Melk an der Donau 2018 (Michael Hüter)
Mit Stichtag 1. März 2014 lag die Betreuungsquote der Null- bis Zweijährigen deutschlandweit bei 32,3 Prozent. In drei Bundesländern lag die Fremdbetreuungsquote der Babys (Null- bis Zweijährige) in Krippen bereits über 50 Prozent. (36)
Damit erfolgte nach der Auflösung der Großfamilie und des Mehr-Generationen-Haushalts ab etwa dem 19. Jahrhundert im Zuge der Industriellen Revolution, spätestens seit den 1980er Jahren die völlige Aufsplitterung und Auflösung der Kern-Familie (Mutter/Vater/Kind). Fast alle der traditionellen Funktionen der Familien und Gemeinschaften wurden an den Staat und die Märkte abgeben. (40)
In Deutschland wurde während der Herrschaft der Nationalsozialisten die staatliche Schul- und Bildungspflicht (der Schulzwang) eingeführt und bis heute beibehalten, zumindest wird es politisch so gehandhabt. Damit ist Deutschland eines der ganz wenigen demokratischen Ländern weltweit, die einen Schulzwang haben. (43)
Was ein Kind schon im Kindergartenalter auf keinen Fall braucht, ist in Gruppen mit über zwanzig Kindern nach Jahrgängen filetiert und mit Frühförderung beträufelt aufzuwachsen. (55)
Die Muster- Fremdbetreuungsländer Frankreich und Schweden sind führend im Konsum von Schlafmitteln bei Kindern und Antidepressiva bei Eltern. (57)
Grundwesen und Konsequenz aller totalitären Ideologien war es auch, die Kinder von ihren Familien zu trennen. (58)
Ebenso nachteilig für die Entwicklung des Kindes ist es, sein Verhalten (...) ständig zu kommentieren. Das Belehrungs-, Bewertungs-, Bestrafungs- und Belohnungskonzept ist auch Teil einer direktiven Pädagogik, (...).
Die nicht-direktive Pädagogik (kein Bestrafen, Belohnen, Bewerten und ständiges Kommentieren des kindlichen Verhaltens) ist Teil auch der Reformpädagogik. (85)
Einen Begriff, eine eigene Bedeutung für Kindheit, als etwas Gesondertem, Eigenständigem, gab es in der Menschheitsgeschichte sehr lange nicht. Kinder waren immer unter Erwachsenen und nahmen an deren Alltagsleben teil. Und: Sie lernten dabei von erwachsenen Bezugspersonen ohne unterrichten und Belehrung von ganz alleine. (99)
Kinder lebten von früh an inmitten der Erwachsenenwelt. Sie wurden im wirklichen Leben sozialisiert und lernten überwiegend von anderen Kindern, ihren Eltern und erwachsenen Vorbildern, zu denen sie zumeist auch eine emotionale Beziehung hatten. (100)
Über Jahrtausende kannte Spiel, Tanz und Theater keinerlei Trennung, weder innerhalb der Gesellschaftsschichten, noch waren Kinder davon ausgeschlossen. (110)
Das Bewusstsein, dass Kinder einfach zuerst einmal nur zu unserer und ihrer eigenen Freude auf dieser Welt sind und lediglich unseres Schutzes und unserer Liebe (vorrangig der Eltern) bedürfen, ist weitgehend verloren gegangen, so wie auch ein vertrauensvoller und intuitiver Umgang. (116)
Die Lehrer der Domschulen wie auch die Professoren der Universitäten entsprachen bis zum Teil gegen Ende des Mittelalters dem Lehrer oder Gelehrten der Antike, der weitgehend alle Fächer unterrichtete. (...)
Das noch viel entscheidendere Kennzeichen der mittelalterlichen Schule ist die Vermischung von Altersstufen. (...)
