Schöffling & Co Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2012
In einem weißen Kleid, das aussieht, als wollte Maike heute Abend ein zweites Mal geheiratet werden, steht sie vor der Anrichte und schneidet widerspenstigen Salat. (151)
Oskar ist einer, in dessen Adern Quecksilber fließt. Einer, unter dessen Füßen sich stets ein Feldherrenhügel befindet. (210)
Aus seiner Sicht ist keine Gewalttat so grausam wie ein Verbrechen gegen den guten Stil. Sollte er jemals (was durchaus nicht geplant ist) einen Mord verüben, dann vermutlich wegen einer aufdringlichen Bemerkung seines Opfers. (228)
Schickt die Dummen in den Krieg, denkt er, während er sich im Vorraum bei den Toiletten gegen die Wand lehnt. Verheizt sie in der Ödnis Afrikas, in asiatischen Dschungeln, egal. Noch fünfzig Jahre Frieden, und die Menschen in diesem Land sind auf das Niveau von Affen zurückgekehrt. (285)
Die Hochzeitsgesellschaft sprach hinter vorgehaltenen Händen über den Trauzeugen, der an den Wänden des Festsaals entlangschlich und mit seiner dunklen Gestalt persönlich für die Schatten in den Ecken verantwortlich schien. Seine Miene behauptete, sich niemals im Leben so köstlich amüsiert zu haben. Statt eines Schleiers, erzählte er den peinlich berührten Gästen, hätte Sebastian seiner Braut eine grüne Lampe aufsetzen sollen. Bei Notausgängen gehöre sich das so. (397)
Die Sonne ist untergegangen; die Luft riecht schon lange nicht mehr nach einem lebendigen Liam. Nichts liefert den Beweis dafür, dass Sebastians Warten nicht den Beginn einer lebenslangen Totenwache darstellt. Sein Bart wächst. Ebenso Fingernägel und Haare. Lange ist es dunkel; dann wird es langsam wieder hell. (1366)
Die ausgesperrten Oberärzte und Krankenschwestern begannen sogleich, ein Gespräch vorzutäuschen, während sie mit dem gespielten Desinteresse von Goldfischen durch die Scheibe äugten. (2809)
Die Belegschaft dieses verdammten Spitals, denkt Rita und beobachtet einen Patienten beim heimlichen Rauchen auf dem Balkon, verhält sich wie eine zu Boden geduckte Kaninchenfamilie, nachdem ein Raubvogel eines aus ihrer Mitte gerissen hat. Im Grunde kann sie es ihnen nicht einmal übel nehmen. Draußen wird gequält und gemordet, während hier drinnen die Lebensrettungsindustrie niemandem Zeit lässt, auch nur den Blick vom Fließband zu heben. (2832)
Der Polizeiobermeister lässt den Motor aufheulen und tritt das Gaspedal durch. Während sie durch enge Serpentinen talwärts schlingern, summt Schilf einen Satz vor sich hin, der ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Bevor es zu Ende geht, muss man etwas zu Ende bringen. (3000)
Das geputzte Gemüse leuchtet in appetitlichen Ampelfarben und hat damit den optischen Höhepunkt seines Daseins erreicht, bevor es gemeinsam mit den Garnelen in einer rötlichen Masse untergehen wird. (3025)
Die Leere ist kein Gegner, und ohne Gegner kann man eine Familie nicht verteidigen. Wenn Maike in ihrem bisherigen Leben etwas weniger Glück und etwas mehr Unglück erfahren hätte, würde sie den Rufnamen dieser Leere kennen: Angst. (3053)
Beim abrupten Aufstehen stoßen Sebastians Knie gegen das Tischbein, die Teller husten Curry auf die Tischdecke. Mit dem Rücken zum Raum stellt sich Sebastian an die Balkontür und forscht in der schwach spiegelnden Scheibe nach dem eigenen Gesicht. (3107)
Wenn er die Augen schließt, rast die Autobahn mit unverminderter Geschwindigkeit durch seinen Kopf. Auf der Gegenfahrbahn tragen die Windschutzscheiben kleine Stücke eines rosafarbenen Abendhimmels gen Norden. Am Straßenrand betrachten verblühte Sonnenblumen mit gesenkten Gesichtern das Erdreich, in dem sie bald zu liegen kommen werden. (3225)
