Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht
Herbert von Halm Verlag, Köln 2016
Wann immer unser Gehirn Worte und Ideen verarbeitet, aktiviert es dazu Wissen und Sinnzusammenhänge aus vorangegangen Erfahrungen mit der Welt. (21)
(...) indem unser Gehirn Worte und Ideen berechnet, simuliert es nicht nur Bewegungsabläufe, sondern auch andres abgespeichertes Wissen wie Gefühle, Tastsinn, Gerüche und Geschmäcke. (22)
Wenn man beispielsweise das Wort ziehen liest und zugleich eine Tür aufdrücken will, sieht sich das Gehirn mit einem Mal einem motorischen Entscheidungskonflikt gegenüber. (23)
Dieser motorische Konflikt lässt sich auch in Experimenten gut beobachten. (...)
Kognitive Simulation, als ein zentralerTeil der Embodied Cognition, ist also das gedankliche Nachahmen von Gehörtem oder Gelesenem aufgrund unserer Erfahrungen mit der Welt. Sund sie ist ein Eckpfeiler unserer Sprachkompetenz. (...)
Wir simulieren also, was wir hören oder lesen, um es zu verstehen. (24)
Das Gehirn speichert Dinge, die in seiner Erfahrungswelt simultan auftreten, als Teile eines Frames ab. (28)
(...) Phönomen der framebasierten Sprachverarbeitung (...) (29)
Frames geben einzelnen Worten Bedeutung, indem sie diese in einen Zusammenhang mit unserem Weltwissen stellen. Und dies kann so weit führen, dass wir meinen, die mit einem einzelnen Wort verbundenen Ideen nicht nur gedacht zu haben, sonder schwören könnten, sie auch gehört oder gelesen zu haben. (30)
Also, die Strukturen und Inhalte eines Frames, der durch ein Wort erweckt wird, und die weit über den Wortinhalt im engeren Sinn hinaus gehen - dieses über Sprache aktivierte kognitive Sonderzubehör hat einen immensen Einfluss auf unser Begreifen der Welt. (32)
Denn nicht die Ideen Schildkröte und Gepard an sich, sonder die mit den Tieren innerhalb eines Frames assoziierten Merkmale determinierten die Wahrnehmung der Teilnehmer.
(...) Die Teilnehmer assoziierten ein bestimmtes Tempo mit dem jeweiligen Tier. Und diese Geschwindigkeit übertrugen sie dann auf den Mann!
Frames führen also dazu, dass sich einzelne Worte über das aufgerufene singuläre Konzept hinaus auf unsere Wahrnehmung der Welt auswirken! (...)
In einer faszinierenden Studie lasen Teilnehmer zunächst eine Liste von Worten, die entweder Taktgefühl oder Schroffheit implizierten. Danach legte man ihnen Bilder fremder Personen vor und bat darum, deren Sozialverhalten einzuschätzen. Jene Probanden, die Begriffe gelesen hatte, die Freundlichkeit implizierten, schätzten die Personen als ausgesprochen nett und umgänglich ein. Jene aber, die Worte gelesen hatten, welche Unfreundlichkeit implizierten, schätzten dieselben Personen als rüde und unfreundlich ein (Srull/Wyer 1979). Die abgebildeten Personen waren aber in beiden Fällen dieselben. (33/34))
Wenn Frames erst einmal in unseren Köpfen aktiviert sind, dann bestimmen sie, mit welcher Leichtigkeit Informationen von uns aufgenommen werden. (...)
Ist ein bestimmter Deutungsrahmen über Sprache aufgerufen, und werden wir dann mit einer Information konfrontiert, die nicht in diesen Frame passt, so reagiert unser Gehirn zunächst wie ein bockiges Pferd: Es weigert sich, die abweichende Information als Teil der Realität aufzunehmen! (34)
[Studie] Die Teilnehmer lasen Sätze, die wahlweise schlechte oder gute Sicht implizierten. Während eine Gruppe las: Der Skifahrer sah den Elch nur schwer durch die beschlagene Brille, las die andere: Der Skifahrer sah den Elch gut durch die saubere Brille. Danach zeigte man den Teilnehmern Bilder eines Elches. Dieser war entweder stark verschwommen oder klar erkennbar abgebildet. (...)
Die Teilnehmer, die zuvor von einem mit beschlagener Brille nur schwer erkennbaren Elch gelesen hatten erkannten das schlecht sichtbare Tier signifikant schneller als das andere. Bei jenen hingegen, die von einem mit sauberere Brille klar sichtbaren Elch gelesen hatten, war es genau anders herum (YAXLEY/ZWAAN 2007). Was war geschehen?
