John Steinbeck: Früchte des Zorns

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DTV 1985, 20. Auflage 2012 / Originalausgabe: New York, 1939: "The Grapes of Wrath"

Bewegender Roman von Steinbeck über das hässliche Gesicht des Kapitalismus und der Industrialisierung in der Landwirtschaft. In zahllosen Szenen demonstriert Steinbeck, wie groß die Bereitschaft der Menschen ist, sich gegenseitig zu helfen, wenn sie sich alle in einem "Boot" befinden.

"Am Rande der großen Asphaltstraße wuchs Gras, struppiges, geknicktes, trockenes Gras, und die Grasköpfe waren schwer von Haferbärten, um sich am Pelz eines Hundes festzuklammern, von Fuchsschwänzen, um sich an das Knötenhaar eines Pferdes zu hängen, von Kleebällchen, um sich in die Wolle von Schafen zu setzen - schlafendes Leben, das nur darauf wartete, verstreut und verbreitet zu werden, jeder Samen bewaffnet mit einem Mittel zur Verbreitung, mit kleinen Pfeilen und Fallschirmen für den Wind, kleinen Speeren und Ballen von winzigen Dornen, und sie alle warteten auf Tiere oder auf den Wind, auf eins Mannes Hosenumschlag oder den Kleidersaum einer Frau, passiv alle, aber bewaffnet mit Mitteln der Aktivität , reglos, aber ein jedes erfüllt vom Trieb der Bewegung." (20)

"Und sie allesamt waren in etwas befangen, das größer war als sie selbst. Manche von ihnen haßten die Zahlen, von denen sie getrieben wurden, manche fürchteten sich, und manche beteten die Zahlen an, weil sie ihnen eine Zuflucht gaben vor Gedanken und Gefühlen. (...) Ein Mann kann das Land halten, wenn er nur essen und seine Steuern bezahlen kann. Natürlich kann er das.
Ja, das kann er, bis eines Tages seine Ernte ausbleibt und er Geld borgen muß von der Bank.
Aber - siehst du, eine Bank oder eine Gesellschaft kann das nicht, weil diese Kreaturen ja keine Luft atmen und sich nicht von Fleisch nähren. Sie atmen Profite, und sie nähren sich von Geldinteressen. Wenn sie das nicht bekommen, sterben sie, wie du stirbst ohne Luft und ohne Fleisch. Es ist eine traurige Sache, aber es ist so. Es ist einfach so." (40/41)

"Das Land wurde trächtig unter Eisen, und unter Eisen starb es allmählich, denn es wurde weder geliebt noch gehaßt." (46)

"Eine Handpflug ist nicht mehr zu verkaufen. Fünfzig Cents für das gewogene Metall. Schneidescheiben und Traktoren, das ist das Zeug, was man heute braucht.
Ja, nimm's  nur - nimm den ganzen Lumpenkram - und gib mir fünf Dollar. Du kaufst nicht  nur Lumpenkram, du kaufst auch zerlumpte Leben. Und noch mehr - wirst's schon sehen -, du kaufst den Kummer und die ganze Bitterkeit." (106)

"Wie sollen wir leben ohne unsere Leben? Woher sollen wir wissen, daß wir's sind - ohne unsere Vergangenheit? Nein. Laß es da. Verbrenn's." (109)

"Die Häuser auf dem Land waren verlassen, und das Land war verlassen, weil die Häuser leer standen. Nur in den Traktorenschuppen aus silbern glänzendem Wellblech herrschtge Leben - Leben von Metall und Benzin und Öl, von blitzenden Pflugscheiben. (...) Aber der Maschinenmensch, der einen toten Traktor fährt über Land, das er nichtg kennt und nicht liebt, versteht nur Chemie, und er ist nur verächtlich gegen das Land und gegen sich selbst. Wenn die Wellblechtüren geschlossen sind, geht er nach Hause, und sein Zuhause ist nicht das Land." (140-141)

"Ich will dir sagen, was Geschäft ist. Geschäft ist, wenn einer immer den anderen bescheißt. Ein Geschäftsmann muß lügen und betrügen - er nennt's nur nicht so." (146)

"Sairy sagte: Sie müssen nicht so reden. Wir helfen doch gerne. Ich habe mich seit langer Zeit nicht so ... so sicher gefühlt. Manchmal braucht man, das man jemand hilft." (170)

"Tja, sagte Casy, für jeden anderen wär's einfach nur eine Fehler gewesen, aber wenn Sie glauben, es war 'ne Sünde - dann war's eben 'ne Sünde. Sünden macht man sich selber. Sünden begeht man nicht." (267)

"Die Leute kommen mit Netzen, um die Kartoffeln aus dem Fluß zu fische,m aber die Wächter verbieten es ihnen. Sie kommen in ratternden Wagen, um sich Orangen zu holen, aber die Orangen sind mit Petroleum bespritzt. Und sie stehen still und sehen zu, wie die Kartoffeln vorbeischwimmen, hören die Schweine schreien, die in einem Graben geschlachtet und mit Ätzkalk bedeckt werden, sehen die Orangenberge zu einem Fäulnisbrei zusammen sinken, und in den Augen der Hungernden steht ein wachsender Zorn. In den Herzen der Menschen wachsen die Früchte des Zorns und werden schwer, scher und reif zur Ernte. (412)

"Tom lachte. Du willst ihn wohl nur aufstacheln?
Natürlich, sagte Mutter. Überleg dir doch - ein Mann sorgt sich und sorgt sich und frißt sich auf, und bald legt er sich hin und stirbt, weil s ihm das Herz zerfressen hat. Wenn du ihn aber hernehmen und wild machen kannst - dann ist er richtig. Vater hat nichts gesagt, aber jetzt ist er wild. Jetzt wird er mir's zeigen. Er ist ganz richtig, der Alte." (415)

"Aber Mutter...
Sie stand auf. Du gehst nicht. Wir nehmen dich mit. Al, du fährst den Wagen rückwärts gegen die Tür. Ja, jetzt weiß ich, wie wir's machen. Wir legen eine Matratze auf den Boden, und dann kriecht Tom schnell rein, und die andere Matratze legen wir so drauf, daß es 'ne Höhle gibt, und Tom ist drin in der Höhle, und wir bauen dann noch was davor. Am einen Ende kannst du dann Luft kriegen. Widersprich mir nicht. So wir's gemacht!
Vater beklagte sich: Scheint so, daß der Mann überhaupt nichts mehr zu sagen hat. Mutter ist 'n tolles Stück. Na, wenn wir erst mal irgendwo zur Ruhe gekommen sind, dann kriegt sie's ja von mir.
Ja, dann gerne, sagte Mutter. Los, Al! Es ist jetzt dunkel genug." (470)

"Nein, sagte Mutter lächelnd. Nein, Vater. Und das ist noch 'ne Sache, die eine Frau weiß. Ich habe das gemerkt. Ein Mann - der lebt ruckweise. Was Kleines wird geboren und jemand stirbt - der lebt ruckweise. Er kriegt seine Farm und verliert seine Farm - und das ist wieder ein Ruck. Eine Frau - das ist alles im Fluß, wie bei einem Bach, kleine Strudel, kleine Wasserfälle. aber der Bach fließt immer weiter.  So sieht 'ne Frau das an. Wir sterben nicht aus. Wir leben weiter, ändern uns 'n bißchen vielleicht, aber leben weiter." (496)

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