Vom Platz gegenüber kann Oskar den ganzen Raum überblicken. Unaufgefordert bringt der Barmann zwei Gläser und eine Flasche Whisky, die genauso alt ist wie der bebrillte Junge, der das Cercle nach seinem Besuch auf der Toilette verlassen hat. (3279)
Unter dem Tisch begegnen sich ihre Knie. Oskar streckt die Hände aus und holt Sebastians Kopf zu sich heran, bis sie, Stirn an Stirn, über den Tisch gebeugt sitzen, dieselbe Atemluft teilend. Mit ganzem Gewicht lehnt Sebastian sich an, konzentriert auf die wärmer werdende Stelle, an der sich ihre Köpfe berühren, und wünscht, er könnte durch diesen Punkt dem eigenen Körper entfliehen, um unter dem Scheitel des Freundes Unterschlupf zu finden. (3367)
Wassertropfen veranstalten ein waagerechtes Wettrennen an der Scheibe, als führe das Haus mit hoher Geschwindigkeit durch die Nacht. (3402)
»Glauben Sie mir, ich bin nur noch im Auftrag des Herrn unterwegs. Sie werden nie wieder das Pech haben, meine Hilfe annehmen zu müssen.«
»Freut mich zu hören.«
Ritas Schnauben würde sich der Kommissar inzwischen am liebsten in Dosen füllen. Als Wegzehrung für schlechte Zeiten. (3470)
Wenn ihre Kleider sorgfältig gefaltet über der Stuhllehne hängen, rührt ihn ihre Nacktheit mehr, als dass sie ihn herausfordert. Sobald sie sich aber mit dem ganzen Leib an ihn schmiegt, liebt er sie mit aller Leidenschaft und Dankbarkeit, zu der er noch fähig ist. Liebt sie so sehr, dass alles aufhört, der Schmerz, die Grübeleien, der ganze menschliche Zwang zur permanenten inneren Berichterstattung über die eigene Existenz. Von Anfang an war Julia in der Lage, den Beobachter zum Schweigen zu bringen. Für ein paar Minuten kehrt Ruhe ein. Endlos wie die Farbe Schwarz. Schön wie eine Anleihe auf den Tod. (3907)
Der Polizeiobermeister lehnt im Beifahrersitz eines österreichischen Streifenwagens und schaut in eine Landschaft, die aussieht, als würde man ihr jeden Morgen mit dem Rasenmäher eine ordentliche Kurzhaarfrisur verpassen. (3985)
»Oskar hat ein Paralleluniversum inszeniert«, sagt er. »Liam wurde entführt und gleichzeitig auch nicht. Sebastian sollte erkennen, was es bedeutet, wenn man sich auf die Wirklichkeit nicht verlassen kann. Wie es wäre, wenn es kein Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch gäbe.«
»Soweit die Theorie«, sagt Rita. »Kommen wir zur Praxis.« (4306)
Ohne Angst kann Schilf daran denken, wie sein Bewusstsein schmerzlos hinabsinken wird in jenen Schaum aus Information und Transformation, dem es einst entstiegen ist und in das es sich zeit seines Lebens auf der Suche nach Erkenntnis zurückgesehnt hat. Ihn schreckt nicht einmal das Wissen, einen unerfreulichen Brocken Materie zurücklassen zu müssen, ebenso hart und hässlich wie der tiefgefrorene Dabbeling. Zuverlässig wird die Recyclingmaschine namens Natur dafür sorgen, dass nichts unverwertet bleibt. Ganz gleich, wo man ihn verscharren, verbrennen oder dem Meer übergeben wird, es werden ausreichend Pflanzen und Tiere zur Stelle sein, um sich von jenem Kohlenstoff zu ernähren, der momentan noch in menschlicher Gestalt am Fenster steht und Rauchschwaden zu grundsätzlichen Überlegungen spinnt. Sie werden etwas Schönes aus ihm machen, Ranken, Blüten oder buntes Gefieder. (4444)
Was Schlaf und Tod miteinander verbindet, ist die Tatsache, dass beide für ihre Gäste nur Einzelzimmer bereithalten. Man kann niemanden mitnehmen. (4507)
Epilog
Im Abflug nach Nordosten gleicht Freiburg weniger einer Stadt als einem Teppich aus ineinanderfließenden Farben. Eine bunt schimmernde Masse, von der niemand sagen könnte, ob er ein Teil von ihr ist oder sie von ihm. Ein Mosaik aus Dächern, über das die Morgensonne ihre verschwenderischen Goldtöne gießt. Das gewundene, quecksilberne Band der Dreisam dazwischen. Die blaue Luft trägt wie Wasser. Die Berge rufen die Vögel zurück. Die Vögel erstatten den Bergen Bericht.
So ist es, sagen wir, in etwa gewesen.