Das letzte Kriterium, das die mittelalterliche Schule noch mit der Antike gemein hat: sie kannte keinen Elementarunterricht. Lesen, Schreiben und einfaches Rechnen, sowie Allgemeinbildung erfolgte weiterhin im familiären Verband und im Lehrbetrieb, also im öffentlichen Leben. (121)
Mit Schule ist in Folge hier das Kolleg gemeint, das ab ca. dem 15. Jahrhundert die mittelalterliche Domschule ablöste. Das Kolleg entsprach etwa unseren heutigen Gymnasium, einer Gesamtschule von ca. 10 bis 20-jährigen. Mit dem Kolleg entstand der Struktur nach endgültig unsere moderne und noch heutige Schule der Pflichtschulzeit. (122)
Die antike und mittelalterliche Schola, in der sich wiss- und lernbegierige Kinder und Erwachsene gemeinsam und barfüßig am Boden eines großen Raumes oder Saales niederließen, um den Worten eines universal gebildeten Gelehrten ehrfurchtsvoll zu folgen, gehörte spätestens am Beginn des 17. Jahrhunderts der Vergangenheit an. (...)
Vom 15. Jahrhundert an bildete sich an den Kollegs ein rigoroses Disziplinarsystem heraus, das hauptsächlich durch folgende Merkmale gekennzeichnet war: ständige Überwachung, die zum Erziehungsprinzip und zur Institution erhobenen Anzeigepflicht und die verstärkte Anwendung von Körperstrafen. (132)
Doch erst den kirchlichen Moralisten, Geistlichen und Lehrern in Europa ab dem 15. bis 17. Jahrhundert gelang es, das Prinzip der Erziehung durch Bestrafung als vorrangiges Prinzip in nahezu allen Gesellschaftsschichten durchzusetzen. (133)
Die stark zunehmenden Schüleraufstände erreichten im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt. (135)
In Winchester hielten am Ende des 18. Jahrhunderts die Schüler das College zwei Tage lang besetzt und hissten die rote Fahne! Im Jahre 1818 musste man zwei Kompanien Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten einsetzen, um mit einem Schüleraufstand fertig zu werden. In Rugby setzten die Schüler Bücher und Katheder in Brand und zogen sich dann auf eine Insel zurück, die erst von Sturmtrupps genommen werden konnte. (...)
Jahrhundert um Jahrhundert wuchsen geschlagene Kinder heran, die wiederum ihre eigenen Kinder schlugen. Öffentliche Proteste waren selten. Der russische Schriftstelle Leo Tolstoi notierte nach einem Besuch in Deutschland (1860) in sein Tagebuch: "War in der Schule. Entsetzlich. Gebet für König, Prügel, alles auswendig, verängstigte, seelisch verkrüppelte Kinder. (136)
Auch wenn die massive Gewalt in den Schulen im Verlauf des 18. Jahrhunderts zurückging und im 20. Jahrhundert verschwand - in einem Punkt trugen die Moralisten und Pädagogen den Sieg davon: Mit der Auffassung vom wohlerzogenen Kind. (...) Dieses wohlerzogene Kind wir in Frankreich dann zum Kleinbürger werden. In England wird es zum Gentlemen, (...). (137)
Das wohlerzogene und gehorsame Kind wird im 18. Jahrhundert an geradezu das Idealbild des Kleinbürgertums und im 19. Jahrhundert das der Elite und allmählich des modernen Menschen überhaupt. (...) Das Verhalten des Kindes, (...), blieb primärer Aspekt schulischer wie familiärer Erziehung. (138)
Es ist seit Jahrzehnten vielfach belegtes wissenschaftliches Faktum, dass die Trennung nach Jahrgängen bzw. Alter des Kinder (für eine Mehrheit der Kinder) lern- und entwicklungshemmend und eine der größten Fehlentwicklungen des Schulsystems ist. (143)
