isw Forschungshefte 5 - Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. - November 2015
"Die Einkommensverteilung im Römischen Reich wies vermutlich einen Giniwert von etwa 42 auf (...). Dieser Wert bedeutet eine nur etwas schärfere Ungleichverteilung als die heute in den USA oder in der EU insgesamt vorfindbare. Ein Teil der heutigen EU-Ungleichheit liegt in der großen Spannweite der Wirtschaftsniveaus der EU-Länder begründet - (....). Diese heutige Spannweite ist nach Milanovic viel größer als damals die zwischen den Provinzen im riesigen Römischen Reich. " (10)
"Wie (nicht nur) Piketty (...) herausgearbeitet, hat sich die von Kuznets festgestellte Vergleichmäßigung seit den 1970er und 1980er Jahren in eine erneute Verschärfung der Ungleichverteilung gedreht. (...) Von den weltweit 10 bevölkerungsstärksten Ländern weisen nur Brasilien und Pakistan eine Tendenz zu mehr Gleichheit auf. In nur etwa einem Viertel der Länder kann eine Vergleichmäßigung festgestellte werden, von denen wiederum fast die Hälfte lateinamerikanische Länder sind. Grafik 2.5 zeigt, dass Lateinamerika die einzige Region ist, die in den letzten Jahren - ausgehend allerdings vom höchsten vorzufindenden Ungleichheitsniveau - deutliche Fortschritte in Richtung Gleichheit gemacht hat. (...) Besonders fällt die Entwicklung in Osteuropa ins Auge: Hier führt der Systemwechsel nach 1990 zu einem riesigen Sprung in der Ginikurve, fast 15 Punkte mehr im Jahrfünft bis 1995, (...). (11)
"Danach erleben 90% der Bevölkerung, Zehntel um Zehntel, dass ihr Anteil am nationalen BNE zurückging und geht. Das geschieht nicht rasend schnell, aber das geht kontinuierlich praktisch ohne Unterbrechung so dahin. (...) Aber nur das reichste Zehntel der Bevölkerung gewinnt durch die permanente Einkommensumverteilung. Und zwar 7 Prozentpunkte zusätzlichen Anteil am jährlichen neu geschaffenen Wert. Allein diese Ausweitung des Einkommensanteils ist fast so viel, wie dem untersten Viertel der Bevölkerung überhaupt zugebilligt wird. " (12)
"Während also im 20. Jahrhundert das Geburtsland der dominante und entscheidende Faktor war für die Position eines Menschen auf der Welt-Einkommensskala, dürfte künftig - wie schon in früheren Zeiten - wieder eher die Klasse oder Schicht, in die man hineingeboren wird, der Faktor sein, der die Einkommensposition hauptsächlich bestimmt.(...)
Dadurch ist diese Mittelschicht heute auf einen Anteil von deutlich mehr als einem Drittel der Weltbevölkerung herangewachsen und wird nach den Prognosen weiter zunehmen.
Diese weltweite Mittelschicht ist anders zu sehen als die national definierten Mittelschichten in den reichen Ländern. Diese werden gerade durch die Polarisierungsprozesse, durch die fortschreitende Einkommensspaltung, immer schmäler (...)." (15)
"Heute stellen die Asiaten gut die Hälfte der viel größer gewordenen Mittelschicht, während die Osteuropäer zu einem beträchtlichen Teil in den Armensektor abgewandert sind. (...) Und bis 2020 - Der Durchschnittschinese hat dann 5% mehr Einkommen als der Durchschnitts- Weltbürger - stoßen immer mehr Chinese in die Einkommensregionen der Reichen vor, während die Afrikaner noch stärker auf die unteren Einkommensbereiche abfallen." (16)
"Nachdem nach 1980 lange Zeit nur ein minimaler Prozentsatz (3%) der Menschen in den Entwicklungsländern ein Einkommensniveau überschritt, das dem von armen US-Amerikanern entspricht, nimmt die Anzahl dieser Menschen seit der Jahrtausendwende ziemlich schnell zu. (...) Künftig, wenn der Trend so weitergehen wird, werden sich die wohlhabenden US-Amerikaner und wohlhabenden Chinesen ähneln und auch die von ärmeren US-Amerikanern und ärmeren Chinesen." (17)
"In der Wirtschaftsgeschichte hatte ein nachholende wirtschaftliche Entwicklung eigentlich immer zur Voraussetzung, dass ein aktiver und handlungsfähiger Staat Branchen und Wirtschaftsbereiche feststellt und auswählt, die für das wirtschaftliche Vorwärtskommen und die wirtschaftliche Zukunft des Landes von großer Bedeutung sind (...). Entscheidend war dann immer, dass die nationalen Anstrengungen auf die Förderung dieser Wirtschaftsbereiche konzentriert wurden und dass diese Bereiche so lange, wie sie noch unentwickelt und konkurrenzschwach waren, vor ausländischen Einflüssen, also insbesondere vor der Weltmarktkonkurrenz geschützt wurden. Das Konzept der importsubstituierenden Industrialisierung (Ersetzen bisheriger Importe durch inländische Produktion) spielte eine wichtige Rolle. (...) Es ist kein einziges historisches Beispiel bekannt, in dem ein Staat, der ganz am Anfang seiner wirtschaftlichen Entwicklung stand, sich tatsächlich entwickelt hätte, indem er seine Wirtschaft ungeschützt dem internationalen Wettbewerb aussetzte. (Feyder 2010, S. 201)" (20-21)
"Die Globalisierung führt in den letzten Jahrzehnten mit sich, dass die großen Transnationalen Konzerne TNK, (...) viel mächtiger und die Regeln, nach denen die kapitalistischen Länder ihre ihre Weltwirtschaft betreiben, viel einengender geworden sind. (...)