Das Lesen des Textes bedingte, dass Probanden entweder gute oder schlechte Sicht simulierten. (...)
Gab es einen Widerspruch zwischen Fakt und zuvor aufgerufenem Frame, kam das Begreifen der Information sofort ins Stocken - und zwar unabhängig davon, welche Information objektiv gesprochen leichter zugänglich war. Verwunderlich, denn - objektiv gesprochen ist doch ein klar erkennbarer Elch für jeden deutlich erkennbar.... Nicht wahr?
Also, Frames bestimmen, mit welcher Leichtigkeit wir Fakten und Informationen begreifen, unabhängig davon, wie objektiv gut oder schlecht begreifbar diese Fakten vermeintlich sind. (36)
Wenn das Konzept von Langsamkeit über Sprache in unseren Köpfen aktiviert ist, dann bewegen wir als Resultat auch unsere eigenen Körper langsamer! (37)
Unser Gehirn erlernt Frames, indem es die Erfahrung macht, das bestimmte Phänomene entweder in der natürlichen Welt miteinander korrelieren oder durch Kultur oder Sprache wiederholt miteinander in einen Zusammenhang gebracht werden. (38)
Jene, die an die Zukunft dachten, lehnten sich nach vorn. Jene aber, die an die Vergangenheit dachten, lehnten sich zurück (MILES/NIND/MAGRAE 2010). (39)
Frames nehmen einen erheblichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung, und sie können sich stark darauf auswirken, mit welcher Leichtigkeit wir Fakten und Informationen wahrnehmen. (41)
Und da wir nicht außerhalb von Frames über Politik sprechen und denken können, wird zu einzig wesentlichen Frage, welche Frames wir in Diskursen nutzen und ob dies unserer jeweiligen Weltsicht entsprechen. (42)
Nur geschätzte 2 Prozent unseres Denkens sind bewusste Vorgänge.
Und da der alltäglich politische Sprachgebrauch unser Gehirn lehrt, wie es über politische Fakten und Themen zu denken hat, kann langfristig kognitive Pluralität nur über sprachliche Pluralität bestehen. (43)
Durch den Begriff Euro-Rettunsschirm werden also die Ursachen für die finanziellen Nöte derjenigen Länder, die Hilfe in Anspruch nehmen, in die Umwelt verlagert. (44)
Nicht Fakten, sonder Frames sind die Grundlage unserer alltäglichen sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungen. (45)
Kurzum, bei gleicher Faktenlage -seien es Arbeitslosenzahlen, Fakten zur Umweltverschmutzung oder auch Fakten zu Löhnen und Steuern - machen Frames die Musik. Und nicht etwa die Fakten. Diese Tatsache macht Fakten in der Politik nicht obsolet, im Gegenteil. Aber Fakten ohne Frames sind bedeutungslos. (47)
Der Großteil unsere Denkens kann nicht nur nicht von uns beeinflusst werden, sondern wird darüber hinaus noch nicht einmal von uns wahrgenommen. (48)
Und so ist auch politisches Denken und Entscheiden - wie könnte es anders sein - vorwiegend unbewusst. (49)
Der erste Text nutzte einen Virus-Frame, der zweite einen Raubtier-Frame. (...)
Jene, denen Kriminalität als Virus begreifbar gemacht worden war, setzten sich etwas besser für Bildung und Abbau von Armut ein. (...)
Jene hingegen, denen Kriminalität als Raubtier begreifbar gemacht worden war, gaben an, mit mehr Polizeikraft gegen Kriminelle vorzugehen (...). Sie wollten die Gesellschaft schüzten, indem man die Raubtiere wegsperrt. (...)
Ob sie sich für bessere Sozialpolitik oder härtere Strafen aussprachen, hinge von den unterschiedlichen Frames ab, die erweckt worden waren (...). (49-50)
Wer in Diskursen dagegen ist oder sich verteidigt, hat allerdings in aller Regel schon verloren! Zum einen versäumt er, die eigenen Weltsicht zu propagieren. Zum anderen propagiert er die Weltsicht des Gegners. Denn wann immer man eine Idee verneint, aktiviert man sie in den Köpfen seiner Zuhörer oder Leser. Einen Frame zu negieren bedeutet immer, ihn zu aktivieren. (52)
Eines vermag unser Gehirn nämlich nicht: Ideen nicht zu denken! (55)
Will man sich gegen abwertende oder diffamierende Angriffe eines Gegners verteidigen, darf man eben nicht dessen Frames aufgreifen, sonst propagiert man in den Köpfen der Zuhörer genau das Bild, das diese Frames zeichnen. (56)
Frames zu negieren bedeutet aber nicht nur, sie zu aktivieren. Es bedeutet zugleich, sie neuronal zu stärken. (57)
Nur dann, wenn uns unterschiedliche Frames zur Verfügung stehen, können wir über einen bestimmten Sachverhalt umfassend denken, ihn von allen Seiten beleuchten. (...)
