenüber den Menschen die Macht der Pflicht und des Zwangs hat, sondern bei dem das ist wahr den Akzent auf die Macht zu verlagern, die man ihm verleiht. Eine Geschichte dieser Art wäre somit nicht dem Wahren gewidmet und der Art und Weise, wie es ihm gelingt, das Falsche auszumerzen und alle Bindungen zu kappen, die es einschnüren, sondern wäre letztlich der Macht des Wahren gewidmet und den Bindungen, durch die die Menschen sich innerhalb der und durch die Manifestation des Wahren nach und nach selbst einschnüren. Was ich im Grund gerne machen würde, (...), wäre ein Geschichte der Macht des Wahrheit, also, um diesselbe Idee von einer anderen Seite anzupacken, eine Geschichte des Willens zum Wissen." (143)
"Anders gesagt, hat das Christentum von Anfang an eine bestimmte Beziehung zwischen der Pflicht zur individuellen Wahrheitsmanifestation und der Schuld des Bösen hergestellt. "(146)