Die Handlungsmöglichkeiten der heute immer noch unterentwickelten Länder sind dadurch im Vergleich zu früher, also zur Zeit des Aufstiegs der lateinamerikanischen Länder oder etwa von Südkorea, massiv eingeengt worden." (21)
"Die großen TNK sind in den letzten Jahren deutlich stärker gewachsen als die Weltwirtschaft im Durchschnitt. (...)
Die neoliberale, extrem an den Konzerninteressen orientierte Weltwirtschafts-Ideologie wurde im Washingtoner Konsens 1989 kodifiziert: Forcierung des segensreichen Freihandels (....) Öffnung der Länder für den Waren- und Kapitalverkehr, Abbau von Kapitalverkehrsbeschränkungen (...) und Handelsbeschränkungen, Senkung der Ertragssteuern und der Sozialausgaben, Deregulierung und Privatisierungen.(...)
Vor allem aber konzentrierte sich die WTO auf die Garantierung der Konzernfreiheiten bei Investitionen im Ausland - so wie auch bei TTIP nicht der Handel, sonder Deregulierung und Investitionsschutz im Mittelpunkt steht. (...)
Unter diesen Restriktionen wird ein gezielte Förderung der inländischen Wirtschaft im Rahmen einer staatlichen Entwicklungspolitik letztlich undurchführbar; sie kann sogar von einem internationalen Schiedsgericht als wettbewerbsverzerrend bestraft und kassiert werden. (...)
Diese im Vergleich zu früher drastisch veränderten Rahmenbedingungen für Entwicklung und Wohlstandsmehrung müssen sich natürlich auswirken." (22)
"Viele Entwicklungsländer (...) wurden in den letzten Jahrzehnten zu Nettoimporteuren von Nahrungsmitteln (...).
Der Wirtschaftliche Hintergrund all dieser Entwicklungen ist die weltweite Überproduktionslage.(...)
Die im Washingtoner Konsens dogmatisierte neoliberale Weltwirtschaftspolitik ist dazu da, den konkurrenzstarken Konzernen per Freihandel im Interesse ihrer Absatzförderung den Zugang zu den nationalen Märkten weiter zu öffnen.
Die Organisation Foodwatch bezeichnet TTIP als echtes Armutsprogramm für die ärmsten Länder der Welt." (23)
"Die Folge solcher Blockaden ist, dass Industrialisierung durch inländische Rohstoff-Weiterverarbeitung kaum vom Fleck kommt. So baut z.B. Afrika 70% des Kakaos der Welt an, verarbeitet aber nur 15% - die EU und die USA dagegen über 50% (...).
Die Konsequenz aus der Konkurrenz Starker gegen Schwache, von reichen Ländern unterstützte Unternehmen gegen wehrlose Unternehmen, ist eine weitverbreitete Deindustrialisierung in Ländern, die ihre Industrialisierungsphase noch gar nicht abgeschlossen haben. (...)
So hat die Textilindustrie in vielen afrikanischen Ländern nach der Liberalisierung des Textilhandels auf dem Weltmarkt (...) der Weltmarktkonkurrenz nicht standhalten können uns ist völlig zusammengebrochen. (24)
"Der übliche süddeutsche Familienbauernhof zum Vergleich hat eine Größe von 5 bis 50 ha, nur rund 5% der deutschen Bauernhöfe haben weniger als 2 ha. Den rund 400 Millionen Kleinsthöfen steht eine verschwindend geringe Zahl (weit unter 1%) von großindustriell betriebenen Anlagen mit je mindestens 200 ha gegenüber, die 50% der Fläche weltweit bewirtschaften (Bodenatlas 2015, S. 26)" (25)
"Organisierend und unterstützend beteiligt ist in vielen Fällen von Landgrabbing und darüber hinaus die Weltbank. Sie finanziert Kraftwerksbauten, Palmölplantagen, Staudämme, Slumsanierung mit den Folgen von Zwangsumsiedlungen, Landraub, Mord. (...)