Ideen, über die nicht geredet wird, haben also keine Überlebenschance in der Demokratie. (60)
Zum Beispiel haben wir gesehen, wie Steuern als physische Last begreifbar gemacht werden. Kriminalität als Viruskrankheit. Die finanzielle Absicherung von EU-Ländern als Schirm.
Dieses Phänomen heißt in den Kognitionswissenschaften Metaphoric Mapping, was sich lose als metaphorisches Übertragen übersetzen lässt. Abstrakte Ideen werden von uns über Metaphern an körperliche Erfahrungen angebunden und damit denkbar gemacht. (68)
Die Metaphern, von denen ich hier rede, haben mit diesem konventionellen Metaphern-Verständnis nicht direkt zu tun. Hier geht es um konzeptionelle Metaphern im Sinne der Kongnitionswissenschaft. (69)
Politische Ideen sind immer abstrakt. Ja, immer. DIe Vorstellung, sie ohne Metaphern denken und kommunizieren zu wollen, ist im besten Falle blauäugig und im schlechtesten Falle demokratiegefährdend. (...)
Metaphern, die wir nutzen, verbannen immer einige Aspekte in den Keller, während sie anderen eine kognitive Bühne bereiten. (72)
Kein anderer kognitiver oder sprachlicher Mechanismus kann für abstrakte Ideen das leisten, was Metaphern leisten - nämlich, ihnen diejenige neuronale Sinnhaftigkeit zu verleihen, die ihnen von Natur aus nicht vergönnt ist. (73)
Wer also ehrlich kommunizieren will, muss sich derjenigen Metaphern, die er nutzt, möglichst bewusst sein und sie immer wieder daraufhin prüfen, ob sie seine Weltsicht und seine Meinungen wiedergeben. (74)
Also, konzeptuelle Metaphern sind in unserer Sprache allgegenwärtig, weil sie ein natürlicher Teil unseres kognitiven Systems sind. Metaphorisch Mappings stellen in unserem Gehring den Draht zwischen abstrakten Ideen und alltäglich erfahrbarer - und damit über Simulation nach-vollziehbarer - kognitiv-neuronaler Semantik her. (...)
Die entscheidende Frage für politische Transparenz und authentische Diskurse ist also nie, ob Metapher. Die entscheidende Frage ist: welche Metapher? (80)
Teil II: Ausgewählte Frames unserer politischen Debatte
===============================================
Der Frame von Steuern als bedrohliche Einschränkung der individuellen Freiheit (...).
Geringe Steuern zu zahlen wird in diesem Frame folgerichtig als positiv bewertet. Und jene, die den Bürger von von seinen Steuerbürden befreien wollen - durch Steuererleichterungen und Steuerbefreiung -, tun ihm per se Gutes.
Der Frame von Steuern als Last blendet dabei völlig aus, das es unserer Steuerbeiträge sind, mit deren Hilfe wir es uns selbst überhaupt erst ermöglichen, relativ frei und unbelastet in diesem Land zu leben. (84-85)
Nun, wenn es eine Bedrohung der Freiheit, gar eine Jagd gibt, dann ist es folgerichtig, zu flüchten. Und tatsächlich bezeichnet man es als Steuerflucht, wenn jemand der Gemeinschaft seinen anfallenden Steuerbeitrag entzieht, indem er ins Ausland geht. (93)
Und so sprechen wir denn auch in unseren Steuerdebatten von Steuerparadiesen. Der aktivierte Frame könnte keine eindeutigere moralische Interpretation liefern: Geringe Steuern zu zahlen, das ist das Paradies. (95)
Der Beitrag, den wir alle - und eben auch Vermögende - durch unsere Steuern an die Gemeinschaft leisten, wird aber im Frame von Steuern als Bestrafung nicht anerkannt. (99)
(...) Frames vom Staat als Dienstleistungsunternehmen (...)
Dieser Frame zieht eine Reihe moralischer Schlussfolgerungen nach sich: Staat und Bürger sind getrennte Entitäten. Sie verbindet eine geschäftliche Beziehung - der Austausch von Dienstleistungen oder Waren gegen Geld. (102)
Der Frame vom Dienstleitungsunternehmen blendet unsere gemeinsame Verantwortung für den Staat und die Verantwortung des Staates für seine Bürger, die Verpflichtung zu Fürsorge, Schutz und Ermächtigung in einem Gemeinwesen, völlig aus. (...)
