der Freitag, Nr. 8, 23. Februar 2017, S. 15
- Tatsächlich handelt es sich bei derartigen Gerüchen nicht um Fußgeruch, sondern um so genannte Fälle von Fume Events. Dazu kommt es, wenn Spuren von Öl, Kerosin, Hydraulik- oder Enteisungsflüssigkeit in die Triebwerke geraten, dort verdampfen und dann in die Kabine eindringen. Bei fast allen Flugzeugen wir die Atemluft durch die Turbinen angezapft. Das Problem ist seit den 1950ern bekannt, doch erst rund 50 Jahre später begannen US-Forscher, Wirkungen giftiger Gase auf den Organismus als aerotoxisches Syndrom zu bezeichnen.
Dass es dieses Krankheitsbild gibt, bestreiten Flugzeugbauer, Airlines und deren Rückversicherer bis heute. - Zu anderen Ergebnissen kommt die Oberärztin Astrid Heutelbeck vom Institut für Arbeits-, Sozial-, und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. (...) In Blut- und Urinproben von rund 140 betroffenen Piloten, Flugbegleitern uns vereinzelt auch Passagieren habe sie vor einem Jahr "Stoffe gefunden, die dort nicht hingehören".
- Die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO hat vor einigen Jahren geprüft, ob es in Deutschland noch andere Ambulanzen für Fume Events gibt. Ergebnis: Nirgends wird zu dem Thema geforscht - außer in Göttingen, wo jetzt Stillstand herrscht. Das dortige Institut ist nicht nur deshalb so wichtig, weil es unabhängig von Industrie und Gewerkschaften agiert. Sondern auch, weil es als einzigen die Regelnd des Bundesarbeitsministeriums befolgt.
- Dass es so wenig unabhängige Forschung über das Gift im Flugzeug gibt, ist auch deswegen erstaunlich, weil die Zahl der Betroffenen groß sein dürfte. So zählte die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen zuständige Behörde bei Katastrophen in der Luftfahrt, zwischen 2006 und 2013 insgesamt 663 solcher Fume Events bei deutschen Airlines.
- Zuletzt verzeichnete die Ambulanz in Göttingen eine "extreme Nachfrage". Ein Kliniksprecher erklärt, es sei unmöglich, dass die Arbeitsmedizin die hohe Anzahl der potenziell in Deutschland betroffenen Patientenfälle allein adäquat versorge. Das sei auch nicht ihr Auftrag. Es sei unumgänglich, dass auf politischer Ebene, weitere Versorgungsmöglichkeiten erschlossen werden.
Mit dem Warten darauf aber wollen sich viele Patienten nicht abfinden: Sie organisierten eine Petition für den Erhalt der Ambulanz und eine Spendenaktion für den Ausbau der Fume-Events-Sprechstunde. Die Gewerkschaft Verdi, Cockpit und UFO unterstützen die Unterschriftensammlung, mehr als 12.000 Menschen haben sich bisher beteiligt.
Die Göttinger Unimedizin will das Geld aber gar nicht (...) - Vom Widerstand in Deutschland berichtet die Pilotenvereinigung Cockpit. Kliniken seine aufgefordert worden, bei Fume-Events-Vorfällen keine Untersuchungen mehr vorzunehmen, heißt es in einem Mitglieder-Rundschreiben. Zudem seinen für die gesetzliche Unfallversicherung zuständige Mediziner kontaktiert worden: "es wurde ihnen nahegelegt, keine Überweisungen mehr nach Göttingen auszustellen."
In den USA, sagt Porter Lafayette, scheuten Luftfahrtlobbyisten weder Kosten, noch Mühen, um zu verhindern, das Reisende vom aerotoxischen Syndrom erfahren.