Unterschiedliche Schätzungen über den Umfang der abgeschlossenen Verträge besagen, dass bisher etwa 3% bis über 10% der Agrarflächen weltweit an Landgrabbing-Investoren gingen und dass über 10% bis 30% der Agrarflächen Verhandlungen laufen (Bodenatlas 2015, S. 26)." (26)
"1950 lebten 30% der Weltbevölkerung in Städten, 2014 54% und 2050 werden es 66% sein." (28)
"Brynjolfson und McAfee vom Massachusetts Institute of Technology haben ihrer einflussreichen Arbeit über diese Umwälzungen den Titel Das zweite Maschinenzeitalter gegeben (....), was die Thematik meines Erachtens viel besser trifft als Industrie 4.0. Im ersten Maschinenzeitalter ging es jahrhundertelang darum, körperliche Arbeit von Maschinen machen zu lassen. Heute geht es um die Maschinisierung von Wissensarbeit, und das geht weit über die industrielle Fertigung hinaus." (29)
"Der Konsens bei all diesen Berichten besteht darin, dass Industrie 4.0 bzw. das Zweite Maschinenzeitalter z einem Produktivitätsschub führt, der mit der Wegrationalisierung vieler Arbeitsplätze verbunden ist. (...) Danach liegt für fast die Hälfte aller US-Beschäftigten (47%) die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den nächsten Jahren wegrationalisiert werden, höher als 70%, (...). Umgekehrt ist ein Drittel aller Beschäftigten von der Digitalisierung wenig betroffen (...). Hierunter fallen, wenig erstaunlich, hauptsächlich Managementtätigkeiten, Computerfachleute und Ingenieure, die Bereiche Bildung und Gesundheit." (30)
"So ist McKinsey ganz begeistert von selbstfahrenden Autos: "Jede zusätzliche Minute im Auto, in der die Menschen ungestört mobil im Internet surfen, bringt weltweit ein Umsatzpotential von fünf Milliarden Euro jährlich. (...) Woher das Einkommen für diesen Mehrumsatz kommen soll, schreiben sie nicht. (...)
Der ohnehin schon starke Trend zu prekären Arbeitsplätzen, zur Pseudo-Selbständigkeit, zum Abbau der arbeitsvertraglichen und der sozialen Sicherheiten., (...) zur Zunahme von psychischen Belastungen - dieser Trend wird durch Industrie 4.0 sicher nicht gebremst, sondern viel eher noch angeheizt." (31)
Grafik 3.6 Entwicklung der Bruttoprofite und ihre Verwendung in Deutschland (32):
- "Auffallend ist der Rückgang der Gewinn- und Vermögenssteuern, die aus dem Gewinneinkommen geleistet werden. (...) Lag der durchschnittliche Steuersatz bis 1982 fast immer über 30%, fiel er anschließend - bei drastisch steigenden absoluten Gewinneinkommen - kontinuierlich bis Mitte der 1990er Jahre auf 15% und pendelt seither zwischen 15 und 20%. Das ist eine Steuerbelastung, die ein Alleinstehender schon bei einem Einkommen von 30.000 Euro abdrücken muss, Verheiratete bei 60.000."
- "Das Auffälligste und der hier wichtigste Punkt ist der anscheinend unaufhaltsame Rückgang des Anteils der Sachanlageninvestitionen. (...) Die Nachfrageschwäche, die Überproduktionstendenz, reduziert den Investitionsbedarf."
- "Die Produktionsanlagen für einen bestimmten Output werden durch technischen Fortschritt nach und nach immer billiger (...).
- "Diese riesige Differenz zwischen den zur Verfügung stehenden Profiten und den zur Produktion und Akkumulation in der Realwirtschaft nötigen Profitraten (...) beweist die latente und in Krisenzeiten auch manifeste Überproduktionstendenz."
- "'Die Gelder sind unter anderem auch dazu da, sich in fremden Ländern einzukaufen, z.B. Landgrabbing zu finanzieren."
"Auch hier zeigt sich Deutschland als ganz besonders dynamisch, was das Anhäufen von überschüssigem, für Investitionen nicht benötigten Einkommen betrifft.
Diese Jahr für Jahr neu, und permanent vermehrt, gebildeten Einkommen sind die zentrale Grundlage für das Wachstum und die Macht des Finanzkapitals." (33)
"Die Globalisierung der letzten Jahrzehnte hat bewirkt, dass die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums heute im globalen Zusammenhang geschieht. Als Konsequenz ist die Bildung einer transnationalen Kapitalklasse weit fortgeschritten, wir haben die Integration der nationalen Eliten in einem globalen Funktionszusammenhang (...). Wir haben aber fast nichts Vergleichbares bei den unteren Klassen. Hier Fortschritte zu erzielen, ist eine große und wichtige Aufgabe für die kommende Zeit." (34)