Denn sobald wir den Staat als Unternehmen und Dienstleister begreifen, ist es auch ganz natürlich, seine Leistungen und Preise mit jenen anderen Unternehmen zu vergleichen - und den Auftrag dann an die Service-Anbieter zu vergeben, die den besten Deal bieten. (103)
Denn die Semantik des durch zahlen erweckten Frames impliziert keine kollektive Unternehmung, sondern schlichtweg eine Transaktion zwischen Käufer und Verkäufer. (...)
Über den Frame des Steuerzahlens werden die Einbindung des Bürgers in die Gemeinschaft und der kollektive Handlungszweck - nämlich das gemeinsame Schaffen staatlicher Strukturen ausgeblendet.
[Frame Umverteilung] Das Wort aktiviert nämlich den Frame des Verteilens, und nicht den des Teilens. Die beiden mögen auf den ersten Blick relativ austauschbar erscheinen. Sind sie aber nicht! Denn der Frame vom Verteilen profiliert eine Instanz, die Objekte an Dritte verteilt. (...) Der Frame vom Teilen hingegen profiliert eine Gruppe, die untereinander teilt. (108)
Und ob jemand ein starkes oder wertvolles Mitglied unserer Gemeinschaft ist, wird in unseren Debatten nicht am sozialen Verhalten - also an der Fähigkeit zu Gemeinschaft und Kooperation - gemessen, sonder an Einkommen und Status: Wer viel Geld verdient, ist sozial stark. Wer wenig Geld verdient, ist sozial schwach. (110)
[Frame Wettlauf] Der Frame blendet aus, dass menschliche Stärke, Willenskraft, Leistungsfreude und Disziplin in unserer Gesellschaft keinesfalls automatisch zu Geld und Prestige führen. Und er blendet die systematischen Ursachen solcher Erfolge oder NIcht-Erfolge aus, denn er suggeriert, dass man ganz alleine für seinen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich ist. Das stimmt so natürlich nicht, den Erfolg und Misserfolg sind immer auch systemisch bedingt. (113)
Der Leistungsträger-Frame blendet - ähnlich wie der vom Wettlauf - aus, dass Menschen durchaus viel leisten und zugleich wenig Geld verdienen können. (...)
Der Leistungsträger-Frame nutzt also ebenso wie der Wettlauf-Frame, körperliche Fitness als Metapher für Stärke und Disziplin, die vermeintlich unabwendbar zu Reichtum, Einfluss uns wirtschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten führen. (116)
[Soziale Hängematte] Die Vorstellung, dass sich der Mensch von Natur aus ohne eine Tätigkeit am wohlsten fühlt und - wann immer er kann - am liebsten faulenzt, ist unzutreffend. (124)
[Tropf-Frame] Indem der Tropf-Frame metaphorisch auf Sozialleistungen übertragen wird, entstehen folgende semantische Zuweisungen: Ein Leistungsbezieher ist krank. Er wird auch nicht von allein gesund, sondern nur durch Hilfe von außen, den Tropf. (127)
- Arbeit (130 ff)
Tatsächlich ist es so, dass wir mit dem Begriff Arbeit nie alle Aspekte von Arbeit zugleich meinen. (...) All dies wird abstrahierend unter der Idee Arbeit subsumiert. Damit ist das Konzept Arbeit so weit gespannt, dass wir es in einem gegebenen Kommunikationsmoment nicht umfassen denken oder meinen können.
Wir nutzen den Begriff immer stellvertretend, um einen bestimmten Aspekt von Arbeit zu benennen. Dieser kognitive Mechanismus heißt Metonymie (...): Ein Teilstück eines Frames wird stellvertretend für größere Unterteile oder auch den gesamten Frame gedacht und gesprochen. (131)
In unserer Debatte über das Entgelten von Arbeitsleistungen dominiert das Konzept des Verdienens: Es gibt Spitzenverdiener, Topverdiener, Vielverdiener, Besserverdiener und Gutverdiener.
Und im Gegensatz dazu: Geringverdiener und Schlechtverdiener. (135)
Die Begriffe Lohnuntergrenze und Mindestlohn sind ein schönes Paar, um dieses Phänomen zu veranschaulichen. Die nutzen die Ideen der Untergrenze und des Mindesten. Die Frames, die aktiviert werden, implizieren unterschiedliche Viewpoints. Lohnuntergrenze simuliert die Perspektive desjenigen, der Lohn zahlt. Mindestlohn simuliert die Perspektive desjenigen, der Lohn erhält. (...)