Jedes Kind ist hochbegabt. Aber die großen Talente sind bei Kinder nicht immer (früh) sichtbar und zeigen sich oft in Dingen, denen wir keinerlei Bedeutung schenken. Das Wunder Leben ist nicht berechenbar und entsteht von ganz alleine. Nirgendwo gilt das so sehr wie bei Kindern. (163)
Seit mindestens zwanzig Jahren liegen dutzende internationale Forschungsergebnisse vor, die belegen: Die Institutionalisierung der Schwangerschaft und das Massengebären in Krankenhäusern führt bei nicht wenigen Müttern zu Komplikationen während der Schwangerschaft und/oder bei der Geburt. (171)
Diese Ländervergleiche zeigen deutlich, dass dort, wo der Arzt nur in dringenden Fällen hinzugezogen wird, im Allgemeinen weniger Geburtskontrollen auftreten. (172)
Der Suizid zählt heute in allen Industrieländern zu den häufigsten Todesursachen in der Adoleszenz. (178)
Die vollkommen selbstbestimmte Familie war über zehntausende Jahre ein niemals ernsthaft in Frage gestelltes Naturgesetz (und Kontinuum). Es bildete den Rahmen und zentralen Motor für die außergewöhnlich erfolgreiche Evolution und Geschichte des Homo sapiens. (191)
Innerhalb des Rahmens "Selbstbestimmte Familie" bis zum 6./7. Lebensjahr wuchs das Kontinuums-Kind über zehntausende Jahre in folgenden verlässlichen Strukturen auf: Von Geburt an wurde es von seiner Mutter (falls kurz nicht verfügbar von jemand anderem) konsequent bis etwa zum Endes des ersten Lebensjahres getragen. In jedem Falle so lange, bis es von sich aus zu krabbeln begann. (194)
Dieses Kontinuum wurde zuerst in Europa mit der Entdeckung der Kindheit und der Erziehung, spätestens ab Erfindung und industriellen Herstellung des Kinderwagens (ca. Mitte des 19. Jahrhunderts) fast vollständig unterbrochen, mit gravierenden Folgen für die Spezies Mensch. (...) Wenn wir von Geburt an unsere Babys erniedrigen, wieso sollten dann später darauf Erwachsene werden, die andere nicht erniedrigen? (...).
(...) getragene Kinder sind in jeder Hinsicht (...) durchschnittlich besser entwickelt, als die weggelegten, nicht getragenen und geschobenen Kinder. (196)
Das zweite Kontinuum der Evolution lautet: Das Baby wurde so lange gestillt, bis es sich selbst abstillte. (...)
Das dritte und ebenso verlässliche Kontinuum für das Menschenkind bestand darin: Es schlief von Geburt an in der Nähe seiner Eltern (im gemeinsamen Bett), niemals unbeaufsichtigt und alleine und solange, bis es von sich aus das gemeinsame elterliche Bett verließ, (...) Letzteres erfolgte in der Regel über zehntausend Jahre nicht vor dem 6./7. Lebensjahr, vor der "Einpflanzung der Zähne". (197-198)
In der Praxis ähnelt das Aufziehen eines Kindes [heute] eher dem Abbau seiner Persönlichkeit. (203)
Der christliche Europäer erfand an der Schwelle zur Neuzeit die Kindheit und führte im Namen der Religion einen Feldzug gegen das spielende und glückliche Kind. (216)
Bis zum zehnten Lebensjahr des Kindes sind bis zu 90 Prozent aller Elternteile (nicht nur) in den deuschsprachigen Ländern getrennt. (224)
Wenn es erlaubt ist, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 40 Jahre und den gesunden Menschenverstand in Anspruch zu nehmen, kann die Konsequenz aus der 40-jährigen Schulreformdebatte nur sein: vollkommene Schul-Autonomie und eine kontinuierliche Entschulung der Gesellschaft. Die Deeskalation der Schule(n) würde zwangsläufig zur Deeskalation und Entpolarisierung der Gesellschaft führen. (275)