Und auch Begriffe wie Humanressourcen und Humankapital vergegenständlichen die Menschen, indem sie diese zu metaphorischen Ressourcen und zu metaphorischem Kapital machen. Nun, Ressourcen werden etwa abgebaut oder voll ausgeschöpft. Und Kapital wird zum Beispiel angelegt oder investiert. (137)
Indem wir in unseren öffentlichen Debatten den radikal-islamischtischen Terrorismus immer und immer wieder in einen sprachlichen Zusammenhang mit dem Wort Islam stellen, entsteht in unseren Köpfen über Hebbian Learning ein neuer Frame. (162)
[Salient Exemplar Effect] Durch die wiederholte kognitive Aufnahme zentraler oder auch emotional beeindruckender Geschichten oder Bilder nehmen wir die jeweils dargestellte Realität nicht als vereinzeltes Ereignis wahr, sondern halten es für typisch - wir geben ihm eine zentrale Bedeutung und halten es für typisch - wir geben ihm eine zentrale Bedeutung und halte es für viel häufiger vorkommend, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Salient Exemplares fungieren gleichsam als Soundverstärker im Gehirn. (165)
- Klima, Umwelt
Für diejenigen, die tatsächlich nur eine Veränderung erwarten, ohne damit im Sinne der Auswirkungen auf die Erde von einer Verschlechterung auszugehen, ist Klima-wandel - völlig neutral - der richtige Begriff. Für alle anderen ist er fatal. (181)
So findet sich die Idee des Schutzes denn auch in allen Debatten zur Veränderung des Klimas - allerdings geht es sprachlich nie um Menschenschutz oder Erdschutz. Stattdessen wird der Anstiege der Temperaturen als ein Problem des Klimaschutzes dargestellt (...) (182)
Der Frame vom Schutz besetzt immer folgende Rollen: Es gibt 1. eine Gefahr oder Bedrohung, 2. jemanden, der Schaden nehmen kann, und 3. jemanden, der schützend eingreift. Kern des Frames ist eine simple moralische Erzählung: Ein Bösewicht oder eine Gefahr bedroht ein potentielles Opfer, ein Held greift rettend und bietet Schutz. Diese Erzählung strukturiert eine ganze Reihe unserer gängigen politischen Begriffe, ohne dass allerdings benannt wird - und das ist spannend -, von wem jeweils die Gefahr ausgeht. (...)
Innerhalb der durch diesen Frame erweckten Rollenverteilung ist auffällig, dass hier die Rolle des Bösewichts oder Gefahr unbesetzt bleibt.
Darüber hinaus aber ist es eine grandiose Fehlbesetzung: Das Klima ist nicht das zu schützende potentielle oder tatsächliche Opfer (dem Klima dürfte es relativ egal sein, was mit ihm passiert), sondern die Gefahr. (183)
Es lässt aufhorchen, dass sowohl im Frame vom Klimawandel als auch im Frame vom Klimaschutz der Mensch als eigentlicher Schadensverursacher ausgeblendet wird. Er tritt, wenn überhaupt, als Retter auf! (184)
Anders als der Schmutz-Frame vermittelt der Begriff Umweltverseuchung echte Dringlichkeit. (187)
- Erneuerbare Energien
Der Begriff der Erneuerbaren ist allerdings irreführend, wer wird den Eigenschaften dieser Kräfte nicht gerecht. Sind sie einmal über die richtigen Technik und Infrastruktur nutzbar gemacht, so liefern sie fortlaufend Energie. Sie sind ewig vorhanden und unerschöpflich. Keiner dieser Kraftquellen muss in besonderer Weise von Menschenhand erneuert werden. (...)
Das Wort erneuerbar macht die Nutzung unerschöpflicher Energiequellen in unseren Köpfen anstrengend. Und es impliziert zugleich, das Wasser, Sonne, Erdwärme und Wind verschleißen, indem wir ihre Energie nutzen. Denn was erneuert werden muss, ist vorher abgenutzt worden. (...)
Regenerativ beinhaltet den Prozess des Erneuerns, profiliert dabei aber die Idee eines vorangegangenen Schadens (...).
Wenn wir nun von Luft, Wasser und Boden als regenerative Energien sprechen, so wird vermittelt, dass wird diesen Kraftquellen schaden, indem wir sie nutzen - sonst wäre keine Regeneration erforderlich. De facto geht es ums Gegenteil: Wir schützen Luft, Wasser und Boden, indem wir sie zur Energiegewinnung nutzen. (189-190)